Meine Leselistenfortsetzung, Februar bis kurz vor LBM26
Michel Tournier Clemens J. Setz Adrian Daub
Mitten im Monat, scheinbar völlig zufällig
und zusammenhanglos wird hier meine Leseliste fortgesetzt. Einfach so. Als kleinen Grund kann ich angeben, dass demnächst die Leipziger Buchmesse losgeht und die könnte man – ich – als Zäsur ansehen. Mal sehen, was mich da erreicht, anspricht, überfällt. Im besten Falle sollte ja sowas geschehen; in Aussicht habe ich aber noch nichts, wenn ich ehrlich bin.
Also hier der Februar und der halbe März. Waren vor allem kleinere Werke, und relativ wenig Phantastik. Etwas zum Frankreich-Spezial des neuen sterns, das dies Jahr entstehen soll. Ein bisschen was als Nachwehe zu einem kurz aufgeflackerten Interesse an ETA Hoffmann, der ja immerhin dies Jahr 250 wird. Dazu kommt auch was im neuen stern, allerdings weniger von mir. Angefangen habe ich „Die Serapions Brüder“, aber die Lektüre zieht sich hin, auch wenn sie, so ich mal dranbleibe, teilweise richtig gut gefällt.
Ein bisschen hab ich meine Michel-Tournier-Leseschuld beglichen. Im Mittelpunkt standen aber aktuelle Zeitgeistfragen. UND – natürlich: Die Mega-Sammlung von Erzählungen von Ursula K. Le Guin!! Dazu dann sehr viel mehr im NEUEN STERN 122.
Peter Hacks: „Zur Romantik“
Über ein gerade in mir entbranntes ETA-Hoffmann-Fieber, das ich durch Kontakte zu Hoffmann-Kennern füttere, die auf dem Gebiet Kenntnisse haben und Lust, diese anderen mitzuteilen, was im NEUEN STERN sich dann niederschlagen wird, und auch durch eigene laufende Lektüre (von der ich nicht weiß, wohin sie mich führen wird, aber es macht gerade einfach große Laune, den Serapionsbrüdern zu folgen!) – über einen Artikel von Gunnar Decker (meinem Lieblingsbiografen!!) in den DRESDNER HEFTEN (160) über Hoffmann bei Fühmann (meinem Lieblings-Fühmann!!!), kam ich auf dieses schmale Büchlein – vom DDR-Klassiker und Romantiker-Verächter.
Nun, es ist ihm nicht gelungen, mir meine akute Begeisterung für den Romantiker ETA auszureden! Habe aber den langen Essay mit gewissem Vergnügen gelesen. Ja, Hacks hält so überhaupt gar nix von den Romantikern. Alles Mist für ihn – aus Gründen. Welche Gründe? Ja, interessant, vor allem politische. Na ja, so habe ich die bisher nicht verstanden, vielleicht partiell, aber nicht so in Gänze – nämlich im Grunde als politische Partei. Und als Agenten vor allem englischer Geheimdienste. Ja, echt! Ob da so stimmt, oder doch eher eine überzogene Interpretation ist? Oder ein historischer Verschwörungs-Mythos? Es liest sich so – auch ziemlich spannend, wie ich finde.
Hacks hat ja selbst einen tollen Erzählton, der mir mitunter auch antiquiert vorkommt, aber sehr pointiert formuliert. Alle Achtung; ist aber auch ein bisschen anstrengend. In der Kürze hier aber gut genießbar.
Für eine richtige, überzeugenden Beweisführung ist der Text eher zu kurz geraten. Ich fand ihn anregend, aber nicht überzeugend. Da es bei den Romantikern sich um Literaten und Künstler handelte, kam meiner Meinung nach zu wenig ihre literarischen Qualitäten (oder hier: mangelnde Qualitäten) zur Sprache, die wurden nun behauptet. Begründet wurden sie eigentlich nur mit ihrer gesellschaftspolit. Haltung.
8 / 10 Punkte
Ursula K. Le Guin: „Der Tag vor der Revolution“
25 SF Stories, neu übersetzt von Karen Nölle
Geschafft! Immerhin knapp 800 Seiten. Das ist schon viel für mich – auf einen Ritt. Aber es hat sich natürlich gelohnt. Einige Stories kannte ich ja durchaus – zumindest, wenn ich meinen Aufzeichnungen trauen kann, denn ich habe sie mitunter so um 1990 gelesen und konnte mich natürlich nicht mehr im Detail dran erinnern. Da ist es jetzt ein richtiges Fest gewesen, sie noch einmal und viele erstmalig zu lesen!
Anlass war zudem eine Rezi von Ellen Norten auf KULTURAextra, die ich auch für den NEUEN STERN nehmen durfte. Aber da dort eher keine Sachen stehen sollen, die man genauso auch woanders lesen kann, „musste“ ich sie sozusagen kommentieren. Dabei kam eine 7-seitige Gemeinschafts-Rezi raus (DIN A 4). Na ja… da müssen die NEUER-STERN-Leser*innen nun durch.
Mir hat der Ausflug ins Hainish-Universum wieder großartig gefallen und mich daran erinnert, dass ich ihre großen SF-Romane unbedingt noch mal lesen muss. Auch das fand ja bereits in den 80er Jahren statt; eine Ewigkeit her.
Die Autorin zelebriert in einigen längeren Hainish-Stories die unterschiedlichen Geschlechterbeziehungen, für die sie sicher bekannt ist. Aber sie stehen nie allein da, sondern sind Teil, Ursache oder Folge, von gesellschaftlichen Entwicklungen in den unterschiedlichen Hainish-Welten. Und das mit dem Churten, also dem überlichtschnelle, im Grunde Augenblicks-Transport, der hier in einigen Geschichten „entwickelt“ wird, hat mich fasziniert. Nur selten fand ich etwas Langatmiges, die 800 Seiten haben mich meisten komplett fesseln können.
10 / 10 Punkte
Rainer Mühlhoff: „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“
Ein Reclam-Bändchen aus der Reihe [Was bedeutet das alles?]
KI – kann jemand das Wort nicht mehr hören oder lesen? Kann ich verstehen. Aber, was mich bei all der Diskussion die ganze Zeit andauernd am meisten nervt, ist der Umstand, dass hier immer von „KI“ die Rede ist – aber es sich doch aus Sicht eines futurologisch interessierten SF-Fans gar keine KI ist! Inzwischen wird ja auch schon entsprechend anders diskutiert, wenn es nicht nur um Werbeposts, blöde Chat-Dialoge, Falschaussagen und dienstbare Programme fürs Schreiben, Bildermachen und die Internetrecherche geht – dann wird inzwischen auch von einer „starken KI“ gesprochen, wenn man halt eine „echte“ KI, also ein denkendes und sich selbst bewusstes (?) Wesen meint, mit eigenen Absichten, Meinungen etc. Na ja, zumindest ansatzweise.
Aber nicht darum geht es am Ende in dem Buch, sondern darum, wie die derzeitigen Herren über die vorhandenen KI-Systeme diese für ihre gesellschaftlichen, politischen Zwecke nutzen, für den Umbau der Gesellschaft.
Das Ganze zieht mir einen schmerzenden Zahn, denn ich bin durchaus „Fan“ von KIs, von der Idee eines denkenden, auch mitfühlenden Wesens, das für die Lösung der Probleme in unserer Welt u. Gesellschaft zur Verfügung stünde. Eine Utopie, eine rosarote, wie ich immer mehr einsehen muss. Was kommt am Ende dabei wirklich raus? Siehe Titel… Ein wichtiges Buch zu dieser Zeit für mich.
9 / 10 Punkte (falls hier Punkte überhaupt sinnvoll sind)
Adrian Daub: „Was das Valley denken nennt“
… geht’s gleich weiter im Stoff, hier mehr aus Sicht eines Gesellschaftswissenschaftlers, noch weniger aus Informatiker-Sicht. Fazit: Die „Denker“ des „Valleys“ erfinden das Rad nicht neu. Hier spürt der Autor gekonnt und auch sehr gut erzählt den Wurzeln der gegenwärtigen Ideologie des die Geschicke der Welt bestimmenden Tech-Sektors nach. Für mich ein näheres Kennenlernen mit „alten Bekannten“, aber auch Anregung fürs Weiterlesen. Gleichzeitig eine Anregung, mehr von Adrian Daub zu lesen.
9 / 10 Punkte
Das Lächeln am Abgrund. Phantastische Geschichten aus Frankreich
Zweitlesung, und das innerhalb relativ kurzer Zeit – hatte ich schon mal Ende 2023.
Siehe hier; damals konnte ich nicht tippen, daher Aufzeichnungen per Hand. Buchdeckel zu. Ende der Lektüreliste 2023 - SF-Netzwerk
Diesmal habe ich auch die lange Erzählung komplett gelesen, die mir damals zu langweilig war und deshalb abgebrochen wurde. „Naama oder die Göttin der Blutschande“. Nun ja, viel spannender ist sie diesmal auch nicht gewesen. Sie ist fast ein Kurz-Roman, mit Nebenhandlungen. Der Inhalt ist gar „bedenklich“ – vor dem heutigen Hintergrund der #me-too-Bewegung liest sich eine Geschichte, in der eine Frau unter Drogen gesetzt wird, um sie sexuell zu stimulieren, sehr unangenehm. Dabei wird sie von einem Dämon besetzt, der dann auch noch in ihre aus der Beziehung hervorgegangenen Tochter fährt. Diese ist dann auch so nymphomanisch. All das liest sich unangenehm und unpassend.
Die anderen Stories haben mir aber wieder recht gut gefallen, die von Daniel Walther über den Kult, der an HPL erinnert, sogar besser als wohl damals, wenn ich meinen Aufzeichnungen trauen kann. Ich mag die Atmosphäre, die in Ruinen unter dem Meer und älter als die Zeit, herrscht…
Anlass für das 2. Lesen ist unsere geplante Frankreich-Ausgabe des NEUEN STERNs. Dazu wird es auch für den 2. Band in der Reihe „Phantastische Literatur“ bei Bastei-Lübbe mit französischen phantastischen Stories, herausgegeben von Jörg Weigand, auch eine Rezi geben; nämlich die hier:
(bleibe bei 8 / 10 Punkten)
Der Herr der Bäume. Neue phantastische Geschichten aus Frankreich
Die Titelstory füllt das halbe Buch, wortwörtlich, ist damit fast ein Roman. Und was für einer! Richtig toll, auch wenn die Phantastik erst in der zweiten Hälfte überhaupt zutage tritt: in Form eines Baumkönigs, den man sich adäquat zu einem „Rattenkönig“ vorstellen muss, also einer Gruppe von Bäumen, die durch ihre Wurzeln miteinander verbunden sind (bei den Ratten sind es die Schwänze). Das Über-Wesen hat dann wohl sowas wie Bewusstsein erlangt und ist ziemlich neugierig. Da es sich nicht vom Fleck wegbewegen kann, behält es andere Kreaturen, gern auch Menschen, in seiner Mitte und „saugt“ sie aus – also, ihre Gedanken, ihr Bewusstsein. Zurück bleibt en Zombie.
Ansonsten ist es eine tolle Abenteuergeschichte, sehr schön, wortgewaltig erzählt.
Die anderen Stories sind dann meistens sehr kurz, die eine grotesk (über einen Superman, ein „Mann aus Stahl“, der durch Wände gehen kann, was Vor- und Nachteile für sein Welt bringt), oder auch tragisch (über den als Erleichterung empfundenen gewaltsamen Tod eines bösartigen Kolonialisten und Rassisten) etc. Wieder eine schöne Sammlung, wie schon der ersten Band von Jörg Weigand in dieser „schwarzen Reihe“.
9 / 10 Punkte
Michel Tournier: „Eleasar oder Quelle und Dornbusch"
Dt. v. Hellmut Waller
Überraschend anrührender Kurz-Roman vom Meister. Bin hin und weg – und weiß gar nicht so genau, warum. Ich bin ja nicht religiös, der Held der Geschichte aber sehr. Allerdings ist es Eleasar fast wider Willen, so wie er alles, was er getan hat, wider ursprünglichem Willen tat.
Wir sind in der 1. Hälfte des 19. Jh. In Irland, dem Land, wo die Armut zuhause ist. E. will Tischler werden, aber kann es nicht, muss Schäfer werden. Er findet sich rein und nimmt die Aufgabe an, bis er einen Fehler begeht und von seinem (Dienst-) Herrn hart bestraft entlassen wird.
Weil nix anderes geht, wird er protastantischer Pastor – im katholischen Irland; auch nicht gerade ein geradliniger Weg. Dann verliebt er sich in ein Mädchen, das eine Gehbehinderung aufweist, aus kathol. Familie. Deren Eltern sind dann froh, als sie sie auf diesem Weg „unterbringen“ konnten.
Zur Zeit der großen Hungersnot wegen der Kartoffel-Seuche in Irland, und weil es zuvor zu einem bösen Ereignis kam, siedelte die junge Familie nach Amerika um. Ihr utopisches Ziel heißt Kalifornien.
Ich war etwas überrascht, dass E. so sehr religiös wurde, dass er sich in Moses, seinem Vorbild, wiederfand und sich und seinen (Lebens-) Weg in „gelobte Land“ mit dem von Moses verglich.
Die religiösen Ableitungen im Text fand ich durchaus inspirierend und ansprechend, zumal sehr handhabbar aufbereitet. Da spielt auch die Schlange als luziferisches Symbol eine große Rolle. Habe gelernt, dass St. Patrick, der Landesheilige der Iren, die Schlangen auf Irland ausgerottet habe. Nun aber, in der amerikanischen Wüste, wird E. wieder mit Ihnen konfrontiert. Allerdings auf eine dialektische, oder wenigsten dualistische Weise – genauso, wie der Buchtitel andeutet. Denn es geht um die Entscheidung für den eigenen Lebensweg, der zur Quelle oder zum brennenden Dornbusch führen kann.
Die Erzählung endet tragisch, aber ich war echt gerührt. Ich denke mal, Tournier ist einfach ein Meister des Erzählens und hat mich deshalb so eingefangen.
10 / 10 Punkte
Michel Tournier: „Lucio oder die Belagerung des Glücks“
Dt.v. Hellmut Waller
Ein schönes Buch aus dem Hanser-Verlag, eigentlich was für Kinder, aber das hat mich nicht abgeschreckt. Ich finde diese Kladden-Hardcover-Ausgaben mit dem roten (oder blauen) Buchrücken einfach so toll. Von Tournier sind nach meinem Kenntnisstand drei solche Bücher in der Aufmachung erschienen – die ich nun alle mal endlich lesen werde. Hier also das erste davon.
Ist ja nur eine Erzählung, schnell ist man durch. Das ist sozusagen „cosy history“ – spielt im 100jährigen Krieg und „löst“ eine Belagerung auf, indem die Anführer der Heere Schach miteinander spielen. Na ja, wenn das immer so einfach wäre. Wobei die Aussage der Story darauf zielt, dass es eben nicht nur eine Frage des Verstandes ist, wer im Schach gewinnt, sondern sehr wohl auch des Glücks.
9 / 10 Punkte
Leon Engler: „Botanik des Wahnsinns“
Nach den Melle-Büchern nun auch diese sehr persönliche Sicht auf das, was wir unsachgemäß als „Wahnsinn“ bezeichnen. Oder als Depressionen etc.
Ich weiß nun gar nicht, ob der Autor wirklich von seiner eigenen Familie schreibt. Wenn, dann ist er nicht zu beneiden. Er schreibt als „Betroffener“, aber auch als angehender Therapeut. Er wird mit so vielen Formen psychischer Problematiken bei Menschen konfrontiert, dass es wirklich schwer ist, das schon lesend auszuhalten.
Mir ging das Buch ziemlich unter die Haut. Klar, wenn man so etwas liest, beginnt man zu vergleichen, inwieweit das Beschriebene auch auf einen selbst zutrifft (bei anderen Krankheiten wäre das ähnlich, aber das wäre mir dann noch unheimlicher; sowas würde ich nicht lesen – können). Die Erzählung selbst ist klar und immer noch so distanziert genug (anders als bei Melle, finde ich), dass ich das Buch mit großem Interesse und Spannung gelesen.
Mitunter ist es fast zu viel des Bösen, was man da liest; irgendwie kann man auch den Überblick verlieren, wer nun unter welchem psychischen Leiden leidet.
9 / 10 Punkte
Clemens J. Setz: „Rainer Maria Rilke“
Aus der Reihe des Reclam-Verlages „100 Seiten“
Da ich durch den superdicken Roman (Die Stunde zwischen Frau und Gitarre) einfach nicht durchkomme, seit 2 Jahren (?) nun etwas erfrischend Kurzes, was aber, neben Interessantem über Rilke auch sehr viel, mehr als erwartet, über Setz selbst. Seine Bücher sind oft, soweit konnte ich das schon feststellen, sehr oft viel assoziatives Gedränge (der Begriff ist ausgeborgt, von Ernst Petz, der einst ein Buch von sich so benannte und, fällt mir gerade ein, von dem ich auch lange nix mehr hörte).
Ein tolles kleines Buch! 9 / 10 Punkte

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