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Cyberpunk: Regenarchiv


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5 Antworten in diesem Thema

#1 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben Heute, 14:47

Der Regen war nicht kalt.

Er war zu glatt, zu gleichmäßig, als würde er nach Vorschrift fallen. Jede Tropfenbahn zog eine kurze, unsichtbare Spur über Miras Haut, und irgendwo hinter den Neonflächen der Reklame summte die Stadt, als würde sie das Wasser zählen.

Reinigen. Sammeln. Berechnen.

Mira hielt den Kragen ihrer Jacke hoch und schob sich durch die Menge unter der Hochtrasse. Links flackerte ein Holo-Spot: LUXHAB — WOHNEN OHNE ERINNERUNGEN. Rechts blinkten die billigeren Anzeigen, die nicht so taten, als hätten sie Stil: PORT-UPDATE? JETZT! und SCHULDEN? WIR KAUFEN DEIN MORGEN.

Ihr Neuro-Port juckte.

Das tat er immer, wenn der Nanoregen dicht war. Es war ein kleines, hässliches Implantat hinter dem rechten Ohr, ein grauer Halbkreis aus billiger Legierung. Keine richtige Versiegelung. Keine Firewall, die den Namen verdiente. „Ein Port ist besser als kein Port“, hatte der Streetdoc damals gesagt, während er mit einer stumpfen Nadel arbeitete und nebenbei Kaubonbons kaute.

Mira wusste inzwischen: Ein offener Port war wie eine offene Tür in einer Stadt voller Diebe.

Ein Drohnenpaar glitt tief über die Straße. Ihre Scheinwerfer scannten Gesichter, Iris, Ports. Mira senkte automatisch den Kopf und zog die Haare so, dass sie das Implantat verdeckten. Über ihr flackerte eine Kontrolltafel an der Trasse: NANOREGEN-STUFE 4 — STADTREINIGUNG AKTIV.

Stufe vier, dachte sie. Also heute Nacht wieder Albträume aus fremden Leben.

Sie kam an einem Abflussgitter vorbei, aus dem warmer Dampf stieg. Der Regen ließ die Pfützen auf dem Asphalt wie Spiegel wirken, und in einem davon sah sie ihr eigenes Gesicht – kurz, verzerrt, in Pixelbröseln, weil ihre Kontaktlinsen-AR einen Moment nachhakte.

„Mira.“

Sie erstarrte.

Der Name kam nicht aus der Menge. Er kam aus ihrem Kopf. Nicht als Gedanke – als Ton. Ein fremdes Flüstern, das sich direkt in den Port drückte, als wäre es immer schon dort gewesen.

Sie blieb stehen, mitten im Strom der Leute. Jemand rempelte sie an und fluchte. Mira hob die Hand an ihr Ohr, als könnte sie das Wort herausziehen wie einen Splitter.

„Mira“, wiederholte die Stimme. Diesmal klarer. Männlich. Heiser. Und dann ein zweites Geräusch: Sirenen, weit weg, aber auf sie zurollend wie eine Welle.

Sie schluckte, spürte plötzlich den Geruch von verbranntem Plastik – obwohl um sie herum nur nasser Beton roch. Ihre Finger wurden kalt. Ihr Herz schlug schneller, nicht wegen der Drohnen, nicht wegen der Kälte, sondern weil etwas in ihr anklickte, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Eine Erinnerung, die nicht zu ihr gehörte, schob sich nach vorn: ein Korridor aus weißem Licht, Schuhe auf poliertem Boden, ein roter Alarmstreifen, der über die Wände lief. Menschen, die schrien. Ein Kind, das lachte, als hätte es das mit den Sirenen nicht verstanden.

Mira riss die Augen auf.

Die Szene war weg. Der Regen war wieder nur Regen. Die Menge floss wieder um sie herum.

Aber ihr Port brannte jetzt richtig.

Sie zwang sich weiterzugehen, schneller, in Richtung der Gasse, wo Koi seine Ware verkaufte. Koi war kein richtiger Name, aber keiner in dieser Stadt hatte noch einen, der wirklich passte.

Unter der Trasse wurde es dunkler. Die Holo-Werbung verlor an Auflösung, als würde sie sich schämen, hier unten zu leuchten. Ein einzelnes Schild mit einem flackernden Fisch führte in eine Seitenstraße, wo der Regen nicht weniger fiel, aber weniger beobachtet wurde.

Koi stand im Schutz eines kaputten Vordachs, die Hände in den Taschen, die Augen zu wach. Neben ihm ein Koffer, so unscheinbar wie ein Werkzeugkasten. In dieser Stadt war alles entweder Werkzeug oder Waffe.

„Du siehst aus, als hätte dich der Regen geküsst“, sagte er, ohne zu grüßen.

Mira blieb in Armlänge stehen. „Ich brauche was, das still ist.“

Koi grinste. „Still ist teuer.“

„Dann gib mir billig und gefährlich.“

Er nickte, als hätte er genau darauf gewartet. Er öffnete den Koffer. Innen lagen kleine Glasampullen, jede in Schaumstoff, jede beschriftet mit Handschrift und einem Datum.

Mira starrte auf die Etiketten. 24.11. 03.12. 12.12. — als wären es Weine. Oder Sünden.

„Regenarchiv“, sagte Koi leise. „Frisch. Stufe vier sammelt gut.“

„Was ist das?“ fragte Mira, obwohl sie es wusste.

Koi beugte sich vor. Seine Stimme wurde leiser als der Regen. „Erinnerungen. Fragmente. Echo aus Ports, die zu dumm oder zu arm sind, sich zu schließen.“

Mira spürte den Juckreiz wieder, tiefer. „Und wenn ich mir sowas reinziehe?“

„Dann hörst du vielleicht jemanden weinen“, sagte Koi. „Oder du siehst etwas, das du nie gesehen haben solltest.“

Er zog eine Ampulle heraus. Das Glas schimmerte nicht wie Wasser, sondern wie etwas, das Licht schluckte.

Auf dem Etikett stand nur ein Wort.

NEBELGATE.

Mira kannte den Namen. Jeder kannte ihn. Offiziell war Nebelgate ein „tragischer Industrieunfall“ gewesen. Ein Brand. Ein bedauerlicher Verlust. Eine Woche Nachrichten, zwei Wochen Schweigen, und dann wieder neue Werbung.

Kois Blick traf ihren. „Jemand hat dafür bezahlt, dass das vergessen wird.“

Mira hörte in ihrem Kopf wieder die Sirenen.

„Wie viel?“ fragte sie.

Koi nannte eine Zahl, die sich wie ein Messer anfühlte.

Mira presste die Zähne zusammen, zog ihr Datenband aus dem Ärmel und hielt es an seinen Leser. Ein kurzer Piepton, dann war es passiert. Ihr Konto war leichter. Ihr Leben nicht.

Koi drückte ihr die Ampulle in die Hand. „Spiel sie nicht in der Öffentlichkeit ab“, sagte er. „Und… Mira?“

Sie zuckte. „Woher kennst du meinen Namen?“

Koi antwortete nicht sofort. Er sah nur auf ihren Port, als könnte er durch das billige Metall hindurchsehen.

„Sagen wir“, meinte er schließlich, „der Regen hat ihn mir erzählt.“

 

 

 

Über Feedback würde ich mich freuen.



#2 Stahlelefant

Stahlelefant

    Yoginaut

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Geschrieben Heute, 15:13

Liest sich flüssig. Ist es als komplette Geschichte gedacht oder nur ein Anfang? Fehler sind mir nicht aufgefallen  :thumb: Einzige halb-kritische Anmerkung: Das mit dem Regen und der Trasse könnte noch klarer sein. Eigentlich müsste die Trasse doch vor dem Regen schützen? Aber Mira wird trotzdem nass? Oder habe ich es zu schnell gelesen und etwas übersehen?


Nautron respoc lorni virch.

  • (Buch) gerade am lesen:Ray Bradbury: The Martian Chronicles

#3 rostig

rostig

    Temponaut

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Geschrieben Heute, 15:23

Das Stahl- und Schienengerüst einer Schnellbahntrasse würde z.B. kaum vor Regen schützen. Das passt. Allerdings regnet es seit Blade Runner in beinahe jedem Cyberpunk-Setting. Hier ist es zwar Nanoregen und auch schön atmosphärisch stimmig aber ich mag das Regen-Klischee nicht mehr.



#4 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben Heute, 15:40

Liest sich flüssig. Ist es als komplette Geschichte gedacht oder nur ein Anfang? Fehler sind mir nicht aufgefallen  :thumb: Einzige halb-kritische Anmerkung: Das mit dem Regen und der Trasse könnte noch klarer sein. Eigentlich müsste die Trasse doch vor dem Regen schützen? Aber Mira wird trotzdem nass? Oder habe ich es zu schnell gelesen und etwas übersehen?

 

Das ist erstmal die Eingangsszene. Ich erzähle später mehr dazu, warte noch ein paar Rückmeldungen ab,


Das Stahl- und Schienengerüst einer Schnellbahntrasse würde z.B. kaum vor Regen schützen. Das passt. Allerdings regnet es seit Blade Runner in beinahe jedem Cyberpunk-Setting. Hier ist es zwar Nanoregen und auch schön atmosphärisch stimmig aber ich mag das Regen-Klischee nicht mehr.

 

Findest du nur das als Klischee oder den Text generell zu klischeeüberladen?



#5 rostig

rostig

    Temponaut

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Geschrieben vor 42 Minuten

Der Text ist für mich nicht wirklich klischeelastig, aber immer nur Regen ... Kann es nicht mal Schnee sein?



#6 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben vor 39 Minuten

Der Text ist für mich nicht wirklich klischeelastig, aber immer nur Regen ... Kann es nicht mal Schnee sein?

 

Oder Hagel, da hast du natürlich Recht.




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