⊛⊛⊛ Militär & Geopolitik ⊛⊛⊛
Im Mai hatte ich Gelegenheit, vier Lesungen an der Schulrat-Habermalz-Schule in Alfeld zu halten. Die Aktion lief über die Gewerkschaft GEW, eingeladen hatte mich die Schulleiterin Sabine Hartmann. Nein, ich bin nicht verwandt oder verschwägert mit ihr, allenfalls durch unsere Autorentätigkeit ein wenig wahlverwandt, denn sie schreibt Krimis, meist mit Lokalbezug.
Die Schule ist dreizügig. Geplant waren insgesamt vier Lesungen, und zwar für die Klassen 5, 6, 7 und 8, wobei die „Kleinen“ aus den 5. und 6. Klassen jeweils eine 45-minütige Lesung inklusive Diskussion bekommen sollten, für die „Großen“ aus den 7. und 8. Klassen war eine Doppelstunde mit 90 Minuten vorgesehen. Da ich mir vier Lesungen an einem Tag stimmlich dann doch nicht recht zutraute, verteilten wir das Ganze auf zwei Tage, und ich „belas“ an jedem Tag einmal Kleine und einmal Große.
Was passt zu welcher Klasse?
Bei der Auswahl habe ich lange vor meinem Bücherregal gestanden und überlegt, welches von meinen Werken denn nun eigentlich für welche Altersgruppe geeignet ist. Ich entschied mich schließlich für
- „Nestis und die verschwundene Seepocke“ für die Fünftklässler
- mein Sagenbuch „Hut ab, Hödeken“, das teilweise in Alfeld spielt, für die Sechstklässler
- „Das Herz des Donnervogels“ für die siebten und
- mein Journalisten-Roman „Die Schlagzeile“ für die achten Klassen.
Letzteres vor allem, weil mir die Lehrerin, die mich betreute, verraten hatte, dass die Schüler gerade im Unterricht ein Projekt mit der Alfelder Zeitung machen.
Ich glaube, dass die Schüler viel Spaß hatten. Wobei der zweite Tag (mit Nestis und der Schlagzeile) mir am besten gefallen hat. Die Fünftklässler gingen bei Nestis richtig mit, die Achtklässler stellten die interessantesten Fragen.
Was Schüler wirklich wissen wollen
Gewundert habe ich mich aber mal wieder, dass die Kinder und Jugendlichen gar keine Fragen zum Buch gestellt haben. Ich hatte ja bei "Das Herz des Donnervogels" kritische Töne zur Verwendung des Wortes "Indianer" erwartet und war mit einem kurzen Info-Statement dazu gestartet, aber die Erregung darüber blieb aus. Auch als ich nach der Lesung aus "Die Schlagzeile" ein paarmal versuchte, die Schüler auf ihr Zeitungsprojekt anzusprechen, waren die Reaktionen verhalten.
Meist war ich als Schriftsteller viel interessanter als meine Texte. „Wie alt sind Sie?“, „Haben Sie Kinder?“ und ganz wichtig: „Was verdient man als Schriftsteller?“ Nein, ich habe keine Summen genannt. Aber als ich sagte, das wären schon zwei bis drei Raten für mein neues E-Auto, erklärte mir ein Achtklässler: "E-Auto ist nicht gut." "Doch", sagte ich, das ist sehr gut." Eine weitere Diskussion zu dem Thema gab es dann nicht mehr.
Die Schüler wollten aber auch wissen: „Warum haben Sie sich so einen uncoolen Beruf ausgesucht?“ Ich erzählte, dass Journalismus superspannend sei. Aber sie meinten gar nicht die Zeitungsarbeit, sondern das Bücherschreiben. Naja, Coolsein war nie mein Anspruch. Ich bin hot.
Ein Siebtklässler fragte durchaus anerkennend, wie ich das überhaupt schaffen könne, einen so langen Text vorzulesen.
Ein Achtklässler erzählte, ihm habe jemand gesagt, er schreibe so schlecht, das mit dem Geschichtenschreiben solle er sich aus dem Kopf schlagen. Da wurde ich etwas sauer: „Das lass dir niemals einreden!“, sagte ich und hielt ein flammendes Plädoyer fürs Dranbleiben und dafür, dass man sich seine Träume nicht von missgünstigen Leuten madig machen lassen soll. Er hat sich am Schluss der Lesung nochmal bedankt bei mir.
Hand aufs Herz
Eine Frage eines Achtklässlers: "Hand aufs Herz - wie halten Sie es mit KI?" Puh, tja, zum Schreiben taugt sie nicht, sie produziert allenfalls Mainstream. Und sie redet ziemlich viel dummes Zeug, man kann ihr nicht trauen. Als Korrekturleser war sie mal ziemlich gut, aber seit etwa einem Dreivierteljahr findet sie die einfachsten Tippfehler nicht mehr. Der Schüler riet mir schließlich, von Chatgpt auf Gemini umzusteigen, das sei besser. Nun ja.
Etwas albrig wurden die Sechstklässler, als sie anfingen, Fragen nach dem Muster „Worum ging es in Ihrem achten Buch? Worum ging es in Ihrem zwölften Buch?“ zu stellen. Einfach immer neue Zahlen einsetzen, und die Autorin ist beschäftigt. Naja, ich erzählte halt ein bisschen.
Und dann war da noch der Achtklässler, der sich vorsichtig heranpirschte: „Ich sehe gar keinen Ring … Ähm, schreibt Ihr Freund auch?“ Ich: „Oh, dein Antrag ehrt mich natürlich. Aber dafür würde ich dich schon noch vorher noch ein bisschen kennenlernen.“ (Allgemeines Gelächter.)
Kleine Enttäuschung für die Fünftklässler
Eine kleine Enttäuschung musste ich den Fünftklässlern leider bereiten. Ach, Mensch, da habe ich doch das Nestis-Kapitel „Schwestern sind eine Pest“ vorgelesen und dabei ausdrücklich erklärt, dass ich mich dafür natürlich bei meiner kleinen Schwester entschuldigt habe. Ich liebe meine kleine Schwester, ehrlich, aber manchmal sind kleine Geschwister eben auch etwas nervig. Das schienen alle zu verstehen, alle fanden es lustig. Aber aus einem ganz anderen Grund, wie ich später erfuhr. Schließlich ging in der Diskussion eine kleine Hand hoch. „Wie heißt Ihre kleine Schwester?“ Tja, wieder ein Mythos zerstört. Die Schulleiterin Sabine Hartmann ist nicht meine kleine Schwester.
© Petra Hartmann
Einst, vor kurzem sozusagen, war ich noch Leser des Fanzines BWA – Baden-Württemberg Aktuell. Allerdings auch nur einen recht kurzen Zeitraum lang, gemessen am sehr langen Bestehen des Clubs und des Fanzines. Daher kannte ich diese Magazin-Reihe gar nicht, die hier mit der Ausgabe 15 nach langer Zeit fortgesetzt wird.
Das „Heft“ ist schon gar keines mehr, eher ein richtiges Paperback, gebunden, mit über 150 Seiten. Schon eindrucksvoll. Das Titelbild hat mir auch erst mal gleich gefallen. Allerdings, obwohl es wie eine Zeichnung aussieht, ist es leider doch nur so ein KI-Dingens. Na ja, immerhin: Was die schon alles kann.
Insgesamt findet man im Buch weitere KI-Bilder. Das gefällt mir nicht, aber was hab ich schon zu sagen. Die Texte sind jedenfalls kein AI-Slop! Neben einigen Stories, sind es auch Artikel, Rezis, Essays, die mir vor allem auch deshalb gefielen, weil sie oft sehr persönliche Statements darstellen und subjektive Eindrücke widerspiegeln.
Unter den Autorennamen findet man gleich ein paar bekannte. Uwe Hermann beginnt den Reigen mit einem „Reisebericht“. Da stützt der Erzähler durch Zeiten und Räume. Das erinnerte mich sogleich an den Film „Everything Everywhere All at Once“, nur leider ohne Action. Der Perspektivwechsel zum Schluss ist dann auch nicht so dolle überraschend. Die Story erschien mir fast wie eine Fingerübung, die man auch beliebig erweitern könnte. Und – was sonst eher nicht meine Art ist – muss ich besserwisserisch anmerken, dass m.M.n. auch so ein paar kleine Logikfehler enthalten sind. Das ist z.B. ein warmer Regen erfrischend. Naja, kann ja sein, kommt ja drauf an, wie warm es sonst ist? Und: Der Protagonist ist als Pragmatiker nur an Lösungen interessiert, nicht an der Suche nach den Ursachen; ein paar Zeilen weiter möchte er aber doch wissen, was da „der Auslöser“ ist.
Martin Eisele setzt fort, mit der überarbeiteten Version einer Story die schon mal im EXODUS 26 stand. Der Aktualisierung tut der Story gut, man wird komplett in der Gegenwart abgeholt, obwohl wir in die nahe Zukunft entführt werden. Die Schreibweise erinnert mich an Cyberpunk, ist auf jedenfalls dystopisch. Insgesamt recht distanziert und kühl im Stil. Na ja, angemessen dem Inhalt und der Aussage. Und dem Zeitgeist entsprechend – leider. Ich kam etwas schwer rein in den Text und er erschien mir auch inhaltlich mitunter etwas überstreckt (als wäre er der Beginn eines längeren Werkes, das dann irgendwann alles Angesprochene zusammenfügt).
Michael Sagenhorn setzt mit einer astreinen Urbanen Dark Fantasy fort: „Schwarzblut“. In naher Zukunft ist die Ozonschicht im Eimer. Das verursacht aber nicht nur den Menschen, sondern auch anderen Wesen großes Ungemach. Und so müssen Menschen und Vampire nach einer Lösung suchen, denn unter letzteren versuchen die neuen Licht-Umwelt-Verhältnisse eine verehrende Seuche. Um das Problem anzugehen, wird so ein „Schwarzblut“ als Proband benötigt. Jo, hat mir gefallen.
Gerhard Huber bietet eine lustige Mensch-Maschine-Beziehungskiste an, die mich in die 60er zurückversetzt, als es sowas auch schon gab, also lange bevor „KI“ noch kein Mainstreambegriff war. Jetzt ist das, was wir da lesen können, sogar wahrscheinlicher als damals.
Michael Baumgartner hat auch eine Story beigesteuert. Er erzählt uns einen Near-Future-Krimi aus London. Er könnte aber auch in Berlin, oder Stuttgart spielen – oder? Es geht um Mietwucher, Wohnungsknappheit und die Tricks und Betrügereien, die sich darum entspinnen können. Und außerdem hat jede Wohnung dann auch eine KI, die so ihr eigenes Ethos hat. Gut geschrieben, mit menschelnden Accessoires.
Der Titel von Martin H. Schmitts „Im Schatten von Beteigeuze“ führte mich erst mal auf die falsche Spur. Es geht nicht ins All. Es ist eine tottraurige, trotz ihrer Kürze (ca. 2 Seiten) mich doch anrührende literarische Skizze über die Zeit nach dem Ukrainekrieg, die am Ende auch eine Vorgeschichte zur ukrain. Variante von „Metro 2033“ sein könnte.
Noch eine Kürzeststory, von Natalie Tricarico: „Nichts bleibt ewig“. (Ja, wir wahr.) Ist eine Tierphantasie über das Leben, Hoffen und Sterben von Spinnen.
Jetzt kommt der Sekundärteil. Uwe Lammers beginnt. Er hat ein tolles Buch über Frank L. Baum gelesen (hab mal nachgesehen, das könnte man erwerben, ist aber nicht ganz billig) und fast dessen Aussage mit eigenen Lektüreerfahrungen zu Baums Oz-Büchern zusammen. Sehr interessant!
Uwe meint eingangs, der „Wizard…“ würde oft in Kreisen der Phantastik-Fans gering geschätzt. Die Bücher-Serie würde doch mehr enthalten, was man nur erkennt, wenn man sie genauer liest.
Weiter unten meint Uwe noch, dass der „detaillierte Inhalt den meisten Lesern vermutlich weitgehend unbekannt“ sei (S. 91). Seite 94 kommt noch die Aussage, dass Baums Geschichten in Deutschland nicht so bekannt sind (wie in Amerika; was sicher auch stimmt).
Das alles lässt meiner Meinung nach etwas außer Acht: Vielleicht ist das unter den Lesern der ehemaligen DDR doch noch etwas anders. Allerdings hatten wir nicht die Originale von Frank L. Baum, sondern die Adaption von Alexander Wolkow, der (und andere) die Reihe auf eigenen Wegen fortsetzte. Und diese Bücher waren auf alle Fälle bei „uns“ sehr populär!
Das 1. Buch (Zauberer von Oz) ist ziemlich identisch; und ich behaupte daher, dass ein Teil der deutschen Leserschaft das Buch doch ziemlich genau kennt und es auch liebt! (ich kenne jedenfalls niemanden, der dieses Buch gering geschätzt hätte.)
Uwe weist auch darauf hin, dass das Buch damals, zur Entstehungszeit, anders gelesen wurde als heute, weil es damals aktuelle Bezüge hat, die heute eher keine Rolle mehr spielen. Ja, das war mir auch bekannt – und rätselhaft. Aber selbst David Graeber hat in seinem Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“, in dem es um die „Erfindung“ des Geldes etc. geht, auf Baums „Wizard…“ hingewiesen. Baum war politisch interessiert und hat mit seinem vermeintlichen Kinderbuch so ein bisschen „politische Aufklärung“ betrieben.
Dass man ihm aber „sozialistische Umtriebe“ in der McCarthy-Zeit vorwarf, ist dann echt schon ziemlich absurd, oder? (Graeber sagt da eher das Gegenteil) – Danke, lieber Uwe, für die interessanten Einblicke und Anregungen!
Jürgen Thomann schreibt! Hey, das ist Klasse – und lange her, als er sein Fanzine rausbrachte. Jetzt also über Ph. K. Dick. Sehr persönliche Leserfahrungen die er da auffrischt und uns präsentiert. (Eins muss ich aber erwähnen: Der Film „Die Körperfresser kommen“ und entsprechende Nachfolger basieren auf einem Roman von Jack Finney, da dürfte Dick eher keine Rolle gespielt haben. (Oder gibt es da doch eine Verbindung – so nebenbei?)
Hat mir jedenfalls sehr gefallen, wie Jürgen über die Wirkung des Gelesenen auf sich schreibt.
Dann: 2 x über Comics von Hofmann – also, von Armin Hofmann (mit dem ich – Thomas Hofmann – nicht verwandt bin), dem Bruder von Matthias Hofmann, der bekanntermaßen sehr viel mit Comics zu tun hat. Aber Armin schreibt auch sehr interessant über seine Lektüreerfahrungen. Bei der Bio-Graphic-Novel über George Lucas erzählt er sehr persönlich über seine Sicht auf STAR WARS. Und seine Rezi über „Die Gesellschaft der Tiere“ hat mich sogleich dazu animiert, mir auch den ersten Band zu ordern.
In den Film-Rezis geht es vor allem um Seherlebnisse und -erfahrungen aus der eigenen Jungendzeit der Rezensenten. Demnach kann ich davon ausgehen, dass ich ähnlich alt bin wie sie – aber eben auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gelebt habe. Die Filme kenne ich alle inzwischen auch, aber damals konnte ich sie nicht im Kino sehen. Hatte es mir aber immer vorgestellt und auch gewünscht. Ein wenig kann ich ihre Nostalgie nachvollziehen und auch gut verstehen.
Um mich zu wiederholen: Bin recht angetan von den vor allem persönlich gehaltenen Sichten auf die geliebten Phantasie-Welten; hat mir großen Spaß gemacht!
Kontakt zum Club >>klick<<
Wie jedes Jahr war ich gespannt auf die aktuell stattfindenden ZKFT. Kulturelle Höhepunkte laden zum Verweilen ein, Lesungen, Workshops, Krimicomedy und vieles mehr.
Besonders freute ich mich über die Möglichkeit, neben der Personalausstellung von Gerlach Bente, wieder mit vielen anderen Künstlern im Museum Bilder zeigen zu können.
Mir gefällt das Ambiente. Voller Ehrfurcht bewunderte ich, wie beim letzten Mal, die herrlich alten Kreuzgänge des ehemaligen Franziskanerklosters.
Die Werke wurden von der Kuratorin angenommen und passend präsentiert.
Natürlich war die Vernissage gut besucht. Reden wurden gehalten, bemerkenswerte Gesangseinlagen mit musikalischer Begleitung gehörten dazu.
Beim Schlendern durch die Gänge fand ich die Bilder einer Künstlerin aus Jever. Ihre Arbeiten fielen mir schon mehrmals auf. Ich hatte das Glück, die Malerin Monika Reuss selbst in dem alten Gemäuer zu treffen und konnte ein wenig mit ihr plaudern. Das war eine wichtige und schöne Erfahrung für mich.
Die ZKFT geht bis zum 15. März 2026.
Ein Hinweis: In der Zerbster Stadthalle findet am 18.3.2026 um 19.00 Uhr eine Bonus-Veranstaltung statt. Arno Strobel liest aus seinem neuen Buch Ungelöst - Die erste Zeugin. Das würde mich auch interessieren.
Jeder 6. Mensch in Deutschland liest keine Bücher.
Das geht aus einer Umfrage (2024) hervor (DACH-Länder, Frankreich,Italien; 5000 Befragte) , die im Auftrag des Onlinebuchhändlers Galaxus in Auftrag erstellt und Anfang diesen Jahres veröffentlicht wurde .
Demnach kommen hierzulande 1/3 der Befragten auf 1-3 Bücher im Jahr. Nur die Hälfte will künftig mehr lesen – was den niedrigsten Wert darstellt. Ähnlich Lesefaul zeigt sich höchstens noch Frankreich.
Deutsche benutzen vergleichsweise häufiger ebooks (19%) - und Hörbücher (11%). Zur Lesefaulheit der Deutschen passt letzteres wiederum, dass sie im europäischen Vergleich die meisten Hörbücher konsumieren – jede zehnte Person in der Bundesrepublik lässt sich Bücher vorlesen.
Das Lieblingsgenre was Spekulative Fiction anbelangt ist bei Deutschen die Fantasy – Franzosen stehen eher auf Science-Fiction (s. 2. Grafik).
Frauen lesen dagegen häufiger Romane: in Deutschland beispielsweise 3 von 5 Frauen und nur 2 von 5 Männern.
Quelle:
https://www.galaxus....e-buecher-36136
bitte auf Grafiken klicken zum vergrössern:
Nur was endet, hat bekanntlich einen Sinn: Also ist es Zeit, dass auch dieser Vlog zu Ende geht – alles hat ein Ende, ergo auch das Ende. See you in a better place... ¯\_(ツ)_/¯
Die Leiden des jungen Verlegers
...
Ich bin mal wieder spät dran*, und tausche außerdem für diesen & den nächsten Eintrag die Neu-/Alt-Reihenfolge. Es handelt sich hier platzhaltend um ein Buch aus der Dr.-Seuss-Reihe, die in den 60ern die Vorgehensweise beim Lesen-Erlernen für Kinder revolutionierte. Außerdem hält sich das Buch an die Nonsens-Tradition von anderen Kinderbüchern seit Alice in Wonderland, was Kindern (& mir, übrigens) sicher so gut wie immer gefällt. (Und: Eine brandneue audiovisuelle Umsetzung erscheint heuer auf Netflix!)
Im Buch erscheint ein frecher Kleinling namens Sam-I-Am, auf einem hund-ähnlichen Wesen vorbei-reitend, der einen älteren, größeren Pelzherren mit hohem schwarzen Hut auf die Nerven geht. Dieser sagt öfter "I do not like", anfangs in Richtung Sam, aber kurz danach auch dem Gericht das ihm Sam unter die Nase hält - Schinken mit grünen Spiegeleiern! Als aber der Schwarzhütige dies das erste Mal nicht mag, schaltet der Rothütige schlauerweise auf die Logikschiene - mag der Ältere das Gericht vielleicht an einem anderen Ort? Denn schließlich isst das Hirn ja mit, und vielleicht fühlt der Andere sich anderswo wohl(gesinnt)er?
Lässt sich der junge bzw. sich nicht alt fühlende Leser darauf ein, ist klar womit das restliche Buch gefüllt wird - den absurdesten Orten & Vehikeln, wo Schinken mit solchen Spiegeleiern vielleicht doch schmecken könnte... Irgendwann gibt der inzwischen durchnässte Schwarzhütler auf - und dann geschieht noch ein kleines Wunder!
Seuss hat wohl damals die altmodischen "anspruchsvolleren" Kinderbücher - wie ev. auch Alice? - in die Ecke gepfeffert und mit jemandem eine Wette ausgemacht, dass er ein besseres erstes Lesebuch mit einem Vokabular von nur 50 Wörtern erstellen könnte. Ein Buch wie dieses locker gereimte war das Ergebnis. (Das hier ist neben dem früheren Cat in the Hat das bekannteste aus seiner langen Serie.
Es gibt endlose Marketingumsetzungen davon! Ich behaupte, dass auch Hip-Hopper Will-I-Am sich daraus hat inspirieren lassen.)
Was ich an den Seuss-Büchern so toll finde, ist dass nicht nur die Texte schnell ins Absurde kippen, sondern die Illustrationen das praktisch von Anfang an tun, mit wilderen Aufstellungen mit jeder Seite. Die Protagonisten sind meist Tiere, oft eher unidentifizierbar - aber definitiv "furry" - und die tanzen/schweben/schwimmen in der Weltgeschichte herum, meist irgendwas unmöglich balancierend, umgeben von staunenden - oder selbst irgendwelche Stunts ganz lässig durchführenden - Zuschauern. Seuss stellt seine Welten subversiv gaga dar. (Oder angemessen der Zeitperiode: Dada! Apropos: Ich finde lustig, wie dieses 1. Buch die klassisch-amerikanisch-kapitalistische Rolle des ewigen nie-aufgebenden Verkäufers parsifliert!)
Diese Idee des einfacheren Anfangslernen wurde kurz danach dann auch von Sesame Street im TV fortgesetzt, und von vielen anderen Einrichtungen im Westen angewandt. Die US-TV-Serie wird übrigens im November ein halbes Jahrhundert alt! ![]()
Fazit: Am besten VORM Schauen bei Netflix sich mindestens ein Buch aus der Reihe mal reinziehen! Nachher kann man es einer Lieblingsenkelin oder so schenken; wird bestimmt mit großem Dank entgegen genommen.
(* offiziell ist das hier der Juli-Beitrag!!)
Regenbogen-Leseprobe.pdf (162,72K)
Mitglieder: 0, Gäste: 21, unsichtbare Mitglieder: 1
Bing (2)