Zum Inhalt wechseln


Foto

Irland 1972

Auszug Kurzroman

  • Bitte melde dich an um zu Antworten
4 Antworten in diesem Thema

#1 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 153 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 02 Januar 2026 - 22:10

Da ich mir vorgenommen hatte, eine kleine Schreibpause Anfang 2026 zu beenden, habe ich gerade ein wenig aufgeschrieben. Das Thema Pflanzenwesen geistert schon etwas länger auf meiner Agenda herum und so habe ich  meiner Fantasie freien Lauf gelassen. Damit ist der Anfang des Storyboards abgedeckt und ich freue mich auf die weiteren Verwicklungen, die sich anbahnen werden. 


Bearbeitet von Michael Fallik, 23 Januar 2026 - 21:42.

www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle

#2 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 153 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 10 Januar 2026 - 13:15

Aus dem ersten Storyboard habe ich nun drei frühe Kapitel des Romans entworfen:

 

 

 

* * *
 
In den frühen Morgenstunden des 12. Juni 1973 färbte sich der Nachthimmel über den Feldern von County Mayo für wenige Sekunden in ein fantastisches Farbspektrum. Unterhalb der schroffen Klippen warf der aufgewühlte Atlantik das Licht wie ein zersplitterter Spiegel zurück in den Himmel und verwischte die Grenzen des Horizonts.  
Das Versinken einer silbrig glühenden Scheibe im Moor hinter der Scheune der Harrows Farm war kaum lauter als das Platschen des brackigen Wassers in weichem Boden. Einige Schafe kommentierten die Störung mit empörtem Blöken. Am Feldweg zum alten Fischerhaus lösten sich kleine Brocken aus der niedrigen Steinmauer und rollten ins Gras. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Da und dort flammte Licht hinter gardinenlosen Fenstern auf.
 
Tom Harrow Senior stand in Gummistiefeln und Pyjama in der offenen Haustür und betrachtete den Himmel. Er spuckte aus, als wolle er etwas Bitteres loswerden, stopfte seine Pfeife neu und zündete sie an.
„Die Russen nehmen keine Rücksicht. Marga, hörst du? Die verdammten Kommunisten nehmen keine Rücksicht“, rief er über den Rücken ins Haus hinein.
„Sicher, Tom. So wie du keine Rücksicht auf deine Familie nimmst. Ham wir vier morgens, oder ist meine Uhr kaputt?“ Marga ließ ein trockenes Husten folgen. „Ich fahr wohl mal kurz zum Dorf und wieder zurück. Kann ehe nich mehr schlafen“, brummte Tom Harrow in seinen roten Bart und klopfte die Pfeife aus.
Im Juni ging die Sonne bei wolkenlosem Himmel nur wenige Stunden nach Mitternacht auf. Es dämmerte bereits, als sich etwas im Moor regte. Eine Hand erschien aus der dunklen, zähen Masse. Sie öffnete und schloss sich, als müsse sie diese Bewegung erlernen. Mit einem schmatzenden Geräusch folgte ein kahler Kopf, schwarz vor Schlamm, reglos, bis er sich ruckartig weiter aus dem Moor schob. Der Körper kam langsam zum Vorschein.
 
Er verharrte einen Moment reglos im schweren Morast. Unter ihm zog etwas nach unten. Schließlich zwängte er sich aus dem Moor.
 
Der Körper arbeitete sich in ungelenken Bewegungen nach oben, streckte sich, zog sich wieder zusammen, bis er mit zitternden Beinen auf einem mit Flechten überwachsenen Steinquader stand. Wasser und Schlamm glitten von ihm herab und sammelten sich zu dunklen Pfützen um seine Füße. Das Wesen senkte den Kopf, hob ihn wieder, drehte ihn langsam von einer Seite zur anderen. Es öffnete die beiden Augenlider. Es richtete die Aufmerksamkeit auf einige Grashügel oberhalb der zitternden Moorflächen, deren Ränder in der Morgensonne gelb schimmerten. Es sog Luft ein. Stockend. Dann löste es sich von dem Stein und setzte einen Fuß vor den anderen. Es ahmte das tiefe Seufzen einer menschlichen Brust nach und begann den Aufstieg zur Hügelspitze. Seine Bewegungen waren zunächst ungelenk, es probierte einige Gangarten aus, schob abwechselnd Schultern oder Brust vor und verfiel in einen leichten Dauerlauf. Hinter dem ersten Hügel zeichnete sich die dunkle Silhouette einer Scheune ab. Es blieb stehen.
Die Gestalt veränderte wieder seine Oberfläche, passte sich der Umgebung und dem Licht an und schlich der baufälligen Scheune entgegen.
 
Ein dumpfes Brummen erfasste den Körper des Wesens, dessen Schwingungen aus bedrohlicher Nähe zu kommen schienen. Eine gedämpfte Stimme erklang: „Verflucht, Madden, du weckst noch den ganzen Hof auf. Du bekommst dein Futter, sobald dieses Drecksteil anspringt.“ Dem folgte das gurgelnde Geräusch eines Anlassers.
 
Ein scharfer Duft kam auf und endlich sah es die Ursache: Ein mit zottigem Fell überzogenes, vierbeiniges Tier kauerte nur eine Armlänge entfernt im hohen Gras. Seine Augen fixierten den Fleck hinter der Scheune. Das Wesen bewegte sich nicht. Einen Moment lang starrten sie einander an. Dann jaulte der Hund auf, drehte sich ruckartig um und stob durch das offenstehende Tor in die Scheune.
 
 
* * *
 
 
Tom Harrow Senior hockte zusammengesunken auf einem kleinen Traktor und betrachtete das Fahrrad. Es lehnte noch immer an derselben Stelle, dort, wo es seit Jahren stand. Der Lack war an mehreren Stellen abgeplatzt, Rost hatte sich an den Speichen festgesetzt, und der Sattel war aufgequollen. Ein Reifen war platt, an der Lenkerstange klemmte eine Klingel, die dem Kopf eines Superhelden nachgebildet war. Tom wusste nicht, warum es noch dort stand.
Der Motor des Traktors sprang an und puckerte ungeduldig vor sich hin. Madden, der Hund, saß einige Schritte entfernt und winselte leise, ohne den Blick von der Scheunenwand zu nehmen.
„Was ist los mit dir?“, murmelte Tom und zog an seiner Pfeife.
Der Rauch vermischte sich mit den Abgasen des Dieselmotors. Tom kletterte ungelenk vom Fahrersitz, trat näher an das Fahrrad heran und stieß es mit der Stiefelspitze an. Er hätte es längst wegwerfen können. Tom sah zur offenen Tür der Scheune. Nichts rührte sich. Nur Schatten, Staub und der Geruch von altem Heu. Sein Hof. Er war nicht stolz darauf, dass er sein ganzes Leben hier verbracht hatte. Stolz war etwas, das man auf dem Land nicht gebrauchen konnte. Ebenso wie Träume. Das Tuckern des Dieselmotors erinnerte ihn an das Fischerboot, das er sich nie hatte leisten können. Das verdammte Fischerboot. Er grinste schief. Besser so, seine Leiche würde bei den anderen Harrows auf dem Friedhof liegen und nicht auf dem Grund des Atlantiks .
Er sah noch einmal zu dem Fahrrad.
„Du hättest es besser pflegen sollen“, sagte er, ohne genau zu wissen, was das für einen Sinn gehabt hätte.
Madden jaulte auf und sprang zurück.
Tom fuhr herum. „Jetzt reiß dich zusammen.“
Der Hund duckte sich und wich zurück, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Tom folgte seinem Blick zur Rückseite der Scheune. Dort, wo das Moor begann. Die Pfeife war erloschen. Er stellte den Motor wieder ab und verließ die Scheune. Die Spatzen hatten ihr Morgenkonzert begonnen und übertönten das ferne Läuten der Glocken aus dem Dorf.
Tom spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Das Fahrrad ... in seinen Träumen stand es nicht in der Scheune. Unwirsch schüttelte er den Kopf und spuckte aus. „Unsinn“, sagte er laut. „Reiner Unsinn.“
Er ging zur Scheunentür, schob sie ein Stück weiter auf und blickte hinaus. Staub tanzte im schrägen Morgenlicht. Eine alte Schaukel hing schlaff von der Eiche herab und ihr vergilbtes Holzbrett schimmerte feucht.
„Tom?“, rief Marga vom Haus herüber. Ihre Stimme klang dünn. „Kommst du?“
„Gleich“, antwortete er. Er straffte seinen Rücken, strich sich über seine borstigen Haare und zog gequält die Mundwinkel nach oben.
Der Hund rührte sich nicht.
Tom drehte sich um und ging langsam zum Haus zurück, ohne sich noch einmal umzusehen. Hinter der Scheune, im Schatten, verharrte etwas reglos. Es hatte beobachtet. Es hatte zugehört. Es würde bleiben.
 
 

* * *

 

„Wenn Gallagher glaubt, er bekommt im August drei Wochen, dann glaubt er auch an kleine grüne Männchen“, sagte Margaret Doyle, ohne aufzusehen. Sie knüllte ein lindgrünes Urlaubsformular zu einer Kugel und versenkte sie mit einem gezielten Wurf in einen der vielen Papierkörbe.

Der Antrag hatte nun seit drei Tagen auf ihrem Schreibtisch gelegen und damit die übliche Bearbeitungszeit erreicht. Oben rechts hatte in der Zwischenzeit jemand mit Bleistift ein fettes Fragezeichen gemalt, daneben fanden sich zwei harmlose Schimpfwörter. Auf der zweiten Etage der AWA ging es gesittet zu. Der Abteilung für Wetteranomalien konnte man vieles nachsagen, aber schlechte Arbeitsbedingungen gehörten nicht dazu.
Margaret sah auf die Uhr. Viertel nach neun. Eigentlich hätte der Ausdruck aus der Rechenstelle längst da sein müssen.
 
Am anderen Ende des Raums begann der Kopierer, mit jaulenden Geräuschen einige Vordrucke zu vervielfältigen. Der alte Potter stand daneben und beobachtete das Ganze mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Ein Ventilator, an dem ein Witzbold einen Nylonstrumpf geklemmt hatte, drehte tapfer seine Runden. Gegen die abgestandene Luft half das nicht. Das Gebäude lag in einem unauffälligen Industriegebiet am Rand von Galway, eingezwängt zwischen einer Lagerhalle für Düngemittel und einem Betonwerk. Von außen deutete nichts darauf hin, dass hier aus dem ganzen Bezirk Meldungen gesammelt wurden, für die sich weder Polizei noch Feuerwehr interessierten.
 
„Er will seine Familie in Donegal besuchen“, sagte Liam O’Connor.
Margaret verzog keine Miene. „Ist er nicht seit letztem Jahr geschieden?“
„Du solltest mal mit ihm ins Pub gehen. Dann bist du wieder auf dem Laufenden.“
„Was jetzt? Gab es am Ende ein Happy End?“
Liam nickte, und Margaret betrachtete nachdenklich den Papierkorb.
 
Sie zog einen der Aktenordner heran und schlug ihn auf. Die Seiten waren voll mit handschriftlichen Vermerken. Das übliche, Uhrzeiten und Ortsangaben mit bekannten Namen aus der ganzen Region. Diese Küste, der Hügel, hoch oben am Himmel ... seltsame Erscheinungen. Immer wieder dieselben Worte. Darunter, in einer sauberen, gleichmäßigen Handschrift, die Erklärungen der AWA:
Reflexion. Wetterballon. Militärübung. Die meisten Fälle ließen sich so schließen.
 
Das Telefon klingelte, und der alte Potter zuckte aus einem Halbschlaf auf.
Niemand reagierte sofort. Erst beim dritten Läuten hob Liam den Hörer ab, hörte kurz zu und verzog das Gesicht.
„Ja“, sagte er. „Ja, das haben wir notiert. Nein, Sir, wir können niemanden schicken. Nein.“
Er legte auf und machte eine Markierung auf dem Formular.
„County Clare. Wieder was am Himmel. Hat aus einer Kneipe angerufen.“
Margaret erlaubte sich ein Lächeln. „Dann ist es erledigt.“
 
In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein junger Mann aus der Rechenstelle kam herein. Er trug einen Stapel Endlospapier unter dem Arm, die Lochränder noch ungetrennt.
„Der Batchlauf ist durch“, sagte er. „Gab ein paar Fehler.“
Margaret nahm ihm den Ausdruck ab. Die Seiten waren dicht bedruckt, Zeile um Zeile mit Zahlen, kryptischen Codes und Ortskürzel. Sie blätterte routiniert durch, ohne wirklich hinzusehen – bis sie innehielt.
„Moment“, sagte sie mehr zu sich selbst.
Sie ging die Seite zurück, dann noch eine. Ihre Finger folgten den Zeilen, verglich die Uhrzeiten, Koordinaten und Küstenabschnitte.
„Liam“, sagte sie leise. „Wir haben hier drei Meldungen aus derselben Gegend innerhalb von zwanzig Minuten.“
Er trat näher. Beugte sich über das Papier und verglich die Einträge.
„Oh du Wunder der Datenverarbeitung“, murmelte er kaum hörbar.
Der Rechenstellenmensch trat nervös von einem Bein aufs andere. 
„Das System hat nichts Auffälliges markiert“, sagte er. „Die Abweichung liegt innerhalb der Toleranz.“
„Welche Toleranz?“, fragte Margaret.
Er zuckte mit den Schultern. „Die, die wir eingestellt haben.“
Margaret nickte langsam.
„Dann sieht es das hier nicht“, sagte sie.
Margaret legte den Ausdruck flach auf den Tisch. Sie nahm einen Bleistift, machte mehrere kleine Markierungen neben den Einträgen und schrieb ihre Initialen dazu.
„Lassen Sie das noch mal durchlaufen.“, sagte sie. „Ohne Toleranz. Von jetzt an immer ohne Toleranz.“ Sie verwarf den Gedanken, dem Techniker verschwörerisch zuzuzwinkern.
Liam sah sie an. „Und wenn es wieder nichts erkennt?“
Margaret sah noch einmal auf die Meldungen. „Dann bleibt es liegen, wie üblich“, sagte sie. 
Der Kopierer verstummte endlich. Der Ventilator drehte weiter seine Runden. Von der Straße ertönten ein wütendes Hupen und aufgeregte Stimmen. 
„Es ist zu heiß für diese Zeit. Die Leute sind nervös. Manchen bekommt das nicht.“ Margaret schob den Ausdruck auf den Stapel unbearbeiteter Meldungen und klappte den Ordner zu.

Bearbeitet von Michael Fallik, 25 Januar 2026 - 17:24.

www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle

#3 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 153 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 01 März 2026 - 09:40

image-960x720.png


www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle

#4 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 153 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 01 März 2026 - 09:46

Coverabbildung:
Eigene Aufnahme des Autors. Torfbriketts an einer Hauswand in einem Dorf an der irischen Westküste. Das Buch erscheint Mitte März 2026.

www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle

#5 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 153 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 07 März 2026 - 14:38

Nachdem ich dieses Buch abgeschlossen hatte, begann ich unverzüglich, einen alten Entwurf für einen Science Fiction Roman mit mehr als beiläufiger Ironie zu beachten. Die Monate, die dieser achtlos hingeschmierte Text im Dunkel eines digitalen Exils verbrachte, hatten ihm nicht gutgetan. Ich begann, ihn mit Perspektiven und Präteritum gleich einer Gartenschere zu malträtieren, raubte ihm die Form und gab ihm eine Neue nebst knackigen Prolog.  

 

Der Prolog enthält Andeutungen auf die Grundidee, sodass er hier nicht hingehört. Hier das erste Kapitel:

 

1 - Der letzte Urlaub
 
Kanada – New Baltin
Industrial Southern Area
2086 – Ana
 
Der letzte Tag meines Urlaubs war angebrochen und wir hatten eine ungestörte Nacht verbracht. Das kam selten vor. Meine Kollegen auf dem Mond arbeiteten in drei Schichten, während ich in meinem riesigen Loft im Bett lag und die Aussicht auf eine idyllische Industrieruine genoss. Normalerweise, also mindestens einmal am Tag, oder bevorzugt mitten in der Nacht, wurde ich kontaktiert. Meistens waren es banale Dinge, die meinen direkten Vorgesetzten William Grey Welter oder die noch über ihm stehende KI mit dem harmlosen Namen BITS dazu bewegten. Es gab nur eine Handvoll Menschen auf der Erde, denen die Buchstabenkombination BITS mehr bedeutete als das Aufdröseln von Bytes. Dazu gehörte auch ich, und wenn es nach mir ging, durfte dieser Zustand ruhig noch etwas andauern. Zwei Wochen Urlaub waren zu kurz, das hatte selbst Mariam gesagt und sie kannte sich damit aus. Von der Existenz BITS ahnte sie nichts und das war gut so. Ein Biological Inspired Thinking System war wie eine Ehe. Wenn man sich einmal darauf eingelassen hatte, gab es kein Zurück – höchstens die geringe Wahrscheinlichkeit eines Rosenkriegs. 
Ich drehte mich auf die Seite, stopfte mir ein Kissen unter die Achsel, zog die Knie an und stützte den Kopf mit meinem Arm ab, der dadurch ein schiefes Dreieck bildete. Ich betrachtete Mariam, die hingestreckt wie die schlafende Venus von Mila nackt neben mir lag. Ihr Gesicht zeigte die kaum wahrnehmbare Unruhe des morgendlichen Erwachens. Der winzige, schokoladenbraune Fleck, unterhalb ihrer leicht geöffneten Lippen, besaß die Farbe ihrer Haare. Ein dichter Helm aus gekräuselter Unordnung, der Alptraum jedes einheimischen Friseurs. Sie war Flugbegleiterin bei der LUNA AM, der exklusiven Linie, die drei Mal täglich von Toronto aus das Meer der Ruhe auf dem Mond anflog. Auf solch einem Flug hatten wir uns kennengelernt. Ein griechischer Kupido musste an Bord gewesen sein und in der Langeweile des Flugs beschlossen haben, unsere Herzen aufeinander loszulassen.
 
»Woher hast du nur deine blauen Augen? Von deinen Eltern sicher nicht.« Mariam sah mich verschlafen an, als würde sie einen seltenen Schmetterling betrachten, der sich auf ihrer Hand vertrauensvoll niedergelassen hatte. Sie richtete sich auf, hob ihre Arme und löste mit beiden Händen ihr Haarband. Ihre dunkle Krauskopffrisur entfaltete sich in ihrer ganzen Pracht.
»Vielleicht sollte ich einmal einen Ahnenforscher engagieren, meinen Stammbaum als Beweis an den Kühlschrank kleben«, erwiderte ich. Der Gedanke an den Kühlschrank entfaltete sich in meinem Kopf. 
»Magst du auch einen Eiskaffee?« Mariam nickte lächelnd. Ich schwang meine Beine über die Bettkante und zog ein zerknülltes T-Shirt unter einem Kissen hervor. 
»Sehe ich schlimm aus? Ich glaube, ich habe mich gestern nicht abgeschminkt«, sagte ich und runzelte die Stirn. Sie umfasste mein Gesicht mit ihren Händen und strich sanft mit den Daumen unter meinen Augen entlang. 
»Perfekt, Ana. So darfst du den Kühlschrank öffnen.« 
Ich schlüpfte in das T-Shirt und streckte die Arme durch, hoch in die Luft, als hätte Toronto FC im Endspiel ein Tor gemacht. Zwischen ehrwürdigen alten Möbeln, neben den scheinbar wahllos verteilten rostigen Säulen der alten Fabrik–Etage, stand verloren meine Staffelei, wie ein Whiteboard, das von filigraner Ölfarbe überzogen war. Mariams medusenhaftes Portrait wirkte vor dem Hintergrund einer Landschaft voller Fabelwesen wie ein weiteres stilles Meer der Ruhe. 
»Zucker?«, fragte ich sie, als ob ich es nicht besser wüsste. Sie blickte auf meine schmale Taille, dann legte sie ihre Hände an ihre breiten Hüften und grinste mich an. 
»Gerne, Ana. Viel Zucker.«
Meine kleine Küche schloss nahtlos an den Wohnraum an. Es gab bei mir keine Barrieren – weder unsichtbar, versteckt im Inneren einer aufgewühlten Seele, noch in Form von Wänden oder geschlossenen Türen. Mein Kühlschrank war ein Tempel der Enthaltsamkeit; sein sparsamer Inhalt spiegelte die Effizienz wider, mit der ich meinen Job bei BITS Corporation erledigte. Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, wenn das erste Licht sich in den zerborstenen Scheiben der endlosen Industrieruine vor dem Fenster meines Lofts spiegelte, würde ich in einem Shuttle der LUNA AM sitzen – verwöhnt von der ersten Klasse, isoliert von den restlichen hundert Passagieren. Mariam würde mir fehlen.

www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle


Besucher die dieses Thema lesen: 0

Mitglieder: 0, Gäste: 0, unsichtbare Mitglieder: 0