Aus der Sicht von jemanden, der fast ein Jahrzehnt in der Medizin gearbeitet hat: Die Wissenschaft war schon immer emotional geprägt; versuchte, einem Narrativ zu folgen oder verdrehte Fakten für politische und ideologische Ansichten – es ist nur eine Frage, wie weit.
Schon mal von den FIBs gehört, den Fashionable Irrational Beliefs? Manchmal nennt man sie auch CIBs, also Common(ly) Irrational Beliefs, und sie haben noch weit mehr Namen; gefühlt jeden Monat einen neuen. An manchen Unis warnt man sogar davor, wie leicht es ist, einem oder mehreren zu verfallen, aber George Orwell hatte dafür die beste Beschreibung: "Some ideas are so stupid that only intellectuals believe them", z.D.: "Manche Ideen sind dermaßen dumm, dass sie nur ein Intellektueller glauben könnte."
Als Beispiele, wie weit diese FIBs gehen und wie gefährlich sie werden können, zieht man gerne die Revolution im Iran oder die extremeren Flügel des Wokeismus heran, und startet dann meist Diskussionen, bei denen viele Wörter mit -istisch oder -ismus enden und bei denen am Ende ein Dutzend Leute vergrault und ein anderes Dutzend gebannt wird.
Aber mir wurde eines herangetragen, das weit harmloser und sogar ein bisschen niedlich ist: nämlich das Wikingergrab. In den 1960ern wurde in einer Siedlung irgendwo in Norwegen ein 1.200 Jahre altes Grab ausgehoben, in dem zwei Frauen in Umarmung nebeneinander lagen. Den Grabbeigaben nach scheinen sie sogar Teil des selben Haushalts gewesen zu sein, was sich angeblich anhand der Machart von Tonkrügen belegen ließ. Seltsamerweise fanden sich keine bestatteten Ehemänner in der unmittelbaren Umgebung. Weil das irgendwie nicht so ins damalige Narrativ passte, machte man also die übliche Mentalgymnastik: Das wären richtig gute Freundinnen gewesen, also so richtig gut. Ihre Männer sind wahrscheinlich auf See ums Leben gekommen – vielleicht sogar auf demselben Schiff! –, daher gab es auch keine Leichen und sie hätten sich gegenseitig durch diese dunklen Zeiten geholfen. Aber Lesben? Nein, nein, nein, niemals! In tausend Jahren nicht! Einfach nur eine ganz heterosexuelle Freundschaft.
Vor gar nicht so langer Zeit, ich glaube kurz vor oder nach Corona, entdeckte man dann ein Kriegergrab und darin einen Krieger, mit seinen Waffen, seinem Schild – und einem Becken, durch das definitiv Kinder passen. Dass bei den Wikingern (und germanischen Völkern) auch Frauen mit auf Kriegszüge gingen, sie sogar als Schildmaiden und Walküren in die Mythologie eingepflegt wurden, weiß vermutlich jeder, passte aber nicht ins damalige Narrativ. Also begannen die Mentalverrenkungen: Diese vermeintliche Kriegerin wäre ein Transmann gewesen. Zu 1.000%, absolut und unanfechtbar. Der SPIEGEL eröffnete den Artikel sogar mit einer LGBTQ-Flagge (wenn ich mich Recht erinnere) und auf Instagram widmete man sich mit wirklich süßen Comics dieser These. Der vermeintliche Beweis dafür war jedoch dürftig: Würde man denn eine Frau mit Waffe, Schild und Rüstung beerdigen? Schön, dass wir beim Ablegen der Stereotype wieder genau dort angekommen sind 
So sehr ich hier aber von oben herab beurteile, als hätte ich die große Illusion dieser Welt durchschaut: Ich bin auch selbst schon oft, wirklich oft, in die narrative Falle getappt. Und ich meine nicht nur in meiner Jugend, in der ich zu meiner Schande ein Che Guevara-Poster und "Das Kapital" von Karl Marx im Zimmer hatte
Ich bin mir ganz sicher, dass ich sogar jetzt, in diesem Moment, trotz aller Bildung, Bücher und Recherche, an Dinge glaube, die sich als Blödsinn herausstellen werden – weil ich gern hätte, dass sie wahr sind.
Bearbeitet von Maxmilian Wust, 30 August 2026 - 11:15.