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Kazuo Ishiguro - „Alles, was wir geben mussten“ (2005) - oder: Was heißt es, Mensch zu sein?


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2 Antworten in diesem Thema

#1 head_in_the_clouds

head_in_the_clouds

    Infonaut

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Geschrieben Heute, 15:03

spoilerfrei 

 

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(englischer Originaltitel)

Diese Geschichte einer alternativen Realität spielt im England der späten 1990er-Jahre. Die Erzählerin Kathy , eine junge Erwachsene, erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in der Einrichtung Hailsham, streut dabei aber Begriffe ein wie "Pflegekraft", "Studenten", "Abschluss" "Spende" , die für sie offensichtlich eine ganz andere Bedeutung haben als für uns. Das Buch erschafft so eine in sich geschlossene Welt, die man nicht durchdringen kann. Ein Geheimnis, das hier nicht gespoilert wird!

Wie erfahren nur soviel, wie Kathy bereit ist preiszugeben , während die Geschichte ihren Lauf nimmt. Wir erfahren nichts vorab oder wissen mehr – nur das was Kathy uns zugesteht: Ein Geheimnis durchzieht so den Roman bis fast zum Ende hin – uns bleiben nur Spekulationen. Der Leser muss diesen Stand des Erzählers teilen (wir ahnen: „...die Welt ist nicht so , wie sie scheint…“) , sonst kann er nicht auf dieselbe Weise Mitgefühl für die Charaktere empfinden wie die Erzählerin. Ishiguro kommentierte dazu:

Das Timing ist wichtig weil es eine erschütternde emotionale Wirkung auf den Leser hat, wenn diese Information schließlich enthüllt wird.“

In der Genre-Sf wäre die Enthüllung des großen Geheimnisses, das wir aus Kathy’s Andeutungen herauszulesen meinen, der konzeptionelle Durchbruch, in der die Welt plötzlich auf den Kopf gestellt wird: Ishiguro führt uns diesbezüglich in eine neue Weltsicht – in ein neues , erschütterndes Paradigma, das Kathy’s Realität und die der anderen Charaktere unausweichlich bestimmt.

Doch Ishiguro hat mehr in Absicht als eine Erschütterung durch die Offenbarung dieses Geheimnis: Die Figuren und ihr Leid sind Analogien für die Grenzen des menschlichen Daseins. Die Ergebung der Figuren in ihr Schicksal fordert uns heraus: Warum versuchen sie nicht, sich zu wehren und diesem zu entkommen? Die Hinnahme provoziert – und wir wünschten uns eine andere Reaktion: Doch das verkennt den Kern der Sache , die Ishiguro uns vor Augen führen will: Kathy und ihre Freunde akzeptieren ihr Schicksal, weil wir alle es tun.

Wir alle müssen uns der Tatsache der Endlichkeit stellen: Wir verdrängen das gerne, „es passiert nur anderen“ – aber die Auseinandersetzung damit und letztendlich die Annahme zeigt die Gleichzeitigkeit der Tragik und Größe des menschlichen Daseins. Die existentielle Frage wird nicht erklärt oder aufgelöst – sie bleibt, wie sonst – unbeantwortet und reflektiert so auf unsere eigene Situation – es bleibt nur die Annahme des Schicksals. Am Ende geben wir alles. Kraftvoll und berührend zeigt uns Ishiguro damit , was es heißt, Mensch zu sein.


Anhang: Ein Beispiel für ein genreübergreifendes Werk

Die Geschichte enthält einige Elemente der Science-Fiction, wird aber als Slipstream Sf dem Mainstream zugerechnet. Der Autor verbindet die Stärken des Mainstreams mit Kernfragen der Sf – und sieht generell Genregrenzen kritisch:

Ich finde, die ganze Genre-Einteilung in Büchern ist nicht sehr hilfreich. Sie schränkt unser Leseverhalten und die Fantasie von Autoren unnötig ein.“

Sich der Mittel einer der Genres zu begeben , ist für ihn eine selbsauferlegte Limitation. Beide können Fragen stellen, die das jeweils andere nicht in der Lage (oder Willens) ist, zu stellen. Im genannten Sinne ist das auch ein weiterer seiner genresprengenden Erzählungen: „Klara und die Sonne“.

 

Zu ergänzen wäre, das er für seine Werke im Jahr 2017 den Literaturnobelpreis erhielt.
 

Isfdb Referenz:

Kazuo Ishiguro

 

Never Let Me Go (2005) , Translation: Alles, was wir geben mussten [German] (2005)


Bearbeitet von head_in_the_clouds, Heute, 15:47.

"Why should one be afraid of something merely because it is strange?"

  • (Buch) gerade am lesen:John Sladek - Roderick oder Die Erziehung einer Maschine

#2 Michael Fallik

Michael Fallik

    Yoginaut

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Geschrieben Heute, 16:04

Ich habe es gelesen und der ruhige Stil hat mich in den Bann gezogen. Er lässt sich Zeit mit der Welt, bis er relativ harsch einen Fixpunkt setzt. Das war ein echter Aha Effekt. 

Absolut lesenswert.


www.klangbildwort.de
  • (Buch) gerade am lesen:Der Engel Esmeralda - Don DeLillo
  • • (Film) gerade gesehen: Arthur Rimbaud - Sechs Monate in der Hölle

#3 Dyrnberg

Dyrnberg

    Illuminaut

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Geschrieben Heute, 17:00

Fantastisches Werk. Auch, weil es dem Autoren nicht um die Pointe geht. Sprich, selbst wenn man die Story (beispielsweise wegen der Verfilmung) bereits im groben Zügen kennt, ist das Buch unbedingt lesenswert. Für mich eines der besten Werke von Ishiguro. ("Der begrabene Riese" und "Was vom Tage übrig blieb" sind meine anderen beiden Lieblinge von ihm. "Klara und die Sonne" war auch gut.)




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