Ja, die Genre SF hat mit dem postmodernen Einfluss weitgehend ihre Innovationskraft (passiv oder aktiv) eingebüßt. Wer die "Vintage" Sf ab den 1950ern bis Mitte der 1980er kennt - mit Endmarke der letzten echten neuen Bewegung des Cyberpunk (tatsächlich eine neuzeitliche Romantische Bewegung die den Protagonisten das Transzendente über das neurale Interface im Cyberspace suchen ließ) , weiß das in dieser Periode das Konzept des konzeptionellen Durchbruchs mit einem Paradigmenwechsel (eine sich uns offenbarende radikal veränderte Weltsicht) fester Bestandteil anspruchsvoller Genre Sf war.
Zu nennen sind aber DAVOR schon existierende Strömungen: in den Nachkriegs 1950ern sind es literarisch wertigere Stoffe z.b. von Alfred Bester , Philip K. Dick, Brian Aldiss , Robert Silverberg usw. Die "New Wave" der 1960er als eine Überwindung der Sf von überkommenen, wertkonservativen Vorstellungen (z.b. Technologischer Machbarkeit als Heilsbringer): ein kritisches (Sinn-)Hinterfragen, das aber dennoch den Einfluss auf Gesellschaft oder Individuum untersuchte – der emanzipatorische Aufbruch des Genres.
Beide zeigen ihren Einfluss bis in die 70er Jahre. So sei die Forderung von Gregory Benford genannt, das „...jede Hard SF den physikalischen Gesetzen folgen sollte, es aber notwendig sei sie zu vermenschlichen“. Mit anderen Worten die Auswirkung technischer Veränderungen auf individuelle und politisch-gesellschaftliche Bereiche sei auch hier nicht außer acht zu lassen (z.b. Greg Egan als „Super“-Hard SF Autor ist ein weiterer Vertreter, der trotz aller harten Sf Elemente , diese Forderung durchaus erfüllt).
Somit sehe ich bei dem Begriff „Science-Fiction“ keinen Grund zur Trennung, sondern gerade die Fiktion erlaubt ja die grosse „Was wäre wenn „- Frage zu stellen. Die ist die eigentliche Grundlage jeder guten Sf – und das in allen relevanten Bereichen wie Wissenschaft, Philosophie , Theologie , Soziologie usw. (z.b. Ada Palmer’s „Terra Ignota“ Trilogie).
Die Dystopie hat immer noch ihre Berechtigung: ihre Aufgabe ist es , den Weg aufzuzeigen, den man nicht gehen sollte: Orwells 1984 ist in diesem Sinn eine solche Mahnung. Zudem: auch Utopien können ins Negative rutschen – „Gut gemeint ist die Schwester von Schlecht gemacht“.
Wenn man letzteres beherzigt, lassen sich aber durchaus progressive Utopien entwickeln: Positives Beispiel ist sicherlich Kim Stanley Robinson („Ministerium für die Zukunft“ , „New York 2140“, oder die Serien Science in the Capital , Orange County, aber auch seine Mars-Trilogie bezüglich des neuorganisierens von Gesellschaftsformen „from scratch“.
Progressivität in Spekulativen Stoffen finden sich heute wohl eher außerhalb der Genre Sf – als Slipstream Sf aus dem Mainstream (also Stoffe, die nicht als Sf vermarktet werden, aber einschlägige Elemente enthalten) . Zu nennen wäre z.b. Kazuo Ishiguro mit "Never let me go" – oder in der Genre Sf bei AutorInnen von high concept Stoffen (Adam Roberts mit "The Thing Itself" oder Christopher Priest – letzterer in der Tradition von Dick) – die auch konzeptionelle Durchbrüche und Paradigmenwechsel in ihren Romanen einsetzen.
Zugegeben: Heute allerdings dominiert der Eskapismus (der ja immer schon Bestandteil des Genres war) – was nicht heißt das die Texte nicht anspruchsvoll sein können oder keine gute Geschichte erzählen (z.b. Ian Banks Kultur-Zyklus – der die Neue Space Opera einläutete – eine Wiederbelebung und Erweiterung des Subgenres aus den 1930ern um New Wave Elemente, Cyberpunk und glaubhafter Charaktere der Handlungen (s.o.).
Auch sind die Marktbedingungen für Genre Sf (und insbesondere Einzelromane ausserhalb einer Serie) im Vergleich zur dominierenden Fantasy relativ schlecht: Letztere kann geschickt durch Serialisierungen eine Leserschaft binden und somit eine Marke schaffen - was Sf auch öfters nutzt um erfolgreich zu sein. Auf Genre Ebene wiederum fördert das das „Mehr vom Gleichen“ – was zur Überreplizierung von Tropen führt. Was zu einer Müdigkeit beim Leser führen kann - und das ist Schade,da es ja (s.o.) durchaus noch interessante Stoffe gibt.
Wenn Progressivität Gebot der Stunde ist, kann ich AutorInnen nur raten : Lest die „Vintage“ Sf ab den 1950er – nicht um zu kopieren, aber um zu verstehen wie die „Was wäre wenn…“ Frage zeitgemäß zu stellen wäre – vereinzelte Genre Autoren oder die aktuelle Slipstream Sf haben das erkannt.
Bearbeitet von head_in_the_clouds, 22 Januar 2026 - 18:25.