Schatten über Cliff's Edge von Leo Nora Grabner
Bisschen Cthulu in einer (vermutlich) amerikanischen Kleinstadt. Da werden genau die richtigen Bilder angerissen, dass man sich an Lovecraft erinnert fühlt und dass man die etwas vom Himmel fallende Romantik schluckt, während düstere Familiengeheimnisse aufgeklärt werden. Der Schluss ist fürs Subgenre natürlich zwingend, insgesamt also eine runde Angelegenheit.
Mumia Vera von Roxane Bicker
Schön geschriebene, inhaltlich durchaus originelle Fantasy-Geschichte mit begrenzten magischen Elementen und überzeugenden Figuren. Der Schluss (dass die beiden zusammen fortgehen) wirkt etwas gewollt, hat was von "sie ritten gemeinsam in den Sonnenuntergang", aber letztlich habe ich nichts gegen Happy Endings einzuwenden, also: schön 
Atelier Yggdrasil von Carolin Lüders
Wenn man die phantastische Komponente "schluckt", ist das eine sehr ansprechende Geschichte. Bei mir persönlich bleibt ein etwas seltsamer Beigeschmack, weil zwar einerseits die individuelle Entscheidungsfreiheit über das eigene Schicksal und die eigene (Geschlechts)identität betont wird, der Laden aber andererseits versucht, Menschen miteinander zu "verkuppeln", was dann auch noch funktioniert und auf mich dann doch ein bisschen zu übernatürlich-romantisierend wirkt. Eine Beziehung hält ja in der Realität nicht nur, weil Druiden es im Schatten eines alten Baumes vorausahnen, dazu gehört schon etwas mehr. Ach ja, und sich den Namen des Partners oder der Partnerin als Tattoo stechen zu lassen, fand ich schon immer eine schlechte Idee. Es sollte meines Erachtens einen Ehrenkodex für Tattoostudios geben, solche Kundenwünsche schlicht und einfach abzulehnen, jedenfalls unter einem gewissen Alter, was ja meist mit einer gewissen nötigen Reife und Lebenserfahrung einhergeht. Das aber nur nebenbei.
Schwerer als Blau von Iris Leander Villiam
Yvonne hat den Inhalt oben ja schon kurz skizziert. Mein Problem mit der Prämisse der Geschichte ist, dass es so dermaßen offentlich totaler Quatsch ist, schon im Babyalter Menschen anhand ihrer Lieblingsfarbe auf ihren Lebensweg zu fixieren, dass ich sie nicht ernstnehmen kann und dass es völlig zwingend ist, dass diese Farbeinteilung natürlich im Laufe der Handlung nicht funktioniert. Wir Menschen bestehen eben nicht nur aus angeborenen Eigenschaften, und das stellt wohl kaum jemand in Abrede, der nicht ganz und gar umbrametallic-mittelbeige-kariert ist
Ich weiß nicht, ob die Geschichte witzig gemeint ist... wenn nicht, naja, sind einige Stellen für mich ehrlich gesagt unfreiwillig komisch. Wäre die Story witziger, würde sie aber den Eindruck erwecken, Queerness auf die Schippe nehmen zu wollen, was dann wohl in diesem Magazin eher nicht veröffentlicht werden würde. Der naheliegende "übertragene Sinn" auf die heute übliche Festlegung des Geschlechteintrags schon im Babyalter hinkt dermaßen als Vergleich, dass ich mich darauf keinen Moment lang einlasse. Fazit: Bisschen Augenzwinkern und Selbstironie und es wäre ein bunter Spaß geworden. So aber - einfach unglaubwürdig. Da hilft auch nicht, dass sich am Ende alle lieb haben und alles bunt ist, wir also letztlich in etwa da angekommen sind, wo wir (oder zumindest die allermeisten Menschen in Westeuropa) heute erfreulicherweise stehen.
Auffällig finde ich persönlich bis zu dieser Stelle, dass zwar alle Texte mehr oder weniger voller casual queerness stecken, d.h. mehrere Figuren in irgendeiner Form queer sind (wogegen natürlich rein gar nichts einzuwenden ist!), sich aber mit den damit verbundenen, teils ja durchaus komplexen Themen nicht so gaaanz tief auseinandersetzt. Ich denke da an so Fragen wie: Wie entsteht bei jemandem die Erkenntnis, sich selbst als trans zu erkennen, wie fühlt sich das genau an, wie geht man sicher, dass man dabei keiner Täuschung oder ungewolltem Fremdeinfluss unterliegt, wie entwickeln sich Vorlieben oder Identifikation im Laufe des Lebens oder wie gehen eng vertraute Personen unter sich ändernden Geschlechtsidentifikationen miteinander um (und zwar über die eindimensionalen Fragen "akzeptieren oder nicht" oder "welche Kleidung ziehe ich an" hinaus). Wer nicht selbst trans oder queer ist, fände tiefe Einblicke womöglich überaus hilfreich. Nicht missverstehen: Die deutliche Sichtbarkeit von Queerness allein ist schon extrem hilfreich für die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz. Sei es in Erzählungen oder indem man zu einem CSD geht. Aber ich denke, je tiefer die Einblicke sind, die wir erhalten, umso bereichernder und gemeinschaftsfördernder ist der Effekt. Und an den Autoreninfos sieht man ja, dass die entsprechenden persönlichen Hintergründe vorhanden sind. Vielleicht denke ich da aber auch zu weit, denn es gibt natürlich individuelle Grenzen, die nicht überschritten werden wollen. Mal sehen, wie das weitergeht.
Der Artikel von Sunitsla Sukhana bietet für mich interessante Literaturanregungen, die man sich mal anschauen sollte. Allerdings befürchte ich, dass das Fazit des Artikels (man muss nur genug in Werbung investieren, dann erreicht auch jedes diverse Buch hohe Verkaufszahlen) einen wichtigen Aspekt übersieht: Die meisten Lesenden wollen entspannende Unterhaltung und keine anspruchsvolle Lektüre. Und so ein Roman, der in einer für unsereins fremden Kultur spielt, ist eben meistens anspruchsvoller zu lesen (und, ja, der im Artikel eingebaute "Test" hat mir Schwierigkeiten bereitet, und ich bilde mir ein, mich ziemlich offen auf fremde Perspektiven einlassen zu können, sonst hätte ich als Redax des FFM auch den falschen Job; ich weiß auch nicht, ob der Test wirklich fair ist, mehrere Varianten einer recht oberflächlich erzählten Pantheongeschichte vs. jahrzehntelangem Erleben vielfältiger, nicht nur westlicher Popkultur in teils sehr intensiver Auseinandersetzung). Zentraler Schlüssel fürs erbauliche Leseerlebnis ist ja meist die Frage, wie sehr sich Leser mit der Hauptfigur identifizieren können - und bei fremdartigen Figuren fällt das naturgemäß schwerer. Deshalb würde ich die Frage, ob das genannte Werk "Black Witch", das Rassismus aus der "Innenansicht" darstellen soll und dann einen Gesinnungswandel zeigt, wirklich so zu verurteilen ist. Möglicherweise ist das genau die richtige Perspektive für zumeist westliche, weiße Leser, die sich womöglich mit der Figur identifizieren und dann deren Wandlung miterleben. Dies schreibe ich freilich nur ins Blaue hinein, da ich das Buch nicht kenne, daher kann dieser Gedankengang schlicht verkehrt sein und darf gerne ignoriert werden.
Bearbeitet von Uwe Post, 10 August 2026 - 14:26.