Die Politologin Asma Mhala vertritt eine interessante, aber doch sehr konventionelle Sichtweise. Und deshalb möchte ich hier einmal eine dezidierte Gegenposition vorstellen.
Nicht die Gorillas, die brüllend auf ihre Brust schlagen, sind die wirklichen Machthaber, sie halten sich nur dafür. Die Gefahren liegen anderswo. Wer bedroht denn tatsächlich unsere Demokratie, und warum? Ein sehr reicher Mensch wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos sind nicht daran interessiert, dass ein Politiker zu mächtig wird. In Russland hat Putin immer wieder Oligarchen entmachtet, enteignet oder ermordet. Xi Jinping hat das auch schon vorexerziert. Standard Oil, seinerzeit eines der größten Unternehmen der Welt, wurde zerschlagen.
Oligarchen und Techbros und Superreiche brauchen also eine schwache Staatsmacht, weil ihnen der direkte Zugriff auf die Staatsgewalt fehlt. Ihre Konzerne liefern vielleicht die Infrastruktur und die Technik für eine komplette Überwachung, aber letztlich sind es die Staaten, die diese Werkzeuge einsetzen. Die Kapriolen von Musk und Zuckerberg mögen uns widerwärtig erscheinen, aber sie sind keine direkte Gefahr. Anders sieht es bei staatlichen Akteuren aus. Russland betreibt seit Jahren einen Cyberkrieg gegen den Westen. Desinformation ist in Demokratien eine scharfe Waffe, und sowohl China als auch Russland machen davon ausgiebig Gebrauch.
Wer glaubt, dass amerikanische Firmen ein Monopol auf Führung bei KI, Raumfahrt oder Energieerzeugung haben, übersieht den Elefanten im Raum: China. Die zentrale Steuerung der Stoßrichtung bei der Hightech-Entwicklung und die auf Jahrzehnte ausgerichtete Planung machen China (wie auch Japan) zum äußerst mächtigen internationalen Player. China hat seit zwanzig Jahren das Monopol bei den seltenen Erden und bei der Herstellung von Solarzellen vorangetrieben. Der Westen hat das spät gemerkt, und EU steht jetzt vor der Aufgabe, in fünf Jahren die kompletten Lieferketten nach Europa zurückzuholen. Scheitern ist dabei keine Option, wenn die Abhängigkeit nicht gefährlich werden soll.
Russland betreibt aus Eigeninteresse die Zerschlagung Europas, weil nur ein geeintes Europa gegen Russland seine Interessen durchsetzen kann. Die Konzerne hingegen wollen verkaufen, nicht beherrschen. Und die EU hat mehrfach gezeigt, dass sie dagegen vorgehen kann.
Zum Schluss noch zu den Definitionen:
Knackpunkt beim echten Cyberpunk ist die Verbindung von Körper, Geist und Technik. Es gibt einen Cyberraum, den Menschen mit entsprechenden Implantaten direkt bereisen können. Und dort spielen sich die entscheidenden Schlachten ab. Diese Verbindung gibt es nicht, und sie ist (aus meiner Sicht als Mediziner) nicht in Sicht. Weder der Upload des Geistes in eine Maschine noch die digitale Gehirnprothese hat bisher den Bereich der Science Fiction verlassen. Wir sind also nicht in einer Cyberpuink-Zeit. Nicht die gesichtslosen Konzerne, sondern die staatlichen Akteure haben an Macht gewonnen, wobei ihnen die Macht von den Konzernen verkauft wurde.
Faschismus/Postfaschismus/Neufaschismus etc.
Der Begriff "Faschismus" mit allen möglichen Präfixen oder Attributen ist inzwischen zur Unkenntlichkeit und Beliebigkeit zertreten worden. "Faschist" ist eher eine Beleidigung als eine Standortbestimmung. Der historische Begriff "Faschismus" beschreibt die Bewegung von Mussolini, der sich ausdrücklich als "Führer des Faschismus" titulierte, insofern ist es sehr gut definiert.
In der Folge wurde der Begriff fast jeder autoritären Bewegung übergestülpt, die sich nicht ausdrücklich als "links" bezeichnete. Heute wird die Bezeichnung eigentlich nur noch abwertend und gegen erklärte politische Gegner angewendet. Ein Politologe, der eine solche Bezeichnung auf immer neue Erscheinungen autoritärer Führung anwendet, muss sich Denkfaulheit vorwerfen lassen - oder er tut das, was Politologen gerne tun, nämlich einen neuen Begriff einführen, den sie selbst definieren, und für dessen Definition sie dann jeder zitieren muss. Zitate sind die Münzen im Klingelbeutel der akademischen Gemeinden.
Also: Das Essay (immer vorausgesetzt, es ist richtig zitiert) lässt die wesentlichen Akteure aus. Es ignoriert die wirklichen Gefahren, die sich aus der immer schärferen Überwachung ergeben. Es überschätzt die Möglichkeiten der Konzerne. Es konzentriert sich auf das Schauspiel im Vordergrund und übersieht die Schatten an der Wand.