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Das Baby


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#1 Michael Fallik

Michael Fallik

    Yoginaut

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Geschrieben Gestern, 09:49

Schneebedingt schwelge ich in Vergangenheiten. Im Deutschen Schriftstellerforum dsfo.de fand ich eine Kurzgeschichte von mir wieder, die ich wohl vor zwei Monaten schrieb. Ich bin mir unsicher, ob sie in eine Sammlung phantastischer Geschichten passen würde. 

 

   

Das Baby von M.Fallik

 

Als kleiner Junge habe ich in einem leeren Marmeladenglas Glühwürmchen gefangen. Sie haben nie lange überlebt, aber ich gab die Hoffnung nicht auf, eines Tages ein besonderes Exemplar zu finden – eines, das weiterlebt.

Nun bin ich dieses Würmchen, dessen Wangen glühen, vor Erregung über das, was ich getan habe. Wie ich hier die Nacht durch das fleckige Fenster betrachte, kaum zu erkennen im Widerschein meiner neonbeleuchteten Gestalt, hinter mir das sterile, grelle Wartezimmer, vor mir eine unbestimmte Zukunft, sehe ich mich selbst: ein winziges, helles Rechteck, das einzige Licht an dem Betonklotz, der sich Central Budapest Hospital nennt und aus den Tiefen der Stadt wie eine verwunschene Burg erscheint.
Ich weiß, dass in dieser Burg eine Prinzessin in ihren Wehen liegt, schwanger von meinem Samen. Vielleicht war es das Sperma meines Freundes, vielleicht wurden wir betrogen und ein beliebiger Spender – ein blasses, winziges Glasfläschchen ohne Aufschrift, ohne Namen oder erwünschte Eigenschaften – drängt sich gerade in unser Leben hinein.

Holde Isolde, deren wahrer Name Frederick und mir nicht genannt wurde … mir, der ich mich gerne vor Fremden als Wiedergeburt eines römischen Sklaven bezeichne, was aufgrund meiner Nase und meines lockigen Haars selten als Scherz verstanden wird, der ich Männern Kosenamen in ihre haarigen Ohren flüstere, der ich doch sonst alles weiß – mir ist ihr Name unbekannt. Sie ist hübsch, soweit ich das beurteilen darf. Sie roch gut, während sie Frederick und mir zwei trockene Küsse auf unsere bärtigen Wangen hauchte. Sie trägt unser Kind, für das wir im Voraus bezahlt haben, mit unterschriebener Garantie. Sie ist die Erfüllung eines Traums, den Frederick mir Nacht für Nacht unter Tränen gestand. Was sonst eine Sache unter zwei liebenden Menschen ist – oder ein Unfall, ein von Alkohol geschwängertes Versehen, oder ein Grund zum Weglaufen –, ist hier eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten, in die sich unzählige, verständnisvoll dreinblickende Gesichter in stethoskopgeschmückten Kitteln und blauen Anzügen einmischen, die uns mit unterschriftsgeilen Formularen bedrängen, uns versichern, Verständnis zu haben.

»Was haben Sie eingekauft?«, fragt mich die Dolmetscherin, während die in dezentem Grün gekleidete Hebamme uns anlächelt, in ihren Augen eine unendliche Müdigkeit, was ich ihr nicht verüble; es ist drei Uhr morgens.

»Body … ein Body, universal und ohne Farbe«, zähle ich das Wenige herunter, was sich an Babysachen in meiner Reisetasche befindet. Ich bin den beiden dankbar, dass sie nicht die Augen verdrehen, dass ihre Lippen sachlich bleiben, dass sie erkennen, dass hier Welten kollidieren und wir ihre Hilfe brauchen. Sie gibt uns eine Liste: zwei Seiten mit Bildern, wie eine Bedienungsanleitung für ein neues Leben. Vor der Tür scheppert ein Tablett aufs Linoleum; jemand flucht. Wenn jetzt nur nicht das Licht zu flackern beginnt, geht es mir durch den Kopf, und ich lasse meinen Blick wie einen Kameraschwenk von Fredericks Augen über das Kopftuch der Dolmetscherin weiter zu dem leeren Seifenspender wandern, der dort hängt, wo man ihn erwartet, dann weiter zum Fenster, in dem ich mich zwischen all den fragenden Blicken erkenne. Ich beginne zu nicken, stecke Frederick damit an; wir schaffen gemeinsam ein gutes Nicken, das ankommt und die Angelegenheit in etwas verwandelt, mit dem alle im Raum zurechtkommen.

»Wenn es morgen nicht kommt, leiten wir ein«, erklärt mir die Frau mit Kopftuch, und ich überlege, ob sie es schon zum zweiten Mal sagt. Ich wiederhole das Nicken; Frederick setzt ein: »Gut.« Was soll man sonst sagen? Was sagt man in solch einer Situation? Auf dem Weg ins Hotel fängt Fredi im Taxi an zu weinen. Die Monate setzen ihm zu. Nun wird es Weihnachten und Geburtstag in einem: Wir werden beschenkt und schenken zurück. Da ist etwas, das neu sein wird, doch es bleibt auch etwas zurück. Holde Isolde, vergib uns, dass wir träumen, dass wir dir nehmen, dass nur du geben kannst. Die Nacht ist kurz; wir duschen, warten auf eine Zeigerkonstellation und lassen uns aus dem Hotel zum wahren Leben fahren, kaufen die Liste rauf und runter, kaufen für alle Fälle und jedes Szenario, ob gut oder schlecht. Solcherart gewappnet verspüren wir Mut. Ich bin mir über den weiteren Verlauf im Klaren. Egal, was passiert, es gibt Garantien. Doch heute scheint es keinen Grund für Wiederholungen zu geben. Im Entbindungsraum, der wie ein riesiges Spielzimmer erscheint, sind wir willkommen. Wenn sie doch nur ahnten, wie willkommen uns dieser Moment ist. Es ist Geburtstag. Dann heißt es warten. Zwei lange Tage. Dann wird uns Isolde ein weiteres Mal ihre Gunst gewähren, und wir werden ihr Kind empfangen.

Danach wird eine weitere Frau in mein Leben treten – nur kurz, bis wir die Grenze überschritten haben –, eine Frau, mit der ich auf dem Papier verheiratet bin und die ich weder liebe noch begehre. Dann werden wir für kurze Zeit allen Gesetzen und überlieferten Normen entsprechen. Der Grenzbeamte wird lachen und winken. Alles wird gut.

 


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