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Brauch es neben Dystopien auch Utopien? Nicht, wenn sie unrealistisch sind!


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5 Antworten in diesem Thema

#1 head_in_the_clouds

head_in_the_clouds

    Infonaut

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Geschrieben 19 Februar 2026 - 12:39

Utopie ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen!

… sondern ein Ort, an dem auch Rückschläge vorkommen und als spannende Herausforderungen begrüßt werden, an dem Belastungen eher belebend als überwältigend oder schädlich wirken; eine Herausforderung, deren Bewältigung Erfolgserlebnisse verschafft und die Resilienz stärken. Diese Spannung ist ein Ausdruck nach dem Suchen eines Gleichgewichts, das um das Ziel pendelt, Harmonie zu erzeugen, die zwar nie gänzlich oder für immer erreicht wird – aber nie irgendeine Art Zwang ausübt.

Es ist auch ein Ort körperlicher und mentaler Gesundheit und Freiheit, der ein weites und sich stetig erweiterndes Spektrum an freudvollen Möglichkeiten bietet, was ein Mensch mit seiner Autonomie anfangen kann.

Aber wo ist dann der Haken?

Keine Gesellschaft, so umfassend sie auch geplant und durchdacht sein mag, keine utopische Ordnung wird für absolut jede Person eine glückliche sein. Menschen sind dafür zu verschieden. Nicht alle MÜSSEN einsehen, das diese utopische Gesellschaft, die für sie beste aller möglichen ist.

Nehmen wir an, wir gehen nach diesem Rezept vor und gründen eine solche Gemeinschaft wie oben beschrieben auf der Grundlage, die uns am ehesten geeignet erscheint, das Gedeihen in vielerlei Hinsicht, Glück und echte Zwischenmenschlichkeit zu fördern.
Wie auch immer unsere Bedingungen aussehen mögen, es wird Menschen geben, die sich dort nicht zu Hause fühlen. Sicher werden viele zufrieden sein; vielleicht sind sogar die meisten glücklich – aber einige werden es eben nicht sein. Für solche Menschen ist es unerlässlich, dass sie einen leicht zugänglichen Ausweg haben, der ihnen den Zugang zu möglichst vielen alternativen Lebenswelten und -Lebensweisen ermöglicht.

Naiv wäre es aber auch zu denken, das man an diesen Orten auch von deren Bewohnern immer willkommen ist: Ihre Utopie könnte für sie nur Sinn machen, wenn diese in einem abgeschlossenen Raum etabliert wird - ähnlich einer Burg mit einem Graben darum oder einer Insel. Dort liegt vielleicht auch schon die Saat für eine Drift ins dystopische.

Egal wie die Utopie aussieht, es muss ein EXIT existieren

Notwendige Voraussetzung für ein Utopia ist also gleichzeitig ein EXIT daraus. Zuerst klingt es paradox, was es aber nicht ist. Zwar umfasst das Angebot von Utopien eine schier unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Gesellschaften, – aber auch und nicht zuletzt die schnelle und einfache Möglichkeit, zu jeder von ihnen zu wechseln – und ist somit der Schlüssel zu einer realistischen Utopie.
Vergesse den EXIT und es wird früher oder später zu internen Spannungen kommen, seitens derer die sich nicht berücksichtigt fühlen.


Bearbeitet von head_in_the_clouds, 19 Februar 2026 - 13:24.

"Why should one be afraid of something merely because it is strange?"

  • (Buch) gerade am lesen:John Sladek - Roderick oder Die Erziehung einer Maschine

#2 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

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Geschrieben 19 Februar 2026 - 14:49

Exitbaus der Utopie ist Thema in aiki Miras Kurzgeschichte in den Andymonaden

Podcast: Literatunnat

  • (Buch) gerade am lesen:meistens viele
  • • (Film) gerade gesehen: The Whale, Everything everywhere at once, Zurück in die Zukunft III

#3 Helge

Helge

    Biblionaut

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Geschrieben 19 Februar 2026 - 17:02

Egal wie die Utopie aussieht, es muss ein EXIT existieren

Notwendige Voraussetzung für ein Utopia ist also gleichzeitig ein EXIT daraus. Zuerst klingt es paradox, was es aber nicht ist. Zwar umfasst das Angebot von Utopien eine schier unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Gesellschaften, – aber auch und nicht zuletzt die schnelle und einfache Möglichkeit, zu jeder von ihnen zu wechseln – und ist somit der Schlüssel zu einer realistischen Utopie.
Vergesse den EXIT und es wird früher oder später zu internen Spannungen kommen, seitens derer die sich nicht berücksichtigt fühlen.

Damit hast Du es tatsächlich auf den Punkt gebracht; dem schließe ich mich voll und ganz an.



#4 Fermentarius

Fermentarius

    Infonaut

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Geschrieben 20 Februar 2026 - 18:49

Das ist wirklich ein spannender Ansatz. Ich finde, Utopien haben in der Literatur genauso sehr eine Daseinsberechtigung wie Dystopien. Dabei würde ich Utopien nicht unbedingt nur als Entwürfe für rundum ideale Staaten ansehen. Der Begriff deckt, meine ich, schon Beschreibungen von Staaten, Systemen und Kulturen ab, in denen einzelne Punkte besser sind als in unserer Gegenwart. So würde ich Ursula Le Guins Roman "The left hand of darkness" durchaus als Utopie ansehen. Auf dem Planeten Winter ist zwar kein idealer Staat verwirklicht, aber es gibt keine Trennung zwischen Frauen und Männern, und nicht die Probleme, die damit verbunden sind. Die Bewohner sind androgyn, sie entwickeln aber in regelmäßigen Abständen eine "Kemmer", eine Art Hitze, in der sie zufällig weiblich oder männlich werden. Ansonsten ist die Gesellschaft mindestens genauso grausam und intrigant wie jede irdische. 

 

 

 

Es ist auch ein Ort körperlicher und mentaler Gesundheit und Freiheit, der ein weites und sich stetig erweiterndes Spektrum an freudvollen Möglichkeiten bietet, was ein Mensch mit seiner Autonomie anfangen kann.
 

Das ist eine Vorstellung, die ich schon als Junge in einem alten Märchen gelesen habe, das den bezeichnenden Titel "Jugend ohne Alter, Leben ohne Tod" trug. Der idyllische Ort, den der Protagonist nach langen Mühen findet, ist eine Art Club Mediterranee mit jungen schönen Menschen, die ewig ihren Vergnügungen nachgehen. Nur wäre ein solcher Ort, außer für teure Ferien, nicht auf Dauer denkbar. Menschen werden alt, sie werden krank, sie müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten, sie machen sich Sorgen. 

Für Marxisten war und ist "der Kommunismus" ein utopischer Ort. Dort sind alle gesellschaftlichen Widersprüche aufgelöst, es gab kein Eigentum an Produktionsmitteln, kein Eigentum an Grund und Boden, jeder bringt freudig das ein, was er leisten kann, Fabriken sind Gesellschaftseigentum, sie gehören jedem und keinem, die Arbeiter stellen das her, was die Gesellschaft braucht, nicht mehr und nicht weniger, und zum Preis, der dem Wert ihrer Arbeit entspricht. Niemand drückt sich, niemand wird gezwungen. In gemeinschaftlichen Diskussionen wird über den Bedarf entschieden, den dann alle decken. Niemand sammelt Vermögen an, niemand betrügt.

Der Weg dahin war der real existierende Sozialismus. Nur hat das nicht wirklich funktioniert - was überzeugte Marxisten nicht daran hindert, weiter daran zu glauben.

 

Ich stelle mal die These in den Raum, das unsere Welt viel zu komplex ist, als das alle gemeinschaftlich entscheiden können, was wie produziert und konsumiert werden soll, zumal Produktion und Konsum in der heutigen "postmateriellen" Gesellschaft nur noch einen kleinen Teil des gesellschaftlichen Lebens ausmachen

 

 


Egal wie die Utopie aussieht, es muss ein EXIT existieren

Notwendige Voraussetzung für ein Utopia ist also gleichzeitig ein EXIT daraus. Zuerst klingt es paradox, was es aber nicht ist. Zwar umfasst das Angebot von Utopien eine schier unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Gesellschaften, – aber auch und nicht zuletzt die schnelle und einfache Möglichkeit, zu jeder von ihnen zu wechseln – und ist somit der Schlüssel zu einer realistischen Utopie.
Vergesse den EXIT und es wird früher oder später zu internen Spannungen kommen, seitens derer die sich nicht berücksichtigt fühlen.

Zugegeben: die meisten Utopien in der Literatur würden mich dazu reizen, direkt die Exit-Option zu wählen. Andererseits wäre ein solches Gesellschaftsmodell einfach zu statisch, um stabil zu sein. Was heißt das? Salopp gesagt könnte man die Exit-Option so formulieren:

"Wir leben in der idealen Gesellschaft. Und wenn du das nicht so siehst, kannst du gerne gehen. Wir tragen dir nichts nach."

Nun ist es aber so, dass Menschen nicht einfach zu einer anderen Gesellschaft wechseln können. Jede etwas komplexere Gesellschaft hat viele viele viele ungeschriebene Gesetze, Rituale, Feiern, Zeremonien, Gewohnheiten und Tabus. Man verbringt viel Zeit damit, diese Konventionen zu lernen, und nicht jeder Mensch tut sich damit leicht, diese Dinge hinter sich zu lassen, und sich einer anderen Gesellschaft anzuschließen. Und die muss natürlich auch gewillt sein, ihn aufzunehmen. Und dort muss er sich erst Ansehen erwerben, Freunde finden, die Sprache lernen, die Kultur aufnehmen. 

Tatsächlich ist das Angebot, die gegenwärtige Gesellschaft zu akzeptieren oder sie zu verlassen, für viele Menschen eine Drohung, nicht unbedingt ein großzügiges Angebot.

Und was ist mit der Option, die "utopische" Gesellschaft zu verbessern? Ist nicht jemand, der unzufrieden ist, vielleicht ein Reformator, einer der Veränderungen anstößt, die notwendig sind? Dann sollte man eigentlich die Unzufriedenen ernst nehmen, ihre Problem diskutieren, ihre Änderungsvorschläge anhören, anstatt ihnen nur den Exit anzubieten. Eine unveränderliche, eine starre Gesellschaft ist, so meine ich, dem Untergang geweiht, und wenn sie noch so ideal ist.

In der Bibel markiert die Vertreibung aus dem Paradies der Anfang der Menschheit, nicht ihr Ende. Mit gutem Grund.



#5 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

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Geschrieben 21 Februar 2026 - 13:36

Du solltest Isabella Hermanns "Zukunft ohne Angst" lesen, da ist das viel Thema.

 

Ansonsten würde ich sagen: Ja, Menschen sind verschieden und haben verschiedene Bedürfnisse, darum können Utopien nicht für alle gleichermaßen passen. Aber das spricht ja eher für eine Gesellschaftsordnung, die viele Nischen und Lebensweisen zulässt, oder anders gesagt: die wenig Diskriminierung beeinhaltet und mit vorhandener Diskriminierung Umgangsweisen findet. Dann wäre das Utopische gerade das Vorhandensein von Nischen und Vielfalt.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#6 gregorgross

gregorgross

    Nanonaut

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Geschrieben 23 Februar 2026 - 10:32

Eine Utopie kann ja gerade dadurch, dass sie unrealistisch wirkt, auch dystopische Vibes erzeugen, finde ich. Und eine Dystopie kann, zumindest in Aspekten, Hoffnung geben, also utopisch wirken.


Mein Blog findest du auf https://denkpass.de
Was ich gerade lese, findest Du auf https://bookrastinat...ser/gregorgross

  • (Buch) gerade am lesen:Beyond the reefs von William Travis
  • (Buch) als nächstes geplant:eins von Sven Haupt
  • • (Buch) Neuerwerbung: Katabasis von RF Kuang
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