Vielleicht doch auch deshalb, weil SF-Autoren und ihre Leser - ihrer eigenen Selbstwahrnehmung zum Trotz - im Grunde genommen recht konservative und phantasielose - um kein schlimmeres Wort zu verwenden - Menschen sind?
Manchmal scheint mir, dass die einzig überzeugend porträtierte Utopie in der SF die Vorstellung ist, dass auch in ferner Zukunft mit all ihren technologischen Wundern die Welt im Grunde so bleibt, wie sie sich jeweils gegenwärtig darstellt.
Naja, Fakt ist, dass sich unsere heutige Zeit auch nicht allzu sehr von früher unterscheidet. Sicher, es gibt heute andere Ideologien, andere Wertvorstellungen, andere Technologie...aber das Stichwort ist "anders". Heißt das moderner/besser/überlegen? Wohl kaum. Der Zyklus zwischen Demokratie und Autokratie ist Tausende von Jahren alt, der Aufstieg und Fall von Imperien ebenso, genauso Krieg und Frieden. Technologie ändert sich, aber nicht Verhalten.
(siehe unten)
Desgleichen neigen sie, denke ich, dazu, die Konstanten in der geschichtlichen Entwicklung überzubetonen. (Du qualifizierst Deine Aussage immerhin („...solange der Mensch der gleiche ist.“)
) und übersehen dabei, dass sich im Verlauf der Geschichte radikale Veränderungen vollzogen, in Bereichen wie der Legitimation von Herrschaft, der Sexualmoral, der Beziehung zwischen den Geschlechtern, etc., die alle irgendwann einmal als in der menschlichen Natur begründet und damit keiner geschichtlichen Veränderung unterworfen betrachtet wurden.
Einerseits ist also m.E. keineswegs klar, wie unsere biologische Ausstattung im Einzelfall unter bisher noch nicht dagewesenen Umweltbedingungen unsere Möglichkeiten limitiert, andererseits - und das erscheint mir der wichtigere Punkt - spricht viel dafür, dass eben diese Natur zumindest mittelfristig in einem Maß disponibel wird, wie sich das heute vermutlich kaum jemand vorzustellen vermag - auch phantasievollere Menschen nicht, als es SF-Fans für gewöhnlich sind...
Zwei Anmerkungen hierzu:
Ich habe mir kürzlich ein Jahrbuch aus dem Jahr 1901 gekauft. Zur Info: Das Jahrbuch ist ein Kalender mit Zusatzinformationen, so etwas wie ein Terminplaner heute mit Infos, was so im letzten Jahr passiert ist. Es ist recht offiziell und konservativ gehalten, u.a. voll mit positiven Stories aus den deutschen Herrscherhäusern, allen möglichen Geburts- und Feiertagen der Adeligen usw.
Wenn man sich die Texte und die Werbung darin anschaut, ist man sehr oft überrascht. Ein Text befasst sich u.a. mit den Berufsmöglichkeiten für junge Frauen und es ist erstaunlich, wie liberal der Text ist. Nicht etwa, dass da nur "Hausfrau" oder "am Herd" steht, sondern die ganze Bandbreite von einfachen Ausbildungsberufen, Dienstleistungsberufen, kaufmännischen Berufen und akademischen Berufen (u.a. Ärztin usw.). Der Text könnte auch aus den 1950ern oder 60ern sein. Allgemeinwissen ist ja, dass die Gleichstellung von Mann und Frau mit den Erfahrungen der beiden Weltkriege begann, als Frauen massiv in der Rüstungsindustrie und an anderen Punkten arbeiten mussten. Ist wohl falsch, wenn man sich das hier durchliest. Wie gesagt: Das ist kein sozialistisches Buch, sondern eher eins für den Bürger!
Und wenn man sich die Werbung anschaut: Werbung für Reisen, Haushaltsgeräte, Medikamente, Nahrungsmittel, Unterhaltung...was man auch heute erwarten würde.
Zweite Anmerkung: Ich habe mal ein Buch über Wirtschaft im römischen Reich gelesen. Wenn man sich das durchliest, verliert man jeden Glauben an die Überlegenheit unserer Zeit bzw. den Glauben, dass wir heute so anders sind als die Leute früher. Versicherungsbetrug, Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung, Korruption, Wahlfälschung, falsche Wahlversprechen, Propaganda, öffentliche Meinung...hat's alles schon gegeben, ist alles nicht neu. Was zeigt das? Der Mensch ist der gleiche, nur das Umfeld ist anders.
Sexualmoral und Legitimation der Herrschaft haben sich im Laufe der Zeit immer angepasst und werden sich immer anpassen. Die Sexualmoral ist z.B. aktuell eher wieder in Richtung konservativ unterwegs. Glaubt man mir nicht? Schaut euch mal die Sittenwächter in den USA an. Erinnert sich jemand an "Nipplegate" von Janet Jackson? Ende der 60er war da noch was von "freier Liebe" usw. unterwegs. Gab's ja in Deutschland auch, die Kommune so-und-so mit offenem Gruppensex und Verpönung fester Beziehungen. Das gibts zwar heute auch noch, wird aber nicht mehr als Ideal proklamiert.
Legitimation der Herrschaft, da gibts auch ein Auf und Ab. Im Westen ist aktuell die Demokratie angesagt, aber es hat schon Artikel gegeben, die sagen, dass Chinas Autokratie evtl. besser mit großen Krisen wie der Euro-Finanzkrise umgehen kann. Von dem Standpunkt aus ist es nur ein kleiner Hopser zum Unterstützer der Autokratie. Demokratie wurde gerade in islamischen Ländern ab und zu durch Fundamentalismus ersetzt. Die Aufklärung, Trennung von Kirche und Staat und der Glaube an die Wissenschaft wird in Teilen der USA gerade durch christlichen Fundamentalismus ersetzt. Das Pendel schwingt dort in die andere Richtung...
Das alles ist natürlich auch eine persönliche Philosophie-Frage. Ich sehe unsere Geschichte aber eher als ein ständiges Hin-und-Her gewisser Kräfte und Flügel, weniger als einen Strahl, der unaufhaltsam in eine Richtung geht. Entwicklungen kann man auch umkehren und wieder umkehren usw. Denn eines ist in all den Jahrtausenden gleich geblieben: Der Mensch selbst.