simifilm schrieb am 22 März 2016 - 22:04:
Sehr allgemein gesprochen kann man wohl sagen, dass der klassische allwissende Erzähler heute eher ausser Mode gekommen ist. Ganz ganz vereinfacht gesagt - mit unzähligen Gegenbeispielen etc. - ist der allwissende Erzähler die typische Form des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts. Die Literatur der Moderne dagegen stellt gerade dessen Anspruch in Frage - nämlich den objektiven Blick auf die Wirklichkeit. Mit der Literatur der Jahrhundertwende (also zum 20. Jahrhundert) kommen alle möglichen Formen, die sich dadurch auszeichnen, dass es keinen einheitlichen Blick auf die Welt mehr gibt: Stream of consciousness, Montageroman und andere Verfahren sollen just in Szene setzen, dass unser Zugriff auf die Wirklichkeit fragmentiert und subjektiv ist. Mit der Postmoderne werden diese Tendenzen dann noch zugespitzt.
Danke schon mal für die Erklärung. War der allwissende Erzähler jener Zeit eine Gegenbewegung zu früheren Entwicklungen (z.B. zur Aufklärung? Da fielen mir z.B. Defoes "Robinson Crusoe" oder Swifts "Gullivers Reisen" ein. Aber das können natürlich auch die bekannten Ausnahmen von der Regel sein.)?
Zitat
Man kann also ganz allgemein sagen, dass sich die Literatur tendenziell vom allwissenden Erzähler wegbewegt. Wobei das primär für die literarische Avantgarde gilt und für populäre Genres nur bedingt zutrifft. Die SF etwa hat die Entwicklungen der Moderne erst mit der New Wave der 1960er und 1970er Jahre nachgeholt
Gemäß der Diskussion von der Konferenz scheint es ja mittlerweile auch im Mainstream angekommen zu sein. Aber irgendwie schon lustig, dass ein Genre welches sich thematisch ja eigentlich per Definition als Avantgarde begreifen müsste, stilistisch so weit hinterherhängt...
Schöne Grüße,
Rene