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Harlan Ellison: Dangerous Visions (1967)


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3 Antworten in diesem Thema

#1 Ulrich

Ulrich

    Temponaut

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Geschrieben 21 Juni 2026 - 18:10

Harlan Ellison (Hrsg.)

Gefährliche Visionen

Anthologie · Neuübersetzung

[Dangerous Visions (1967)]

Deutsch von Hannes Riffel u.a.

Hardcover, 784 Seiten

Carcosa, 2026

 

Harlan Ellisons Anthologie Dangerous Visions (1967) gilt bis heute als eines der einflussreichsten Werke der Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts. Ellison versammelte darin 33 Erzählungen renommierter und aufstrebender Autorinnen und Autoren, die bewusst Tabus brechen, gesellschaftliche Konventionen infrage stellen und das Genre aus seiner pulpgeprägten Nische herausführen sollten.

 

Die Stärke des Bandes liegt zweifellos in seiner rebellischen Energie: Autorinnen und Autoren wie Philip K. Dick, Theodore Sturgeon oder Robert Silverberg liefern oft brillante, stilistisch wagemutige Texte, die Sex, Religion, Gewalt und Machtstrukturen auf radikale Weise verhandeln. Viele dieser Erzählungen haben nichts von ihrer provokativen Kraft verloren und zeigen, welches Potenzial Science-Fiction entfalten kann, wenn sie bewusst verstört.

 

Die Figuren taumeln zwischen Identitätskrisen, kosmischen Absurditäten und intimen Grausamkeiten. Oft erscheint die Freiheit, die Ellison ihnen versprach, weniger als Befreiung, denn als Erfahrung existenzieller Verlorenheit. Die Zukunft wird nicht als Raum des Fortschritts entworfen, sondern als Spiegel menschlicher Abgründe – als Zustand permanenter Unsicherheit.

 

Trotz aller Verdienste wirkt Dangerous Visions jedoch nicht uneingeschränkt zeitlos. Manche Texte leiden unter einer für ihre Entstehungszeit typischen männlichen Perspektive. Nicht jede Provokation erweist sich als tiefgründig; bisweilen setzen einzelne Beiträge eher auf Schockeffekte als auf subtile literarische Qualität. Zudem hat sich das Genre seither weiterentwickelt: Viele der einst revolutionären Ideen sind inzwischen Gemeingut geworden oder wurden von späteren Autorinnen und Autoren differenzierter und nuancierter behandelt.

 

Dennoch bleibt Dangerous Visions ein historisch unverzichtbares Dokument einer Umbruchphase – beeindruckend in seiner Wucht, aber auch ein Spiegel seiner eigenen, heute deutlich sichtbaren Grenzen.

 

Es stimmt melancholisch, dass die von Ellison beschworene Gefahr heute vor allem in ihrer Abwesenheit spürbar wird. Die Welt hat sich beschleunigt, gesellschaftliche Konfliktlinien haben sich verschoben, und die Wirklichkeit erscheint in vielerlei Hinsicht radikaler, widersprüchlicher und unübersichtlicher, als es sich die Anthologie vorstellen konnte. Was einst provozierte, wirkt heute weniger gefährlich als historisch: als Zeugnis einer Zeit, in der Literatur noch glaubte, die Zukunft durch kühne Visionen erschüttern zu können.

 

Getippert bei 28 Grad am 21.06.2026

 

 

Frühere Ausgaben (jedoch unvollständig)

  • Harlan Ellison (Hrsg.): 15 SF-Stories (Dangerous Visions 1, Heyne, 1970)
  • Harlan Ellison (Hrsg.): 15 SF-Stories (Dangerous Visions 2, Heyne, 1970)

 

Harlan Ellison

  • Die Puppe Maggie Moneyeyes. Erzählungen (Marion von Schröder, 1972)
  • Der silberne Korridor. Utopisch-technische Erzählungen (Goldmann, 1973)
  • Star Trek: Die Stadt am Rande der Ewigkeit (Bastei, 1979)
  • Ein Junge und sein Hund und andere Nebula-Preis-Stories (Moewig, 1981)
  • Mephisto in Onyx. Roman (Goldmann, 1996)
  • Ich muss schreien und habe keinen Mund: Erzählungen (Heyne, 2014)

 



#2 rostig

rostig

    Temponaut

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Geschrieben 22 Juni 2026 - 08:17

Zum einen war ich überrascht, wie aktuell und frisch viele Erzählungen nach über 60 Jahren noch wirken, zum zweiten muss ich loben, wie viel Sorgfalt und Mühe auf diese Antho verwendet wurde: ausführliche und sehr persönliche Würdigung aller Autoren durch HE vor der Geschichte sowie einen Kommentar der Autoren nach der Kurzgeschichte, der oft einen zusätzlichen Blichwinkel eröffnet. Dagegen wirken heutige Anthologien des Öfteren als lustlose Ansammlungen leidlich gelungener Geschichten über die sich nur die Veröffentlichten freuen. Ob sich das alles für HE kommmerziell gelohnt hat ist mir allerdings nicht bekannt. 



#3 noltej

noltej

    Bambinaut

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Geschrieben 22 Juni 2026 - 11:38

Diese Anthologie ist so wichtig, dass man sie auch heute noch lesen sollte!
Ob man sie als aktuelle Literatur liest und dann Dinge bemängelt, die keine Anthologie der Zeit liefern kann ("überwiegend männliche Perspektive") oder ob man es aus der Zeit heraus liest, bleibt dem Leser überlassen. Natürlich ist nicht alles vollständig gelungen, auch schon aus damaliger Sicht nicht, die Relevanz dieses Buches schmälert es nicht: Es gilt als exemplarische Darstellung der aufkommenden New Wave.

Leider fehlen die Originalillustrationen der Dillons.

Es gibt natürlich einen zweiten Band von 1972 und einen absolut legendären (für sein nicht-Erscheinen) dritten Band, der erst posthum 2024 erschienen ist (darüber gibt es Bücher).
Über Ellisons Einführung zu seiner (sehr guten) Kurzgeschichte hat sich Philip K. Dick sehr beklagt, da sie fälschlich seinen LSD-Konsum behauptet.

Zu Dangerous Visions und Philip K. Dick im Blog DickKöpfigSammeln.



#4 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben 22 Juni 2026 - 12:12

Den Thread gibt es übrigens zweimal:

Harlan Ellison's stilprägende Anthologien "Dangerous visions" in Neuauflage - Neuerscheinungen - SF-Netzwerk

 

Die Geschichte von PKD hat eine echt beeindruckende Veröffentlichungshistorie:

Title: Faith of Our Fathers

 

Mir hat die Geschichte von Leiber aus dem Band sehr gut gefallen, die war echt empfehlenswert:

[Hugo] Fritz Leiber - Ich muss mal wieder würfeln - Offener Lesezirkel - SF-Netzwerk




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