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Der Albado-Test


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#1 Michael Fallik

Michael Fallik

    Infonaut

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Geschrieben Heute, 16:25

Vorwort: Da ich anscheinend unfähig bin, ein vorgegebenes Thema einer Schreibübung in 600 Worten zu formulieren, schwebt die folgende Kurzgeschichte im luftleeren Raum. Sie ist mein zweiter Versuch. Den ersten wagte ich an Michael Schmidt zu senden. Ein dritten Versuch werde ich nicht starten. Nun die Geschichte:
 
 
 
Die Eingangshalle von Albado gleicht ihrer Internetpräsenz: Helle Farben, aufgeräumt, auf den ersten Blick alles Wichtige dargeboten. Ich kann gar nicht anders, als dem strahlenden Lächeln entgegenzueilen, wie eine Motte vom Licht angezogen wird. Es gehört einer Person, die sich durch ihr Äußeres penibel auf kein Klischee dieser Welt festlegen möchte.
„Mein Name ist Noah Winterberg. Ich habe um elf Uhr ein Vorstellungsgespräch“, sage ich mit lauter Stimme. Seit dem Aufwachen habe ich diesen Satz unentwegt gemurmelt. Nicht, dass ich unsicher wäre. Ganz im Gegenteil: Albado kann gar nicht anders, als mich einzustellen. Dem Test auf der Homepage bin ich als Idealkandidat entstiegen. 98,03 % Match. Die restlichen 1,97 % waren von mir kalkuliert – niemand will einen Mister Perfekt. Mein Problem sind Menschen. Solche, die mich mit leicht schiefgelegtem Kopf mustern und dabei mit kalten Augen anlächeln. Da habe ich Defizite.
„Unser Personalchef erwartet Sie schon. Vierter Stock, Sie können es nicht verfehlen, es gibt dort nur einen Raum.“ Ich starre auf die Zettel, die ausgedruckt und unterschrieben mitzubringen waren. Die Person am Empfang erkennt meinen Blick. „Die geben Sie oben ab. Ihre Eintrittskarte zum Einstellungstest.“ Ihr Lachen erklingt, hell und klar, begleitet eine Stimme, wie ich sie von Wettermoderatorinnen im Fernsehen kenne. Ich drehe mich um und stehe zwei Minuten später vor meinem Tester. Er zeigt das gleiche professionelle Strahlen. Der Raum ist leer. Neben der Aufzugtür ein kleiner Tisch. Dort liegt der Hut. Drahtloses Hightech – Albados neuestes Produkt. Ein Laptop, zugeklappt, surrt leise vor sich hin. Kurz sortiere ich meine Gedanken: Ich werde diesen Hut testen. Werde ihn aufsetzen und das, was danach passiert, in einfachen Worten dokumentieren. Leicht verdientes Geld.
„Sie haben sich das gut überlegt?“, fragt Frank. Ich darf ihn beim Vornamen nennen, als gehörte ich schon dazu. Die Frage empfinde ich unterschwellig als Beleidigung. Schließlich stehe ich hier. Ich habe alles unterschrieben. Dann wird mir klar: Das ist bereits der Test. Ich antworte mit einer Phrase, die mir angemessen erscheint. Ich bin auf alles vorbereitet, auch auf Fangfragen. Frank nickt zufrieden und hält mir den Hut entgegen. Mehr eine Kappe, eine Maske, die dem Graf von Monte Christo gehören könnte. Ich stülpe sie über. 
---
Verdammt, ist das kalt hier. Mein Atem erzeugt Dunst, der mit dem Nebel verschmilzt, der um mich herum aus dem Boden steigt. Ganz kurz überlege ich, was mich an diesen Ort geführt hat. Eine Aufgabe. Ja. Ich muss eine Antwort suchen auf eine mir unbekannte Frage. Nichts einfacher als das. Es kitzelt an meinen Füßen. Verdammte Insekten. Ich gehe weiter, immer dem gewundenen Pfad entlang. Links das Moor, eine dunkle Brühe, die zittert und stinkt. So wie ich. Meine grob genähte Hose aus Ziegenfell hängt in Fetzen. Mein massiger Oberkörper ist schlammbedeckt und riecht nach Schweiß. Über einem meiner nackten Füße windet sich ein wurmartiges Geschöpf. Ich bücke mich, nehme es zwischen zwei Fingern und schnuppere daran.
„Denk nicht mal dran“, flüstert es mir entgegen. Ich grunze und lasse es fallen.
Rechterhand ist kaum Platz für ein Ochsengespann, dann ragen schon kerzengerade Fichten auf – eine undurchdringliche Mauer. Ich gehe weiter, eingezwängt zwischen Moor und Wald. Wie ein warmer Schwall dringt der Geruch nach Tod in meine Nüstern. Ich gehöre zu denen, die von Blut angezogen werden. Wo gemordet wird, da wird geplündert. Dort werde ich meine Antwort finden.
Der Pfad wird zu einer Schleife aus niedergetrampeltem Gras, die in einem Bogen in den Wald führt. Mit einem Brummen aus meinem Zwerchfell vertreibe ich die Stille. Der Ton schwingt nach, wird lauter und schließlich erkenne ich die Ursache. Vor mir öffnet sich eine Ebene. Ich sehe Hütten, eingefallene Strohdächer und sinnlos verstreute Gegenstände. Mittendrin hockt ein Ungetüm. Hoch wie ein aufgerichteter Bär, aber viel zu breit. Statt eines Kopfs auf der nackten Brust ein Auge, darunter ein Maul. Es lächelt. Vielleicht ist es ein Lächeln. Das tiefe Brummen stammt von einem Instrument, das das Wesen mit einem verdrehten Arm von sich hält.
„Hat den Weg gefunden. Warum auch nicht? Ins Moor will keiner, der Wald ist zu dicht. Also steht wieder einer vor mir und glotzt sich die Augen aus dem Kopf.“ Diese Stimme ... ich blicke unwillkürlich zum Himmel, ob es nach Regen aussieht. Das setzt etwas in Bewegung. Auf meinem Kopf spüre ich plötzlich einen Druck – die reale Welt greift nach mir. Der Geruch nach Blut und Staub wird schwächer, dann bricht wieder die Vision mit voller Wucht durch mein Bewusstsein.
„Frag endlich!“, schreit mich das Wesen an. Ungeduldig wirft es das Instrument vor meine Füße, wo es zu Staub verrinnt. Etwas Neues erscheint in seiner Hand: eine schartige Axt, die jedem Henker gerecht würde. Jetzt erst erkenne ich die aufgetürmten, kopflosen Leiber – alle mit zerrissenen Ziegenlederhosen und schlammbedeckten Torsos. Wie ein Spalier türmen sich die Überreste meiner Vorfahren um mich herum auf, versperren mir die Flucht. Die Frage. Wie zur Hölle lautet die Frage?
Die von einem schmutzigem Flaum bedeckte Haut beginnt zu kribbeln. Mir ist kalt. Das Auge in der Brust des Ungetüms fixiert mich. Auf der schartigen Axt erkenne ich Rost, vielleicht getrocknetes Blut, was spielt das für eine Rolle. Die Frage.
Meine Gedanken rasen. 98,03 % Match? Der perfekte Kandidat? Wie falsche Noten in einem eingeübten Solo drängen sich fremde Begriffe in mein Hirn. Aber ich habe nur Augen für die kopflosen Leiber zu beiden Seiten, stumme Zeugen für all jene, die die Frage und somit eine Antwort schuldig blieben.
Plötzlich mischt sich ein Geräusch in das Brummen des Wesens. Ein leises, rhythmisches Klicken. Ein geheimes Zeichen, der Beginn meines Scheiterns: Es ist das Geräusch einer Tastatur. Frank. Er sitzt irgendwo dort draußen, hinter dem Laptop, und wartet auf die „Dokumentation in einfachen Worten“. Aber hier drin finde ich keine einfachen Worte. Hier gibt es nur stinkendes Fleisch, den Schlamm und die drohende Axt. Ich spüre wieder den Druck des Hutes auf meinen Schläfen. Den stechenden Schmerz der hauchdünnen Elektroden, die sich unbarmherzig in mein Hirn bohren. Die Kälte schwindet. Mir wird heiß, mein Kopf brennt. Aus dem Qualm der Flammen entsteigt mein Name. Die Grenze zwischen Noah Winterberg, dem Bewerber im vierten Stock, und der Kreatur im Ziegenfell verschwimmt. Das Wesen hebt die Axt. Der Wind trägt den Geruch von verbrannten Haaren und geronnenem Blut an mir vorbei.
„Die Frage ...“, presse ich hervor, während mein massiger Körper zittert. „Was ist die Frage?“
Das Ungetüm flackert auf, unmerklich, doch meinen elektrisierten Nerven entgeht es nicht. Es formt mit seinem Maul ein einziges Wort, das gleichzeitig in meinem lodernden Kopf und in der feuchten Waldluft widerhallt:
„WARUM?“
Ich gluckse enttäuscht. „Warum?“. Es ist die ultimative Fangfrage. Wenn ich jetzt mit einer Phrase antworte, wie ich es Frank gegenüber getan habe, wird die Axt fallen. Die 1,97 % Unvollkommenheit in meinem Profil sind plötzlich der einzige Strick, der mich am Leben hält. Für eine Sekunde packt mich der Mut des Träumenden, der sich im Bewusstsein seiner Unverletzbarkeit in einen Abgrund stürzt, nur um schreiend aufzuwachen. Aber ich will den Job. Ich will, dass Frank mich Noah nennt und gierig meine Schilderungen aus dieser Welt verschlingt. Ich starre auf meine schlammigen Hände, dann in das Auge des Monsters. Ich muss antworten. Die Sekunden verrinnen. Dann erkenne ich es. Nicht als der Idealkandidat, sondern als der Mensch, der Defizite im Umgang mit kalten Augen hat. Der kleine Bruchteil Unvollkommenheit in mir wiederholt endlich die Frage: „Warum? Warum bin ich hier?“
Das fette Vieh flackert, ich sehe durch sein verblassendes Maul einen Tisch, dann Frank. Er strahlt mich an. In einer Hand hält er noch die Axt, die andere liegt lässig auf der Tastatur. Zwei seiner Finger zucken, es klappert, die Axt verschwindet.
„Holy Shit! Das nenn ich Abweichung.“ Seine Stimme moduliert bei dem Wort Shit zurück in den Tonfall eines Menschen. „Alles ein riesiger Bullshit, und sie haben es bemerkt. Diese Kappe wird bald das Zuhause einer ganzen Generation darstellen. Als Supervisor brauchen sie klaren Durchblick. Die Stellenbeschreibung ist so interessant wie simpel. Wer sich in unserer virtuellen Welt verliert, der wird von Ihnen zurückgeholt. Kennen sie Baywatch? Schon mal was von Rettungsschwimmern gehört?“
Die kopflosen Leichen, die mich immer noch umgeben, sind entweder erfolglose Mitbewerber oder ein Ausblick auf meine zukünftige Arbeit. Frank schaut mich erwartungsvoll an.
„Noch nie gehört. Ich gehe selten aus dem Haus“, antwortet meine 1,97 % Trotzlippe. Frank überhört es. Er verändert sein Äußeres, erinnert mich an einen Schauspieler, David soundso. Ich überlege, ob ich raten soll oder ob mir der Job schon gehört. Ohne Übergang verändert sich die Szene. Der Wall aus Leichen, der Wald, David am Schreibtisch, alles weg. Ein endloser Strand, sanft anrollende Wellen und eine Musik, die nach wenigen Augenblicken in die Stimme der Wetterfrau übergeht.
„Sie befinden sich in der Warteschleife. Die Simulation startet, sobald die Software einen Notfall erkennt.“
„Sie befinden sich in der Warteschleife. Die Simulation startet, sobald die Software einen Notfall erkennt.“ 
"Frank, was ist hier los? Frank! Verdammt, Frank?" Die beruhigende Musik setzt wieder ein.  

Bearbeitet von Michael Fallik, Heute, 16:29.

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    Frank Lauenroth