Normalerweise warte ich immer, bis jemand anderes anfängt, aber dieses Mal bin ich das wohl:
Das Cover
Klassische Detlef Klewer-Arbeit. Nicht seine Beste, aber selbst seine Schlechten sind immer noch ziemlich gut. Mir gefällt es. Beim Baum hat sich eine Texturwiederholung eingeschlichen und der Qualm im Hintergrund leidet unter einer leichten DPI-Schwäche. Aber das stört nicht. Und sind ehrlich gesagt Fehler, die mir auch schon unterlaufen sind. Der Print ist dafür sehr hübsch und hat sich gut erhalten.
Denise Fiedler - Die Brücke
Grundlegend mag ich es nicht, wenn man mir eine Geschichte overhypt. Empfiehlt man sie mir als "Zeitlos genial", "Wird noch in Jahrhunderten analysiert werden" oder "So krass, dass ich danach nicht schlafen konnte" klingt es für mich oft wie Astroturf – der es am Ende fast immer auch war. Was für mich bleibt, ist dann meist eine Enttäuschung und ein Werk, das ich bestenfalls leicht über dem Durchschnitt einordnen würde. Schlimmer noch: Wenn etwas gepriesen wird, habe ich inzwischen oft den Verdacht, dass es ziemlicher Mist ist, aber die eigenen politischen Ideale hochhält – und daher gut sein muss.
"Die Brücke" ist eine der Ausnahmen, die die Regel bestätigt und eine wirklich gut geschriebene Geschichte, die ich sogar über dem intellektuellen Level eines Sven Haupt einordnen würde (er sollte sie dringend lesen!). Mein Mann namens Marius befindet sich auf einer Brücke ohne Anfang und Ende und kämpft gleichermaßen mit der Ausweglosigkeit und dem Anthropischen Prinzip seiner Situation wie auch schlicht ums Überleben. Was in den ersten Absätzen noch an den klassischen Tropus von "Protagonist ist gestorben und hat nun Probleme, ins Jenseits überzugehen" erinnert, entwickelt sich rasch zu mehr. Zu bedeutend mehr.
Mein größtes Lob und gleichzeitig größte Kritik ist die extreme Verdichtung, mit der Denise Fiedler diese Story verfasst hat. Vieles erzählt sich wie ein Prolog, der erst später Sinn ergeben wird, ist aber bereits die Geschichte. Der Beigeschmack von 2deep4you motiviert rasch zum Überspringen einzelner Textpassagen, bis man einen Anker oder eine Basis findet. Aber genau das darf man nicht tun. "Die Brücke" lädt mit so vielen Facetten zur Interpretation sein, das es direkt Spaß macht.
Das Ende, muss ich zu meiner Faszination zugeben, macht Spaß: Es ist unglaublich vorhersehbar ... und ich habe es trotzdem absolut nicht vorhergesehen. Tolle Story. Absolut einen Preis würdig! Sie passt zudem zur sehr Illustration: Ein impressionistisches Aquarellgemälde mit Tönen aus Blau und Grau. Das beschreibt sie fast perfekt.
Und jetzt, im literarischen Äquivalent der PGD, frage ich mich: Wer zur Hölle ist Denise Fiedler?
Andreas Eschbach - Die Frau mit der Augenbinde
War es eben noch interpretativ tiefsinnig, wird es jetzt ein bisschen whacky. Also, bis ins Niveau von "Planescape: Torment" hinein, das mit Sicherheit vieles ist, aber nicht nur ein bisschen verrückt.
Eine Frau mit Augenbinde sorgt in einem Low Fantasy-Königreich für Gerüchte. Jeder will wissen, was sich unter ihrer Binde verbirgt ... bis man es dann tut.
Die Erzählung gestaltet sich dabei klassisch, wenn auch hochprofessionell geschrieben. Eschbach schildert mit der Erfahrung eines Berufsautors das Leben und die Gedanken rund um seine Protagonistin, wie ihr Alltag verläuft und wie man ihn sieht. Szenisch wird es nur gegen Ende hin, was mich persönlich noch nie gestört hat, aber vielleicht erwähnenswert ist. Sie ist in jedem Fall so flüssig geschrieben, dass man sie auf Anhieb durchlesen kann, ohne innehalten zu müssen.
Aber dennoch lädt die Geschichte zur Interpretation ein, was sie eigentlich erzählen will. Meine erste Auslegung war der Umgang mit Atomenergie, auf vor allem psychologischem Level. Aber da wird man mir vermutlich widersprechen. Oder besser: Ich bitte darum!
Das Titelbild gehört nach wie vor zu den aufwendigsten Arbeiten, die ich je gemacht habe. Gerne wieder, aber nicht mehr durch die Nacht hindurch. Mama needs her beauty sleep.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 02 April 2026 - 14:28.