Mein neues Manuskript trägt den Arbeitstitel: Die Stadt ohne Regen
1. Die Sammler
Das Menschenjunge hockte in Schussweite unter einem Nussbaum und hatte sie nicht bemerkt. Liora Venn hob das Gewehr an die Schulter.
Es war ein weibliches Kind, keine fünf Jahre alt. Sie schlug mit einem Stein auf einzelne Nüsse ein. Dabei huschte ihr Blick immer wieder zu den Schatten zwischen den Bäumen, die in der Nähe aufragten.
»Es sind Ältere in der Nähe«, flüsterte Mara.
»Es ist leichtsinnig, weil es Hunger hat.« Liora klappte ihr Visier auf und spähte durch die Optik des Gewehrs.
Mara legte die Hand auf den Lauf und drückte sanft nach unten.
»Sie lassen solche nicht alleine wandern. Such den Waldrand ab«, sagte sie leise. Es war bedeutungslos. Sie wussten es beide bereits.
Die Wärmeoptik der Begleitdrohne hatte sieben leuchtende Flecken angezeigt.
Sie könnten sich trennen, die Lichtung umrunden und bei den Wärmequellen von zwei Seiten observieren.
»Die Drohne … hast du sie oft eingesetzt?«, fragte Liora.
»Als Waffe?«
Das Mädchen auf der Lichtung rollte sich wie ein Affe nach hinten und stand auf ihren winzigen nackten Füßen. Es hob den Kopf und blickte in ihre Richtung.
Noch während Mara erste Befehle in die Drohnensteuerung sprach, tauchte ein weiterer Freigeborener auf und rannte auf das Junge zu.
Liora wartete nicht auf Maras Freigabe.
Sie schoss zweimal. Für den ersten Schuss zielte sie nicht. Noch während das Zischen der ersten Betäubungskapsel verklang, schwenkte sie den Lauf seitlich auf den rennenden, nur mit einer Fellhose bekleideten Mann.
Sie war gespannt, wie es diesmal sein würde.
Der Pfeil traf in die Schulter. Ein guter Schuss. Sie stellte sich vor, wie der Aufprall die winzige Kapsel in der Pfeilspitze öffnete. Wie das Gift in das Blut eindrang, von dort in die Fasern der Muskeln und dort seine lähmende Wirkung entfaltete.
Der Mann fiel vornüber.
Die Drohne war zu hören. Liora klemmte das Gewehr an den Haltegurt und wollte losrennen. Sie vermied es, Mara anzuschauen. Sie kannte den Blick und es würden auch dieselben Vorwürfe sein, die sie später zu hören bekam. Sie hatte eigenmächtig gehandelt. Eine Scharfschützin durfte das, so war die Anweisung, doch Mara zeigte ihre Missbilligung, indem sie die Fäuste ballte und ein unterdrücktes Stöhnen von sich gab. Es war ein Ritual und sie waren darin ein eingeübtes Team. Mara würde sich jetzt schütteln und der Drohne neue Befehle geben. Liora verließ sich darauf und lief auf das ausgewachsene Exemplar zu, das regungslos im Gras lag. Wenn sie es richtig berechnet hatte, würde die restliche Gruppe nun die Drohne hören und bereits unterwegs sein.
Sie hatten wenige Minuten, die Beute zu sichern und zu verschwinden.
Die Drohne klappte den Gaswerfer ein und begann, den Gurt abzuwickeln. Mara folgte Liora und sprintete auf das zusammengesunkene Kind zu. Sie nahm es auf und drückte es an sich. Dann lief sie, ohne sich noch einmal nach ihrer Schützin umzusehen, zurück in den Wald. Sie kannte den Ablauf.
Liora vertraute der Technik ihrer Partnerin. Die Drohne schwebte direkt über ihr. Sie hörte deutlich das Surren der Rotoren. Sie legte dem betäubten Waldmenschen den Gurt auf die vorgeschriebene Weise an. Dann zog sie dreimal an dem Zugseil. Die Last wurde angehoben und drehte sich, schwang sanft in einem Bogen und stieg in den Himmel.
Der Glasstadt entgegen.
Liora nahm ihr Gewehr vom Rücken, warf einen prüfenden Blick an die Ränder der Lichtung und lief los. Am Treffpunkt würden sie ihre Beute übergeben und konnten über die Sache reden. So wie immer.
Freigeborenen davonzulaufen, war nie eine gute Idee. Sie waren ausdauernder, schneller und leiser. Liora schloss zu Mara auf, die mit ihrer Last auf den Armen nur schlecht vorankam. Gemeinsam hasteten sie durch den dichten Wald, bis sie die erste Markierung erreichten. Ein von Laub und Bodengewächsen überwucherter Betonring, aus dem in weitem Abstand die Halterungen der Kameras aufragten. Ein kaum hörbares Pfeifen lag in der Luft. Für das ausgeprägte Gehör der Naturgeborenen war das Geräusch ein Störsignal. Sie waren in Sicherheit. Vor ihren Fäusten und Messern, doch nicht vor ihren Pfeilen.
Liora streckte ihrer Technikerin beide Arme entgegen. Maras Gesicht war schweißbedeckt. Sie atmete schwer.
»Irgendwann …«, keuchte Mara und hob das Kind in Lioras Arme.
»Sicher. Vernachlässigst du dein Training?« Liora kontrollierte den Puls des Kindes. Es schlief tief und fest und würde erst im Labor erwachen.
Während der letzten Regenzeit war in dem aufgeweichten Boden eine Senke entstanden, die von dem Betonring bis in die Nähe des Treffpunkts führte. Sie hatten die Erlaubnis erhalten, diesen zu befestigen. Die Vorschriften waren streng.
Der schartige Belag des Bodens knirschte unter ihren Sohlen. Es war nicht mehr weit bis zum Übergabepunkt. Am Endpunkt der Transportröhre wartete die Kabine. Sie stand offen. Die Drohne hatte ihre Last auf dem freien Platz abgesenkt, der wie eine Miniaturversion der Lichtung im Wald wirkte. Einige Bäume waren entfernt worden. Das geschah selten und war mit dem Ausfüllen von etlichen Formularen und Anträgen verbunden gewesen.
Mara öffnete den Gurt der Drohne und gab ihr den Befehl zum Rückflug in die Stadt.
Der Mann wog sicher siebzig Kilo. Er war von dichtem Fell bedeckt, das ihn wie einen schmutziggelben Affen aussehen ließ. Waffen trug er keine, dafür erkannte sie an seinem geflochtenen Ledergürtel ausgebeulte Leinenbeutel. Ein Sammler.
Sie legten das Kind auf die hintere Bahre der Kabine und sicherten es. Dann zogen sie gemeinsam den Mann an beiden Füßen bis zu den Stufen der Röhre. Er gab ein lautes Schnarchen von sich. Liora griff unter die Arme des Mannes und wuchtete ihn hoch.
»Glaubst du, er ist gesund?«, fragte sie und pustete sich eine Strähne ihres schneeweißen Haars aus dem Gesicht.
»Gut genährt ist er. Frag mich mal, was die dort den ganzen Tag fressen.« Mara blickte zurück in den Wald. Vielleicht würde sie nun gerne die kleinen Beutel öffnen. Nüsse, Beeren und Fallobst auf ihre Handfläche streuen und daran schnuppern. Doch das war verboten und die Kameras würden es aufnehmen.
Die Wilden sammelten und wurden gesammelt. Was war daran verkehrt?
»Du fragst nie, bevor du handelst. Ist dir meine Meinung nichts wert?«, fragte Mara. Sie hielt nichts von spontanen Entschlüssen. Nicht in der Nähe einer Gruppe Freigeborener, die mit Speeren und Pfeilen bewaffnet waren. Sie war Technikerin.
»Was denn? Auftrag erledigt. Jetzt noch den Rest und es geht zurück in die Stadt.«
Liora fesselte den Mann und zog einen Gurt über seine Brust, der ihn auf einer Liege fixierte. Sie verließen die Kabine und die Tür schloss sich ohne ihr Zutun. Ganz bestimmt wurden sie beobachtet. Jedes ihrer Worte aufgezeichnet. So war es üblich.
Der Rest. Dafür machten sie einen weiten Bogen um die Lichtung und folgten dem schmalen Wildpfad bis zu dem See, der eingebettet zwischen flachen Hügeln lag. Dort fanden sich zu dieser Tageszeit etliche Tiere ein. Es gelang ihnen, eines der scheuen vierbeinigen Tiere zu erlegen. Es hatte Hörner, die aus seiner Stirn wuchsen. Mara verglich es mit der Abbildung, die ihnen mitgegeben wurde. Der lateinische Name war unaussprechbar. Sie nannten diese Tiere bei jeder sich bietenden Gelegenheit anders: Gnugnu, Wuschler oder einfach Reh.
»Warum sollen wir dieses töten und die Waldmenschen nicht?«, fragte Liora. Sie hatte das schon oft gefragt und jede Antwort darauf fiel anders aus. Sie wussten es nicht.
Totes Fleisch berühren zu müssen, war das einzig Schlechte an ihrer Arbeit. Das Gute war, das niemand davon wusste. Ihre Freunde nicht und ihre Familie nicht.
»Wir töten nicht aus Spaß und nicht aus Hunger«, zitierte Mara die erste Regel.
»Wir schleppen zum Spaß ein totes Tier durch den Wald. Warum hast du die Drohne weggeschickt?«
»Frag nicht. Sie wollten es so. Pack an, ich will zurück.«
Als sie ihr Camp erreichten, stand die Kabine wieder am Ende der Röhre. Sie war leer. Sie warfen das Tier in die Kühlbox und reinigten gründlich ihre Hände. Dann aßen sie. Dazu hockten sie sich um den Wärmestrahler, öffneten eine der kleineren Kisten, die auf einem Stapel Uni-Boxen lag, in denen weitere Ausrüstung, Kleidung und ihre Zelte verstaut waren.
Sie kauten schweigend an den geschmacklosen Würfeln Zuchtfleisch.
»Das Brot ist zu salzig«, flüsterte Liora und stopfte etwas von dem Weizentoast in ihren Mund und spülte es mit Wasser hinunter.
»Wir nehmen mit Demut die Kost entgegen, die die Stadt uns gibt.«
»Du nervst. Verschon mich mit den Geboten«, sagte Liora und reichte die Trinkflasche ihrer Technikerin.
Sie kannte sie auswendig. So wie jeder andere Bewohner der Glasstadt.
In der Stadt berührte niemand totes Fleisch, außer es starb ein Bewohner Bastions. Lioras Vater war gestorben. Sie ahnte, dass seine Forschungen der Grund waren, warum sie hier war und nicht jemand anderes von den vielen, die sich in der Stadt drängten. Ihr Vater war ein kluger Mann gewesen und hatte die wahre Natur der Außenwelt erkannt. Das war vor vielen Jahren gewesen. Liora war zu der Zeit ein Kind. Nicht älter als fünf. Niemand hatte mit ihr gesprochen, als er verschwand. Zehn Jahre später wurde sie zur obersten Technikerin gerufen und erhielt von ihr das Gewehr und einen Lehrer. Sie lernte Mara kennen. Das war ungewöhnlich, denn Maras Eltern waren einfache Leute. Ihre Tochter war alles andere als einfach. Schon während der ersten gemeinsamen Tage überraschte sie Liora mit ihrem Wissen um alles Technische und ihrer Begeisterung für Drohnen und Navigation. Sie konnte all das, was Liora langweilig fand. Sie schaute lieber durch ein Zielfernrohr als aus Hunderten Metern Höhe auf eine Gruppe kleiner Lichtpunkte.
Liora betrachtete ihre Gefährtin.
Mara war einen Kopf kleiner, obwohl sie schon achtzehn war und damit ein ganzes Jahr älter.
Liora hatte dagegen den typischen Körperbau aller Mitglieder der hohen Familien. Hochgewachsen, schlank an der Grenze zum Mageren, farbloses Haar, das in der Sonne der Außenwelt wie Silber glänzte und in den Nächten grau und wie Metall wirkte. Mara beneidete sie darum. Ihr Haar war dunkler, fast so wie das eines Freigeborenen. Dies war kein Makel, aber es war eine Eigenschaft von Mara, dass sie sich stets nach dem sehnte, was sie an anderen sah. Sie hatte es durch Beharrlichkeit und Lioras Hilfe geschafft, in der Hierarchie aufzusteigen. Ihre Haarfarbe war geblieben.
Das Signal der Kabine riss sie aus ihren Gedanken. Sie stand auf, verstaute alles, was bis zum nächsten Ausflug haltbar und entbehrlich war und verschloss sorgsam die Kisten.
Es war unwahrscheinlich, dass ein Freigeborener bis hierher vordrang. Niemals war eines dieser Geschöpfe auch nur in der Nähe der gläsernen Stadtmauern gesehen worden. Sie waren scheu. Und sie hassten die Menschen aus Bastion.
Uns.
Wir raubten ihre Kinder.
2. Die gläserne Stadt
Liora fühlte sich in der engen Kabine der Transportröhre unwohl. Es passierte jedes Mal an der gleichen Stelle.
Sie verließen den Wald, und für einige Sekunden tauchten in der Ferne die Umrisse der Glaskuppeln auf, funkelten wie Edelsteine in der Sonne oder lagen als Urtiere im Morgennebel.
Jedes Mal sprang sie auf, presste ihre Hände gegen die Scheibe und starrte auf ihr Zuhause.
Mit jedem Kilometer, den sie zurücklegten, tönten sich die Scheiben dunkler, bis kein Licht mehr eindrang und ein Notlicht ansprang.
Niemand konnte von den Türmen der Stadt die beiden winzigen Menschen sehen, die sich in der Kabine befanden. Die gläserne Transportröhre war offiziell kein Ausgang. Sie war nur ein Relikt aus alten Tagen, ohne Sinn und Funktion. Selbst Liora und Mara wussten nicht, wo sie innerhalb der Stadt endete.
Ein Kellerraum, sterile Gänge mit Abzweigungen und Aufzügen, bei denen man nicht spürte, in welche Richtung sie fuhren. Sie traten nie durch dieselbe Tür ins Tageslicht. Diesmal war es das Regierungsviertel. Liora und Mara hatten in der Kabine die Außenkleidung gegen die Uniformen niederer Stadtbeamter getauscht. Schlichte Stoffhose, ein Hemd ohne Kragen und, weil es noch drei Tage Sommer war, an den Füßen die üblichen Sandalen.
Alles in Safrangelb, abgesetzt mit einem blauen Streifen an den Ärmeln.
Morgen würden die Ausgabestellen für Winterkleidung öffnen. Liora war immer eine der Ersten, die dort anstanden. Mara wartete grundsätzlich bis zu dem Tag, an dem das Klima unter den Glaskuppeln auf Winter umgestellt wurde.
Sie verließen das unscheinbare Gebäude und traten auf die Straße. Die Luft war drückend und roch nach zu vielen Menschen, abgestanden und feucht. Für einen Moment verharrten sie dicht an der Hauswand. Niemand beachtete sie. Zwei junge Mädchen, die auf den Weg nach Hause eine kurze Pause einlegten.
»Wir haben alles richtig gemacht.«
Mara nickte.
»Bist du zufrieden? Dein Vater wäre Stolz auf dich.«
Liora erstarrte bei diesen Worten. Mechanisch absolvierte sie ihre vorgeschriebene Atemübung und versuchte, ihren Herzschlag zu kontrollieren.
»Du kennst ihn doch gar nicht«, sagte sie nach drei tiefen Atemzügen, die sie durch geschürzte Lippen entließ.
»Er hatte sicher wichtige Gründe, fortzugehen.«
»Solange er keine Gründe findet, zurückzukommen, kann er mir gestohlen bleiben.«
Es war eine Übereinkunft zwischen ihnen. Lioras Vater war nicht tot.
Mara unterdrückte das spontane Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen.
»Etwas lässt mich nicht los. Warum war das Kind alleine auf der Lichtung?«, flüsterte sie stattdessen.
»Hast du im Unterricht nicht aufgepasst? Sie setzen ihre Jungen aus und töten die Alten.«
Liora scharrte mit der Sandale über den Kunststoffbelag der Straße und starrte dabei auf die vorbeieilenden Menschen.
»So nah an der Stadt? Warum ist der andere zurückgekommen?«
»Unsere Aufgabe, dass herauszufinden«, sagte Liora.
»Aber …« Mara erkannte in der Menge ein bekanntes Gesicht und hob reflexartig zwei Finger an die Brust. Der Mann, der Kleidung nach ein Mitglied einer Techniksekte, blieb stehen.
»Mara. Gelobt sei Bastion. Was treibt dich in das Regierungsviertel? Eine weitere Petition zur Rettung des Parks? Deine Eltern sollten besser auf dich aufpassen.« Er hatte nur Augen für Liora, deren silberne Haare für ihn offensichtlich der einzige Grund gewesen waren, nicht achtlos weiterzugehen. Er war zu Fuß unterwegs gewesen, ein deutliches Zeichen, dass er nur die Zeit totschlug.
»Jukab Vale. Du hast sicher von mir gehört«, fügte er hinzu und trat einen Schritt näher.
»Ihr gehört zusammen?«, fragte er Liora und warf einen mitleidigen Blick auf Mara.
»Wir arbeiten in derselben Abteilung. Mehr nicht«, sagte Liora und ging einen Schritt auf ihn zu.
»Bedauernswert.«
»Total, doch ich befolge mit Demut die Entscheidungen meiner Vorgesetzten.«
»Das ist gut. Wenn es mit der Demut nicht reicht, darfst du mich gerne ansprechen. Nur wenige genießen die Gunst meiner Aufmerksamkeit.«
Liora biss auf ihre Zunge, um nicht laut loszulachen. Sie warf einen schnellen Blick auf Mara.
Die schaute wie unbeteiligt auf einige leere Transportkugeln, die sich um eine Ladestation drängten. Der Mann wartete auf eine Antwort. Liora schwieg. Mara zupfte sich an der Nase und betrachtete danach intensiv ihre Fingerspitzen.
Aus Dutzenden unsichtbarer Lautsprecher ertönten drei Glockenschläge. Die zwölfstündige Tagesphase war fast vorbei.
»Die Zeit für gute Träume naht«, sagte er schließlich. Seine Hände waren mit Abstand das schönste an ihm. Vielleicht der Grund, warum er ständig damit durch seine weißen Haare strich und eine Strähne mal nach links und mal nach rechts legte. Er überragte Liora und unter dem engen Gewand erkannte sie, dass er gut genährt war. Ein typischer Begünstigter. Doch anders als der stämmige Waldbewohner wirkte er schwammig und ungesund. Er hatte sich als Zeichen des Wohlstands die Zähne entfernen lassen. Das gab seinem Gesicht etwas Eingefallenes, das nicht zu seinem jungen Alter passte. Seine Stimme klang unangenehm hoch.
»Jukab Vale«, wiederholte er, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Ein letztes Mal hob er die Hand zur Stirn und beließ sie dort, als würde er überlegen. Dann drehte er sich um und verschwand.
Sie atmeten beide hörbar aus.
»Das mit den guten Träumen wird wohl nichts. Woher kennst du ihn?«, sagte Liora mit einem undefinierbaren Grinsen auf den Lippen.
»Den Neffen von Hallian Vale? Dem Abkömmling der Gründerfamilie? Wenn ich das jetzt erklären würde, stehen wir bis zur Sperrstunde hier.« Mara schaute ihr nicht in die Augen. Sie waren seit zwei Jahren Partner. Mehr als das. Doch gab es immer noch Momente, in denen sich zeigte, dass sie nicht alles teilten.
Das Transportband trug sie zum Zentralplatz. Als sie dort ankamen, war es bereits dunkel. Mara schaute auf ihre Uhr.
»Kommst du noch mit? Meine Eltern würden sich freuen«, fragte sie und reichte Liora beim Absteigen die Hand.
»Schau dir das an. Glaub, die werden nie fertig,«, sagte Liora und zeigte auf ein abgesperrtes Areal, auf dem sich früher ein Park mit echten Blumen befunden hatte. Baukräne und die Gerüste unfertiger Gebäude wurden von grellen Scheinwerfern angestrahlt.
Mara schaute ihr fest in die Augen. Das machte sie immer, wenn ihr etwas wichtig war. Im Gegensatz zu Liora war ihr ziemlich viel wichtig. Sie mit zu ihren Eltern zu schleppen, gehörte dazu.
Sie schüttelte den Kopf.
»Um zehn ist Sperrstunde. Und ich will wirklich die Erste sein an der Kleiderausgabe. Es heißt, dass es dieses Mal eine kleine Menge besonderer Schals gibt. Zweifarbig. Kannst du dir das vorstellen?«
»Grünblau wie im letzten Jahr? Ich kenne niemanden, der einen abbekam.«
Liora strahlte.
»Du … du hast?«
Liora drehte sich auf der Stelle und zupfte an einem unsichtbaren Schal um ihrem Hals.
»Viel zu schade zum Tragen«, sagte sie und ließ müde die Hände sinken.
»Wenn ich gleich nach Hause komme, darf ich zuerst die Gemeinschaftsküche putzen. Gibt da so einen Scheiß Plan, auf dem ausschließlich mein Name steht«, fuhr sie fort und legte Mara beide Hände auf die Schultern. Sie beugte sich und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.
»Zieh zurück zu deiner Mutter. Ich find’s da cool.«
»Toller Vorschlag. Warum ziehst du nicht zu Ihr? Sie wäre begeistert. Zwanzig Quadratmeter mit Ausblick. Für zwei Personen ideal.«
Lioras Mutter war vernarrt in Mara. Objektiv betrachtet war das nichts Ungewöhnliches. Bis auf Liora kam sie mit jedem gut zurecht.
»Schon klar. Du möchtest lieber Geschirrspülen als die besten gebackenen Weizenkekse von Bastion probieren«, sagte Mara scherzhaft und trat einen Schritt zurück.
»Danke«, sagte Liora.
»Wofür jetzt?«
»Die beiden Freigeborenen. Es war ein Fehler von mir, ohne Freigabe zu schießen.«
Mara wollte schon antworten, doch Liora sprach leise weiter, während um sie herum ein endloser Strom an gleich gekleideten Menschen vorbeieilte.
»Dieses Kind …«
»Ja?«
»Erinnerst du dich, wie es aufsprang und in unsere Richtung sah?« Mara nickte.
»Selbst auf die Entfernung … es hat gelacht. Ich hatte das Gefühl, es schaut mir in die Augen und lacht mich an.«
»Und da hast du gedacht, so ein Lächeln schaust du dir im Labor genauer an.«
»Ja, genau.«
»Wenn du so etwas sagst, meine ich zu verstehen, warum deine Mutter ein Problem mit dir hat.«
»Ach, Blödsinn. Du bist nicht dabei gewesen, als mein Vater noch bei uns war.«
»Was hat dein Vater damit zu tun, dass du so nen Scheiß von dir gibst? Jeder weiß, dass die Freigeborenen dumme Wilde sind. Die würden nicht mal lachen, wenn du ihnen jeden Witz erklärst.«
»Wenn das mal so ist. Am besten wird sein, du besuchst meine Mutter. «
»Die alte Leier. Du verschonst mich mit deinen Märchen, weil du mein Schütze bist und nicht darüber reden darfst. Hast du eine Ahnung, wie oft ich mich frage, wie du an den Job gekommen bist?«
Auf der Baustelle ging das Licht aus und der künstliche Sternenhimmel schaltete sich ein.
»Weil ich schweigen kann«, sagte Liora und drehte den Kopf weg.
Die Glaskuppel über ihren Köpfen war zu einem mit winzigen Lichtpunkten übermalten Gemälde geworden. Es wirkte für Liora nicht echt, eher wie die fantasievolle Nachbildung eines Nachthimmels. Die Milchstraße, ein nebeliges Gebilde voller aufquellender Sternenwolken, war zu grell. In Wirklichkeit waren die Sterne nicht so schön. Und das schlimmste waren die Wolken. Die Erbauer der Kuppeln hatten sie vergessen. Sie und Mara waren überzeugt, dass es sich dabei nur um einen Fehler handeln konnte. Keine Wolken bedeutete kein Regen. Dabei war Regen das Schönste, das sie seit dem ersten Verlassen der Kuppelstadt in der Wildnis erlebt hatte. Nicht die warmen Sonnenstrahlen, die zudem gefährlich waren und vor denen sie sich mit eigens hergestellter Creme und passender Kleidung schützen mussten. Nicht die Pflanzen, angefangen von den moosigen Bachufern, uralten Hängeweiden oder Tannenwäldern, deren Böden weich und mit Pilzen überzogen waren.
Ein warmer Sommerregen entschädigte für vieles, ließ manches vergessen. Liora und Mara kannten keine Scheu voreinander. Weit weg von den Kameras der Kontrollpunkte und der Drohne hatten sie es gewagt, während eines Ausflugs ihre Kleidung abzulegen. Es war ein herrliches Gefühl gewesen. Die Haare klebten ihnen auf der Stirn und ihre Füße waren schmutzig geworden vom Gras und den schlammigen Pfützen. Sie verloren kein Wort darüber und wiederholten es nicht.
In Bastion fiel kein Wasser vom Himmel. Dort wuchs kein Gras und niemand tanzte nackt und ausgelassen unter Obstbäumen.
»Ich muss gehen. Die Schlafzeit rückt näher. Sehen wir uns morgen?«, sagte Mara. Sie war mit ihren Gedanken schon zu Hause, auch wenn es in einem anderen Viertel der Stadt lag. Trotz ihrer neuen Stellung war sie nicht umgezogen, lebte immer noch zusammen mit Jenna und Abraham, ihren natürlichen Eltern, in einem winzigen Raum am anderen Ende der Kuppel.
»Bin morgen unterwegs«, sagte Liora, ohne den Blick vom künstlichen Nachthimmel abzuwenden.
»Warum so ausweichend?«
»Warum so neugierig?«
»Du wohl eher. Schaust dir unseren Fang an? Das Lächeln und so?«
»Was soll ich tun, wenn sonst niemand lacht? Meine Mutter wurde mit einem Stock im Arsch geboren und nimmt ihn mit ins Grab. Elian ist vor zehn Jahren verschwunden und meine beiden Mitbewohner mobben mich.«
»Nicht schon wieder. Dein Vater ist verschwunden. Warum machst du dich nicht auf die Suche?«
»Du redest wie meine Mutter. Ihr solltet zusammenziehen.«
Jetzt war es Mara, die lachte. Halbherzig und in dem Bewusstsein, dass es falsch war.
Aus den Lautsprechern kam das erste Schlafsignal. Die Menschen auf dem Platz beschleunigten ihre Schritte und selbst das im Boden eingelassene Transportband schien schneller zu werden.
Sie hob die Hand zum vorgeschriebenen Gruß an die Brust und rief nach einer der schwebenden Transportkugeln. Liora machte die Bewegung nachlässig mit.
»Gelobt sei Bastion!«
»Gelobt sei Bastion!«, antwortete Mara.
Soweit die ersten beiden Kapitel. Auf meiner Homepage finden sich demnächst weitere Informationen. Zudem sind dort Links zu meinen bisherigen Büchern zu finden, die ich vorzugsweise über den Autorenshop vertreibe.
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Bitte beachtet, dass meine Texte urheberrechtlich geschützt sind und ich sie als mein geistiges Eigentum betrachte.
Bearbeitet von Michael Fallik, 20 Mai 2026 - 19:07.