Transparente Anmerkung: Digitales Leseexemplar, das mir von Marianne zur Verfügung gestellt wurde. Vielen Dank dafür.
Ich habe die Anthologie mittlerweile gelesen, hadere aber noch mit mir, wie viel ich dazu schreiben möchte.
Mir hat sie nicht sonderlich gefallen – was sicher in einigen Fällen aber weniger an der handwerklichen Güte der Texte liegt, sondern eher meinem persönlichen Geschmack geschuldet ist. Manche Geschichten waren mir zu albern, andere zu entwurfartig oder im Szenario zu simpel konstruiert.
Mit Abstrichen gefallen haben mir „Extraktor 4451“ (Tessa Maelle) und "GOD" (Thomas Heidemann).
Das für mich große Highlight der Sammlung ist
Feinjustierung (Thorsten Küper)
Ein Bibliothekar sicherte illegalerweise digitale Versionen von Büchern – und wurde schließlich erwischt.
Geprägt von Werken wie "Fahrenheit 451", "Der Report der Magd" und "1984" – was in der Geschichte auch charmant eingewoben wird –, zeichnet "Feinjustierung" ein durchdachtes, plausibles Zukunftsszenario, in dem autoritäre Politik, technologische Überwachung und die Manipulation der Öffentlichkeit zusammenwirken. Die "Zutaten" sind also vertraut, haben mit Blick auf die Realität leider aber nichts an Aktualität eingebüßt.
Im Wesentlichen handelt es sich um ein Kammerspiel, denn der Hauptteil der Handlung liegt auf dem Verhör, dass ein gewisser Dering mit dem Bibliothekar Bernhard führt. Die Dialogführung ist pointiert, lebt von einer stimmigen Charakterzeichnung – gerade von Dering, den Thorsten Küper wohl bewusst nicht als sadistisch, sondern geradezu schlicht als normalen Helfer des Systems gezeichnet hat – und nicht zuletzt von den Verweisen auf einige wirklich gute Bücher, die sich hier ganz selbstverständlich in die Unterhaltung einfügen. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden bekommt dadurch eine zusätzliche Tiefe, ohne dass sie je belehrend oder gekünstelt wirkt.
Der Spannungsaufbau ist gelungen. Man ahnt, dass auf den Schlagabtausch noch etwas folgen muss, und wartet entsprechend auf den großen Knall. Die Auflösung ist dann auch erfreulich originell und hat eine bissige Note, die mich tatsächlich fies grinsen ließ.
Fazit: Eine rundum gelungene Kurzgeschichte, die ein plausibles Szenario zeichnet, sprachlich schöne Bilder findet und mit Spannung, pointierten Dialogen und einer gelungenen Wendung zu unterhalten weiß. Eine Empfehlung an das DSFP-Komitee und die KLP-Nominierungsberechtigten – und natürlich an diejenigen, die einfach geilen Scheiß lesen wollen.
Bearbeitet von ChristophGrimm, Gestern, 12:47.