Zur Hummel: Oh, das ist eine dystopische Welt, die gerade darum so gruselig ist, weil sie so nah an unserer ist. Ich habe den Text gern gelesen (wenn ich auch brainfogbedingt gerade drei Anläufe brauchte) und mochte vor allem den Lichtblick, der darin enthalten ist, und die angedeutete Hintergrundstory.
Bearbeitet von Jol Rosenberg, 10 Dezember 2025 - 19:59.
Ein Geist geht zum Arzt, denn mit ihm stimmt etwas nicht. Dieser Text hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, denn ich sah mich in der Erzählfigur wieder: der Text ist aus der Sicht des Arztes geschrieben. Es geht um Normativitätsannahmen und die Frage, wie diese in Behandlungen einfließen. Was als Krankheit oder behandlungsbedürftiger Zustand gilt und was nicht. Das Ende war nicht so ganz meins, auch hätte ich mir zum Glücklichsein ein bisschen mehr Weltenbau gewünscht, aber die Denkanregungen sind super und ich mochte den Text auch sprachlich wirklich gern.
Ja, die Prämisse ist wirklich cool.Eine Umkehrung des gewohnten. Auch für mich hätte da noch etwas kommen können. Doch gut geschrieben ist die Geschichte wirklich.
Eine Gruppe queerer Personen findet ein Dimensionstor und eine Möglichkeit, zwischen verschiedenen Welten zu reisen. Sie sucht nach einer Welt, in der es sich als queere Personen gut leben lässt. Ich mag den Text sprachlich sehr, er hat tolle Bilder und einen schönen Humor, allerdings gingen mir die Figuren etwas zu sehr durcheinander, ich hatte für niemanden ein Gefühl. Inhaltlich konnte ich aber viel mitnehmen: Was heißt es eigentlich, zu überleben? Und was hilft dabei?
Die Geschichte ist auf mehreren Ebenen spannend. Zum einen gibt es die negativen Erfahrungen mit Faschismus, Hass und Diskriminierung in so vielen Dimensionen. Dann die Diskussion um das Manifest der queeren Dimensionsreisenden, die sich dem Problem stellen müssen, zwar für eine folgende Generation überlebt zu haben, dafür aber andere verlassen, vielleicht sogar im Stich gelassen zu haben.
Das führt zu der Frage, ob sich Kämpfen lohnt. Die Figuren gingen auch mir etwas zu durcheinander, ein paar Erklärstellen waren zu lang.
Der eigentliche Plot war für mich die Auseinandersetzung mit ihrer Agenda. So ein theoretisches Fundament führt sehr gern und schnell zu Fundamentalismus. Das untersucht Lian hier aus meiner Sicht sehr anschaulich.
In Ausgabe 14 bin ich irgendwie nicht so gut reingekommen, aber bei dieser hier haben mich schon bei der Premieren-Lesung die meisten angelesenen Texte so gecatched, dass sie nicht lange auf dem Ungelesen-Stapel lag
Die Hummel von Carina Zacharias erzählt von einer Near Future-Dystopie, die unserer Welt beängstigend ähnlich ist: Die Klimakatastrophe ist vorangeschritten, es gibt kaum noch Insekten und der Protagonist Nuhu arbeitet für ein Unternehmen, das Prüfsiegel für menschengeschriebene, KI-freie Bücher vergibt. Da ist es ein außergewöhnlicher Lichtblick, als ihm eines Tages eine Hummel zufliegt. Ich mag es, wie so eine vermeintliche Kleinigkeit Leben in einen tristen Alltag bringen kann, und wie Nuhu darüber eine Art vorsichtiger Freundschaft zu seiner Arbeitskollegin aufbaut, die sich mit Insekten auskennt. Am besten gefallen haben mir aber die satirischen Momente in einer Arbeitswelt, in der durch KI immer stärkerer Druck herrscht: An einer Stelle verkündet Nuhus Chefin z.B. stolz, dass die Arbeit von nun an einfacher wird, weil das Prüfen auf KI-Inhalte nun von einer KI übernommen wird.
Ein ganz normaler Mensch von Hagen Geyer spielt in einer Geister-Welt und wird in einer interessanten Form erzählt: Als Protokoll eines Arztes, dessen Patient bedenkliche Anzeichen von Menschlichkeit zeigt. Ich mag die übernatürliche Metapher auf ein transfeindliches Medizin-System, aber es schwingt auch die allgemeinere Frage danach mit, was als krankhaft und heilungsbedürftig angesehen wird, nur weil es von einer gesellschaftlichen Norm abweicht. Ich mag es auch sehr, dass der Arzt hier nicht einfach „der Böse“ ist, sondern selbst einmal „Symptome“ hat, die er aber erfolgreich unterdrücken konnte und seitdem ein gar fantastisch gutes Leben führt. (Oder etwa doch nicht?)
Das Ende finde ich richtig stark, denn der Arzt hätte in glattgebügelter Friede-Freude-Eierkuchen-Manier einsehen können, dass er zu seinem wahren Ich stehen kann und von nun an alles gut ist. Er steckt aber so tief in diesem System drin, dass das unrealistisch wäre, und so wird sein erster vorsichtiger Versuch, seine Menschlichkeit wieder zuzulassen, begleitet von Ablehnung und Selbsthass. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es ein absolut pessimistisches Ende ist – denn sein Patient hat ja vorgemacht, dass Selbstakzeptanz und ein Ausbruch aus diesem Mindset möglich sind.
Die Pflicht, alt zu werden von Lian Ay Gee hat richtig reingehauen: Es geht um eine queere Crew, die von einem interdimensionalen Raumschiff aus versucht, über Dimensionsportale eine Realität zu finden, in queere Menschen nicht so gewaltsam unterdrückt werden wie in ihrer eigenen. Es geht um die Pflicht, zu überleben, um den nachfolgenden Generationen ein Vorbild sein zu können – und um die immer drängendere Frage, ob sie die Suche nach einer besseren Welt nicht lieber aufgeben und stattdessen in ihrer eigenen Realität für ein besseres Leben kämpfen sollten. Ein unglaublich starker Text, der mich mit einer Gänsehaut zurückgelassen hat.
Ich finde es allerdings sehr ambitioniert, eine so kurze Geschichte mit einem so großen Figuren-Cast zu schreiben: Es sind zehn Crew-Mitglieder, wenn ich mich nicht verzählt habe, davon bleiben einige nur ein Name und als Personen blass. Andere werden in der Kürze aber ganz gut charakterisiert, und letztendlich geht es auch nicht unbedingt um Einzelpersonen, sondern um eine Community, da passt das wieder einigermaßen.
Zu meinem Text schreib ich natürlich nichts. Aber mit dem Rest bin ich auch fertig.
Chris Balz: Fiktionale mit Frosch und Rosskastanie
Das ist ein wilder Ritt: Ein Fiktiv, von dem bis zum Schluss nicht klar wird, was genau es eigentlich ist, arbeitet in einer Bibliothek. Es tut das nicht freiwillig, denn die Menschen wollen magische Wesen unter Kontrolle halten. Leider kämpfen auch bösartige Wesen um ihre Freiheit und so muss Sy, das Fiktiv, die Bibliothek verteidigen.
Der Text sprüht vor absurden Ideen und überraschenden Wendungen, dazu ist er auch sprachlich recht experimentell. Nach kurzem Einlassen habe ich diese Variante der genderneutralen Sprache aber gut genießen können und an einigen Stellen herzhaft gelacht. Der Text ist nicht nur witzig, er sagt auch einiges über Diskriminierung und das Leben im Verborgenen aus.
Und: Ich fand es spannend, an mir selbst zu beobachten, wie es eine bewusste Entscheidung braucht, um sich auf sprachliche Experimente einzulassen.
Judith C. Vogt: Essay: Die Menschheit soll sich im All verwurzeln
Dieser Essay ist eine Zweitveröffentlichung, er erschien bereits im Science-Fiction-Jahr 2022. Er widmet sich zwei Romanreihen, die ich beide angelesen und dann abgebrochen habe: der Parabel-Reihe von Octavia Butler und der Lady Astronaut-Serie von Mary Robinette Kowal. Dem Essay gelingt es, mir einen neuen Blick auf die Texte zu ermöglichen, zu denen ich selbst nur schwer einen Zugang fand, und beleuchtet die Frage, ob der Aufbruch ins Weltall eine Aktivität sein kann, die hilft, Diskriminierung zu überwinden. Vogt ist, wie auch Butler und Kowal, skeptisch.
11 Kurztexte: Heiter scheitern
Die Kurztexte konnten mich diesmal wenig begeistern. Manchen konnte ich auch nach mehrfachem Lesen nicht wirklich eine Botschaft entnehmen, bei anderen mochte ich die Botschaft schlicht nicht bzw. fand sie banal. Meine persönlichen Favoriten sind „Hexen helfen heilen mit“, das mich stimmungsmäßig und inhaltlich anspricht, und „Br_uch“, auch hier mag ich Stimmung und Idee.
Oh, da freu ich mich. Mir scheint es auch mein bislang gelungenster Text. Was vielleicht eine gute Chance ist, nochmal darauf hinzuweisen, dass das Queer*Welten-Team ein mega gutes Lektorat macht. Das ist jedes Mal ein Geschenk!
Oh, da freu ich mich. Mir scheint es auch mein bislang gelungenster Text. Was vielleicht eine gute Chance ist, nochmal darauf hinzuweisen, dass das Queer*Welten-Team ein mega gutes Lektorat macht. Das ist jedes Mal ein Geschenk!
Mir gefiel vor allem, wie wenig es brauchte, mir die Figuren in ihrem Charakter präsent zu machen und dass ihre Verletzungen den Plot vorantrieben, also nicht nur Staffage waren.
Ist doch schön zu wissen, dass es immer noch scheißer geht
sagt Venus in Die Pflicht, alt zu werden von Lian Ay Gee sehr treffen, als eine ca. zehnköpfige Crew (ich habe oben in Charlines Rezension abgeguckt) von einer Dimension zur nächsten reist. Wenn man in einer so kurzen Geschichten in mehrere Dimensionen reist, wird's schnell sehr inhaltsreich, sage ich mal.
Ja, die Crew kann natürlich nicht in Gänze charakterisiert werden (wie Charline schon anmerkte), das kann ich im Rahmen der Story ganz gut akzeptieren.
Das erzählende Ich wird ganz gut charakterisiert (auch so schön on the fly, weil das Ich ganz schon "alle" ist und ich das nachfühlen kann, klingt nach massiv anstrengenden Arbeitstagen). Davon wird auch die Atmosphäre getragen und das Ziel ist auch klar: Findet eine Dimension, die nicht "scheißer" ist als die Heimat, sondern viel, viel besser, für die Nachfolgegeneration. Und ich mag es, wenn in KGs das Ziel klar ist.
Was mir ausnehmen gut gefällt, ist die Stimme des erzählenden Ichs und auch die popkulturellen Anspielungen sind nice:
[...] Raumzeitrealitätsdimensionenschiff -, das innen so groß ist wie die TARDIS, Mary Poppins' Tasche oder der fucking Raum der Wünsche, [...]
Da kriegt man Ideen, aus welcher Dimension das erzählende Ich, Trash (in irgendeiner Zukunft nach dem dritten Weltkrieg) kommen könnte. :-)
Ich mag auch die en-passant-Charakterisierung von Queenie, die ja "nur" lesbisch sei und erst "links abgebogen" sei, als ihr Sohn gemobbt wurde. Da kennt man ja so einige, die so lange Mainstream mitmachen, bis sie dann selbst diskriminiert werden.
Ich mag auch die Idee in der Story, wie dass Faschismus selten länger dauert als 25 Jahre und eine Community (wie die queere) das überleben könnte, sofern es eben nur ums Überleben geht, um für folgende Generationen ein "Leuchtfeuer" zu sein.
Denn, so stellt Trash irgendwann fest:
Spoiler
"In anderen Dimensionen sind sie geblieben"
[...]
"Wir. Die älteren Queers."
Dann wird es durch den Konflikt (wo hingehen? und warum?) doch noch recht spannend.
Ja, das hat mir sehr gut gefallen! Krass queere Prosa (queerer sogar als das, das ich gewöhnt bin), sehr politisch, sehr ermutigend, empowernd ohne fucking Ende, tolle sehr passende Sprache, eine interessante Hauptfigur, einige überzeugende Nebenfiguren, eine geile Plot-Idee, super umgesetzt und leider sehr, sehr aktuell.
Podcast: Literatunnat
• (Buch) gerade am lesen:meistens viele
• (Film) gerade gesehen: The Whale, Everything everywhere at once, Zurück in die Zukunft III
Da gibt es auch gleich auf Seite 1 eine Menge, das mir gefällt.
Die Zeiten, in denen alle ein Kind bekommen und erziehen durften, waren zum Glück vorbei
Es wird angedeutet, dass der Protagonist Rod eine schlechte Kindheit hatte. Sowas scheint zum Zeitpunkt des Geschehens ausgeschlossen zu sein. Rod ist KI-Spezialist und vermietet KI-Kinder an Paare. Sehr schönes Detail auch, dass er die Erinnerungen der Kinder nach dem Aufenthalt dann löscht, außer, die Kinder wollen das nicht. Sehr schöne Mitbestimmung der "Produkte" sozusagen.
Es gibt auch so viele schöne Details, wie dass Rod manuell putzt (und dabei erwischt wird, grins), was heutzutage niemand mehr tut. Sowas mag ich sehr.
Hui, die Geschichte ist aber wirklich gut und sehr einfühlsam! Da steckt so viel drin. Sie ist der Beweis dafür, dass man sehr respektvoll mit seinen Figuren umgehen kann und die Figuren auch untereinander sehr respektvoll zueinander sein können (zu sich gegenseitig, Menschen, und auch Androiden, und auch zu Lernbehinderten), dazu gibt es sehr echt klingende Dialoge (sogar das kurze Telefonat mit Cil hat so viel Authentitizität). Das Ende hätte ruhig noch länger sein können, ich hätte gern noch mehr Zeit mit Magda, Rod und ihren neuen Eltern verbracht.
Einfach sehr, sehr schön.
Lapismont hat Recht. Das ist Jols bisher beste Geschichte.
Podcast: Literatunnat
• (Buch) gerade am lesen:meistens viele
• (Film) gerade gesehen: The Whale, Everything everywhere at once, Zurück in die Zukunft III