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Metaphernpark



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Wer du auch bist (#74)

Geschrieben von Sierra , 29 June 2022 · 288 Aufrufe
Judith Merill, Buchbeginn und 2 weitere...

„In einer Zeit, als die Frauen noch als wesenlose Puppen angesehen wurden, die aus den Klauen glotzäugiger Monstren zu retten waren, stellte sich Judith Merill bereits die Frage, wie eine Frau der Zukunft, eine Frau im Weltraum, wirklich aussehen könnte.“ (Virginia Kidd über Judith Merill)

 

[Virginia Kidd: Vorwort: In: Judith Merill: Töchter der Erde. Übers. von Michael Windgassen. Wien: Ullstein, 1983. S. 5-11, S. 7. Coverbild und weitere Informationen: klick!]

 

Wer du auch bist (#74)

 

Mit diesen Worten lobt Virginia Kidd die SF-Autorin Judith Merill (1923 - 1997) im Vorwort des Story-Bands "Töchter der Erde" und motiviert mich so zusätzlich, Merills Kurzgeschichten aus dem Regal zu kramen. Von den ersten drei Geschichten, die ich bisher gelesen habe, gefällt mir besonders die Erstkontakt-Story "Wer du auch bist" ("Whoever You Are", 1952). Es geht darin um eine spannende Begegnung der Menschheit mit hypnotisch begabten Aliens, die – das ist in den Augen der irdischen Militärs schon sehr verdächtig – friedliebend sind und sich um die Freundschaft der Menschen bemühen. Merill gelingt hier mitunter eine feine psychologische Kritik am menschlichen Freund-Feind-Schema als Grundeinstellung gegenüber jedweden Wesen, die anders sind. (bf)




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Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension, #63)

Geschrieben von Sierra , 15 July 2021 · 1043 Aufrufe

Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension, #63) Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst (Rezension)

Einmal auf eine Party gehen, zu der nur Erwachsene Zutritt haben? Diesen Wunsch würden wohl viele Kinder mit Matz und Hühnchen teilen, den beiden Protagonisten in Sabine Städings Kinderroman Achtung Übernachtung. Die Art und Weise, wie es den beiden Protagonisten gelingt, eine solche Feier verbotenerweise zu besuchen, dürfte gerade jüngere Leser*innen interessieren, für die die Welt der Erwachsenen noch ein Faszinosum darstellt. Und auch Kostüme und Verkleidungen sind Elemente, die die Fantasie von Kindern anregen, erlauben sie es den Protagonisten doch, auf heimliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen. Wie die Jungen einen Plan aushecken, um sich auf die Party einzuschleichen, und es auch tatsächlich dorthin schaffen, führt auf der Handlungsebene zu vielen spannenden Situationen. Viel Teamgeist und ein ausgeklügeltes Gespensterkostüm - dank Sehschlitzen können sie beim Laufen sogar Hindernissen ausweichen - kommen den Jungen dabei zugute. Spannend ist auch das Handlungsende: Matz und Hühnchen beobachten einen als Känguru verkleideten Dieb und vermögen ihn sogar zu überführen. Dieser überraschende Handlungsausgang ist eine Kriminalgeschichte im Kleinen und wird viele junge Leser gut unterhalten.

Die Handlung ist abwechslungsreich und originell - etwa mit Blick auf die Idee, dass sich die beiden Jungen ihr Kostüm von einem anderen Jungen nähen lassen, der Modedesigner werden will. Dass der Leser bis zum Schluss weiterlesen will, hat aber auch viel mit den sympathischen Hauptfiguren zu tun, die die jungen Leser*innen im Hinblick auf deren Lebenswelten ansprechen: Viele Kinder können sicher Hühnchens Enttäuschung darüber gut nachempfinden, dass ihn seine Eltern nicht auf die Feier mitnehmen wollen. Ähnliche Auseinandersetzungen um eigene Freiheiten sind ihnen auch aus dem eigenen familiären Alltag bekannt. Dementsprechend handeln Matz und Hühnchen vertraut, was gerade jungen Lesern die Identifikation mit dem Freunde-Duo und den Nachvollzug ihrer Entscheidungen erleichtert.


Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Städings Kinderroman ist nicht nur durchweg spannend und witzig, sondern spart sich - typisch Abenteuerroman - die größte Überraschung für den Handlungsausgang auf. Dass Hühnchen und Matz zu †šGespensterdetektiven†˜ werden und einen Dieb überführen müssen, verleiht der Kostümparty eine neue Dimension und schafft weitere Leseanreize. Hervorzuheben sind schließlich das ansprechende Coverbild - Matz und Hühnchen öffnen einen Vorhang in der Form einer riesigen Gespenstermaske und verschaffen sich Zugang zur Party - und die gelungenen Innenillustrationen. Dank des witzigen Zeichenstils von Anna-Lena Kühler werden so auch ungeübte Leser*innen †šmitgenommen†˜ und zum Weiterlesen motiviert. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliographische Angaben:
Sabine Städing: Achtung Übernachtung! Das Geheimnis um das blaue Gespenst. Stuttgart: Thienemann-Esslinger. 2020. 114 S. 11,00 EUR.

Diese Rezension ist erstmals erschienen auf den Seiten von boys & books: klick!



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Hörtipp: Eine Vorstellung des Fantasy- und SF-Autors J. A. Sullivan im Dlf (#62)

Geschrieben von Sierra , in Phantastik, Fantasy, Science Fiction 26 April 2021 · 1288 Aufrufe
Progressive Phantastik und 2 weitere...
Sehr spannend finde ich das aktuelle Autorenporträt des Fantasy- und Science-Fiction-Autors James A. Sullivan im Deutschlandfunk, das am 23.4.21 gesendet wurde und das weiterhin als Podcast nachgehört werden kann. In erfreulicher Ausführlichkeit wird u.a. Sullivans Engagement für eine 'progressive Phantastik' thematisiert, die gesellschaftliche Diversität sowohl auf der Ebene der literarischen Repräsentation als auch als Tatsache in der außerliterarischen Wirklichkeit ernst nimmt (z.B. mit Blick auf eine als divers mitzudenkende Leser*innenschaft).

Serie „Innenansichten mit“ dem Fantasy-Schriftsteller James A. Sullivan
Mit Elfen und Magiern durchs Braunkohlerevier - von Benedikt Schulz
Hier geht es zum Podcast: klick!


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Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur 05 April 2021 · 1526 Aufrufe
Ursule K. Le Guin, Genre, Fantasy und 4 weitere...
Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61) Klare Kante: Ursula Le Guin über Genre-Dünkel (#61)

Gestern bin ich im Internet auf eine sehr pointierte Aussage von Ursula K. Le Guin gestoßen:

„All judgment of literature by genre is tripe. All judgment of a category of literature as inherently superior or inferior is tripe. [†¦] There are many bad books. There are no bad genres.“

Ich mag die 'klare Kante', die Le Guin hier gegenüber der pauschalen Abwertung von Genreliteratur zeigt. Nun ist diese Aussage aber auch schon über 15 Jahre alt und es stellt sich die Frage, ob sich die Situation - in Deutschland - verändert hat. Meiner Ansicht nach haben solche Genre-Dünkel gegenüber Science Fiction und anderer phantastischer Literatur zumindest im schulischen bzw. literaturpädagogischen Kontext abgenommen. Wenn es um spannende Lesetexte für Kinder und Jugendliche geht, sind heutige Lehrer*innen, Erzieher*innen oder Eltern viel eher bereit, Heranwachsenden SF- oder Fantasy-Romane oder -Comics zu empfehlen bzw. zu kaufen.
Wie verhält es sich aber mit dem Umgang mit Genreliteratur in anderen öffentlichen Bereichen (Medien, Verlage, Universität...) ? Dies ist sicher nicht einfach zu überblicken und noch schwieriger zu beurteilen. Zumindest das Feuilleton scheint aber die Science Fiction heutzutage zu akzeptieren und größtenteils ohne Trivialisierung oder mitschwingende Exotismus-Vorurteile auszukommen. - Oder bin ich mit dieser Annahme zu optimistisch? (bf)


Quellen und Nachweise
Zitatquelle: Ursula K. Le Guin: Genre: A Word Only the French Could Love. In: The James Tiptree Award Anthology 1. Tachyon Publications, 2005, S. 68.
Bildquelle für Entry Image: Oct21 Ursuala le Guin from en:wiki screeens. Victuallers. November 17, 2019. Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0.


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"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 03 April 2021 · 1536 Aufrufe
Schädelfeld, Rezension und 3 weitere...
"Und die Toten sitzen uns im Nacken" (Rezension, #60) "Und die Toten sitzen uns im Nacken"
Dariusz Muszer: Schädelfeld (Rezension, #60)

„Ylet314 war im unendlichen Multiversum auch unter vielen anderen Namen bekannt. Der unbeliebteste von allen war Erde. Oft benutzte man ihn als [†¦] Schimpfwort.“ So heißt es zu Beginn in Dariusz Muszers Dystopie „Schädelfeld“. Ihren schlechten Ruf im Weltall haben sich die ehemaligen Bewohner der Erde selbst zuzuschreiben, da sie mit der Zerstörung ihres eigenen Planeten das gesamte Sonnensystem in Gefahr gebracht haben. Zum Glück vermochten die „Wächter des Multiversums“ eine Parallelerde zu erschaffen, sodass die Architektur des Sonnensystem intakt blieb. Die Genesis der Zweiten Erde ähnelt dabei einem industriellen Herstellungsprozess, bei dem dem Menschen die wichtigsten Eigenschaften „verliehen“ werden, „um sich artspezifisch entfalten zu können: die Gier und die Liebe.“

Bei einem Kontrollbesuch nach langer Zeit erfahren die Wächter, dass die Menschen nichts aus ihren Fehlern gelernt haben. Nach einem globalen Krieg kämpft jeder gegen jeden, und mit den Hungersnöten ist der Kannibalismus zurückgekehrt. Die wenigen menschlichen Überlebenden, Aschhäute genannt, werden von der „Metzger“-Bande im wahrsten Sinne des Wortes wie die Lämmer zur Schlachtbank getrieben. Nachdem der Staat kollabiert ist, versucht zudem die militärische Verbrecher-Organisation der Askari das Machtvakuum zu füllen. Das fällt ihnen jedoch nicht leicht, da sie sich wiederum mit den Lunakis, Cyborg-ähnlichen Außerirdischen vom Mond, im Krieg befinden.

Dass in der Apokalypse jedwede Tätigkeit apokalyptisch ist, beweist das Tagwerk der Protagonisten Muszers. Kalong und sein Adoptivsohn Justus sind Buddler auf dem Schädelfeld, einer früheren Stätte des Massenmordes. So als wäre ein neuer Goldrausch ausgebrochen, graben sie nach Knochen, die Rohstoffe und womöglich High-Tech-Bauteile enthalten. Da die Askari eine „Knochensteuer“ auf die Funde erheben, macht die Buddelei jedoch zur puren Selbstausbeutung. Kalong wohnt mit seinem Sohn Justus, seiner Frau Liv und ihrer Tochter auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt. In Rückblenden wird erzählt, wie Kalong, Justus und Liv zueinander gefunden haben. Die Leser*innen erfahren, dass die Metzger früher die ganze Stadt in Geiselhaft genommen haben: Um zu überleben, mussten die Menschen regelmäßig einen ihrer Mitbewohner als „Fleischtribut“ an die Metzger übergeben. Als dieses Schicksal eines Tages Liv und ihre Tochter ereilt, rettet Kalong sie in letzter Sekunde, obwohl er damals noch als Bombenbauer im Dienst der Metzger stand. In der Gegenwart der Handlung spitzt sich die Situation wieder zu, als Kalong einen Askari-Deserteur versteckt und so den sadistischen Hauptmann Triglahn gegen sich auf bringt.

Fazit: Muszers Dystopie übt einen starken Sog auf den Leser aus, dem man sich trotz der komplexen und skurrilen Handlung - mitunter fühlt man sich an Edgar Hilsenraths Groteske „Der Nazi und der Friseur“ erinnert - nicht entziehen kann. Nachdenklich macht auch ein im Roman deutlich werdendes soziales Bewusstsein, das wiederholt auf den Holocaust verweist: „Der allgegenwärtige Tod treibt die Menschen in den Wahnsinn. Wir wühlen in den Gräbern, und die Toten sitzen uns im Nacken.“ Und doch ist Muszers Werk kein endgültiger Abgesang auf den Menschen, weil in seinem Gewissen und in seiner Vernunft für immer Keime der Hoffnung auf eine bessere Welt angelegt bleiben. (bf)

Gesamteindruck: ++++ (4 / 5)

Bibliografische Angaben: Dariusz Muszer: Schädelfeld. München: A1 Verlag: 2015. 373 S. 22,00 EUR.
Bildquelle: klick!
(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Sascha Mamczak und Hannes Riffel (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2016, Berlin: Golkonda 2016.)



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Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58)

Geschrieben von Sierra , 07 March 2021 · 1771 Aufrufe
Science Fiction, Stanislaw Lem und 1 weitere...
Unter 'Augenblicks-Sonnen' - eine kurze Notiz zu Lems SF-Roman "Transfer / Powrót z gwiazd" (#58) Normalerweise geht es in Erst-Kontakt-Szenarien eher um Begegnungen von Astronaut*innen mit Außerirdischen im Weltall oder auf anderen Planeten. Und das geht ja dann bekanntlich mal besser oder schlechter aus.
Ungewöhnlich ist Stanislaw Lems Roman "Transfer" (poln. "Powrót z gwiazd", 1961), weil er eine Situation beschreibt, in der sich die Menschen selbst so fremd geworden sind, dass ihre Wiederbegegnung ebenfalls einem Erstkontakt ähnelt. Als Hal Bregg, Lems Protagonist, von einer zehnjährigen Weltraumexpedition auf die Erde zurückkehrt, sind hier aufgrund des Einsteinschen Zeitparadoxons bereits 127 Jahre vergangen. Die Menschen nehmen Bregg als unheimlichen Außerirdischen wahr, der 'anders' ist. Gleichermaßen wirkt die Erde auf ihn (und die Leser*innen) wie ein fremdartiger Planet.
Besonders spannend finde ich den Handlungsbeginn, als sich Bregg durch ein überdimensioniertes und ziemlich phantastisch anmutendes Bahnhofsareal hindurchkämpfen muss, um zu seinem 'Sozialhelfer' zu gelangen, der seine Wiedereingliederung auf der Erde begleiten soll. Ein Zitat:

...Beinahe war ich schon überzeugt, daß ich auf diese Art nie zu einem Ausgang gelangen würde. Wenn ich die ungefähre Fahrtdauer nach oben berechnete, mußte ich mich noch in dem freischwebenden Bahnhofsteil befinden: ich behielt auf alle Fälle weiter dieselbe Richtung.
Plötzlich war Leere um mich. Himbeerfarbene Platten mit funkelnden Sternchen, Reihen von Türen. Die nächste war nur angelehnt. Ich sah hinein: irgendein großer breitschultriger Mann tat im selben Moment dasselbe, bloß von der entgegengesetzten Seite aus, ich war es selbst †” im Spiegel. Ich öffnete die Tür etwas weiter: Porzellan, silbrige Rohre, Nickel †” Toiletten.
Fast hätte ich gelacht, aber im Grunde war ich eher benommen.
Ich drehte mich schnell um: ein anderer Gang, milchweiße vertikal fließende Streifen. Die Lehne der Rolltreppe war weich und warm, ich zählte die abwärts gleitenden Stockwerke nicht. Immer mehr Menschen fuhren mit mir aufwärts. Sie hielten bei emaillierten Kästen an, die bei jedem Schritt aus der Wand wuchsen: ein Druck mit dem Finger, irgend etwas fiel in die Hand, sie steckten es in die Taschen und gingen weiter. Ich weiß selbst nicht, warum ich genau dasselbe tat wie der Mann im weiten lila Anzug vor mir: eine Taste mit einer kleinen Vertiefung für die Fingerkuppe, ein Druck, und direkt in die vorgehaltene Hand fiel mir ein farbiges, halb durchsichtiges Röhrchen, das angewärmt schien. Ich schüttelte es, brachte es mir vor die Augen †” irgendwelche Pillen? Nein. Ein Korken? Es hatte keinen Korken, überhaupt keinen Verschluß. Wozu diente es? Was machten die anderen damit? Sie steckten es in ihre Taschen. Die Aufschrift auf dem Automaten: LARGAN. Ich stand, wurde geschubst. Urplötzlich kam ich mir vor wie ein Affe, dem man eine Füllfeder oder ein Feuerzeug gibt; für eine Zehntelsekunde überkam mich blinde Wut, ich biß die Zähne zusammen. Blinzelnd und leicht gebeugt schloß ich mich dem Strom der Gehenden an. Der Gang erweiterte sich, war jetzt schon ein Saal. Feurige Lettern: REAL AMMO REAL AMMO.
Zwischen den Weitereilenden, über ihren Köpfen, erblickte ich ganz fern ein Fenster. Das erste Fenster. Panoramisch, riesig.
Wie ein flachgelegtes Nachtfirmament. Bis zum Horizont von einem glühenden Nebel erfüllt †” farbige Galaxien, dichtgedrängte spiralige Lichter, Feuerscheine zitternd über Wolkenkratzern, Straßen: eine wurmartige Bewegung der Leuchtperlen und darüber, senkrecht, das Wimmeln der Neone, Federbüsche und Blitze, Räder, Flugzeuge und Flaschen aus Feuer, rote Pusteblumen der Signallichter auf Türmen, Augenblicks-Sonnen und Blutstürze von Reklamen, mechanisch, gewaltig.
Ich stand und schaute, hörte hinter mir die rhythmische Bewegung Hunderter von Füßen. Plötzlich verschwand die Stadt, und ein riesiges, drei Meter großes Gesicht erschien.... (Stanislaw Lem: Transfer. München: dtv, 1995. S. 20 f.)

Warum erinnere ich hier an "Transfer"? Ich musste vor Kurzem an die Lektüre des Romans zurückdenken, als ich einige sehr gelungene Bilder von Joanna Karpowicz zu Lems Roman gesehen habe. Ihre Online-Galerie findet sich hier: https://roklema.pl/w...anny-karpowicz/ (bf)


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Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Science Fiction, Rezension 17 February 2021 · 1965 Aufrufe
Superhelden, Comic, Jousselin und 1 weitere...
Es kann nur einen geben! Zu Pascal Jousselins Comic "Unschlagbar. Bd. 1: Gerechtigkeit und frisches Gemüse" (Rezension, #55) Es kann nur einen geben!
(zu Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. Bd. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse)


„Gerechtigkeit und frisches Gemüse“ - Der Untertitel des ersten Bandes mit den Abenteuern von „Unschlagbar“ bringt den Charakter dieses ungewöhnlichen Superhelden sehr treffend zum Ausdruck. Denn Unschlagbar vereint die moralischen Maßstäbe eines echten Superhelden mit einer bürgerlichen Lebensweise. Ob bei einem kleinen Einkauf auf dem Markt oder beim Rasenmähen im Garten, überall kann es plötzlich notwendig sein, dass Unschlagbar die Menschheit rettet. Pascal Jousselin gelingt es in den unterhaltsamen Geschichten mühelos, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser den Comic vermutlich gar nicht aus der Hand legen will.

Dass ausgerechnet der kleine und etwas rundlich aussehende Unschlagbar als der „einzig wahre Superheld des Comics“ (S. 3) bezeichnet wird, klingt vielleicht angeberisch, ist jedoch alles andere als unberechtigt. Denn nur Unschlagbar verfügt über die - wie er selbst formuliert - †šunglaubliche Magie des Comics†˜ (S. 3), d.h. die Fähigkeit, sich von der normalen sequenziellen Abfolge der Panels abzunabeln. Anstatt einen Dieb etwa zu Fuß zu verfolgen, spart sich Unschlagbar die Puste und macht einfach einen kleinen Hopser in den darunter stehenden Panel und kann den Bösewicht so an einem Ort festnehmen, an dem er sich eigentlich noch gar befinden dürfte. Dass Unschlagbar also Raum und Zeit überwinden kann, sorgt auf der Handlungsebene für viel Spannung und Tempo.

Abwechslungsreich ist der Comic auch auf der Figurenebene und hinsichtlich der Themen und Motive. Gegenspieler wie zum Beispiel ein verrückter Wissenschaftler sind zwar für den Superhelden-Comic durchaus typisch, gleichzeitig variiert Jousselin aber das Figurenarsenal, wenn er in einigen Abenteuern Unschlagbar den tollpatschigen Schülerpraktikanten Fabian alias „Two-D“ an die Seite stellt, der jedwede Gegenstände zwischen den Panels bewegen, verkleinern oder vergrößern kann: Autos, die im Hintergrund eines Panels auf einem Parkplatz stehen, schrumpfen nach einer Berührung Two-Ds auf Spielzeuggröße. Da Two-D seine Kräfte nicht immer unter Kontrolle hat, ist regelmäßig die größtmögliche Verwirrung seiner Mitmenschen garantiert.

Abschließend lässt sich folgendes Fazit ziehen: Bei „Unschlagbar“ kommen nicht nur junge Leser etwa ab zehn Jahren auf ihre Kosten, denen spannende Superheldengeschichten mit einer klaren Gut-Böse-Aufteilung gefallen. Dass der Lesespaß lange erhalten bleibt und das Comic geradezu Suchtcharakter entwickelt, liegt auch an der cleveren Grundidee. Unschlagbars ungewöhnliche Bild-Zaubereien verblüffen auch ältere Leser sowie Erwachsene und schaffen starke Leseanreize, weitere Abenteuer zu lesen, um Unschlagbars Tricks doch noch auf die Spur zu kommen. (bf)


Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Pascal Jousselins Comic: Unschlagbar. 1. Gerechtigkeit und frisches Gemüse. Übers. von Marcel Le Comte.
Hamburg: Carlsen, 2018. 48 S. 12,00 EUR.

Bestellungen und Bildquelle: klick!
Erstveröffentlichung dieser Rezension im Rahmen der Empfehlungsliste des boys & books e.V. (09/2018 - 02/2019): klick!


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Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3 (Rezension, #53)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Science Fiction, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 30 September 2018 · 6608 Aufrufe
Comic, Rezension, Besprechung und 5 weitere...
Anmerkung: Zwischenzeitlich wurden auch die Bände 4 und 5 ins Deutsche übersetzt.


Jeff Lemire & Dustin Nguyen: Descender, Bd. 2 + 3

(Rezension, #53)

Die SF-Comic-Reihe Descender des US-amerikanischen Autors Jeff Lemire handelt von dem Androidenkind Tim-21, das mit seinesgleichen ums Überleben in einem Universum kämpft, in dem künstliche Wesen zum Abschuss freigegeben sind. Die Ursache liegt in der Vergangenheit: Eine gewaltige Angriffswelle bis dahin unbekannter Roboter-Raumschiffe - Harvester genannt - hat die Hauptwelten des Vereinten Galaktischen Rates (UGC) zerstört. In der Folge kam es zu einer planetenübergreifenden Vernichtung der eigenen Roboter, die als Sündenböcke für die wieder spurlos verschwundenen Harvester herhalten mussten.
Der erste Band der Descender-Serie schilderte die letzten Endes erfolgreiche Suche von Captain Tesla und des Kybernetikers Dr. Quon nach Tim-21, der über denselben Maschinencode wie die Harvester verfügen soll. Bevor Tim-21 über die Herkunft und etwaige Rückkehr der Harvester befragt werden kann, wird Telsas Gruppe von Roboter-Kopfgeldjägern (›Schrottern‹) angegriffen und auf den Planeten Gnish gebracht, dem Epizentrum der Roboterverfolgung.
Band 2 setzt diese Handlungslinie fort und beginnt mit einer Kommandoaktion des Roboters Psius, der mit seinem Roboter-Bund namens Hardwire Tim-21 und seine Gefährten befreit - und eine Brutalität an den Tag legt, die der der Gnishianer in nichts nachsteht. Psius bringt sie zum ›Maschinenmond‹, Hardwires Geheimbasis in einem Asteroidenfeld. Er hofft über das »Neuro-Netz« von Tim-21 die mächtigen Harvester zu kontaktieren, um den Spieß umzudrehen und Hardwire die Herrschaft über die Menschheit zu sichern. Schon bald wissen Tim-21 und seine Freunde nicht mehr, ob sie noch Psius†˜ Gäste sind oder schon seine Gefangenen.

In einer Parallelhandlung steht Andy im Mittelpunkt, ein Schrotter, der aus ganz eigenen Motiven Tim-21 sucht: In seiner Kindheit ist er mit dem Androidenjungen aufgewachsen - seine Mutter hat Tim-21 als »Gefährten-Bot« für Andy angeschafft - und betrachtet ihn darum als seinen Bruder. Um Tim-21 zu orten, nimmt Andy Kontakt zu seiner Ex-Frau auf, die ihm ihre Hilfe aber zunächst verweigert, weil sie sich von Andy und den Schrottern insgesamt losgesagt hat. Schließlich ist da auch noch Tim-22, Psius†˜ Sohn. Anders als der baugleiche Tim-21, der sich sehr positiv an Andy zurückerinnert, hasst Tim-22 menschliche Wesen und ist zudem auf Tim-21 eifersüchtig, weil dieser für den Roboter-Widerstand so wichtig sein soll. Sehr eindrücklich werden in einem Splash-Panel die unterschiedlichen Charaktere der beiden Androiden in Szene gesetzt, als sie ein VR-Spiel spielen. Während Tim-21 vor einem Drachen das Weite sucht, kauft sich sein misanthroper Doppelgänger eine titanisch anmutende Axt, mit er das Ungeheuer in Stücke haut.

Im dritten Descender-Band wird der Fortschritt der Handlung etwas verzögert, indem in Rückblicken die Vergangenheit ausgewähler Figuren beleuchtet wird. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte an Komplexität und wird noch unterhaltsamer. Und auch der Aspekt, wie mit den Robotern umzugehen ist, wird differenzierter behandelt, so dass zu fragen ist: Sollte man künstliche Wesen, die mit den Menschen aufgrund ihrer Intelligenz gleichwertig sind, nicht auch ›menschlich‹ - d.h. eben nicht als Sklaven und Ersatzteillager - behandeln?

Insgesamt ziehe ich folgendes Fazit: Der zweite und dritte Band der Descender-Serie bleiben empfehlenswert. Die Serie ist weiterhin spannend und inhaltlich anspruchsvoll, auch weil sie dem Erzählmotiv des künstlichen Wesens interessante Facetten abgewinnt.

Gesamteindruck für beide Bände: +++++ (5 / 5)


Bibliographische Angaben:

Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 2: Maschinenmond. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2016. Hardcover. 120 S. 19,80 EUR. ISBN: 978-3958391673.
Jeff Lemire (Text), Dustin Nguyen (Zeichnungen): Descender. Buch 3: Singularitäten. Übers. von Bernd Kronsbein. Bielefeld: Splitter, 2017. Hardcover.
Bielefeld, Splitter: 2017. 120 S. 22,80 EUR. ISBN: 978-3958391680.

(Erstveröffentlichung dieser Sammelrezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017. Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Blogpost #43.)

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Robert Deutsch: Turing (Rezension, #52)

Geschrieben von Sierra , in Comics, Phantastik, Rezension 04 September 2018 · 4138 Aufrufe
Turing, Enigma, Graphic Novel und 4 weitere...
Robert Deutsch: Turing

(Rezension, #52)

Nur auf den ersten Blick erstaunt die Idee des Illustrators und Grafik-Designers Robert Deutsch, mit einem Comic über den britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing (1912-1954) zu debütieren. Denn schließlich ist das Leben Turings so bemerkenswert, dass es keinesfalls auf eine typische Wissenschaftlerbiographie verkürzt werden darf.

Bis heute gilt Turing als Pionier der Computerentwicklung und Informatik, der mit seiner Turingmaschine aus dem Jahre 1936 ein frühes mathematisch fassbares Modell eines Computers entwickelte. Von Bedeutung ist auch seine Grundlagenforschung, besonders im Bereich der Software, für die ersten Computermodelle. Turing war jedoch das Gegenteil eines Elfenbein-Theoretikers. Zum einen leistete er während des Zweiten Weltkriegs entscheidende Zuarbeit in einer Arbeitsgruppe, die die deutschen Funkspruch-Codes dechiffrierte und so die Schlagkraft feindlicher Truppenmanöver schmälerte. Zum anderen lebte Turing auch nach dem Krieg nicht ganz risikolos, als er wegen seiner Homosexualität diskriminiert und bestraft wurde. Die Depressionen, die Turing in der Folge entwickelte, werden heutzutage für seinen Suizid im Jahre 1954 verantwortlich gemacht.

Hier setzt auch Deutsch` Comic wie mit einem Paukenschlag ein, indem er die Entdeckung von Turings Leichnam an den Beginn setzt. Die Handlung springt sogleich um drei Jahre zurück, um die Vorgeschichte dieser Tat zu erzählen und Turing und sein soziales Umwelt in den Blick zu nehmen: Manchester, ein Café, in das Alan seine neue und deutlich jüngere Zufallsbekanntschaft namens Arnold einlädt. Sie unterhalten sich, verlieben sich. Doch schon bald wird aus der Liebesgeschichte ein Kriminalfall, als Arnold einem Fremden den Einbruch in Turings Domizil ermöglicht. Als Turing die Angelegenheit mit der Polizei klären will, ist diese mittlerweile Arnold und seinem Komplizen auf die Spur gekommen. Turing muss seine Affäre mit Arnold eingestehen und wird zu seiner Überraschung von der Polizei als ›Sittenstrolch‹ kriminalisiert. Turing fühlt sich vom Empire ungerecht behandelt, berichtet von seinem mathematischen Partisanenkampf gegen ›Enigma‹, die Chiffriermaschine der Nazis. Doch das hilft alles nichts, er wird zu einer Hormontherapie verurteilt, die ihm die Libodo nimmt und Depressionen verursacht. Dies wird von Deutsch in einem Vorher- und Nachher-Bild versinnbildlicht, das sehr eindrücklich seine körperlichen Veränderungen verdeutlicht. Turing ist nicht mehr er selber, sondern ein Mr. Hyde, der die Blicke seiner Mitmenschen als »Messerstiche« empfindet. Unter Verwendung von teilweise sehr düsteren Märchen- und Todesmotiven der Brüder Grimm schildert Deutsch, wie der erlebte Fremdhass in Selbsthass mündet und Turing zum Suizid treibt.

Comic-Biographien liegen im Trend, wenn man an die vielen Neuerscheinungen der letzten Jahre in diesem Buchsegment denkt. Robert Deutsch ist dennoch ein ganz außergewöhnliches Werk gelungen, weil es in seiner gegenständlich-geometrischen Formensprache auf sehr sympathische Weise Turing als liebenden Menschen und nicht als ›Informatikgott‹ ins Zentrum rückt.

Gesamteindruck: +++++ (5 / 5)

Bibliografische Angaben: Robert Deutsch:Turing. Berlin: Avant Verlag, 2017. 192 S. 29,95 EUR. ISBN-13: 978-3945034552.

(Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Michael Görden (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2017, Berlin: Golkonda Verlag, 2017.)

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"Boys & Books" - neue Buchempfehlungen für Jungen (dritte Auswahlliste), #51

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 26 August 2018 · 2415 Aufrufe
Kinderliteratur, Literaturpreise und 4 weitere...
Nach eine längeren Blog-Pause mache ich mal weiter. Zwischenzeitlich ist auf den Seiten von boys & books die dritte Top-Titel-Auswahl (Zeitraum: 9/2017 - 02/2018) online gegangen. Boys & books ist eine Buchempfehlungsseite für Jungen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Die Auswahl lässt sich auch als Plakat betrachten bzw. herunterladen, eine Printversion wird bei Interesse kostenlos an Bibliotheken, Buchhandel etc. verschickt (Bestellung: kontakt@boysandbooks.de).

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Ich arbeite seit Beginn des Projekts in der Jury der Altersgruppe 10 + mit. Dies sind diesmal - teilweise mit ziemlich starkem Phantastik-Einschlag - unsere Favoriten:


Der Ameisenjunge. Der Tag, an dem ich aus Versehen in der Schrumpfmaschine landete (Band 1) - Thomas Krüger (Baumhaus) >>mehr

Hamstersaurus Rex -
Tom O'Donnell (arsEdition) >>mehr

Henry Smart. Im Auftrag des Götterchefs (Band 1) -
Frauke Scheunemann (Oetinger) >>mehr

Master of Disaster: Chaos ist mein zweiter Name (Band 1) -
Stephan Knösel (Beltz & Gelberg) >>mehr

Mist, Oma ist ein Alien (und ich bin schuld!) -
Suzanne Main (arsEdition) >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts geht es hier entlang. (bf)


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"Boys & Books" - neue Buchempfehlungen für Jungen (zweite Auswahlliste), #50

Geschrieben von Sierra , in Rezension, Kinder- und Jugendliteratur, Preise und Auszeichnungen 20 January 2018 · 2394 Aufrufe
Kinderliteratur, Juryarbeit und 4 weitere...
Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite für Jungen ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr jeweils fünf besonders interessante Titel für vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14+) auswählt. Seit Dezember ist die zweite Top-Titel-Auswahl (Herbst 2017) vollständig online. Sie lässt sich sowohl als Plakat (pdf) betrachten als auch herunterladen.
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Die Mitarbeit in der Jury der Altersgruppe 10 + hat mir wieder viel Spaß gemacht. Dies sind unsere Favoriten, die sicher guten Anklang bei jungen Lesern finden werden:

Zombie-Zahnarzt
David Walliams >>mehr

Luzifer Junior - Zu gut für die Hölle
Jochen Till >>mehr


Evil Hero - Superschurke wider Willen,
Sandra Grauer >>mehr


Der magische Faden
Tom Llewellyn >>mehr

Ich bin einfach zu genial
Stuart David >>mehr

Zur ersten Top-Titel-Auswahl (und einigen Informationen zum Hintergrund des Projekts) geht es hier entlang. (bf)


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Black Box Tunguska? - Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3, #49)

Geschrieben von Sierra , in Sekundärliteratur, Science Fiction 01 December 2017 · 4223 Aufrufe
Tunguska, Science Fiction und 3 weitere...

Die ersten beiden Teile dieses Artikels finden sich hier und hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction (Teil 3)

Vom Waldbrand zum Weltbrand


»Der Gott des Feuers und des Donners. Der Junge glaubt, dass Ogdy sich anschickt, auf die Erde herabzusteigen. Das Licht kündigt sein Nahen an.«1


Wolfgang Hohlbein (1953–) gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Fantasy- und SF-Autoren in Deutschland. »Die Rückkehr der Zauberer« (1996) gehört leider zu den Werken Hohlbeins, die sich mehr durch Action und Geschwindigkeit als durch Handlungslogik oder Selbstironie bestimmen. »Tunguska im Griff der Superhelden« wäre durchaus ein anderer passender Titel für Hohlbeins Erzählgemisch aus Agenten-Thriller und Fantasy-Roman, dessen Motive an Filme wie Indiana Jones, Stargate und X-Men erinnern. Hohlbein setzt sich dabei recht plakativ mit den religiösen Vorstellungen und Mythen der Ur-Einwohner Sibiriens auseinander.

Die Steinerne Tunguska im Jahr 1908: Der russische Hauptmann Petrov, der sich in einer Kommandoaktion auf den Fersen einer Mörder- und Räuberbande befindet, der Schamane Tempek und der mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Ewenkenjunge Haiko werden zu Zeugen und Überlebenden einer geheimnisvollen Explosion, die ein riesiges Areal in Brand setzt: »Petrov sah, wie der Wald oben auf dem Berggrat aufflammte wie ein einziges trockenes Stück Papier. Er begann nicht zu brennen, sondern verwandelte sich von einer Millionstelsekunde zur anderen in eine einzige weiße Flammenwand, die in der plötzlich unbewegten Luft nahezu senkrecht nach oben loderte. Gras, Laub und trockene Tannennadeln auf dem Hang begannen zu schwelen, flammten hier und da auf und ein unsichtbarer glühender Hauch berührte Petrovs Gesicht, versengte seine Augenbrauen und verbrannte sein Haar und seine Haut. Seine Pelzjacke begann zu schwelen. Er spürte, wie die Haut in seinem Gesicht und auf seinen ungeschützten Händen rissig wurde und Blasen schlug. Die Munition in dem Gewehr, das er fallen gelassen hatte, explodierte. Sein linker Ärmel begann zu brennen. Die Bäume oben auf dem Berggrat zerfielen zu Asche. Das Unterholz löste sich in einer leuchtenden Säule aus Licht auf und dazwischen torkelten Gestalten in brennenden Kleidern und mit flammendem Haar. Es war vollkommen still.«2

In den nächsten Jahrzehnten gerät die Katastrophe in Vergessenheit. Doch als sich 90 Jahre später ein zweiter explosiver Zwischenfall in der Tunguska ereignet, steht die ganze Welt Kopf. In dieser politischen Großwetterlage liefert sich Henrik Vandermeer, Journalist einer Düsseldorfer Tageszeitung, eine gefährliche Auseinandersetzung mit russischen Geheimagenten, nachdem er auf einer Esoterikmesse in den Besitz eines geheimnisvollen Edelsteins gekommen ist. Trotz erbitterter Gegenwehr kann Vandermeer nicht verhindern, mitsamt seinen neuen Bekannten, der Esoterikfachfrau Ines und ihrer Zwillingsschwester Anja auf ein Schiff entführt zu werden. Dort eröffnet der zwielichtige Wassili ihm und einer anderen Passagierin, der Druiden-Tochter Gwynneth, dass sie Auserwählte seien, auf die eine große Aufgabe in Russland warte. Nach einem Intermezzo in Istanbul und der Vernichtung eines ausgewachsenen Zerstörers der türkischen Armee mit Hilfe einer geheimen Laserwaffe bringt sie Wassili schließlich in die sibirische Tunguska, wo sie auf den blinden Haiko stoßen, der nun ein Greis ist. Vandermeer erhält Gewissheit, dass er über die besondere Gabe verfügt, den Lauf der Dinge zu beeinflussen.
Der Kreis schließt sich in Wanawara in Sibirien, unweit der Stelle, an der 90 Jahre zuvor das Tunguska-Ereignis stattfand. Wassili gibt sich nun als Kommandant des geheimen Militärprojekts »Charon« zu erkennen, das sich bisher erfolglos mit der Ergründung des Geheimnisses einer merkwürdigen türkisblauen Pyramide beschäftigt, die an dieser Stelle gefunden wurde. Einer Deutung von Wassili zufolge soll es sich um ein Tor ins Jenseits handeln, das bei der Tunguska-Katastrophe geöffnet und von dem Kommandanten Petrov zu Unrecht betreten wurde: »Vielleicht gibt es auch eine wissenschaftliche Erklärung dafür … möglicherweise ist es die nächste Form der Evolution … eine andere Dimension, eine höhere Form des Seins … Es gibt tausend Wege es zu beschreiben. Vielleicht stimmt keiner, vielleicht stimmen alle.«3 Derjenige, der Zugang zu dem »Bereich zwischen dem Hier und der anderen Welt«4 findet, wird als ein von Gott tolerierter »Torwächter« in die Lage versetzt, enormen Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen und ihm seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Indirekt macht Wassili den Soldaten Petrov sogar für die Kriege im 20. Jahrhundert verantwortlich.

In geheimen Höhlen tief unter Wassilis Forschungsstation kommt es zum unvermeidlichen Showdown des Romans. Nachdem die Druidin Gwynneth erfährt, dass ihr Kind von Wassili getötet wurde, spuckt sie wahrsten Sinne des Wortes Feuer und legt das gesamte Forschungsgelände in Staub und Asche. Nur um Haaresbreite gelingt Vandermeer und Ines die Flucht mit Haiko, der ihnen den Weg zu einer zweiten unterirdischen Pyramide weist. Ihre Monumentalität verschlägt Vandermeer den Atem: »Er hätte alles darum gegeben den Blick von diesem ungeheuerlichen Gebilde lösen zu können, das ihn mit seiner Schönheit und Perfektion beinahe zu verbrennen schien, aber es gelang ihm nicht. Wie auch – im Angesicht Gottes?«5 Haiko erklärt Vandermeer, dass Wassili das Kind der Druidin Gwynneth getötet hat, weil er hoffte, »es würde ihnen im Moment des Sterbens den Weg hierher weisen«.6 Dabei wurden die Spezialkräfte des Kindes in einer unmenschlichen Explosion freigesetzt, die allerdings durch »Kräfte dieses heiligen Ortes« ins Jahr 1908 (!)»abgefälscht« wurde; »Zeit ist eine Illusion – wie fast alles.«7 Mit anderen Worten: Das Flammeninferno geht nicht auf das Konto von Ogdy, sondern böser Druiden-Mächte. Als sich Haiko schließlich als religiöser Fanatiker outet und selbst das Tor zum Jenseits passieren will, um die Menschheit aus Hass gegen »ihre Welt der Dinge« auszulöschen, können Vandermeer, Ines und die tot geglaubten Anja und Wassili ihn nur um Haaresbreite und natürlich nicht ganz gewaltfrei daran hindern.8


Eis am Stiel

»Da wohnte also etwas in meinem Herzen, das nicht Herz war.«9

Im Zentrum des Romans »BRO« (2004), dem zweiten Teil der Eis-Trilogie des Russen Vladimir Sorokin (1955–), steht ein monumentaler Schöpfungsmythos, der das Projekt Menschheit für gescheitert erklärt: »Zeit ihrer Geschichte kannten die Menschen im Grunde nur dreierlei Verrichtungen: Menschen zu gebären und Menschen zu töten sowie ihre Umwelt zu missbrauchen. Menschen, die anderes zu tun vorschlugen, wurden gekreuzigt und gesteinigt. Aus dem unsteten, disharmonischen Wasser hervorgegangen, gebaren die Menschen und töteten, was sie geboren hatten. Denn der Mensch war der große Fehler. Und mit ihm alles Übrige, was auf der Erde kreucht und fleucht. Und die Erde wurde zum hässlichsten Ort im ganzen Universum.«10

Noch schwerer wiegt, dass die Menschheit die Erzeuger des Universums, nicht weniger als 23000 Lichtwesen, in sich absorbiert hat. Die göttliche Balance ist gestört, das Universum droht zu sterben, solange die Erde existiert. Und so wird ein Meteor auf die Erde herabgesandt, der am 30. Juni 1908 in der ostsibirischen Tunguska zerschellt. Der Ich-Erzähler des Romans ist Alexander Snegirjow, der zum Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags auf die Welt gekommen ist. Fast zwanzig Jahre später wird der junge Träumer und Studienabbrecher zum Teilnehmer und Saboteur von Kuliks Expedition zum Einschlagsort des Meteors. Er erreicht als Einziger die Einschlagsstelle und fühlt sich sogleich auf symbiotische Weise zu dem Eismeteoriten hingezogen. Ist Snegirjow in den russischen Revolutionswirren ohnehin seiner bourgeoisen Vergangenheit verlustig gegangen, wird schließlich im Kontakt mit dem Eis (»Ljod«) des Meteoriten das Lichtwesen »Bro« in ihm wiedergeboren: »Vor mir hatte es die Entengrütze etwas zur Seite geschwemmt, und ich konnte es im Mondlicht funkeln sehen: das Eis! Ein Flecken reinen Eises, handtellergroß! […] Ich richtete mich auf tat einen heftigen Schritt und glitt aus. Fiel um, prallte bäuchlings, mit aller Wucht auf das leuchtende Eis. […]
Mein Herz, das all die zwanzig Jahre schlummernd im Brustkasten gesessen hatte, erwachte davon. Nicht, dass es stärker geschlagen hätte als zuvor – aber anders: es stieß mich von innen an – was zuerst wehtat, dann ungeheuer angenehm war. Und dann sprach es. Stotternd zunächst: ›Bro-bro-bro … Bro-bro-bro … Bro-bro-bro …‹
Ich begriff: Das war mein Name. Mein wirklicher.«11

Er erfährt, dass er mit Hilfe des Ljods die anderen »Lichtstrahlen« aus ihrem menschlichen Kokon befreien kann, die Rettung des sterbenden Universums scheint nicht unmöglich: »Und wird einmal der Letzte der Dreiundzwanzigtausend gefunden sein, so werdet ihr euch im Kreis aufstellen und bei den Händen fassen, und eure Herzen sprechen die dreiundzwanzig Herzensworte in der Sprache des Lichtes dreiundzwanzigmal im Chor. Dann erwacht das Ursprüngliche Licht in euch zu neuem Leben und wird sich in der Mitte des Kreises vereinen und entflammen. Und der Große Weltfehler wird ausgemerzt sein: die Erdwelt verschwunden, aufgelöst im Licht12

Sodann macht sich Bro auf die gefahrvolle Quest nach seinen 23 000 Geschwistern, die weltweit verstreut sind und (ausgerechnet!) allesamt blond und blauäugig sind. Zur Erweckung ihrer Herzen bedient sich Bro einer brutalen, an archaische Kultrituale erinnernden »Herzmassage«: Ein aus dem Ljod gefertigter Eishammer wird so lange auf den Brustkorb geschlagen, bis das Herz den wahren Namen des neuen Bruders »verkündet« oder für immer schweigt... Die Darstellung dieses Erweckungsrituals schwankt dabei zwischen Gewalt und Komik, die Parallelen zum Anwerfen eines Oldtimers sind wohl nicht unbeabsichtigt: »Zu zweit banden wir damit das Ljod an den Knüppel. Fer mit ihren kleinen, aber kräftigen Händen fetzte das Hemd auf Nikolas Brust auseinander. Ich holte aus und ließ den Hammer mit aller Kraft auf die nackte Brust niedersausen. Von dem Mordsschlag zerschellte das Ljod in viele kleine Stücke, der Stiel brach entzwei. In Nikolas Brustkasten gluckste es. Wir legten unser Ohr an. Das Glucksen hörte nicht auf, Nikolas Körper begann zu beben, die Zähne knirschten. Unsere Ohren wie auch unsere Herzen hörten die Stimme eines erwachenden Herzens.
Ep … Ep … Ep …‹«13

Bald versteht Bro, dass seine »Erweckungsbewegung« nur erfolgreich sein wird, wenn es ihm gelingt eine im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Geheimorganisation aufzubauen: »Um in Russland zum Ziel zu gelangen, mussten wir Teil des Staatsapparats werden; unter seinem Deckmantel, in der Montur seiner Bediensteten, konnten wir unser Werk vollbringen; einen anderen Weg gab es nicht.«14Sehr hilfreich bei der Geschwistersuche ist Terenti Deribas, ein leitender Beamter des Geheimdienstes GPU, der sich ihnen nach seiner Erweckung als Bruder Ig anschloss. So kann Bro bei der Suche nach seinen Brüdern und Schwestern, die offiziell als sofortig zu verhaftende Konterrevolutionäre ausgegeben werden, die Infrastruktur der GPU nutzen. Dabei wird das gesamte Ausmaß der Irrationalität der GPU deutlich, mit der sie in der UdSSR wütet: »Das Prinzip, dem Vorgesetzten nur ja keine überflüssigen Fragen zu stellen, war zur Tradition geworden. Der Strafverfolgungsapparat der GPU hatte sich landesweit in eine […] ausschließlich nach eigenen Gesetzen funktionierende Maschine verwandelt.«15 Dem steht jedoch die Unbarmherzigkeit der Sektierer kaum nach, die jeden zur »Fleischmaschine« abstrahierten Menschen, der sich ihnen in den Weg stellt, eliminieren.

Obwohl Bros Leute auf spezielle, durch das Ljod gewonnene Fähigkeiten zurückgreifen können – etwa besondere körperliche Selbstheilungskräfte und telepathische Begabungen –, merkt Bro schließlich, dass sich die Geschwistersuche in die Länge ziehen wird, weil sie einem samsarischen Katz- und Maus-Spiel gleicht: Da immer wieder Erweckte sterben und dann in anderen Körpern neugeboren werden, müssen diese wiederum aufs Neue gefunden und erweckt werden.

Eingefügtes Bild Der rasch alternde Bro findet schließlich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zwischen dem bolschewistischen »Ljodland«, dem faschistischen »Ordnungsland« und dem amerikanischen »Freiheitsland« eine Nachfolgerin in Chram, die – davon erzählt Sorokins vorhergehender Roman »LJOD. Das Eis« – die weitere Suche und die Unterwanderung der gesellschaftlichen Machtzirkel nach seinem Tod koordinieren wird.

In Bros vampiresk-abgründiger Sekte, die so hervorragend die totalitäre Logistik der Tscheka, des GPU und der Nazis für ihre eigenen Zwecke zu nutzen versteht, versinnbildlicht sich hinter seiner Brutalität die enttäuschte Hoffnung auf eine transzendente Fortentwicklung des Menschen. Kurz: der »Beweis dafür, daß der menschliche Anspruch auf kosmischen Universalismus einmal mehr hinfällig geworden ist.«16
»BRO« ist ein gelungenes Konglomerat aus Sektenparodie, SF und viel Zivilisationspessimismus vor dem Hintergrund des Tunguska-Rätsels. Sorokin bestätigt darin seinen Ruf als maßloser Skandalschriftsteller17, der auch zur politischen und kulturellen Lage der Nation in der Putin-Ära nicht schweigen will: Beißend ist seine Kritik an der Hammer-und-Sichel-Pathetik und dem sozialen Realismus, die in Russland seit geraumer Zeit eine Renaissance erleben.


Exkurs: »Geheimakte Tunguska«

Bedrohungen der Menschheit durch Near Earth Objects wie Asteroiden, Meteoren oder Kometen auf der Kinoleinwand erfreuen sich seit längerem besonderer Beliebtheit beim Zuschauer. Nachdem die Tunguska-Explosion eine Vielzahl von mehr oder weniger gelungenen Kino-Filmen wie Meteor (USA 1979), Armageddon (USA 1998), Deep Impact (USA 1998) zumindest anregte, und auch als Aufhänger für zwei Akte-X-Folgen (USA 1997) diente – in denen allerdings nur die missratene Handlungslogik den Zuschauer das Fürchten lehrt –, war es 2006 soweit: Kurz vor ihrem hundertsten Jubiläum fand die Katastrophe den Weg auf die Computermonitore und wurde ein großer Erfolg.

In dem von den deutschen Spielehersteller Fusionsphere Systems und Animation Arts entwickelten Point & Click-Adventure schlüpft der Spieler in die Haut von der jungen Nina Kalenkow – gesprochen von Solveig Duda, der deutschen Stimme von Angelina Jolie –, deren Ähnlichkeit mit dem Computerspiel-Pin-up Lara Croft wohl nicht zufällig sind. Ninas Vater, ein berühmter Forscher und der Leiter eines Berliner Naturkundemuseums, wurde aus seinem Büro entführt. Da sich die überarbeitete Berliner Polizei des Falls nicht annehmen will, ist Nina schon bald auf die Hilfe von Max Gruber, dem Assistenten ihres Vaters angewiesen.Er gibt nicht nur wichtige Hinweise, sondern lässt sich im Laufe des Spiels auch als zweiter Hauptcharakter steuern. Noch in Berlin findet Nina heraus, dass die Entführung mit besonderen Forschungsergebnissen ihres Vaters zu tun hat, die von seiner geheimen Tunguska-Expedition im Jahre 1958 stammen. Damals hat er in der Tunguska übernatürliches Pflanzenwachstum nachgewiesen, was sogleich von oberster Stelle zur Verschlusssache erklärt wurde. Weiterhin stößt Nina auf Berichte über eine von Kuliks Expeditionen, bei der er ein mysteriöses Objekt aus unbekanntem Material von so großer Härte fand, das jede Entnahme einer Gesteinsprobe misslang. Bei einer Folgeexpedition konnte Kulik das Gebilde nicht mehr ausfindig machen – es war plötzlich verschwunden. Die Hinweise verdichten sich, dass Ninas Vater in die Tunguska gebracht werden soll, und machen eine eigene Reise Ninas nach Sibirien notwendig – selbstverständlich inkognito.

Wie bei einem Detektivplot nicht anderes zu erwarten, stellen die Rätsel die Kombinationsfähigkeit des Spielers auf die Probe. Nur an wenigen Stellen heißt es Try-and-Error: Dass man etwa zu Spionagezwecken einer Katze ein Mobiltelefon anbinden muss, um weiterzukommen, ist dann aber wieder so skurril, dass man gerne weiterspielt. Für Abwechslung sorgen auch die Schauplätze: Die Kidnapper werden nicht nur in Berlin und Moskau, sondern auch an Bord der Transsibirischen Eisenbahn, in irischen Burgruinen, der Antarktis und natürlich der Steinernen Tunguska gejagt.


Zusammenschau

Nach diesem Querschnitt durch literarische Tunguska-Phantasien lassen sich zwei Hauptintentionen in den vorgestellten Werken unterscheiden. Zum einen eignen sich Geschichten über das spektakuläre Tunguska-Ereignis natürlich als gehobene Popcorn-Literatur. Der bis heute unaufgeklärt gebliebene Vorfall dient als mystery-Element zur Spannungssteigerung und fordert den Leser heraus, eine »Wissenslücke« in der Handlung zu füllen. Eine Einladung zum Weiterfabulieren sind auch die Rahmenbedingungen der Explosion, in erster Linie: das Fehlen eines Kraters, die Mythen der Ewenken und die Messung von Radioaktivität im Epizentrum.

Gleichzeitig dient die Katastrophe in den besprochenen Romanen als Ideensteinbruch auf einer philosophischen Metaebene, die zu optimistischen wie pessimistischen Überlegungen über den Menschen einlädt. So ist etwa Lem als überzeugtem Rationalisten klar, dass Technik einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der drängenden zivilisatorischen Probleme moderner Gesellschaften leisten kann. Am Beispiel der Atomenergie und der in die Selbstvernichtung mündenden Kriegsspiele der Venusbewohner plädiert Lem für die Setzung moralischer Leitplanken im Sinne eines sozialen Bewusstseins, in dem sich die Kluft zwischen Technik und Ethik auflöst. Während aber bei Lem der Absturz des Venus-Raumschiffs in der Tunguska das Ende des Kapitalismus heraufbeschwört, geht Watson in der Darstellung der gescheiterten kommunistischen Kolonisierung des Weltalls mit dem »Neuen Menschen«, einem wichtigen Heilziel der sowjetischen Ideologie, ins Gericht. Nur rhetorisch fragt sich Kommandant Anton Astrow wenige Sekunden vor dem Tod, »ob jemand in Sibirien zum Himmel aufblickte und Hammer und Sichel aus der Höhe herabstürzen sah? Eine Vision künftiger Zeiten … Vielleicht sahen es ein paar Rentierhirten.«18

Ist die Rede von dem Beitrag der russischen Intelligenzija zur Karriere dieses Ideentopos, darf die spirituell verbrämte Hoffnung Nikolaj Fedorovs (1828–1903) nicht unerwähnt bleiben, der »Neue Mensch« würde eines Tages den Tod als letzte Grenze des menschlichen Fortschritts besiegen und alle Verstorbenen der Vergangenheit wiedererwecken: »Hier … sollte die Technik in das Werk des Menschen eingespannt werden, hier sollte die von Gott in der Potenz angelegte beste aller Welten als schlechthin vollkommene Schöpfung vollendet werden – und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für die Kreatur überhaupt. Wenn alle verstorbenen Ahnen wieder zum Leben erweckt seien, dann wären auch die anderen Sterne mit Menschen bevölkert.«19 Infernalisch und mit viel bösem Mundwerk darf auch Sorokin unter den Spöttern über diesen »Neuen Menschen« nicht fehlen. Wenn Bro und seine Herzensbrüder munter gegen den Tod hämmern, bleiben hinter ihren (veget)arischen Masken und den Zuckungen der Geschwisterliebe die Zombiefratzen nicht lange verborgen. (bf)

Endnoten

1 Wolfgang Hohlbein: Die Rückkehr der Zauberer. Bergisch-Gladbach: Bastei-Verlag, 1998. S. 19.
2 Ebd., S. 54.
3 Ebd., S. 604 f.
4 Ebd., S. 605.
5 Ebd., S. 667.
6 Ebd., S. 669.
7 Ebd., S. 670.
8 Ebd., S. 673.
9 Vladimir Sorokin: BRO. Berlin: Berlin Verlag, 2006. S. 89. Die folgenden Überlegungen basieren auf meiner Rezension von Sorokins Roman für das JUNI-Magazin 39/40 [In Vorbereitung].
10 Ebd., S. 120. Im Original kursiv.
11 Ebd., S. 117 f.
12 Ebd., S. 121 f. Im Original kursiv.
13 Ebd., S. 154.
14 Ebd., S. 205.
15 Ebd., S. 239.
16 Stanisław Lem: Lokaltermin. Berlin: Volk und Welt, 1986. S. 159.
17 So stand Sorokin zwei Jahre nach Erscheinen seines Romans »Der himmelblaue Speck« (2000) unter anderem wegen angeblicher Verbreitung von Pornografie vor Gericht. Kläger waren Kreml-nahe Jugendorganisationen, die auch schon durch skurrile Bücherumtauschaktion gegen Sorokin und andere russische Kultautoren auf sich aufmerksam machten. http://www.nzz.ch/2002/02/11/fe/article7YBPH.html
18 Watson 1986, S. 126.
19 Küenzlen 1997, S. 149.

(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)




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Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Geschrieben von Sierra , in Preise und Auszeichnungen, Phantastik, Kinder- und Jugendliteratur, Rezension 17 July 2017 · 3749 Aufrufe
Abenteuerroman, Blackthorn und 7 weitere...
Ein todesmutiger Held, der sich mit einer Alchemisten-Sekte anlegt, viel Old-London-Flair und Rätsel en masse, der »Blackthorn-Code« war beim ersten Durchgang der boys & books-Juryarbeit mein Favorit. Dabei mache ich einen weiten Bogen um Apotheker-Romane und um Werke mit »Vermächtnis« im Untertitel ... normalerweise.


Der Blackthorn-Code: Das Vermächtnis des Alchemisten (Rezension, #48)

Inhalt:

Christopher Rowe, ein vierzehnjähriges Waisenkind, lebt beim legendären Londoner Apotheker und Alchemisten Benedict Blackthorn. Christopher könnte eigentlich nicht glücklicher sein, denn sein Meister lehrt ihn nicht nur das gängige Apothekerhandwerk, sondern auch die Entzifferung von Geheim-Botschaften und Rätseln. Doch leider sind es unruhige Zeiten im Jahr 1665: Mörder treiben an der Themse ihr Unwesen und fast immer sind es Apotheker, die getötet werden. Obwohl Lord Richard Ashcombe, der Beschützer des Königs, und seine Leute den Verbrechern dicht auf den Fersen sind, fällt auch Blackthorn der Mordserie zum Opfer. Zusammen mit Tom Bailey, einem befreundeten Bäckersjungen, bleibt Christopher nur wenig Zeit, um die von Blackthorn hinterlassenen Geheimcodes zu entschlüsseln und die Mörder zu enttarnen. Dabei gerät Christopher in den Dunstkreis eines mächtigen Geheimbunds um den Alchemisten Oswyn, der eine Verschwörung gegen den Hofstaat von König Charles†˜ plant und dazu eine hochexplosive Substanz - das sogenannte Feuer des Erzengels - herstellen will. In letzter Sekunde kommt Christopher Oswyns Plan auf die Schliche und auf einem abgelegenen Friedhofsgelände entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod.


Beurteilung:

»Geheimnisse über Geheimnisse. Codes innerhalb von Codes« (S. 314) - Dieser Abenteuerroman, der im historischen London des 17. Jahrhunderts spielt, ist ausgesprochen spannend! Kevin Sands gelingt es in der unterhaltsamen Geschichte bravourös rätselhafte, actionreiche und humorvolle Handlungselemente zu verbinden, sodass der junge Leser das Buch vermutlich gar nicht aus der Hand legen will. Christopher, der die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt, ist ein sympathischer Protagonist, der in vielen brenzligen Situationen List und alchemistisches Wissen an den Tag legt. Obwohl er ein Waisenkind ist und vielen Lesern diese Lebenslage möglicherweise nicht vertraut ist, eignet sich Christopher dennoch gut als Identifikationsfigur. Sein Freund Tom übernimmt dabei die Rolle des unterstützenden Begleiters. Obwohl er nur ein »Möchtegerne-Soldat« (S. 11) ist, vermittelt er Christopher - und damit auch dem Leser - selbst an besonders geheimnisvollen Orten und in gefährlichen Situationen ein Stück Geborgenheit. Außerdem ist Tom immer für einen lustigen Wortwechsel mit Christopher gut, sodass der Humor in der Geschichte nicht zu kurz kommt.

Der »Blackthorn Code« greift eine ganze Reihe von interessanten Themen auf: Neben dem Kriminalplot, der natürlich sogleich an Arthur Conan Doyles Geschichten um »Sherlock Holmes« denken lässt, werden durch die Themen Freundschaft und die Alchemie - als eine spannende Geheim- und Grenzwissenschaft - weitere Leseanreize geschaffen. Die Geschichte ist aber auch wegen der Überschneidungen zum Mystery-Genre originell. Denn die Rätsel, die Blackthorn seinem Lehrling hinterlassen hat, sind sehr stimmig mit der Handlung verwoben und werden nur schrittweise gelöst. Zum einen wird der Leser aufgefordert, die Codes gemeinsam mit Christopher zu entschlüsseln und so auf beinahe interaktive Weise Anteil am Handlungsfortschritt zu nehmen. Zum anderen dienen die Rätsel als retardierende Elemente, um den dramatischen Höhepunkt der Handlung, die insgesamt nur wenige Tage umfasst, hinauszuzögern.

Der Roman lässt sich flüssig lesen und trumpft mit einem buchstäblich explosiven Showdown auf, bei dem die Verschwörer ihre geballte Ruchlosigkeit an den Tag legen. Für sensible Leser könnten allerdings einige der Kampfdarstellungen womöglich zu einer kleinen Belastungsprobe werden. Andererseits obsiegt Christopher letzten Endes immer dank seiner Cleverness und nicht wegen seiner Kampfkraft. (bf)


Gesamteindruck: ++++ (5 / 5)


Bibliografische Angaben: Kevin Sands: Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten. Übers. von Alexandra Ernst. München: dtv, 2016. S. 330. ISBN: 978-3-423-76148-2. EUR 15,99.

Quelle: boys & books, Juli 2017

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"Boys & Books" - eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 - 2/2017), #47

Jugendliteratur, Kinderliteratur und 3 weitere...
"Boys & Books" - eine neue Buchempfehlungsseite für Jungen (Top-Titel 09/16 - 2/2017)

Der Verein boys & books hat eine gleichnamige Buchempfehlungsseite ins Leben gerufen, die zweimal im Jahr aus den Neuerscheinungen des deutschsprachigen Buchmarkts je fünf Top-Titel für die vier Altersgruppen (8+, 10+, 12+, 14) präsentiert. Das Projekt geht zurück auf eine Initiative der Literaturwissenschaftlerin Professorin Dr. Christine Garbe und ihren MitarbeiterInnen an der Universität Köln. Nachdem die Webpage nach ihrer Erstellung im Jahr 2012 zunächst ein reines Rezensionsportal war - mit dem Ziel der Leseförderung von Jungen -, hat sie nun mehr den Charakter eines Literaturpreises.

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Die Jury-Mitglieder sichten die Neuerscheinungen für ihre Altergruppe und wählen ihre Favoriten anhand eines kriteriengeleiteten Bewertungsbogens aus, in zweimal jährlich stattfindenden Treffen wird die Vorauswahl diskutiert und es werden dann endgültig die "Top-Titel" festgelegt.
Ich habe im Frühjahr dieses Jahres mit viel Spaß an der Sache bei dem Auswahlprozess in der Jury der Altersgruppe 10 + mitgearbeitet. Trotz der vielen Neuerscheinungen haben wir uns sehr einvernehmlich - Christian Dudas Roman "Gar nichts von allem" bildete die Ausnahme von der Regel :devil: - auf unsere "Top-Liste" festgelegt:

So überlebte ich das Schuljahr trotz Aliens, Robotern und der grausamen Missy
Jennifer Brown >>mehr

Broccoli-Boy rettet die Welt
Frank Cottrell Boyce >>mehr


Jack, der Monsterschreck. Band 1: Den Letzten beißen die Zombies,
Max Brallier >>mehr


Der Blackthorn-Code. Band 1: Das Vermächtnis des Alchemisten
Kevin Sands >>mehr

Game Over. Wir retten die Welt
Susanne Rauchhaus>>mehr

Zu meiner "Vorgeschichte" mit dem Projekt: Als ich gefragt wurde, ob ich an einer Mitarbeit Interesse hätte, habe ich gar nicht lange gefackelt und sogleich zugesagt. Ich finde es sympathisch, dass boys & books - im Unterschied zu manchen anderen Literaturpreisen - keine Berührungsängste mit Genre- und Unterhaltungsliteratur für junge Leser hat. Ganz im Gegenteil erkennt boys & books ihr Potential für die Leseförderung von Jungen an, sieht aber angesichts der Vielzahl der Neuerscheinungen auch die Notwendigkeit der Orientierung und Auswahl.
Ich erhoffe mir zudem von dem Projekt Impulse für eine Neubewertung der phantastischen Literatur im Rahmen der Leseförderung, etwa in Schulen oder Bibliotheken. Dass bei unserem ersten Durchgang u.a. neben Rauchhaus' SF-Comicroman "Game Over - Wir retten die Welt" auch die Anti-(Super)heldengeschichte "Broccoli Boy", die Dystopie "Stone Rider" mit Anklängen an "Mad Max" und Morton Rhues dystopisches Seefahrerabenteuer "Creature - Gefahr aus der Tiefe" eine Empfehlung bekamen, nehme ich als positives Signal wahr. Kinder und Jugendliche selbst müssen von diesen phantastischen Lesestoffen wohl kaum überzeugt werden, schließlich sind Phantastik und Science Fiction (Collins' "Tribute von Panem", Dashners "Maze Runner" etc.) nach wie vor recht beliebt bei jungen Lesern. (bf)


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Black Box Tunguska? - Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2, #46)

Geschrieben von Sierra , in Science Fiction 11 July 2017 · 6932 Aufrufe
science Fiction, Watson, Bensen und 1 weitere...

Teil 1 dieses Artikels findet sich hier.


Black Box Tunguska? – Über das Tunguska-Ereignis in der literarischen Science Fiction und Fantasy (Teil 2)

Friendly Fire oder vom Nutzen des Krieges

»›Und Metahistorie ist vermutlich Metaquatsch‹, sagte der Mann.«1

Dass sich das Tunguska-Ereignis als Aufhänger für einen im höchsten Maße satirischen und witzigen Plot eignet, beweist Donald R. Bensen (1927-1997) mit seinem SF-Roman »Zwischenhalt« (1978), der ein Jahr später für die John W. Campbell Memorial Awards nominiert wurde. Im Mittelpunkt des Romans stehen vier humanoide Außerirdische, die beim Anflug auf die Erde eine Havarie mit ihrem Raumschiff erleiden. Bevor »Wanderer« im Jahre 1908 als vermeintlicher Meteorit über der Tunguska-Region explodiert, rettet Valmis, der als »Integrator« mit der Untersuchung der »geistige[n] und physikalische[n] Muster einer Welt« betraut ist 2, das Raumschiff per »Wahrscheinlichkeitsversetzer« in eine Parallelwelt: »Wenn dieses Gerät in einem Augenblick aktiviert wurde, in dem für das Eintreten eines Ereignisses ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit bestand, versetzte es den Benützer auf eine alternative Ebene, in der das hochwahrscheinliche Ereignis nicht stattfand, die aber – zumindest theoretisch – bis auf dieses eine Geschehnis der ›Realität‹ aufs Haar glich.«3

Obwohl Kapitän Dark einen Teil der Kontrolle über die Steuerung zurückgewinnt, stürzt das Schiff in den Pazifischen Ozean in der Nähe von San Francisco und wird stark beschädigt. Die unversehrt gebliebenen Außerirdischen werden gefangen genommen und zu den kalifornischen Behörden gebracht, wo sie unter anderem H.G. Wells kennen lernen, der – wer könnte sich dafür besser eignen? – zwischen den Außerirdischen und den Amerikanern vermitteln soll. Da gerade Wahlkampf herrscht, führt bereits der Presse-Aufruhr über die Ankunft der Außerirdischen dazu, dass Thomas Alva Edison anstatt William Howard Taft zum 27. US-Präsidenten gewählt wird, weil nur er allein in den Augen seiner Landsleute über die notwendige Genialität verfügt, Amerika durch diese seltsamen Zeiten zu führen.

Aufgrund des niedrigen technologischen Levels der Erde, der eine baldige Reparatur des Raumschiffs illusorisch macht, birgt nach Ansicht des Metahistorikers der Außerirdischen lediglich ein militärischer Großkonflikt Chancen auf eine Rückkehr, weil Kriege mittelbar das technologische Niveau erhöhen können. Da Aris Analyse der irdischen Geschichte nach den Regeln der »Metahistorie« ohnehin einen sich nahenden Weltkrieg ankündigt, ist der Kriegseintritt aller führenden Nationen zu forcieren, um »den Vorteil der Beschleunigung in den Naturwissenschaften und so weiter mit« auszunutzen.4

Dank der Hilfe Roosevelts gelingt es den Außerirdischen aus dem militärisch bewachten Grundstück zu fliehen, an dem sie Edison festhält, um technisches Know-how aus ihnen herauszupressen. Eingefügtes BildUnter dem Deckmantel, Forscher im diplomatischen Dienst zu sein und ein einflussreiches Imperium zu vertreten, reisen sie nun – verfolgt von einer Spezialeinheit amerikanischer Marines – nach Europa, um andere politische Würdenträger von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Ihre Gespräche und Erlebnisse mit den überzeichnet dargestellten Monarchen König Eduard VII. von Großbritannien, Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. bilden die unterhaltsamsten Teile des Romans. Bei ihren Besuchen beeindrucken die Außerirdischen die Staatsoberhäupter weniger mit den Vorausdeutungen der Metahistorie als mit ihren Gadgets. König Eduard VII. etwa ist so entsetzt über Aris nüchterne Prophezeiung, er würde den Ausbruch des 1. Weltkriegs aufgrund seiner Herzkrankheit nicht mehr erleben, dass er, wie ein geölter Blitz, in Ohnmacht fällt. Dank einer Wunderpille gelingt es den Außerirdischen ihn wiederzubeleben und zu verjüngen. Und doch will Eduard VII. – nicht anders geht es den anderen Monarchen – von einem Krieg nichts wissen: »Ihren Vorschlag, die Nationen der Welt sollten sich schleunigst an die Kehle fahren, um Ihnen mit einigen wissenschaftlichen Fortschritten, die daraus entstehen könnten, einen Gefallen zu tun, finde ich, das muß ich Ihnen ganz offen sagen, widerwärtig kaltblütig – obwohl ich zugeben muß, daß unsere Welt dazu einige Parallelen vorweisen kann«.5

Nach den folgenden ebenfalls erfolglosen Deutschland- und Russland-Besuchen werden die außerirdischen Kriegswerber von den Marines gefangen genommen. Zurück in den USA stellt sie Präsident Edison zur Rede, der noch immer seine Hoffnung auf epochemachende Erfindungen nicht begraben hat. Erst als Dark tatsächlich die Möglichkeit einer neuen Energieform skizziert, sieht Edison ein, dass ein solch ambitionierter Techniktransfer den Wirtschaftskreislauf der USA kollabieren lassen würde. »Beinahe kostenlose Energie für alle, morgen verfügbar, ist das nicht großartig? Keine Notwendigkeit mehr, Kohle, Benzin, Öl, Holz oder sonst etwas zu kaufen? Und keine Notwendigkeit mehr, die Bergmänner, die Ölleute, die Tankstellen und so weiter zu bezahlen. Meiner Rechnung nach würde es ungefähr sechs Wochen dauern, dann wäre das Land eine heulende Wildnis verhungernder Massen, die die kostenlose Energie dazu benützen würden, an Orte zu kommen, wo sie Nahrungsmittel stehlen könnten, um am Leben zu bleiben.«6

Von Edison nun in Ruhe gelassen, entschließen sich die Außerirdischen, eine Extra-Mütze Kälteschlaf zu nehmen, weil sie nicht länger auf den Krieg warten wollen. Sie staunen nicht schlecht, als sie schon im Jahr 1933 aufgeweckt werden und von Wells erfahren, dass auch ohne den Gang zu den Waffen »Wissenschaft und Technologie in großem Maßstab aufgeblüht waren, zusammen mit vielen sozialen und politischen Veränderungen, und daß man aus diesem Grunde in den letzten paar Monaten die Wanderer hatte finden, heben und instandsetzen können.«7 Als internationalen Friedenstifter identifiziert der Schriftsteller den Besuch der Außerirdischen selbst, der die Horizonterweiterung und (innere) Abrüstung der Menschheit mit sich bracht: »Es hat einige Zeit gedauert, aber als Sie auftauchten, verlor man an solchen Dingen irgendwie die Lust. Zum erstenmal überhaupt bekamen die Leute eine klare Vorstellung davon, was es heißt, ein Mensch zu sein und auf einem Planeten im Weltraum zu leben.«8 Da nunmehr auch das Triebwerk der »Wanderer« repariert wurde, treten die Außerirdischen endlich die Heimreise an – nicht ohne ein gewisses Schamgefühl zu verspüren, da sie in ihrem Kriegsstreben so daneben lagen.

Der Ausgang von Bensens Roman lehrt, dass sich die Weltverbesserung weniger durch Techniktransfer als durch eine Wandlung des Menschen von innen bewerkstelligen lässt. Dazu könnte bereits die bewiesene Existenz von Außerirdischen hilfreich sein, da sie die Anthropozentrik des Menschen beseitigen hilft und eine Grundlage für eine echte menschliche Weltgemeinschaft schafft. Eigentlich sehr schade, wird sich da der Leser denken, dass Bensens Außerirdische nicht in unserer Dimension Zwischenhalt machten, und Valmis’ wehmütige Gewissensbisse wegen des Einsatzes des »Wahrscheinlichkeitszersetzers« kaum nachvollziehen können: »Aber wißt ihr, es hätte eine Welt gegeben, fast genau wie die da, in der im Jahre 1908 ein Raumschiff auf die Tunguska-Region gestürzt und wahrscheinlich explodiert ist wie ein Meteorit und dort hätte es keine Forschungsreisenden gegeben, die mit Roosevelt und Oxford und Wells gesprochen und den Kaiser und den Sohn des Zaren und so weiter geheilt haben. Die Leute dort hätten ihren Weg selbst finden müssen, versteht ihr das nicht? […] Was hätte nicht alles aus ihnen werden können – ohne uns?«9


Tungusische Trance

»Eine Trance ist tatsächlich ein weitaus aktiverer Geisteszustand als das gewohnte Leben eines Wachenden. So werden wir Ihre ›Über-Wahrnehmung‹ an die Oberfläche bringen und dabei Tschechow wiedererschaffen.«10

Der britische Autor Ian Watson (* 1943) hat sich in seinem Gesamtwerk immer wieder Gedanken über das Wechselverhältnis von Sprache, Geschichte und Bewusstsein gemacht, wovon auch der Hollywood-Film Artificial Intelligence: AI (USA 2001) zeugt, an dessen Manuskript er zusammen mit Stanley Kubrick arbeitete. In seinem 1983 erschienenen Roman »Tschechows Reise« greift er Kasanzews Idee des »Tunguska-Raumschiffs« auf und verbindet sie mit dem Zeitreise-Motiv.

Aufhänger des Romans ist die berühmte Reise des Schriftstellers Anton Tschechow zur russischen Gefangeneninsel Sachalin im Jahr 1890, in deren Verlauf er trotz seiner Tuberkulose-Erkrankung weite Teile Sibiriens durchquerte. In seinem ein paar Jahre später erschienenen Reisebericht dokumentierte er das Leben der Verbannten und reflektiert über Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Watsons Roman schildert den Versuch von sowjetischen Filmemachern der Stanislawskij-Filmgruppe11, Tschechows Reise anlässlich ihrer hundertsten Jährung neu zu dokumentieren. Für ihr Filmexperiment ziehen sie sich in ein Künstlerheim in den Bergen von Krasnojarsk zurück und engagieren den Hypnotiseur Kirilenko. Es ist seine neuartige Technik der »Reinkarnation durch Hypnose«, die den ausgewählten Hauptdarsteller Michail Petrow glauben lässt, er sei in Wirklichkeit Tschechow.

In Trance rekonstruiert Michail jedoch zum Erstaunen aller Anwesenden eine ganz andere Reise: Eingefügtes BildAnstatt einem Besuch der Sträflingsinsel initiiert Tschechow eine Expedition in die ostsibirische Tunguska, nachdem er von einer merkwürdigen Explosion in diesem Gebiet hörte. Dies bereitet den Filmemachern noch größere Kopfzerbrechen, hat die Explosion bekanntlich erst 1908 stattgefunden, – vier Jahre nach Tschechows Tod. Noch rätselhafter werden Michails Trance-Zustände, als er auch noch Anton Astrow, Kommandant des russischen Zeitschiffs »K.E. Ziolkowskij« im Jahr 2090, zu sein vorgibt. Seine durch den neuartigen »Flux«-Antrieb möglich gemachte Pionierfahrt ins Weltall steht unmittelbar bevor, um dort fremde Welten zu kolonisieren: »Wir springen einhundert Jahre rückwärts durch die Zeit, und das bringt uns hundert Lichtjahre stromab von der Sonnenbewegung durch die Galaxis.«12 2090 ist der Machtkonflikt zwischen Amerikanern und Russen auch im Weltall präsent: Zu Provokationszwecken und da »es keinerlei Notwendigkeit gab, ein Raumschiff stromlinienförmig zu bauen, hatte ihr Schiff die Gestalt eines riesigen Emblems: Hammer und Sichel.«13

Dem Hypnotiseur Kirilenko ist Michails Transformation seiner Rolle zutiefst suspekt: »Gewiß, er phantasiert, daß er Tschechow sei – im psychologischen Sinne. […] Er kann nur um die bekannten Tatsachen herum erfinden, hat aber nicht die Freiheit, beliebige Eigenerfindungen hineinzubringen. Ich muß sagen, nichts dergleichen ist mir im Laufe meiner Erfahrungen bisher untergekommen.«14 In weiteren Trance-Sitzungen schreitet die Fiktion fort: Während Tschechow mühevoll, aber letzten Endes erfolgreich durch die sibirischen Wälder zur Tunguska vorstößt, misslingt der Zeitsprung der »K.E. Ziolkowskij«, weil das Fluxfeld des Schiffes mit einem amerikanischem Flux-Schutzschirm auf der Erdoberfläche interferiert: »Zwischen beiden entstand eine Resonanz. Sie hatte die Wirkung, daß der größte Teil unserer Fortbewegungsenergie abgezogen wurde. Wir klebten Kilometer um Kilometer, Jahr um Jahr an der Weltlinie der Erde fest.«15 Anstatt durch die Vergangenheit hinaus in den Kosmos zu gelangen, droht das Zeitschiff so im Jahre 1908 über der Tunguska auseinanderzubrechen – und mit ihm die hehren Illusionen von der Weltallbesiedlung.

Doch das Raumschiff stürzt nicht ab, sondern stürzt weiter, noch mal zwanzig Jahre zurück durch die Zeit: »›[D]ie temporale Beschleunigung, die wir durch den Schild verloren, muß sich von unserem Ausgangspunkt rückwärts durch die Geschichte entladen haben. Versuchen wir es uns als eine Gezeitenwelle vorzustellen, die gegen die Strömung eines Flusses aufwärts vordringt und allmählich an Antriebskraft verliert. Ich glaube, die Welle hat uns vorhin – im Jahr 1908 – eingeholt. Sie entlud ihre verbleibende Antriebskraft und stellte unser Flux-Feld wieder her. Ergebnis: wir wurden über 1908 hinaus weiter zurückgeworfen.‹
Aber wir starben alle! Ich bin sicher, daß ich starb‹, sagte Anna Aksakowa.
Gewiß, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dann aber veränderte sich die Geschichte; und wir waren doch nicht gestorben. Was jetzt geschieht, ist klar: wir werden im Jahre 1888 explodieren.‹«16
Dass sich diese Prophezeiung erfüllte, kann Anton Tschechow bezeugen, als er schließlich auf der Erzählebene des Jahres 1890 zum Epizentrum der Explosion gelangt und »in stummer Ehrfurcht« der immensen Verwüstung gewahr wird: »[S]o weit das Auge reichte, war in diesem Gebiet alles verbrannt und zu Boden geworfen. Ostwärts, weit entfernt auf der Leeseite einiger felsiger Höhen, hatten vereinzelte Waldstücke unversehrt überlebt, wo sie vor der Stoßwelle geschützt gewesen waren. In der äußersten Entfernung am Osthorizont konnten sie den Randbereich der lebenden Taiga ausmachen…«17
Die Reinkarnation einer Alternativgeschichte bleibt schließlich auch für die Gegenwart der Filmgruppe nicht folgenlos, in der sie ihr Experiment durchführt; die »1908er-Welt« wird zu einer »1888er-Welt«.18 Aus einer Enzyklopädie erfahren die Filmleute, dass Anton Tschechow andere und anders betitelte Dramen geschrieben hat – aus dem Drama »Der Kirschgarten« wurde »Der Apfelgarten«, »Die Taube« heißt nun »Die Schneegans« – und seine Tunguska-Reise einen nicht unerheblichen Einfluss auf die sowjetische Wissenschaftsgeschichte entfaltete: Dank Tschechows Reisebericht fand sein Reisepartner, der Wissenschaftler K.E. Ziolkowskij, »Unterstützung für seine theoretischen Arbeiten über kosmische Flüge, die am Anfang eines Weges standen, welcher zur sowjetischen Mondlandung geführt hat«.19

Es zeigt sich, dass Watsons Roman über eine Allegorie auf die Vergeblichkeit des menschlichen Fortschrittsstrebens und eine damit verbundene Hommage an den russischen Meister für menschliche Tragikkomik hinaus geht.

 

 

Der echte Anton Pawlowitsch Tschechow  

 

[Wikipedia. Lizenz: Public Domain]

 

Seine geschichtsphilosophischen Überlegungen gehen wirkungsvoll und originell mit dem Aufbrechen der Erzählhaltung einher. Die drei Handlungsstränge der Romane, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielen, bleiben durch inhaltliche Parallelen und Bezugnahmen miteinander verwoben: Das Band in die Vergangenheit wird zwar schon bald durch die Ereignisse in der Zukunft recht eindeutig aufgeklärt, die Erklärung der Zukunftsepisode gestaltet sich – vor allem durch die verschiedenen Implikationen der Zeitreise – schon schwieriger. Die Art und Weise der Auseinandersetzung mit Tschechows historischer Reise legen einen etwaigen Versuch Watsons, das Subjekt Tschechow beziehungsweise das Tunguska-Ereignis zu entmythologisieren, nicht nahe. Anders verhält es sich jedoch mit Watsons Abgesang auf das sowjetische Ideologem des »Neuen sozialistischen Menschen«, den er in Gestalt Anton Astrows über der Tunguska abstürzen lässt.20

Der inner-space-Autor reüssiert in seinem Bestreben, Geschichte als Erfindung und kollektive Fiktion zu verdeutlichen, was für sein Romanwerk nicht untypisch ist, das er als »dialect of history and transcendence« charakterisiert hat.21 Im »Tschechow«-Roman bringt Felix Levin, der künstlerische Leiter der Stanislawskij-Filmgruppe, dieses Wechselverhältnis auf den Punkt: »Vergangene Ereignisse können verändert werden. Die Geschichte wird immer wieder umgeschrieben. Nun, wir haben gerade entdeckt, daß dies auch für die wirkliche Welt gilt. […] Vielleicht unterliegt die wirkliche Geschichte der Menschheit ständigen Veränderungen! Und warum? Weil Geschichte eine Fiktion ist. Sie ist ein Traum im Bewusstsein der Menschheit, das sich stets strebend bemüht … wohin? Zur Vollkommenheit.«22 (bf)


Endnoten

1 Donald R: Bensen: Zwischenhalt. München: Heyne, 1984. S. 135.
2 Ebd., S. 8.
3 Ebd., S. 15.
4 Ebd., S. 130
5 Ebd., S. 175.
6 Ebd., S. 237 f.
7 Ebd., S. 259.
8 Ebd., S. 261.
9 Ebd., S. 270 f.
10 Ian Watson: Tschechows Reise. München: Heyne, 1986. S. 27.
11 Der russische Theaterreformer Konstantin Sergejewitsch [Stanislawski] (1863-1938) »verlangte vom Theater die detailgenaue Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wirklichkeitstreue und Lebensechtheit des Spiels sollten durch Nachahmung und Einbringen korrespondierender Eigenerfahrungen garantiert werden. Sein Credo: ›Die Rolle muss man erleben, das heißt analog mit ihr Gefühle empfinden‹«. http://www.asfh-berlin.de/theaterpaed-wb/index.phtml?action=anzeigen&id=16
12 Watson 1986, S. 70 f.
13 Ebd., S. 72.
14 Ebd., S. 51.
15 Ebd., S. 110.
16 Ebd., S. 179.
17 Ebd., S. 185.
18 Ebd., S. 181.
19 Ebd., S. 195.
20 »Wo die – bislang gefesselten – Urkräfte des Volkes und die Wissenschaft zueinanderkämen, da beginne die Stunde eines neuen Zeitalters. Ein Neuer Mensch mit bislang ungeahnten Kräften werde geboren. Mit ihm werde der Weg der Menschheit in bislang nicht vorstellbare Höhen führen.« Gottfried Küenzlen: Der Neue Mensch. Eine Untersuchung zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1997. S. 141.
21 http://www.suite101.com/article.cfm/sf_and_society/ 69819
22 Watson 1986, S. 198.



(Erstveröffentlichung: B. Figatowski: Deep Impact? Zum literarischen Nachbeben des Tunguska-Ereignisses im Jahre 1908. In: Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Heyne Science Fiction Jahr 2008, München: Heyne 2008, S. 439-467.)








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