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Queer*Welten 16

Kurzgeschichten Fantasy Science Fiction Phanstastische Literatur 2026

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6 Antworten in diesem Thema

#1 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

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Geschrieben 28 Juli 2026 - 08:51

Hallo zusammen!

 

Schon vor einer Weile habe ich angefangen zu lesen, endlich mal einen Thread dazu.

 

Zu den ersten beiden Geschichten (beides keine SF):

 

Schatten über Cliff's Edge von Leo Nora Grabner

 

Schade, dass es zwar zwei Preise für SF Kurzgeschichten gibt, aber nichts vergleichbares für Fantasy/Phanstastik. Hier wird sehr schön ein Bogen gespannt zum Thema Identitätsfindung (ungewöhnlich durch sowohl Queerness als auch der phantastischen Komponente, die mit der protagonistischen Person verbunden ist), dabei eine schwierige Mutter-Kind-Beziehung, eine nicht ganz so schwierige Vater-Kind-Beziehung und ein Auflackern des ersten romantischen Interesses (das aber nur die Selbstfindung vorantreibt, nicht der Hauptpunkt der Story ist).

Dazu gibt es Spannung durch ein Geheimnis und ein Rätsel, das den Schluss sehr gut vorbereitet.

Schöner Start!

 

Mumia Vera von Roxane Bicker

 

Das kratzt schon leicht am Horror - und ist Full Foce Feministisch! Yes! Sehr toll, wie Autorx Bicker quasi im Vorbeigehen diese Menschen charakterisiert, selbst jene, die nur wenig Bühnenzeit haben. Ich habe vor meinem inneren Auge schon ein Theaterstück mit exzellenten Darsteller*innen gesehen. Das feiere ich sehr! Dann gibt es ein, zwei ... oder auch drei unerwartete Wendungen und Plotauflösungen und das auf diesem kurzen Raum, bemerkenswert! Bicker war mir ja schon mehrfach positiv aufgefallen, aber das ist das erste Kurzprosastück von Bicker, das ich richtig feiere.


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#2 Rezensionsnerdista

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    Yvonne

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Geschrieben 02 August 2026 - 11:51

Schwerer als Blau von Iris Leander Villiam

Das ist sf und spielt mindestens 150 Jahre in der Zukunft, oder, was deutlich wahrscheinlicher ist, in einer alternativen Zeitlinie, die ungefähr zu unserer Zeit spielt. (Es fühlt sich nicht nach far future an, nur ein Aspekt ist eben deutlich anders.)

Zunächst Kinder, dann Krabbelkinder, dann sogar Säuglinge werden rasch getestet, damit man weiß, was für ein Farbtyp sie sind :blau, Grün, gelb, rosa, lila, whatever.
Manchmal gibt es uneindeutige Typen. So jemand ist Prota Luzian. Wächst als Grün auf, mag aber irgendwie auch lila.

Die Botschaft ist ziemlich on the nose, Aber das oder toy story 5 auch und der Film macht trotzdem Spaß.

Vordergründig geht es um die Nachteile dessen, was mit uns geschieht, wenn unser Weg zu früh fest steht und zu viele Unterschiede in der Erziehung gemacht werden. (parallelen zum aufwachsen als junge oder Mädchen drängen sich ein wenig auf, aber natürlich gibt es in unserer Wirklichkeit noch anderes, das prägt und die Reaktionen der Umwelt auf uns beeinflusst.)

Vorteile scheint es, zumindest im Rahmen dieser Story, nicht zu geben. Klar, man kann Kinder genau so fördern wie sie es angeblich brauchen, aber die Prämisse der Story legt nahe, das das unflexibel ist und Menschen auch schaden kann, wie es wohl Luzian geschadet hat.

Die Liebesgeschichte kommt mir etwas zu kurz. Der Schluss ist sehr happy. Aber okay, ist halt eine wohlfühl Geschichte.

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#3 Rezensionsnerdista

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    Yvonne

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Geschrieben 02 August 2026 - 12:04

Atelier Yggdrasil von Carolin Lüders

Die Story entzieht sich einer strengen Genre Zunordnung und lässt sich daher in mindestens drei phantastische Genre problemlos einordnen.

However, sie ist großartig und spätestens die zwei doppelten Böden am Ende katapultieren sie in die Liga der Kurzgeschichten, an die ich mich auch nach Jahren noch erinnern kann.

Es geht um ein Tattoo Studio und es hat so einige empowernde Momente. Für mich waren vor allem zwei hervorstechend:
Der Moment, in dem ein Kindheits Trauma bearbeitet wird und raus darf und der, in dem sich eine von mir als trans gelesene Person endlich entspannt aufrichten.

Das Ende birgt viel Humor und Lebensfreude, sowie Liebe zum Detail.

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#4 Rezensionsnerdista

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    Yvonne

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Geschrieben 02 August 2026 - 12:32

Der essay der Fehler im System von Sunitsla Sukhana ist sehr erhellend und tief recherchiert zum Thema Fantasy von Bipoc Autor*innen. Es zeigt einiges über die Verlags Welt und Bestseller.
Ich kenne die Titel alle nicht (bis auf das Buch von Noah Stoffers das ich aber nicht selbst gelesen habe), trotzdem sehr erhellend.
Da ich mich nicht mehr auf social media herum temreibe, sondern fast alle meine Buch Tipps aus der Locus habe, fühle ich mich quasi unbetroffen an den geschilderten Mechanismen zumindest als Leserin.
Jedenfalls habe ich eine Menge sf von bipoc gelesen, habe aber noch keine Statistik erhoben

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#5 Uwe Post

Uwe Post

    FutureFictionMagazin'o'naut

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Geschrieben 10 August 2026 - 11:50

Schatten über Cliff's Edge von Leo Nora Grabner

Bisschen Cthulu in einer (vermutlich) amerikanischen Kleinstadt. Da werden genau die richtigen Bilder angerissen, dass man sich an Lovecraft erinnert fühlt und dass man die etwas vom Himmel fallende Romantik schluckt, während düstere Familiengeheimnisse aufgeklärt werden. Der Schluss ist fürs Subgenre natürlich zwingend, insgesamt also eine runde Angelegenheit.

 

Mumia Vera von Roxane Bicker

Schön geschriebene, inhaltlich durchaus originelle Fantasy-Geschichte mit begrenzten magischen Elementen und überzeugenden Figuren. Der Schluss (dass die beiden zusammen fortgehen) wirkt etwas gewollt, hat was von "sie ritten gemeinsam in den Sonnenuntergang", aber letztlich habe ich nichts gegen Happy Endings einzuwenden, also: schön  :happy:

 

Atelier Yggdrasil von Carolin Lüders

Wenn man die phantastische Komponente "schluckt", ist das eine sehr ansprechende Geschichte. Bei mir persönlich bleibt ein etwas seltsamer Beigeschmack, weil zwar einerseits die individuelle Entscheidungsfreiheit über das eigene Schicksal und die eigene (Geschlechts)identität betont wird, der Laden aber andererseits versucht, Menschen miteinander zu "verkuppeln", was dann auch noch funktioniert und auf mich dann doch ein bisschen zu übernatürlich-romantisierend wirkt. Eine Beziehung hält ja in der Realität nicht nur, weil Druiden es im Schatten eines alten Baumes vorausahnen, dazu gehört schon etwas mehr. Ach ja, und sich den Namen des Partners oder der Partnerin als Tattoo stechen zu lassen, fand ich schon immer eine schlechte Idee. Es sollte meines Erachtens einen Ehrenkodex für Tattoostudios geben, solche Kundenwünsche schlicht und einfach abzulehnen, jedenfalls unter einem gewissen Alter, was ja meist mit einer gewissen nötigen Reife und Lebenserfahrung einhergeht. Das aber nur nebenbei.

 

Schwerer als Blau von Iris Leander Villiam

Yvonne hat den Inhalt oben ja schon kurz skizziert. Mein Problem mit der Prämisse der Geschichte ist, dass es so dermaßen offentlich totaler Quatsch ist, schon im Babyalter Menschen anhand ihrer Lieblingsfarbe auf ihren Lebensweg zu fixieren, dass ich sie nicht ernstnehmen kann und dass es völlig zwingend ist, dass diese Farbeinteilung natürlich im Laufe der Handlung nicht funktioniert. Wir Menschen bestehen eben nicht nur aus angeborenen Eigenschaften, und das stellt wohl kaum jemand in Abrede, der nicht ganz und gar umbrametallic-mittelbeige-kariert ist  :aliensmile:  Ich weiß nicht, ob die Geschichte witzig gemeint ist... wenn nicht, naja, sind einige Stellen für mich ehrlich gesagt unfreiwillig komisch. Wäre die Story witziger, würde sie aber den Eindruck  erwecken, Queerness auf die Schippe nehmen zu wollen, was dann wohl in diesem Magazin eher nicht veröffentlicht werden würde. Der naheliegende "übertragene Sinn" auf die heute übliche Festlegung des Geschlechteintrags schon im Babyalter hinkt dermaßen als Vergleich, dass ich mich darauf keinen Moment lang einlasse. Fazit: Bisschen Augenzwinkern und Selbstironie und es wäre ein bunter Spaß geworden. So aber - einfach unglaubwürdig. Da hilft auch nicht, dass sich am Ende alle lieb haben und alles bunt ist, wir also letztlich in etwa da angekommen sind, wo wir (oder zumindest die allermeisten Menschen in Westeuropa) heute erfreulicherweise stehen.

 

 

Auffällig finde ich persönlich bis zu dieser Stelle, dass zwar alle Texte mehr oder weniger voller casual queerness stecken, d.h. mehrere Figuren in irgendeiner Form queer sind (wogegen natürlich rein gar nichts einzuwenden ist!), sich aber mit den damit verbundenen, teils ja durchaus komplexen Themen nicht so gaaanz tief auseinandersetzt. Ich denke da an so Fragen wie: Wie entsteht bei jemandem die Erkenntnis, sich selbst als trans zu erkennen, wie fühlt sich das genau an, wie geht man sicher, dass man dabei keiner Täuschung oder ungewolltem Fremdeinfluss unterliegt, wie entwickeln sich Vorlieben oder Identifikation im Laufe des Lebens oder wie gehen eng vertraute Personen unter sich ändernden Geschlechtsidentifikationen miteinander um (und zwar über die eindimensionalen Fragen "akzeptieren oder nicht" oder "welche Kleidung ziehe ich an" hinaus). Wer nicht selbst trans oder queer ist, fände tiefe Einblicke womöglich überaus hilfreich. Nicht missverstehen: Die deutliche Sichtbarkeit von Queerness allein ist schon extrem hilfreich für die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz. Sei es in Erzählungen oder indem man zu einem CSD geht. Aber ich denke, je tiefer die Einblicke sind, die wir erhalten, umso bereichernder und gemeinschaftsfördernder ist der Effekt. Und an den Autoreninfos sieht man ja, dass die entsprechenden persönlichen Hintergründe vorhanden sind. Vielleicht denke ich da aber auch zu weit, denn es gibt natürlich individuelle Grenzen, die nicht überschritten werden wollen. Mal sehen, wie das weitergeht.

 

Der Artikel von Sunitsla Sukhana bietet für mich interessante Literaturanregungen, die man sich mal anschauen sollte. Allerdings befürchte ich, dass das Fazit des Artikels (man muss nur genug in Werbung investieren, dann erreicht auch jedes diverse Buch hohe Verkaufszahlen) einen wichtigen Aspekt übersieht: Die meisten Lesenden wollen entspannende Unterhaltung und keine anspruchsvolle Lektüre. Und so ein Roman, der in einer für unsereins fremden Kultur spielt, ist eben meistens anspruchsvoller zu lesen (und, ja, der im Artikel eingebaute "Test" hat mir Schwierigkeiten bereitet, und ich bilde mir ein, mich ziemlich offen auf fremde Perspektiven einlassen zu können, sonst hätte ich als Redax des FFM auch den falschen Job; ich weiß auch nicht, ob der Test wirklich fair ist, mehrere Varianten einer recht oberflächlich erzählten Pantheongeschichte vs. jahrzehntelangem Erleben vielfältiger, nicht nur westlicher Popkultur in teils sehr intensiver Auseinandersetzung). Zentraler Schlüssel fürs erbauliche Leseerlebnis ist ja meist die Frage, wie sehr sich Leser mit der Hauptfigur identifizieren können - und bei fremdartigen Figuren fällt das naturgemäß schwerer. Deshalb würde ich die Frage, ob das genannte Werk "Black Witch", das Rassismus aus der "Innenansicht" darstellen soll und dann einen Gesinnungswandel zeigt, wirklich so zu verurteilen ist. Möglicherweise ist das genau die richtige Perspektive für zumeist westliche, weiße Leser, die sich womöglich mit der Figur identifizieren und dann deren Wandlung miterleben. Dies schreibe ich freilich nur ins Blaue hinein, da ich das Buch nicht kenne, daher kann dieser Gedankengang schlicht verkehrt sein und darf gerne ignoriert werden.


Bearbeitet von Uwe Post, 10 August 2026 - 14:26.

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#6 Rezensionsnerdista

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Geschrieben 10 August 2026 - 14:53

Uwe, ich habe in Erinnerung, dass Texte aus früheren Ausgaben sich damit auseinandergesetzt haben, wie es sich von innen anfühlt, trans zu sein, also weniger casual waren. Ich müsste aber mal drüber nachdenken, welche konkret das sind/waren.


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#7 Uwe Post

Uwe Post

    FutureFictionMagazin'o'naut

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Geschrieben 10 August 2026 - 22:03

Danke, das würde mich interessieren.


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