Harlan Ellison (Hrsg.)
Anthologie · Neuübersetzung
[Dangerous Visions (1967)]
Deutsch von Hannes Riffel u.a.
Hardcover, 784 Seiten
Carcosa, 2026
Harlan Ellisons Anthologie Dangerous Visions (1967) gilt bis heute als eines der einflussreichsten Werke der Science-Fiction-Literatur des 20. Jahrhunderts. Ellison versammelte darin 33 Erzählungen renommierter und aufstrebender Autorinnen und Autoren, die bewusst Tabus brechen, gesellschaftliche Konventionen infrage stellen und das Genre aus seiner pulpgeprägten Nische herausführen sollten.
Die Stärke des Bandes liegt zweifellos in seiner rebellischen Energie: Autorinnen und Autoren wie Philip K. Dick, Theodore Sturgeon oder Robert Silverberg liefern oft brillante, stilistisch wagemutige Texte, die Sex, Religion, Gewalt und Machtstrukturen auf radikale Weise verhandeln. Viele dieser Erzählungen haben nichts von ihrer provokativen Kraft verloren und zeigen, welches Potenzial Science-Fiction entfalten kann, wenn sie bewusst verstört.
Die Figuren taumeln zwischen Identitätskrisen, kosmischen Absurditäten und intimen Grausamkeiten. Oft erscheint die Freiheit, die Ellison ihnen versprach, weniger als Befreiung, denn als Erfahrung existenzieller Verlorenheit. Die Zukunft wird nicht als Raum des Fortschritts entworfen, sondern als Spiegel menschlicher Abgründe – als Zustand permanenter Unsicherheit.
Trotz aller Verdienste wirkt Dangerous Visions jedoch nicht uneingeschränkt zeitlos. Manche Texte leiden unter einer für ihre Entstehungszeit typischen männlichen Perspektive. Nicht jede Provokation erweist sich als tiefgründig; bisweilen setzen einzelne Beiträge eher auf Schockeffekte als auf subtile literarische Qualität. Zudem hat sich das Genre seither weiterentwickelt: Viele der einst revolutionären Ideen sind inzwischen Gemeingut geworden oder wurden von späteren Autorinnen und Autoren differenzierter und nuancierter behandelt.
Dennoch bleibt Dangerous Visions ein historisch unverzichtbares Dokument einer Umbruchphase – beeindruckend in seiner Wucht, aber auch ein Spiegel seiner eigenen, heute deutlich sichtbaren Grenzen.
Es stimmt melancholisch, dass die von Ellison beschworene Gefahr heute vor allem in ihrer Abwesenheit spürbar wird. Die Welt hat sich beschleunigt, gesellschaftliche Konfliktlinien haben sich verschoben, und die Wirklichkeit erscheint in vielerlei Hinsicht radikaler, widersprüchlicher und unübersichtlicher, als es sich die Anthologie vorstellen konnte. Was einst provozierte, wirkt heute weniger gefährlich als historisch: als Zeugnis einer Zeit, in der Literatur noch glaubte, die Zukunft durch kühne Visionen erschüttern zu können.
Getippert bei 28 Grad am 21.06.2026
Frühere Ausgaben (jedoch unvollständig)
- Harlan Ellison (Hrsg.): 15 SF-Stories (Dangerous Visions 1, Heyne, 1970)
- Harlan Ellison (Hrsg.): 15 SF-Stories (Dangerous Visions 2, Heyne, 1970)
Harlan Ellison
- Die Puppe Maggie Moneyeyes. Erzählungen (Marion von Schröder, 1972)
- Der silberne Korridor. Utopisch-technische Erzählungen (Goldmann, 1973)
- Star Trek: Die Stadt am Rande der Ewigkeit (Bastei, 1979)
- Ein Junge und sein Hund und andere Nebula-Preis-Stories (Moewig, 1981)
- Mephisto in Onyx. Roman (Goldmann, 1996)
- Ich muss schreien und habe keinen Mund: Erzählungen (Heyne, 2014)



