Da ich mir vorgenommen hatte, eine kleine Schreibpause Anfang 2026 zu beenden, habe ich gerade ein wenig aufgeschrieben. Das Thema Pflanzenwesen geistert schon etwas länger auf meiner Agenda herum und so habe ich gerade meiner Fantasie freien Lauf gelassen. Damit ist der Anfang des Storyboards abgedeckt und ich freue mich auf die weiteren Verwicklungen, die sich anbahnen werden.
Blaues Blut
In den frühen Morgenstunden des 12. Juni 1972 färbte sich der Nachthimmel über den Feldern von County Mayo für einige Sekunden in ein faszinierendes Farbspektrum. Unterhalb der schroffen Klippen warf der aufgewühlte Atlantik wie ein zersplitterter Spiegel Abertausende winziger Farbtupfer zurück und verwischte die Grenzen des Horizonts. Das alles verlief nahezu lautlos; selbst das Versinken einer silbrig glühenden Metallscheibe in das Moor hinter der Scheune der Harrows Farm war nicht lauter als das Seufzen einer gequälten Seele.
Einige Schafe kommentierten diese nächtliche Störung mit empörtem Blöken, und am Feldweg zum alten Fischerhaus lösten sich einige Brocken aus der Steinmauer, die Mr. Harrows’ Urgroßvater noch vor der großen irischen Hungersnot aufgetürmt hatte. Im Juni ging die Sonne bei wolkenlosem Himmel schon wenige Stunden nach Mitternacht auf, und so dämmerte es bereits, als LuBlue wie in einem Horrorfilm die erste Hand mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Moor herausschob und wenig später das kahle Haupt folgen ließ. Der Anblick hätte jeden Betrachter bis ins Mark erschüttert, obwohl Moorleichen in dieser Gegend kein seltener Fund waren. LuBlue war keine lebende Leiche; biologisch betrachtet war es nicht einmal ein Mensch, auch wenn die äußere Gestalt dies vermuten ließ.
Der bittere Duft der schweren Erde erinnerte es an die Heimatwelt, und es verharrte einen Moment regungslos im warmen, schweren Morast. Tief unter den Füßen spürte es den Sog des hinabsinkenden Gleiters, und mit Schrecken erinnerte es sich an den Schultergurt, den es vor dem Ausstieg angelegt hatte. Es dehnte und beugte die beiden Arme, die ihm immer noch fremdartig vorkamen, bis es die Ausbuchtung der kleinen Tasche spürte. Alles war vorschriftsmäßig verlaufen, und so öffnete es die beiden Augenlider. Die Vorstellung der Welt wurde konkreter, doch es verließ die höheren Ebenen der Wahrnehmung und beschränkte seine Eindrücke für einen Moment auf diese optischen Linsen. Auch dies war ihm mit auf den Weg gegeben worden: Anpassung bedeutete Überleben.
Nachdem es durch einige akrobatische Verrenkungen dem Moor entronnen war und den schlanken Körper dabei wie ein aufgeblähter Zitteraal abwechselnd streckte und zusammenzog, stand es schließlich mit zitternden Beinen auf einem mit Flechten überwachsenen Steinquader, den die Einheimischen seit Ewigkeiten nur „Molly“ nannten.
Dass LuBlue über keine äußeren Geschlechtsmerkmale verfügte und der Körper unter der zentimeterdicken Dreckschicht eine schneeweiße, marmorne Haut besaß, waren nur die offensichtlichsten Unterschiede zu den ursprünglichen Bewohnern dieser Gegend. Die Feinheiten der Anpassung wurden stets auf dem Zielplaneten vorgenommen; das hatte es schon während der ersten Reifezeit gelernt.
Hier, also auf Z082345 – einem hauptsächlich von Wasser bedeckten Planeten mit halbwegs genießbarer Sauerstoffatmosphäre – waren die Bewohner auf zwei Wesensformen limitiert. Für die Fortpflanzung mussten sie kurzzeitig eine Symbiose eingehen. LuBlue würde spontan entscheiden, welcher Geschlechtlichkeit es den Vorzug geben würde. Die spärlichen Unterlagen, die ihm vor Beginn der Reise zur Verfügung gestellt worden waren, deuteten für beide Geschlechter ausgeprägte Vor‑ und Nachteile an.
LuBlue ahnte, dass dieser Planet ganz sicher nicht als idealer Kandidat für eine Kolonisierung durch sein Volk eingestuft werden würde. Die Schwestergewächse waren sicher alle mit wichtigeren Missionen betraut und zu sorgsam erforschten Planeten entsandt worden, deren dominante Bewohner aus Pflanzenwesen, Pilzstämmen oder gar modularen Flechtenkolonien bestanden. Es würde das Beste daraus machen, auch wenn klar war, dass auf diesem seltsamen Wasserplaneten nie eine der Mutterknospen keimen würde. Welche Ironie, dass die Bewohner ihren Planeten als „Erde“ bezeichneten.
LuBlue richtete die Aufmerksamkeit auf einige Grashügel oberhalb der zitternden Moorflächen, deren Ränder in der Morgensonne gelb schimmerten. Wie war es möglich, dass der Gleiter so dicht an seinem Ziel abstürzte? Oder war es gar kein Versagen des Antriebs gewesen und die Steuerung hatte nur den Befehlen und heimlichen Plänen der Mutterknospen gehorcht?
Es spürte gedämpfte Schwingungen auf seiner Haut und wurde sich der Dreckschicht bewusst, die ihn wie ein Schuppenpanzer umgab. Es veränderte die Oberflächenstruktur der Haut, die es umhüllte, und der Schmutz fiel wie eine zu Staub verfallende Maske von ihm ab.
Es waren die Turmglocken des nahen Dorfs gewesen, die es gespürt hatte. Es konzentrierte sich auf die beiden Schallkanäle an den Seiten seines Kopfes, und nach wenigen Sekunden drangen die Glockenschläge in das Bewusstsein. Daran konnte die Zeit abgeleitet werden, und es wartete die Stille ab.
Es wurde Zeit, das Haus aufzusuchen. Dort würde LuBlue sich einpflanzen. Dort würde es seine Geschlechtlichkeit wählen und die äußere Hülle dieses seltsamen Körpers weiter verfeinern; die Farbe der Haut würde sich der Haut derer anpassen, die es dort vorfinden würde, Haare würden auf seiner Haut erscheinen. Es würde zu einem „er“ oder einer „sie“ werden. Wenn es alles richtig verstanden hatte, wurde LuBlue in diesem Haus seit langem zurückerwartet. Es würde seine Rolle perfekt spielen.
Der Bewohner dieses bestimmten Hauses, der vor einigen Wachstumszyklen von ihnen entführt worden war, war ein männliches Exemplar gewesen. Doch es war LuBlue freigestellt worden, auch das Geschlecht des Jungwesens anzunehmen, das sich neben den beiden älteren Exemplaren in diesem Haus befand. Es würde so einfacher werden; LuBlue brauchte keine Angst zu haben, sich zu verraten, es war nicht der heimgekehrte Sohn, war nur eine der vielen armen Seelen, die in Lumpen und hungrig durch das Land wanderten und um Arbeit bettelten. Es konnte sich sympathisch machen und bevorzugte äußere Merkmale annehmen, die den hiesigen Bewohnern angenehm waren, so wie auf seinem Planeten die blauen Blumen die beliebtesten waren und nur von den weißen Kelchblüten übertroffen wurden.
Es fuhr mit zwei Fingern die Tasche entlang, die es sich vor die Brust geschoben hatte. Ein Spalt erschien, und LuBlue überprüfte den Inhalt. Das Analyse‑Modul schimmerte in beruhigendem Blau. Das winzige Display des Comdo zeigte die Entfernung zu seiner Heimat an, doch LuBlue ahnte, dass diese Entfernung nur ein theoretischer Wert darstellte. Der Gleiter war beim Absturz beschädigt worden, und das manuelle Öffnen der Ausstiegsschleuse war keine gute Idee von LuBlue gewesen.
Es ahmte das tiefe Seufzen einer menschlichen Brust nach, so wie es geübt worden war, und begann den Aufstieg zur Hügelspitze. Seine Bewegungen waren perfekt; es probierte einige Gangarten aus, schob abwechselnd Schultern oder Brust vor und verfiel schließlich in einen leichten Dauerlauf. Ein letztes Mal probierte es die verschiedenen Stimmen aus und wunderte sich über das tiefe Grollen der Stimme Toms, die es perfekt beherrschte. Tom, das war der Name des Erdenbewohners gewesen, den die Kundschafter ihm mitgebracht hatten. LuBlue hatte ihn studiert, bis dieses Wesen eingegangen war. Es war ausgetrocknet, weil niemand daran gedacht hatte, dass diese armen Wesen das Wasser nicht aus dem Erdreich ziehen können.
Lublue veränderte wieder seine Oberfläche, passte sich der Umgebung und dem Licht an und schlich der baufälligen Scheune entgegen, die am Fuß des ersten Hügels aufgetaucht war. Die lange Reise im Gleiter, nur rudimentär geschützt durch das Nährstoffgranulat, hatte seine Sinne abgestumpft. Es blieb stehen, fiel auf die Knie und legte die Handflächen neben die marmornen Füße. Die Erde lebte. Unzählige Organismen und ein riesiges Netz von mit symbiotischen Pilzen überzogenen Wurzelfasern bot sich ihm dar. Es würde diese Sprache lernen und damit ein erstes Ziel der Mission erfüllen. Doch vorher musste es zu einem Menschen werden.
Bearbeitet von Michael Fallik, Heute, 22:10.