Ich war jetzt weder krass enttäuscht noch besonders begeistert. Und das ist gar nicht so einfach. Hierbei sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich schon kein großer Fan der originalen "Odyssee" nach Homer gewesen bin. Ich habe sie mit 15 gelesen und schon damals für eine eher schlechte Fantasy-Kurzgeschichtensammlung mit unangenehmer Tendenz zur Vorarephilie empfunden. Ernsthaft: Bei Homer wandern so viele Menschen, nach Möglichkeit lebend, in Monstermägen, dass es bald zum Muster wird.
Umgeben wird Christopher Nolans "Odyssey" derzeit von einem Astroturf, der mit 2022 mithalten kann. Ihn als besten Film des Regisseurs, besten Film des Jahres und besten Film aller Zeiten zu bezeichnen, ist heutzutage keine so gute Idee. Auf mich wirken viele Vertreter der Medienpresse aktuell nur noch wie Jugendliche in den Sozialen Medien, die einfach alles zum weltverändernden Super-Event überhypen, insofern dieses oder jenes Medium halt einfach den eigenen, meist progressiven Ansichten entspricht. Gerade nachdem bei "The Acolyte" erwachsene Männer meines Alters schrieben, dass sie nicht mehr hatten atmen können oder in Tränen ausbrachen, so unfassbar gut wäre die Serie gewesen, war ich skeptisch, wenn man bei Nolans neuestem Film von einem Gottstatus spricht. Die Zuschauerbewertung von Metacritic liegt bei etwas mehr als 50%, die von Rotten Tomatoes wurde anscheinend einmal mehr als Fake entlarvt und soll wohl etwa auf demselben Niveau sein.
Und einer 5-6 / 10 kann ich zustimmen. Aber dazu gleich.
Der äußere Cast, der im Internet für so viel Furore sorgte, beschränkt sich im Gesamtwerk auf ein Minimum. Dem Persönchen Elliot Page nehme ich den antiken Krieger nicht ab, Zendayas einzige Fähigkeit besteht weiterhin darin, mit verengten Augen in die Leere zu starren, als hätte man sie aus ihrem abgedunkelten Zimmer gescheucht, und man kann sich gerne darüber streiten, ob Helena schwarz sein sollte, aber Lupita Nyong'o hat kein Gesicht, "für das eintausend Schiffe in See stechen" würden. Alle drei sind reiner Oscar und Rage Bait fürs Marketing gewesen. Sie bekommen aber so wenig Screentime, dass sie nicht wirklich stören.
Dass Hollywood seine Zuschauer nicht ins antike Griechenland, sondern wieder nach Los Angeles der 2020er mit matter HBO-Farbpalette führen würde, war vorprogrammiert. Das trübte ein wenig die Erfahrung. Atmosphärisch ist der Film zudem nur kaum dem Sword and Sandals-Setting zuzuordnen, sondern eher eine Mischung aus düsterem Spätmittelalter, früher Renaissance und Kitsch-Fantasy wie Dungeons & Dragons. Das war anfangs seltsam, ließ sich aber schnell akzeptieren.
Viele Ideen im Film sind gut umgesetzt: So sind Odysseus' Irrfahrten nun eher als Reise durch seine Psyche als denn Abenteuer zu betrachten. Die Laistrygonen als gesichtslose Hünen in Fantasy-Plattenpanzern darzustellen, war für mich eine Freude. In Homers Sage ergaben sie wenig Sinn und waren einfach nur feindselige Videospiel-NPCs ohne Agenda. Nolan hat sie exakt auf das reduziert – und das funktionierte unglaublich gut. Die Szenenarchitektur generell war wie immer exzellent und dass bei den Special Effects möglichst auf CGI verzichtet wurde, macht den Film spürbar hochwertig. Aber nicht unbedingt besser.
Wie in der Vorlage, so ist auch Nolans Neuinterpretation der "Odyssee" eher eine Mini-Serie aus flachen Storys, die eher als Blaupausen für Pen & Paper-Abenteuer dienen könnten. Odysseus und seine Mannen kommen irgendwo an, dort sterben einige und sie rennen zurück zu ihren Schiffen. Es wird im Allgemeinen viel gestorben, bis nur noch der namensgebende Held übrig ist. Auf das menschliche Bankett, zu dem Homer die Besatzungen gerne reduzierte, verzichtet Nolan und wo früher alle Frauen vom ersten Moment an von Odysseus besessen waren, sind sie jetzt deutlich reifer und tiefer gestrickt. Was ich gut fand. Einzig bei Kalypso hätte ich mir mehr gewünscht. Neben den Laistrygonen war sie für mich immer der beste Charakter des Epos (bis heute versuche ich, ihre Perspektive in Form einer Kurzgeschichte zu erzählen), aber das ist rein persönlicher Geschmack. Während der Rückkehr nach Ithaka hat Nolan vermutlich begriffen, dass die Sage hier einfach keinen Sinn ergibt und einen eigenen Spin gesponnen. Die Tötung der Anwerber wurde bedeutend besser inszeniert ... aber immer noch nicht auf Nolan-Level gut.
Und das zieht sich einfach durch den ganzen Film: Technisch-handwerklich gut gemacht serviert man eine tolle Idee, aber mager umgesetzt, wieder einen guten Einfall, aber erneut ohne echten Eindruck zu hinterlassen. Alles habe ich irgendwie woanders schon mal gesehen, oft besser, mit mehr Spannung oder Tiefe. Und das ist nicht einmal Nolans Schuld. Die Tropes der "Odyssee" sind derart oft verwendet worden, dass sie in jedem Schreibkurs als abgenutzt gelten. Gerade eben von Christopher Nolan hätte ich mir dann einfach so viel mehr gewünscht. Der Zyklop Polyphem war für mich schon mit 15 langweilig. Aus ihm haben bereits auf Reddit Autoren und -innen so unendlich viel mehr gemacht als den eindimensionalen Dark Souls-Boss nach Homer. Dasselbe gilt für die Sirenen oder die Tochter von Antiphates, dem König der Laistrygonen. Stattdessen erhält man Spurenelemente von Emily Wilson, die Homer als Incel beschimpfte.
Am Ende ist der Film der sprichwörtliche Brei vieler Köche, weder kontrovers, noch woke, noch emotional, noch irgendwas, aber auch nicht langweilig. Ich kann nicht einmal spaßeshalber darauf herumhacken. Nolans immenses Talent ist überall spürbar, erreicht aber nur selten die Gipfel früherer Werke. Matt Damon spielt seinen kriegsgebrochenen Odysseus hervorragend, bekommt aber so wenig Kontext, dass ich mit ihm nichts anfangen konnte. Ebenso hatte ich oft das Gefühl, dass der Film nicht weiß, was er eigentlich sein will: modern oder antik-episch, düster oder Eskapismus, eine Neuinterpretation von Homer oder ein Hassbrief an ihn. Er ist ein übliches Werk aus der modernen Sinnkrise Hollywoods, das die Diskrepanz zwischen Oscar-Bedingungen und Zuschauerwunsch zunehmend weniger zu überbrücken weiß. Nolans extreme Fingerfertigkeit half, aber ins Meisterwerk erheben konnten sie die "Odyssey" für mich nicht.
Danach fühlte ich mich irgendwie indifferent. Nicht enttäuscht aber auch nicht besonders beeindruckt. Eher so, als hätte wieder einen in Mayonnaise ertränkten Burger aus der Hollywood-Fast Food-Küche zu mir genommen. Ein 300 Millionen-Dollar-Megafilm, der Rekordergebnisse einspielen und alle Preise bekommen wird, die zur Verfügung stehen – aber trotzdem schon in dem Moment aus meinen Gedanken sickerte, als ich das Kino verließ.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 24 Juli 2026 - 14:33.