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Über den Einfluss der Fantastik auf Politik und Gesellschaft


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11 Antworten in diesem Thema

#1 Kai Brassel

Kai Brassel

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Geschrieben 18 Januar 2026 - 17:05

Unter dem Titel Über den Einfluss der Fantastik auf Politik und Gesellschaft – Chancen, Risiken, Desiderata sind kürzlich fünf Forumsbeiträge in der Zeitschrift für Fantastikforschung erschienen, die aus der praktischen Perspektive von Lehrenden, Schreibenden und einem Herausgeber unterschiedliche Schneisen durch das Thema schlagen, wie es in der Einleitung so schön heißt.

 
Über diese Beiträge und ihre Thesen, darunter auch mein Zwischen Science und Fiction: vom Sense of Wonder zum Sense of Insight? würde ich hier gerne diskutieren. Jol Rosenbergs Essay Kann Phantastik progressiv sein, wenn sie keine Infragestellung des Status Quo beinhaltet? aus Weltenportal Nr. 6 würde ich gerne dazunehmen, sowie natürlich weitere Beiträge, die euch zum Thema einfallen. Das Forum der ZfF kann man kostenfrei lesen oder herunterladen (https://zff.openlibh...ticle/id/26819/) und das Weltenportal gibt es als PDF umsonst hier: https://weltenportal...gabe-6-09-2025/.
 
Jols und mein Ausgangspunkt sind jeweils die persönliche Rezeption und Auseinandersetzung mit dem SF-Genre sowie ein gewisses Unbehagen daran. Mein Unbehagen hängt stark mit der Sprachlosigkeit zwischen »den zwei Kulturen« (J.P. Snow), zwischen Science und Fiction, zusammen sowie damit einhergehend: einem unproduktiven Verhältnis zwischen modernen und postmodernen Strömungen. Ähnlich wie Jol sehe auch ich reichlich konservative SF und frage mich, inwieweit das noch zeitgemäß sein kann.
 
Während ich mich in Bezug auf »Desiderata« primär frage, wie die Vielfalt der Fantastik erhalten werden kann und welche Rolle Quereinsteigern dabei zukommen könnte, benennt Jol konkret die sprachlichen, dramatischen und inhaltlichen Probleme, an denen sich die Fantastik abarbeiten sollte, wenn sie progressiv, also gesellschaftsverändernd, wirken will.
 
Interessant?

Bearbeitet von Kai Brassel, 18 Januar 2026 - 17:22.

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.


#2 Helge

Helge

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Geschrieben 18 Januar 2026 - 18:38


Während ich mich in Bezug auf »Desiderata« primär frage, wie die Vielfalt der Fantastik erhalten werden kann und welche Rolle Quereinsteigern dabei zukommen könnte, benennt Jol konkret die sprachlichen, dramatischen und inhaltlichen Probleme, an denen sich die Fantastik abarbeiten sollte, wenn sie progressiv, also gesellschaftsverändernd, wirken will.
 
Interessant?

 

An der Stelle entdecke ich schon mal einen Fehler, denn Veränderung und Fortschritt sind keineswegs das Gleiche.

Die Vielfalt der Fantastik sehe ich nicht in Gefahr, denn die ist im Laufe der Jahrzehnte immer größer geworden, und unter der Voraussetzung, dass sie sich frei entfalten kann, wird das auch so weitergehen. Es sei denn, es gelangen Menschen an die Macht, die der Fantastik sagen, woran sie sich abarbeiten sollte - aber selbst das wird nicht weltweit passieren.
 



#3 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

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Geschrieben 18 Januar 2026 - 19:24

Ich freue mich, dass/wenn mein Essays zur Diskussion anregt.

 

Ich sehe die Vielfalt durchaus gefährdet, einfach durch die Tatsache, dass nicht alle Personen in der Lage sind, sich Schreibzeit zu verschaffen und ihre Stimmen hörbar zu machen. Es gibt also eine systematische Verzerrung durch Privilegien und Diskriminierungen, die sich auch in den Texten widerspiegelt. Auch darüber lässt sich dann wieder SF machen ...

 

Was genau meinst du denn mit der Sprachlosigkeit zwischen den Kulturen, Kai?


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
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  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
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#4 Kai Brassel

Kai Brassel

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Geschrieben 18 Januar 2026 - 20:10

Was genau meinst du denn mit der Sprachlosigkeit zwischen den Kulturen, Kai?

Ich beziehe mich da auf einen berühmten Vortrag von C. P. Snow und beschreibe das in meinem Beitrag so (leider etwas aus dem Zusammenhang gerissen):

"Kurzum und sicherlich verkürzt: Damals wie heute arbeiten sich Natur- und Ingenieurwissenschaften, dem kritischen Rationalismus verpflichtet, am noch lange nicht abgeschlossenen Projekt der Moderne (vgl. Habermas) ab, welches gleichzeitig durch postmoderne Strömungen in Literatur, Geistes- und Sozialwissenschaften grundsätzlich hinterfragt wird. Die Kluft zwischen den zwei Kulturen, die C. P. Snow schon 1959 beschrieb, zeigt sich hier erneuert. Vielleicht stärker als je zuvor teilt sich das Geistesleben in zwei Sphären. In der einen Sphäre bewegen sich jene, die ausgezeichnet mit natürlicher Sprache und Worten umgehen können, in der anderen solche, die formale Sprachen beherrschen und Zahlen zu interpretieren wissen. Suchen Erstere die Welt zu verstehen, sind Letztere darauf aus, sie zu erklären."

Ich erläutere das weiter auch an Beispielen von Tagungen, auf denen ich war. Ein gutes Beispiel für die Kluft ist vielleicht auch unsere unterschiedliche Interpretation der Hypostasis-Geschichte aus Weltenportal Nr. 6, worauf ich im Nachbar-Thread eingegangen bin.

 

Was die Vielfalt der Fantastik angeht, meinte ich weniger die Vielfalt der Produktion als die, auch durch Marktversagen hervorgerufene, Vielfalt der Rezeption. Nähere Begründung findet sich im Beitrag.


Bearbeitet von Kai Brassel, 18 Januar 2026 - 20:13.

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.


#5 Michael Tillmann

Michael Tillmann

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Geschrieben 18 Januar 2026 - 22:39

 

Unter dem Titel Über den Einfluss der Fantastik auf Politik und Gesellschaft – Chancen, Risiken, Desiderata sind kürzlich fünf Forumsbeiträge in der Zeitschrift für Fantastikforschung erschienen, die aus der praktischen Perspektive von Lehrenden, Schreibenden und einem Herausgeber unterschiedliche Schneisen durch das Thema schlagen, wie es in der Einleitung so schön heißt.

 
Über diese Beiträge und ihre Thesen, darunter auch mein Zwischen Science und Fiction: vom Sense of Wonder zum Sense of Insight? würde ich hier gerne diskutieren. Jol Rosenbergs Essay Kann Phantastik progressiv sein, wenn sie keine Infragestellung des Status Quo beinhaltet? aus Weltenportal Nr. 6 würde ich gerne dazunehmen, sowie natürlich weitere Beiträge, die euch zum Thema einfallen. Das Forum der ZfF kann man kostenfrei lesen oder herunterladen (https://zff.openlibh...ticle/id/26819/) und das Weltenportal gibt es als PDF umsonst hier: https://weltenportal...gabe-6-09-2025/.
 
Jols und mein Ausgangspunkt sind jeweils die persönliche Rezeption und Auseinandersetzung mit dem SF-Genre sowie ein gewisses Unbehagen daran. Mein Unbehagen hängt stark mit der Sprachlosigkeit zwischen »den zwei Kulturen« (J.P. Snow), zwischen Science und Fiction, zusammen sowie damit einhergehend: einem unproduktiven Verhältnis zwischen modernen und postmodernen Strömungen. Ähnlich wie Jol sehe auch ich reichlich konservative SF und frage mich, inwieweit das noch zeitgemäß sein kann.
 
Während ich mich in Bezug auf »Desiderata« primär frage, wie die Vielfalt der Fantastik erhalten werden kann und welche Rolle Quereinsteigern dabei zukommen könnte, benennt Jol konkret die sprachlichen, dramatischen und inhaltlichen Probleme, an denen sich die Fantastik abarbeiten sollte, wenn sie progressiv, also gesellschaftsverändernd, wirken will.
 
Interessant?

 

 

Ich bin entzückt! Phantastik-Postmoderne-Politik! Mein Lieblingsthema! Ich bin begeistert!


An der Stelle entdecke ich schon mal einen Fehler, denn Veränderung und Fortschritt sind keineswegs das Gleiche.

Die Vielfalt der Fantastik sehe ich nicht in Gefahr, denn die ist im Laufe der Jahrzehnte immer größer geworden, und unter der Voraussetzung, dass sie sich frei entfalten kann, wird das auch so weitergehen. Es sei denn, es gelangen Menschen an die Macht, die der Fantastik sagen, woran sie sich abarbeiten sollte - aber selbst das wird nicht weltweit passieren.
 

 

Du hast es ganz genau auf den Punkt gebracht! Nicht überall, wo Progressivität draufsteht ist auch Progressivität drin!


Autonomer Autor! KEIN Mitglied der PAN.
Autor von "Jenseits des Zeitgeistes lauern Gespenster. ANTI-Wokeness-Phantastik"
  • (Buch) gerade am lesen:Shirley Jackson "Die Lotterie"

#6 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 19 Januar 2026 - 14:01

Marktversagen. Das Wort ruft in mir ungute Gefühle hervor, auch wenn ich inhaltlich mich Vielem mitgehen kann, was du, Kai, in deinem Artikel geschrieben hast. Denn natürlich stellt sich nicht nur die Frage, wer überhaupt einen Text "auf den Markt" bringen kann, sondern auch, wie die Leute, die sich für den Text interessieren, ihn finden können. Und da sehe ich heute ein riesiges Problem. Denn ich finde kaum Texte, die mich interessieren, breche immer noch so viel ab. Und dann stolpere ich durch Zufall immer mal wieder über was, was mich begeistert. Bei all den KI und Algorithmen usw. wundert es, dass es nicht viel leichter wäre, mir das heranzuspülen, was zu meinen Interessen und Vorlieben passt. Aber die Algorithmen sollen mir eben nicht guttun oder mir Arbeit abnehmen. Sie sollen mich lange halten und dabei allerlei Gelüste wecken ... Tatsächlich funktioniert für mich am ehesten noch ein Buchhändler, der mich kennt. Und den SF-Buchmarkt. Konkret: Wolf vom Otherland. Dessen Empfehlungen treffen meine Vorlieben besser als jeder Algorithmus.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

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#7 Kai Brassel

Kai Brassel

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Geschrieben 19 Januar 2026 - 19:01

Denn natürlich stellt sich nicht nur die Frage, wer überhaupt einen Text "auf den Markt" bringen kann, sondern auch, wie die Leute, die sich für den Text interessieren, ihn finden können. Und da sehe ich heute ein riesiges Problem. Denn ich finde kaum Texte, die mich interessieren, breche immer noch so viel ab. Und dann stolpere ich durch Zufall immer mal wieder über was, was mich begeistert.

 

Ganz genau. Diese Beobachtung habe ich auch gemacht und in meinem Beitrag behandelt, ohne damit sagen zu wollen, dass es nicht auch große Ungleichheiten auf der Produktions- und Zugangsseite gibt. Im dritten Absatz des Abschnitts Wünsch dir was schreibe ich:

"Allein taugt der ganze Online- und Offline-Vertriebs- und Werbeapparat offensichtlich nicht dazu, spezifischere Angebote und Bedarfe zusammenzubringen, sondern funktioniert vor allem für die vergleichsweise wenigen Titel in den jeweiligen Bestseller- oder Top-Hundert-Listen."

Dazu kommt die Marktmacht der Publikumsverlage gegenüber Kleinverlagen und Self-Publishern und die weniger werdende Beratung im stationären Buchhandel, denn die "Otherlands" werden ja auch weniger. Es folgt dann noch ein Beispiel, wie ich mir eine vernünftige Suchmaschine für Bücher vorstelle, denn, auch da gebe ich dir Recht, die Vorschlagsalgorithmen dienen nicht unseren Interessen.


Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.


#8 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 19 Januar 2026 - 19:59

Ja, deine Suchmaschenidee mochte ich. Und knobel immer mal wieder, wer sowas wie umsetzen könnte. Anders als du würde ich da nicht auf KI setzen, sondern auf Verschlagwortung durch Autor*innen und/oder Verlage. Aber wenn ein paar große Vereine sich da zusammensetzen würden, könnte echt eine tolle Suchmaschine bei rum kommen, die wirklich allen Titeln die gleiche Chance gäbe. Aber wenn mensch da weiter denkt, brauchen wir ja auch eine ordentliche Suchmaschine für's Netz ...


Bearbeitet von Jol Rosenberg, 19 Januar 2026 - 19:59.

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#9 Kai Brassel

Kai Brassel

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Geschrieben 20 Januar 2026 - 11:05

Aber wenn mensch da weiter denkt, brauchen wir ja auch eine ordentliche Suchmaschine für's Netz ...

... oder vielleicht sogar ein ganz neues Netz? Ich habe da eine Idee für eine Novelle ... mal schauen, ob daraus was wird.


Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.


#10 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 20 Januar 2026 - 11:12

Ja. Eines, das wirklich von unten ist und nicht von einigen großen Firmen maßgeblich definiert.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

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#11 head_in_the_clouds

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    Yoginaut

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Geschrieben 22 Januar 2026 - 17:52

Ja, die Genre SF hat mit dem postmodernen Einfluss weitgehend ihre Innovationskraft (passiv oder aktiv) eingebüßt. Wer die "Vintage" Sf ab den 1950ern bis Mitte der 1980er kennt - mit Endmarke der letzten echten neuen Bewegung des Cyberpunk (tatsächlich eine neuzeitliche Romantische Bewegung die den Protagonisten das Transzendente über das neurale Interface im Cyberspace suchen ließ) , weiß das in dieser Periode das Konzept des konzeptionellen Durchbruchs mit einem Paradigmenwechsel (eine sich uns offenbarende radikal veränderte Weltsicht) fester Bestandteil  anspruchsvoller Genre Sf war.

 

Zu nennen sind aber DAVOR schon existierende Strömungen: in den Nachkriegs 1950ern sind es literarisch wertigere Stoffe z.b. von Alfred Bester , Philip K. Dick, Brian Aldiss , Robert Silverberg usw. Die "New Wave" der 1960er als eine Überwindung der Sf von überkommenen, wertkonservativen Vorstellungen (z.b. Technologischer Machbarkeit als Heilsbringer): ein kritisches (Sinn-)Hinterfragen, das aber dennoch den Einfluss auf Gesellschaft oder Individuum untersuchte – der emanzipatorische Aufbruch des Genres.

 

Beide zeigen ihren Einfluss bis in die 70er Jahre. So sei die Forderung von Gregory Benford genannt, das „...jede Hard SF den physikalischen Gesetzen folgen sollte, es aber notwendig sei sie zu vermenschlichen“. Mit anderen Worten die Auswirkung technischer Veränderungen auf individuelle und politisch-gesellschaftliche Bereiche sei auch hier nicht außer acht zu lassen (z.b. Greg Egan als „Super“-Hard SF Autor ist ein weiterer Vertreter, der trotz aller harten Sf Elemente , diese Forderung durchaus erfüllt).

 

Somit sehe ich bei dem Begriff „Science-Fiction“ keinen Grund zur Trennung, sondern gerade die Fiktion erlaubt ja die grosse „Was wäre wenn „- Frage zu stellen. Die ist die eigentliche Grundlage jeder guten Sf – und das in allen relevanten Bereichen wie Wissenschaft, Philosophie , Theologie , Soziologie usw. (z.b. Ada Palmer’s „Terra Ignota“ Trilogie).

 

Die Dystopie hat immer noch ihre Berechtigung: ihre Aufgabe ist es , den Weg aufzuzeigen, den man nicht gehen sollte: Orwells 1984 ist in diesem Sinn eine solche Mahnung. Zudem: auch Utopien können ins Negative rutschen – „Gut gemeint ist die Schwester von Schlecht gemacht“.

Wenn man letzteres beherzigt, lassen sich aber durchaus progressive Utopien entwickeln: Positives Beispiel ist sicherlich Kim Stanley Robinson („Ministerium für die Zukunft“ , „New York 2140“, oder die Serien Science in the Capital , Orange County, aber auch seine Mars-Trilogie bezüglich des neuorganisierens von Gesellschaftsformen „from scratch“.

 

Progressivität in Spekulativen Stoffen finden sich heute wohl eher außerhalb der Genre Sf – als Slipstream Sf aus dem Mainstream (also Stoffe, die nicht als Sf vermarktet werden, aber einschlägige Elemente enthalten)  . Zu nennen wäre z.b. Kazuo Ishiguro mit  "Never let me go" – oder in der Genre Sf bei AutorInnen von high concept Stoffen (Adam Roberts mit "The Thing Itself" oder Christopher Priest – letzterer in der Tradition von Dick) – die auch konzeptionelle Durchbrüche und Paradigmenwechsel in ihren Romanen einsetzen.

 

Zugegeben: Heute allerdings dominiert der Eskapismus (der ja immer schon Bestandteil des Genres war) – was nicht heißt das die Texte nicht anspruchsvoll sein können oder keine gute Geschichte erzählen (z.b. Ian Banks Kultur-Zyklus – der die Neue Space Opera einläutete – eine Wiederbelebung und Erweiterung des Subgenres aus den 1930ern um New Wave Elemente, Cyberpunk und glaubhafter Charaktere der Handlungen (s.o.).

 

Auch sind die Marktbedingungen für Genre Sf (und insbesondere Einzelromane ausserhalb einer Serie) im Vergleich zur dominierenden Fantasy relativ schlecht: Letztere kann  geschickt durch Serialisierungen eine Leserschaft binden und somit eine Marke schaffen - was Sf auch öfters nutzt um erfolgreich zu sein. Auf Genre Ebene wiederum fördert das das „Mehr vom Gleichen“ – was zur Überreplizierung von  Tropen führt. Was zu einer Müdigkeit beim Leser führen kann - und das ist Schade,da es ja (s.o.) durchaus noch interessante Stoffe gibt.

 

Wenn Progressivität Gebot der Stunde ist, kann ich AutorInnen nur raten : Lest die „Vintage“ Sf ab den 1950er – nicht um zu kopieren, aber um zu verstehen wie die „Was wäre wenn…“ Frage zeitgemäß zu stellen wäre – vereinzelte Genre Autoren oder die aktuelle Slipstream Sf haben das erkannt.


 


Bearbeitet von head_in_the_clouds, 22 Januar 2026 - 18:25.

"Why should one be afraid of something merely because it is strange?"

  • (Buch) gerade am lesen:John Sladek - Roderick oder Die Erziehung einer Maschine

#12 Kai Brassel

Kai Brassel

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Geschrieben 24 Januar 2026 - 14:16

Danke @head_in_the_clouds für die, so lese ich es, weitgehende Bestätigung meiner eher biografischen und lückenhaften Beobachtungen aus deiner offensichtlich sehr breiten Kenntnis des Genres heraus. Mit dem Begriff des »konzeptionellen Durchbruchs mit einem Paradigmenwechsel« hast du sehr schön präzisiert, was mir an zeitgenössischer SF oft fehlt: ein Größer- und Weiter-Denken, das ich mit in »All An!« versucht habe.

 
Wie du sehe ich »bei dem Begriff „Science-Fiction“ keinen Grund zur Trennung« von Science und Fiction. Im Artikel schreibe ich ja explizit, dass der SF m. E. immer noch die Aufgabe zukommt, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische sowie gesellschaftliche Spekulationen in Zukunftserzählungen zu verwandeln, die ein breites Publikum ansprechen. Ich beklage aber die eher zunehmende Trennung der zwei Kulturen im Rest der Gesellschaft, was, wenn man darüber nachdenkt, auch eine der Ursachen für das über die letzten Jahrzehnte abnehmende Publikumsinteresse an SF sein könnte.
 
Vielen Dank auch für den wichtigen Hinweis auf Slipstream-SF, worunter ich mir nun etwas vorstellen kann. Deinen letzten Satz kann ich nur voll und ganz unterschreiben.

Bearbeitet von Kai Brassel, 24 Januar 2026 - 14:17.

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.



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