Ich denke, dass man nicht pauschal sagen kann, dass ein Genre schwieriger als ein anderes ist. Je nach Art der Geschichte variiert der Rechercheaufwand, aber unterm Strich nimmt es sich weniger, als man denkt, ob man historische Zusammenhänge, wissenschaftliche Fakten oder die polizeiliche Ermittlungsarbeit recherchiert. Die Schwierigkeit liegt bei jeder Geschichte im Einsatz sprachlicher Mittel, einem schlüssigen Plot, lebendigen Figuren und einem gut gesetzten Spannungsbogen.
Natürlich kann man an jedes Genre sehr locker herangehen. Aber gerade bei gelungener Fantasy und Science-Fiction wird meiner Meinung nach häufig unterschätzt, wie viel Vorbereitung dahinterstecken kann. Eine erfundene Welt muss in sich schlüssig sein, Regeln und Zusammenhänge brauchen Konsequenz; je mehr man einbringt, desto mehr muss man sich eigentlich vorher überlegen. In gewisser Hinsicht wird das Worldbuilding sogar aufwendiger sein als eine parallele/vergangene Realität. Wird hier nicht sorgfältig gearbeitet, kann es schnell zu einem
Disney Effekt kommen: Es sieht auf den ersten Blick fantasievoll und bunt aus, ist bei genauerem Hinsehen aber ziemlich oberflächlich, weil die Welt nur aus dekorativen Elementen besteht. Quasi das Plopsaland in Romanform. (Fair dazugesagt: Das hält Plopsaland-Romane nicht davon ab, teils sehr erfolgreich zu sein

)
Aber ich könnte mir NIEMALS vorstellen einen historischen Roman zu schreiben, wo wirklich alle historischen Einzelheiten wahr sein müssen. Oder ein anderes Genre, das ich persönlich niemals schreiben werde, ist der Krimi. Ich stelle mir die ganze Planung eines Kriminalromans extrem schwer vor.
Ich schmunzle gerade, weil historische Geschichten und Krimis – manchmal sogar in Verbindung – meine bevorzugten Schreibfelder außerhalb der SF sind. Einen reinen Liebesroman könnte ich mir eher weniger vorstellen. Das liegt aber mit ziemlicher Sicherheit daran, dass ich Liebesromanen als Leser selten etwas abgewinnen kann, während ich historische Romane und Krimis liebe. (Letztere lese ich vielleicht nicht lieber, aber öfter als SF-Romane.) Vermutlich können erfahrene Autor:innen mit ein bisschen Vorbereitung in jedem Genre schreiben, aber neben dem Schreibhandwerk – das braucht es immer – ist die Wahrscheinlichkeit, eine gute Genregeschichte zu verfassen, höher, wenn man das entsprechende Genre kennt und v. a. schätzt.
Krimis haben sogar eine dankbare Struktur: Man kommt gar nicht darum herum, sich Gedanken über die W-Fragen (Was, wie, wer, warum) zu machen und „Pflichtszenen“ (Entdeckung, Ermittlung, Wendung, Auflösung) abzufrühstücken. Dieses Strukturskelett engt zwar in gewisser Weise ein, bietet aber auch viele Möglichkeiten der Herangehensweise. Agatha Christie war meisterhaft darin, mit der Krimistruktur zu spielen.
Eine Anekdote zu einer meiner historischen Geschichten: Für die Burgenwelt-Anthologie „Hinter Mauern“ habe ich Burg Steinsberg (Weiler bei Sinsheim) als Handlungsort auserkoren. Die Burg liegt gerade einmal 10 Kilometer von mir entfernt. Ich war mehrfach vor Ort, habe vorbereitend etliche Sachbücher gelesen (allgemeine zum Mittelalter, spezielle zur Geschichte des Kraichgaus und der Burg) und sogar einige interessante Scans von Dokumenten aus dem 13. Jahrhundert des örtlichen Heimatvereins erhalten. – Und was sagt mein Bruder am Ende zu der Geschichte: „Gefällt mir, aber die Geschichte hätte überall spielen können.“

In gewisser Weise stimmt das auch, denn es ist eine Geschichte über eine grundlegend menschliche Charaktereigenschaft: Gier. Die Recherche hat dafür gesorgt, dass die Geschichte zwar keine Anachronismen oder örtliche Ungenauigkeiten aufweist, aber die Ausarbeitung hat dem Lokalkolorit zu wenig Raum gegeben

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Bearbeitet von ChristophGrimm, 25 September 2026 - 08:38.