Kritik als Einschreibübung:
Die Serie "The Mandalorian" (oder "Der Mandalorianer", wie sie im deutschen Disney Plus genannt wird) hat eine etwas traurige Geschichte hinter sich. Gemeinsam mit "Andor" sind sie die einzigen Star Wars-Serienableger, die seit dem Verkauf des Franchise an Disney traction erzeugen konnte, wie man sagt. "Skeleton Crew" wurde zwar auch gut bewertet (und ich spreche hier vom User-Rating auf Metacritic), traf aber auf eine Fanbase, die von den Blindgängern "Obi-Wan", "Ahsoka" und "The Acolyte" in die Lethargie hinein angesäuert worden war.
Zunächst erzählte sie ganz einfach die Geschichte von Din Djarin, einem Mitglied der Mandalorianer, intergalaktischen Myrmidonen, die Kriegskunst zur Religion gemacht hatten. Seine Loyalität galt dahingehend nur dem Klan und dem Geld. Wer ihm genug davon bot, konnte sich Personen liefern oder – um Porto zu sparen – liquidieren lassen. Das war auch mal der Rest des Imperiums, was Din letztendlich zu Grogu führte – einer Kinderversion von Yodas fast ausgestorbener, machtsensitiver Spezies. Statt ihn abzuliefern, nahm er den Kleinen unter seine Fittiche und versprach, ihn zu seinesgleichen zu bringen: den Jedi, auch wenn die Mandalorianer und die Ritter-Zauberer seit über zweitausend Jahren Todfeinde sind. So durchstreiften die beiden die Galaxie im Wandel und erlebten so einige Abenteuer, während sie sich zunehmend größere Feinde machten.
"The Mandalorian" funktionierte. Es bot dabei einen Blick auf die kleinen Menschen in der weit, weit entfernten Galaxis, die Kriminellen, Randwelten und kam ohne interplanetare Verschwörungen und Laserschwerter aus. Mal waren Riesenspinnen der Feind, dann Söldner, Piraten oder natürlich die Zielübungen in weißer Rüstung, die das Imperium so spendabel gegen die Protagonisten des Star Wars-Franchise wirft. Dass der namensgebende Mandalorianer zudem stets einen Helm trug und nur wenige Worte von sich gab, machtes es zudem leichter. Was er wirklich fühlte und dachte, das blieb dem Zuschauers überlassen und bediente die dieselbe Phantasie, die schon John-117 (auch bekannt als der Master Chief) so beliebt und die "Halo"-Romane erfolgreicher gemacht hatte, als es diese verdienten (denn sie waren allesamt Mist, sorry). Der kleine Grogu hingegen sorgte für Comedy und herzerwärmende Momente ... auch wenn sein Intellekt je nach Episode und Situation stark zu variieren begann. In der zweiten Staffel bekam sogar Luke wieder seine Rolle als Held zurück und vernichtete eine ganze Schwadron aus Dark Troopern, bevor er sich dem kleinen Grogu als Mentor annahm. Wer Dark Troopern schon einmal in einem Star Wars-Videospiel begegnet ist (wo sie so manchem Spieler, wie mir, das Fürchten lehrten), fühlte sich bestätigt.
Dann jedoch kamen die dritte Staffel und das "Das Buch von Boba Fett" und mit ihnen ein Schisma, von dem sich "The Mandalorian" nicht mehr erholen sollte. Kathleen Kennedy, die dunkle Imperatorin von Disney Star Wars, ertrug es anscheinend nicht, wie erfolgreich die Abenteuer des Mandalorianers im Gegensatz zu ihren Produktionen wurde. Wie später durchsickerte, zerstritt sie sich beinahe mit Serienschöpfer John Favreau, ostrazierte ihn in eine Spinoff-Serie um den ebenfalls Mandalorianer Boba Fett und erzählte die Geschichte um Din Djiarin selbst weiter. Mit eigenen Writern und katastrophalem Ergebnis.
Nicht nur, dass der Mandalorianer zwischen den Staffeln eine gute Portion seines Intelligenzquotienten einbüßte und von einer Haupt- zur Nebenrolle degradiert wurde, die Serie wurde nun mehr "The Acolyte" als kleine Abenteuer am Rand des bekannten Raums. Mandalorianer-Königin Bo Katan erhielt die meiste Zeit vor der Kamera, während sich der sonstige Pulp in den Kitsch verlorl Das Heldentum von Luke Skywalker wurde nebenher auch noch dekonstruiert und er plötzlich als Soziopath dargestellt, der den unschuldigen Grogu emotional als Geisel nahm. Nachdem er ihn bizarr grausam vor die Wahl gestellt hatte, schickte er "Baby Yoda" zurück zu Din, wo er wieder zwischen infantil-witzig und viel zu intelligent hin und her pendelte.
Spätestens nach Kapitel 18 (Staffel 3, Episode 2) wurde allen bewusst, dass da irgendwas gar nicht mehr stimmt. Din schießt sich darin durch die Ruinen von Sundari, der einstmaligen Hauptstadt der Mandalorianer, um von einem Robotermonster festgesetzt zu werden. Grogu muss Hilfe holen und Bo Katan Kryze (gespielt von der verschwendet guten Schauspielerin Katee Sackhoff) muss sich noch einmal durch die exakt selben Korridore kämpfen, gegen die exakt selben Kreaturen, die teilweise aus denselben Rohren kriechen. Auf Reddit sprach man von einem Schnittmassaker. Da wären wohl zwei Handlungsstränge abgedreht und eingepflegt wurden. Andere nannten es Videospiel-Logik: Für Bo Katan wären die Gegner respawnt und geskripteten Events zurückgesetzt worden. Dass sich Teile der Handlung zudem im "Buch von Boba Fett" weitererzählten, trug nur noch zur Verwirrung bei. Von den wieder endlosen Belehrungen des Publikums will ich gar nicht erst sprechen.
Die Nachricht kam jedoch an: Das Disney-Qualitätsversprechen der 2020er (nämlich keine zu haben) hatte nun auch "The Mandalorian" erfasst. Metacritic sprach wie immer aus, was alle dachten, die Kritiker lobten, die Zuschauer tobten. Die Fans hingegen schalteten ab und eine vierte Staffel wurde nicht mehr in Auftrag gegeben. Nach der zweiten Staffel von "Andor" Star Wars prophezeite man Star Wars den bevorstehenden Hitzetod, einem jähen Ende durch ausgebrannte Zuschauerschaft.
Nun befindet sich Disney im Umbau. Eine "Entwokefizierung" soll wohl laut Filmkritiker Chris Gore stattfinden (wobei ich anmerke, diese Aussage bitte mit Vorsicht zu behandeln, denn Gore sprach schon in der Vergangenheit oft schneller Dinge aus, als sie dann wirklich geschahen) und im Zuge dessen wurde wohl Kathleen Kennedy in den Ruhestand geschickt. Dave Filoni und John Favreau übernahmen an ihrer Stelle das Ruder und produzierten gleich zwei Formate: Die Serie "Maul - Shadow Lord", die, wie ich finde, sehr schön die Geschichte des Antihelden Darth Maul portraitiert und nun den ersten Star Wars-Kinofilm seit Jahren "The Mandalorian und Grogu" ... um den es hier eigentlich geht:
Den allgemeinen Kritiken kann ich mich dahingehend nicht anschließen. Das neue Abenteuer des Mandalorianers macht Spaß. Auf der Schnitzeljagd nach einem imperialen Offizier treffen Din Djarin und Grogu auf skurrile wie bereits bekannte Charaktere und lassen die Blaster Lichtblitze speien. Tiefe gibt es keine, aber die sollte man auch nicht erwarteten. Dafür gibt es Unterhaltung mit jeder Menge Pew-Pew. Der Settingsmix aus Science-fiction, Fantasy und Dieselpunk wird nett eingefangen und die albernen Momente halten sich größtenteils zurück. Ich hatte Spaß, großen tatsächlich. Vermisst habe ich Bo Katan, wüsste aber nicht, was sie in dieser Story zu tun hätte, ohne artifiziell eingefügt zu wirken.
Der Herausgeber und literarische Anti-Endemiker Christoph Grimm stellte rhetorisch die Bedingung in den Raum, ob man für zwei Stunden wieder Kind sein könne: und ja, das kann man. Die Anthologie macht gleich in den ersten Minuten deutlich, was sie sein will und was man zu erwarten hat. Wer sich darauf einlässt, wird nicht enttäuscht. Die 132 Minuten vergehen flüssig.
Aber, und das ist auch seine größte Schwäche: "The Mandalorian and Grogu" ist mehr Anthologie als Roman. Der Kinofilm schmeckt wie drei oder vier Folgen der Serie, die man notgedrungen zusammengeskriptet hat. "Moana 2" lässt grüßen, allerdings niemals so grauenvoll, wie das Rapanui-Abenteuer aus dem Animationsabteilung. Man spürt, dass John Favreau diesen Film und seine Zuschauerschaft ernstgenommen hat. Der Erfolg blieb jedoch aus. Lediglich 6.3 gönnten ihm die Reviewer auf Metacritic, seine Kosten spielte er nicht mehr ein. Was schade ist.
Jetzt spricht man auf Reddit von einem Reset, einem Bruch mit der Kennedy-Ära, der mithilfe des Room between worlds möglich gemacht werden soll – ein Dimensionstor, um das wohl die inzwischen ebenso abgesetzte Serie "Ahsoka" handeln sollte. So plant man angeblich (großes Angeblich) die Trennung zwischen der J.J. Abrams-Interpretation von Star Wars und dem, das die Fans gerne hätten. Aber bei Disney hat man schon viel gesagt und dann wenig folgen lassen. Es würde auch nichts mehr retten, denke ich.
Ich frage mich allerdings, wie es nun mit dem Krieg der Sterne weitergeht, generell. Disney beklagt weiterhin, damit noch keinen Gewinn gemacht zu haben, während nun das Geld aus dem ESG-Score und den Blackrock-Funds versiegt. Und wer die vergrämten Fans nun zurückholen und Neue gewinnen will, muss das jetzt mit Qualität tun. "Maul - Shadow Lord" und "The Mandalorian and Grogu" sind aus meiner Sicht zwei gute Schritte in diese Richtung, wenn auch vielleicht noch nicht so gut sichtbar. Dass Filoni und Favreau dabei nicht schon wieder auf Astroturf und hyper-energetische Superfans zurückgreifen, rechne ich ihnen hoch an. Jeder, absolut jeder, einschließlich ihren Hauskatzen, haben begriffen, dass diese einfach nicht echt sind.
Star Wars aber ist es weiterhin. Jeder weiß, wer Darth Vader ist.