Vorweg: Meine Rezension entstand aus der Vorschau-Datei, die allen Autoren und -innen der 23. Zwielicht zugesandt wurde. In der finalen Version wird sich nicht viel verändert haben, außer vielleicht ein Satz, eine Formulierung oder ausgebügelte Rechtschreibfehler – ich will es aber dennoch erwähnen.
Vom tiefen Meer unter der Treppe
von Thorsten Küper
Die Geschichte beginnt wie die größten Werke von Lovecraft, als uns der Protagonist von seinem bevorstehenden Ende in Form eines letzten Schriftstücks erzählt. Was daraufhin folgt, ist eine unglaublich tiefgängige Reise durch Horror-Tropen, ohne einen zu kopieren oder sich zu sehr davon inspirieren zu lassen.
Anfang des 20. Jahrhunderts (einer alternativen Zeitlinie) wird der lakonische, meist traurig desillusionierte Thomas Cardiff von seinem Vater Arthur Penhallington – einem wohlhabenden Mann mit zweifelhafter Moral, der den Protagonisten mit einer Mätresse zeugte – zu dessen Anwesen gerufen, so dass dieser ihn für einen unbekannten Zweck evaluieren kann. Einem Anwesen mit vielen verschlossenen Türen … die das besser bleiben sollten. Bald schon hört Thomas von einem „Meer unter der Treppe“. Ein Mysterium, das es aufzudecken gibt, Charaktere mit zwielichtigen Motiven und ein Haus, mit dem offensichtlich etwas nicht stimmt – das Setting wirkt unglaublich vielversprechend.
Und Thorsten Küper liefert! Die Geschichte, eigentlich mehr eine Novelle ist, wechselt mit bemerkenswertem Feingefühl zwischen erzählerischer und szenischer Form, ohne auch nur einmal langweilig oder langatmig zu werden. Dabei bemerkt man deutlich, auf welche Erfahrung der mehrfach nominierte Autor Küper zurückgreift. Er weiß, wann man Wochen und Monate in Absätzen schildern kann und wann das Geschehen in Momente und sogar Sekunden wechseln muss. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Thorsten Küper bisher eher als Science-fiction-Autor bekannt gewesen ist.
Die Tropen, auf die er dabei zurückgreift, sind bekannt. Arthur Penhallington, der Vater, verkörpert einen Gendō Ikari; immer wieder wird mit lovecraftschen Elementen gespielt, gerade was den Ozean betrifft, und manches erinnert an „Cromwell Stone“ und natürlich dem „Darkest Dungeon“ (der vermutlich als primäre Inspiration diente), ohne sich jedoch direkt in sie oder ihre Klischees zu verlieren. Erfrischend und nahe dem Zeitgeist interpretiert Küper den Cosmic-Horror auf eine deutsch-lineare Art. Während beispielsweise ein Lovecraft seine Figuren in beinahe Katatonie verfallen lässt, sobald sie einem Horror „from beyond human comprehension“ begegnen oder Hideaki Anno und Akio Satsukawa ihre Charaktere in persönliche Konflikte verfallen lassen, um den Plot zu strecken, bleibt Küper zielgerichtet. Das lässt Thomas intelligent wirken, wie jemand, der sein Bestes im Anbetracht der Umstände gibt und seine Handlungen nachvollziehbar macht. Und es macht Spaß!
Thomas wird dabei zum Opfer seiner selbst. Neugier, Argwohn, Geltungsbedürfnis gegenüber seinem kalten Vater, aber auch eine wunderbar nachvollziehbare Menschlichkeit treiben ihn dazu, immer weiter zu graben, während dem Leser längst bewusst ist, dass da am Ende vielleicht eine Erkenntnis, aber ein vor allem ein Ende wartet.
Wenn ich einen Kritikpunkt finden will, um nicht in reine Bewunderung abzugleiten, so ist es, dass Küper noch ein wenig mit dem Konzept der Liminalität zu kämpfen hat. Er scheint das jedoch zu wissen und umgeht geschickt diesen Tropus, bevor er der Geschichte an Qualität kosten würde.
Obwohl ich meine eigenen Stories stets bei den Rezensionen von Sammlungen ausgrenzte, so tue ich es dieses Mal bewusst nicht, wenn ich sage, dass das „Meer unter der Treppe“ die stärkste Geschichte in der 23. Ausgabe der „Zwielicht“ ist und ohnehin eine der mächtigsten, die ich jemals in diesem Magazin gelesen habe. Ein absoluter Anwärter für den Vincent-Preis, wenn nicht sogar der zukünftige Preisträger. Es sind Geschichten wie diese, die mir zeigen, wer die Meister des Schreibens sind und was sie dazu macht. Und das sage ich nun mit ehrlich empfundenen Neid.
Thorsten Küper ist kein Vincent Voss oder Michael Schmidt … und das macht es umso beeindruckender.
Der Geräuschesammler
von Lena Marlier
Als sich der eher zurückhaltende Mark von Lärm aus dem Haus seiner Nachbarin Rita gestört fühlt, stellt er diese schließlich zur Rede. Mit fatalen Folgen.
Lena Marlier fiel mir schon in anderen Ausgaben der „Zwielicht“ als jemand auf, dessen Schreibkunst sich nur schwer beschreiben lässt: Fruchtig wäre wohl das richtige Wort dafür, denn Lena bedient sich stets einem ganzen Passepartout aus Ideen und Stilmitteln. Mal humorvoll, mal überzeichnet, dann wieder unglaublich nüchtern und sogar beinahe stoisch wechselt sie, je nachdem, was ihr Plot verlangt. Was mir zuerst noch wie von einer Autorin erschien, die einfach drauflos schreibt, wird beim „Geräuschesammler“ zum System – das funktioniert. Ich würde gerne sagen, dass ich darin einen Hauch von Ben Bayouth zu erkennen glaube, aber das wäre ein Fehlurteil: Lena Marlier schreibt wie Lena Marlier.
Ihre Geschichte ist kurz, eine Bahnfahrt zur Arbeit lang, aber absolut ein Juwel in der aktuellen Ausgabe, das bei mir – wie sagt man auf Reddit? „Ticked the right boxes“ – den richtigen Nerv traf. Exzellentes Horrorfutter für alle, die es ein bisschen härter brauchen und mit einem Ende, das seine Zähne angenehm tief ins Leserfleisch versenkt.
Andere spielen Golf
von Jasper Nicolaisen
Die Privatdetektivin Patricia sucht im Namen eines Untergrundbosses den Bildhauer David, der diesem anscheinend „Miete schuldet“ (wobei ich nun, im nochmaligen Drüberdenken, glaube, dass da noch etwas mehr dahintersteckt). David ist verschwunden; an seiner Stelle findet sie jedoch eine Skulptur die an einen Frosch mit Flügelstummeln erinnert. Und sie „infiziert“ …
Bevor jetzt einige durch meinen Teaser an „The Worm“ von Domenic Serena oder natürlich an „Pickmans Modell“ von H.P. Lovecraft erinnert werden: Damit hat die Geschichte von Nicolaisen tatsächlich nichts zu tun. Auch wenn „Andere spielen Golf“ Parallelen aufweist, das Schicksal der Detektivin Patricia ist weit näher geschildet, weit szenischer als z.B. das von Serenas Sparrow.
Nicolaisen kann schreiben, das muss man ihm lassen. So ziemlich jeder Satz sitzt, die Beschreibungen sind trotz ihrer Kürze geradezu Regie. Wenn ich merke, dass ich einen Text lesen kann, ohne abzusetzen oder mich nicht in Gedanken verliere, während die Zeilen nicht mehr in den Kopf wandern, hat man mich eigentlich gewonnen. Das ist Nicolaisen gelungen.
Erwähnenswert ist auch, dass ich gegen Ende das Gefühl hatte, dass das Thema „Kunst als Infektion“ eigentlich ausgedient hätte und alles dazu gesagt wäre. Nicolaisen wusste oder ahnte das – und hat exakt dann aufgehört, bevor es hätte langweilig werden können.
Zudem eine Erwähnung wert:
Beten Gespenster in ihrer Verzweiflung zu Gott um ihre Erlösung?
von Michael Tillmann
Ich möchte diese Rezension mit einer Anekdote beginnen: Eigentlich wollte ich für bald erscheinende Burgenwelt-Anthologie „Das Schmatzen der Toten“ einen Mittelalter-Krimi zum Thema Leichenraub schreiben. Die Basis war gesetzt, ich hatte sogar Sarah Lutter im Discord den Plot gepitcht … und dann auf einmal nur noch zwei Tage bis zur Deadline gehabt, aber noch keine Zeile geschrieben. Da ich in dieser Zeit niemals hätte einen Horror-Krimi schreiben können (denn für einen R.L. Stine fehlt mir das Talent), schrieb ich stattdessen eine Geschichte, die einfach nur Spaß machen sollte – zuerst mir, dann dem Leser. Und obwohl in besagter Story Menschen zerrissen und gefressen werden, habe ich beim Schreiben mehrfach loslachen müssen. Weil ich nicht aufhören konnte, just-for-fun zu übertreiben.
Exakt so stelle ich mir Michael Tillmann vor, als er „Beten Gespenster in ihrer Verzweiflung zu Gott um ihre Erlösung?“ schrieb. Dabei ist die Geschichte alles andere als überzeichnet, übertrieben oder überdreht. Wobei sie einmal völlig kontextlos die 12. Ausgabe der „Zwielicht“ erwähnt.
Dabei erzählt ein katholischer Pfarrer in Ich-Perspektive davon, wie er den Brief seines Geliebten findet, der eigentlich vor einem Jahr verstorben ist. Bald wird klar, dass dieser Brief tatsächlich aus dem Jenseits stammt, von einem Geist, der mit sich selbst nicht im Reinen ist.
Die queere Romanze erzählt sich leider ein klein wenig klischiert. Vor allem als jemand, der durchaus queere Romantik zu schätzen weiß, fehlt mir schlicht die Wärme und Nähe, während vor allem die Prüderie des katholischen Glaubens kritisiert wird. Dafür wird der Leser von sehr interessanten Gedanken und Gedankenspielen begleitet, sie ist schön, angenehm flüssig und mit viel Herz geschrieben. Das Ende war mir leider etwas zu wenig. Gerade in der heutigen Zeit, wo man in der Queer- und der Romantasy fleißig das Thema „Nähe ohne Nähe geben zu können“ erkundet, wäre da einfach mehr drin gewesen.
Dennoch ist die Story empfehlenswerter Lesestoff, die die wichtigste Zutat einer guten Geschichte beinhaltet: Seele.
Im Fazit:
Die „Zwielicht“ ist, seit ich sie kenne, eine starke Zeitschrift mit hohem Niveau – das sie kontinuierlich hält. Ausgabe 23 legt allerdings noch einen guten Zahn zu. Definitiv eine der stärksten Ausgaben! Wenigstens von denen, die ich kenne. Man sagte mir bereits, dass wohl gerade die ersten Ausgaben einige echte Perlen haben sollen, die aktuell einfach im Strom untergegangen sind. Ich muss sie beizeiten nachholen.
Ein Nachwort:
Ich mag keine Werke einer KI. Das habe ich oft genug verdeutlicht. Kunst – und das sage ich als jemand, der davon lebt – ist wie Respekt: ein Prozess aus Übung, Schmerz, Kritik und Weiterentwicklung. Sie wird nicht nur einfach erarbeitet, sondern verdient. Dass die „Zwielicht 23“ vollständig darauf verzichtet, sondern sich mit schicken Fineliner-Zeichnungen von Adrian von Schwamen zu Atmosphäre verhilft, rechne ich den Herausgebern hoch an. Sie erzeugen Wertigkeit, auf ihre schlicht-schöne Art.