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Welche Rolle spielt die Ästhetik in der SF ?


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43 Antworten in diesem Thema

#31 Konrad

Konrad

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Geschrieben 31 Mai 2005 - 16:05

Ist die Ausgangsfrage von Dir also:
Was ist an SF Literatur sexy?

Könnte man sagen.
Oder:
Welche Rolle spielt der Sex in der Liebe zur SF-Literatur ?
Untertitel:
"Muß die Lady so eine unterkühlte Intelligenzbestie sein?" :D

Gruß,
Konrad

PS:
Paßt irgendwie zum diesem merkwürdigen Buchtitel im "Klassiker im Juni"-Thread. http://www.scifinet....tyle_emoticons/default/rolleyes.gif

Bearbeitet von Konrad, 31 Mai 2005 - 18:34.


#32 Konrad

Konrad

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Geschrieben 01 Juni 2005 - 23:36

Kommen wir doch auf konkrete Beispiele der Poetik zurück. Wir scheinen uns einig zu sein, daß z.B. Simmons Hyperion eine sehr schöne Sprache auszeichnet. Mich würde nun interessieren, was jeder für sich erkannt hat, was ihn zu diesem Urteil kommen läßt. Yip, du bist mit dem Original noch direkter an diesen Qualitäten dran. Wir hatten ja beide den Eindruck einer gewissen "Schwülstigkeit". Das läßt sich ja als etwas überzogene Expressivität deuten. Was würdest du sagen, was den Stil von Simmons auszeichnet ? Ist es die Bildhaftigkeit der Sprache ? In den paar englischen Sätzen, die ich gehört habe, fiel mir die Musikalität auf. Das ist ja eine Eigenschaft, die unter der Übersetzung häufig besonders leidet. Welche Rolle spielt die Musikalität ? Gruß, Konrad PS: @Nessuno:

Ich glaube, da liegst du ziemlich richtig, Konrad. Auch das, was man landläufig als "guten Stil" in der Literatur beschreibt, scheint mir die minimale Abweichung von einem "Normstil" zu sein, die die Aufmerksamkeit des Lesers erregt.

Ich halte dieses Variationsprinzip, das Spiel mit der Erwartungshaltung des Rezipienten, für einen der Hauptschlüssel zum Verständnis von Kunstwerken. In der Musik kann man dieses Phänomen z.B. bei Mozart wunderschön studieren. Wenn ich mich recht erinnere ist Bernstein in einem seiner berühmten Harvard-Lectures "Musik, die offene Frage", die teilweise im Fernsehen übertragen wurden, auf dieses Thema eingegangen. Dieses Variieren und Brechen von Erwartungen gilt nicht nur für statische Erwartungen (also nur einmal), sondern auch als dynamischer Effekt bei sequentiellen Kunstwerken. D.h. der Künstler baut im ersten Teil einer Sequenz eine Erwartungshaltung im Rezipienten auf, die dann im nächsten Schritt zum Teil erfüllt, aber auch teilweise wieder gebrochen und variiert wird. Diese kleine Diskrepanz zwischen der erwarteten und der tatsächlichen Fortsetzung des Kunstwerks ist das, was das Kunsterlebnis so interessant und lebendig macht.

Bearbeitet von Konrad, 02 Juni 2005 - 10:54.


#33 Palmer Eldritch

Palmer Eldritch

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Geschrieben 02 Juni 2005 - 13:10

In SF-Rezensionen liest man häufiger, daß dieses oder jenes Werk besonders gute "Ideenliteratur" sei. Ich bin mir dann immer nicht ganz sicher, was der Rezensent damit meint.

Tja, Literaturkritiker sind ziemlich gut darin, mit Worthülsen zu werfen. Natürlich geht es in der SF immer in irgendeiner Form um neue Ideen (auch wenn der hunderttausendste Überlichtantrieb nicht wirklich originell ist :( ), andererseits ist das, was man als "Stil" betrachtet für jede Art der Literatur wichtig, da man mit "schlechtem" oder ungeschickten Stil als Autor trotz der besten Ideen wohl auch den letzten Leser vergrault. "Ideenliteratur" soll wahrscheinlich heißen, dass ein Werk von seinen Ideen lebt, aber tut das nicht auch ein Krimi, ein Entwicklungsroman usw.? Der Begriff erscheint mir aus diesem Grund reichlich hohl und beliebig, da er auf jedes Genre angewendet werden kann.

#34 Morn

Morn

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Geschrieben 02 Juni 2005 - 15:51

"Ideenliteratur" soll wahrscheinlich heißen, dass ein Werk von seinen Ideen lebt, aber tut das nicht auch ein Krimi, ein Entwicklungsroman usw.?  Der Begriff erscheint mir aus diesem Grund reichlich hohl und beliebig, da er auf jedes Genre angewendet werden kann.

Das sehe ich nicht so. Ausserhalb der Phantastik sind die Genres doch viel zu einengend, damit ein Autor/eine Autorin seine/ihre Ideen wirklich verwirklichen und zu Ende denken kann. Gerade die Moeglichkeit, Genregrenzen zu sprengen, zeichnet phantastische Literatur aus. Das heisst natuerlich nicht, dass das auch jeder Roman tut; leider geschieht das viel zu selten. Meistens bleiben die Autor(inn)en hier doch in der Tradition verhaftet. (Wobei das keineswegs langweilig sein muss. Wer will schon andauernd "unkonventionelle" SF-Romane lesen.) Ich denke, dass "Ideenliteratur" diese Moeglichkeit bezeichnet, aus dem Genre ausbrechen und es damit auch erweitern zu koennen.

#35 Nessuno

Nessuno

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Geschrieben 04 Juni 2005 - 08:58

In den paar englischen Sätzen, die ich gehört habe, fiel mir die Musikalität auf. Das ist ja eine Eigenschaft, die unter der Übersetzung häufig besonders leidet. Welche Rolle spielt die Musikalität ?

Ich bin mir nicht sicher, was du hier meinst, Konrad. Musikalität wird ja im Deutschen unterschiedlich verstanden, entweder im allgemeinen Sinn als ein Gefühl für Rhythmus und Tonhöhe verstanden, im engeren Sinn als Fähigkeit, ein Musikstück formal zu verstehen oder als in einen außermusikalischen Kontext (z. B. als Naturerscheinung) umzudeuten. Wenn ich deine Bemerkungen in diesem Thread richtig verstehe, möchtest du in Musik und Literatur die jeweiligen Elemente identifizieren, die generalisierende, also für alle (oder doch einen Großteil der) Hörer bzw. Leser verbindliche Aussagen über ästhetische Kategorien wie "geschmackvoll", "expressionistisch", letzten Ende auch über "schön" oder "schlecht" ermöglichen. Ich halte dies für unmöglich. Nicht weil z.B. Erfahrungs- niveau bzw. Erkenntnisnfähigkeit bei jedem einzelnen unterschiedlich sind, sondern weil diese Kategorien sich letztlich auf einen Kanon von mustergültigen Werken beziehen. Und Kanones (sic! Hallo, Diboo!) sind letztlich diskursiv erstellt und vergänglich. Nessuno

#36 Konrad

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Geschrieben 04 Juni 2005 - 10:28

Ich bin mir nicht sicher, was du hier meinst, Konrad. Musikalität wird ja im Deutschen unterschiedlich verstanden, entweder im allgemeinen Sinn als ein Gefühl für Rhythmus und Tonhöhe verstanden, im engeren Sinn als Fähigkeit, ein Musikstück formal zu verstehen oder als in einen außermusikalischen Kontext (z. B. als Naturerscheinung) umzudeuten.

Ich meinte hier "Musikalität der Sprache" als Stilmittel, im Sinne der Fähigkeit, Sprachrhythmus und Sprachmelodie als Ausdrucksmittel einzusetzen.

Wenn ich deine Bemerkungen in diesem Thread richtig verstehe, möchtest du in Musik und Literatur die jeweiligen Elemente identifizieren, die generalisierende, also für alle (oder doch einen Großteil der) Hörer bzw. Leser verbindliche Aussagen über ästhetische Kategorien wie "geschmackvoll", "expressionistisch", letzten Ende auch über "schön" oder "schlecht" ermöglichen. Ich halte dies für unmöglich.

Vielleicht bin ich da etwas naiv, aber ich ziehe aus der Unmöglichkeit einer *verbindlichen* Aussage nicht den Schluß, daß es nicht sinnvoll ist, seine *subjektive* Meinung über diese oder jene wahrgenommene Eigenschaft kund zu tun. Ich gehe da von meiner eigenen Interpretation von Rezensionen aus, die ich mit dem (sicher nur unvollkommen wahrgenommenen) Profil des Rezensenten im Verhältnis zu meinem eigenen Geschmack relativiere. :D Gruß, Konrad

#37 molosovsky

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Geschrieben 12 Juni 2005 - 10:17

Hallo.

Zwei Links zum Thema:

†¢†¢†¢
Ich arbeite derzeit in der Stadtbücherei Frankfurt. Da hatte ich in den letzten Tagen Gelegenheit, alle Bücher zum Thema »Ästheteik und Literatur, Poetik und Stilistik« durchzuforsten. Auch in den örtlichen Buchhandlungen habe ich mir aktuellere Publikationen zum Thema angeschaut.

Fazit: es gibt viele Bücher, aber nur wenige taugen meiner Ansicht was. Ein Buch aber kann ich begeistert empfehlen.
»Was ist Kunst? - Positionen der Ästhetik von Platon bis Adorno« von Michael Hauskeller (Besck'sche Reihe, 109 Seiten). Darin finden sich 16 kurze Artikel über 16 Philosophen und Denker und ihre jeweiligen Ansichten zur Ästhetik. Ursprünglich erschienen diese Artikel als Serie in der »Frankfurter Runschau« (bevor die SPD die Zeitung *rettete*). Die Texte glänzen durch verständliche Sprache. Gut, die Auswahl ist ziemlich euro-zentrisch, aber das bietet eben Gelegenheit die westlichen Auseinersetzungen (Diskrus) zum Thema kennenzulernen.

Eine kleine Info aus diesem Buch klärt z.B., daß Ästhetik ursprünglich ganz allgemein »die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis« bezeichnete. Auch die Theorie der Schönheit wurde darunter verstanden, nicht nur bezogen auf Kunst, sondern auch die Natur betreffend. Die heutige Beschränkung auf den Bereich der Kunst (Ästhetik als Synonym für Kunsttheorie) geht auf Hegel zurück.

†¢†¢†¢
IDEENLITERATUR ist eine seltsame Plakette die man Texten anheften kann. Dieser Begriff wird - wie in diesem Thread vermutet wird - wohl so manchesmale nicht nur lobend sondern auch diffamierend gebraucht. Ganz ähnlich ist es mit dem Begriff FRAUENLITERATUR. Darüber hat meine Partnerin Andrea in ihrem Blog heute einen interessanten Eintrag geschrieben. Sie zitiert darin die Autorinnen A. L. Kennedy und Virginia Woolf. Es geht darin um die Konkurrenz zwischen *männlichen* und *weiblichen* Literaturen, und ich finde, es braucht nicht viel Phantasie, um diese Problematik auf dem Gebiet der SF/Phantastik zu übertragen.
Ich übernehme als Anreißer aus Andreas Blogeintrag ein Zitat aus Virgina Woolfs Text »Ein eigenes Zimmer« (A Room of Her Own):

»Und da ein Roman eine solche Verbindung zum wirklichen Leben hat, sind seine Werte bis zu einem gewissen Grad die des wirklichen Lebens. Aber es liegt auf der Hand, daß die Werte von Frauen sich sehr oft von den Werten unterscheiden, die vom anderen Geschlecht gemacht worden sind; natürlich ist das so. Doch es sind eben die männlichen Werte, die obsiegen. Grob gesprochen, Fußball und Sport sind "wichtig"; die Anbetung der Mode, das Kaufen von Kleidern "belanglos". Und diese Werte werden zwangsläufig vom Leben auf die Romanliteratur übertragen. Das ist ein wichtiges Buch, unterstellt der Kritiker, denn es handelt vom Krieg. Das ist ein unbedeutendes Buch, denn es handelt von den Gefühlen von Frauen in einem Salon. Eine Szene auf einem Schlachtfeld ist wichtiger als eine Szene in einem Laden - überall und wesentlich subtiler dauert der Unterschied der Werte fort.«

Ich selbst mache mich immer wieder stark dafür, daß SF (und Phantastik) sich auch (besonders) der Schilderung von Kleinigkeiten des Alltags widmet. Bei dem derzeitigen Lesezirkel-Titel »Das Spiel Azad« von Ian M. Banks hat mir entsprechend der erste Teil große Freude bereitet. Eigentlich tut sich nichts groß Äktschn-geladenes, doch die Darstellung des Alltags eines Meisterspielers (Gurgeh) in der utopistischen Culture fand ich sehr *spannend*.

Soviel zu diesem Ausschnitt eines möglichen Diskurses »Ästhetik und SF«.

Grüße
Alex / molosovsky

P.S.: Wenn man sich auf Sprache und ihre Verwendung konzentriert, spricht man eigentlich von Stilistik. Ästhetik hat aber auch mit den Themen selbst zu tun, sowie der Art ihrer Darstellung.

MOLOSOVSKY IST DERZEIT IN DIESEM FORUM NICHT AKTIV: STAND 13. JANUAR 2013.

Ich weiß es im Moment schlicht nicht besser.

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#38 Gast_Frank W. Haubold_*

Gast_Frank W. Haubold_*
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Geschrieben 26 Juni 2005 - 11:44

Wenn man die kontroversen Diskussionen über die literarischen Qualitäten von SF in den verschiedenen Threads sieht, dann stellt sich doch die Frage: Welche Rolle spielt die Ästhetik in der SF ? Gruß, Konrad

Zumeist keine besonders ausgeprägte, wenn man von einigen wenigen Romanen oder Kurzgeschichten aus den 50er und 60er Jahren (wie z. B. von Cordwainer Smith) absieht. Ausnahmen wie "Hyperion" bestätigen die Regel. Das ist m. E. auch einer der Gründe, weshalb zeitgenössische Mainstream-SF von der Literaturkritik nicht einmal mit der Kohlenzange angefaßt wird. Mein jüngstes Leseerlebnis namens "Klagelied der Sterne" (ein in der Tat selten dämliches Machwerk) bestärkt mich in der Neigung, mir dergleichen in Zukunft zu ersparen. Gruß T.

Bearbeitet von Tiresias, 26 Juni 2005 - 15:33.


#39 eRDe7

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Geschrieben 26 Juni 2005 - 13:33

Alex schrieb:

Wir als SF-Fans wissen: auf die Nuancen, die Details kommt es an. Die Kritiker und Geringschätzer unserer geliebten SF nehmen wohl zumeist und zuvörderst die Übertreibung, Vereinfachungen und die (noch-)Unmöglichkeit an SF-Stoffen war. Sie sehen sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich nehme, als derzeitiger "Kritiker" der SF, vor allem eine unerträgliche Mittelmäßigkeit wahr, sei es nun in "literarischen Dingen" (wohl das, was mit Ästhetik gemeint wahr?) oder auch in Sphären der Ideen. Gute SF, wenn man sie denn noch findet, scheint sich wirklich in erster Linie durch Ideen auszuzeichnen, weniger durch literarisches Können. Die Frage, die sich mir dann stellt ist: Wozu so viel Mittelmaß durchackern und mit etwas Glück vielleicht auf ein Juwel stoßen, wenn einem doch außerhalb des Genres unzählige Juwelen zur Verfügung stehen (oder bei einigen Klassikern natürlich auch innerhalb des Genres). Die Zeit ist zu kurz für schlechte Bücher. Da allerdings die Wertung von Literatur im Auge des Betrachters (oder dessen Hirn) liegt, soll dies natürlich keine pauschale Aussage über die Qualität irgendeines Genres sein, sondern nur der Hinweis auf persönliches Erleben; verkürzt: Ich bin momentan von "der" SF ziemlich gelangweilt, obwohl ich heute den John Barnes DER HIMMEL SO TIEF UND SCHWARZ begonnen habe - und er mir recht gut gefällt. :D (Abgesehen davon sind mir Genres ohnehin schnurz.) Grüße, Ralph ps: Ausgerechnet Palmer Eldritch schrieb:

was man als "Stil" betrachtet für jede Art der Literatur wichtig, da man mit "schlechtem" oder ungeschickten Stil als Autor trotz der besten Ideen wohl auch den letzten Leser vergrault.

Für mich ist PKD ja einer der wenigen SF-Autoren, die ich abgöttisch lieb(t)e (momentan bin ich etwas übersättigt), aber man kann über ihn alles mögliche Positive sagen, aber nicht, dass er ein großer Stilist war (obwohl, wenn ich mich nicht irre, hat Paul Williams dergleichen gesagt). Für mich schreibt PKD meistens ziemlich übel (was "literarische" Sprache angeht), aber dennoch schafft er es, die Charaktere und Ideen rüberzubringen. Sozusagen geniale Ideenliteratur mit starken Charakteren. :) ps2: Morn:

Das sehe ich nicht so. Ausserhalb der Phantastik sind die Genres doch viel zu einengend, damit ein Autor/eine Autorin seine/ihre Ideen wirklich verwirklichen und zu Ende denken kann.

Sorry: Blödsinn. Erstens (noch zu Palmer): Ideenliteratur bezeichnet meiner Meinung nach einfach Literatur, die von Ideen lebt, IM GEGENSATZ zu Literatur, die von Charakteren, ihrer Sprache usw. lebt. Jedes Genre ist GLEICH einengend. Jeder Autor kann seine Mittel wählen, die ER braucht, um seine Ideen zuende denken zu können. Klingt bei Dir fast, als seien die Autoren außerhalb der Phantastik in einer Diaspora oder einem Gefängnis, ausgesperrt aus der Welt des freien Denkens. :P Abgesehen davon wird jeder Autor, der was kann (oder taugt), auf irgendwelche fremdauferlegten Einschränkungen keine Rücksicht nehmen. Ist García Marquez Phanatstik und Nabokov und Werfel und und und?

Bearbeitet von eRDe7, 26 Juni 2005 - 13:55.

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#40 Morn

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Geschrieben 26 Juni 2005 - 14:51

Das sehe ich nicht so. Ausserhalb der Phantastik sind die Genres doch viel zu einengend, damit ein Autor/eine Autorin seine/ihre Ideen wirklich verwirklichen und zu Ende denken kann.

Sorry: Blödsinn. Jedes Genre ist GLEICH einengend. Jeder Autor kann seine Mittel wählen, die ER braucht, um seine Ideen zuende denken zu können. Klingt bei Dir fast, als seien die Autoren außerhalb der Phantastik in einer Diaspora oder einem Gefängnis, ausgesperrt aus der Welt des freien Denkens. :D Abgesehen davon wird jeder Autor, der was kann (oder taugt), auf irgendwelche fremdauferlegten Einschränkungen keine Rücksicht nehmen. Ist García Marquez Phanatstik und Nabokov und Werfel und und und?

Natuerlich kann jeder Autor die Mittel waehlen, die er fuer seine Ideen braucht. Wenn er fuer die Umsetzung aber Mittel benutzt, die der Wahrnehmung der Realitaet nicht gerade entsprechen, dann rueckt dieser Roman fuer mich schon in die Naehe der Phantastik, auch wenn dies nur ein verschwindend kleinen Teil ausmachen sollte. Durch das Verwenden eines solchen Elementes sprengen sie das eigentlich von ihnen gewaehlte Genre im (nennen wir es jetzt mal so) Realismus. Dieses Genre war dann in der Tat zu einengend. :) Mit dieser Sichtweise stehe ich nicht allein da. Jeff Gardiner schreibt im ersten Teil seiner bei Alien Contact uebersetzten Kolumne:

Magischer Realismus: Dem Surrealismus verwandt, interpretiert der Magische Realismus die Realität durch Traumbilder und abstrakten Symbolismus. Der Begriff Magischer Realismus wird insbesondere für einige lateinamerikanische Autoren wie Jorge Luis Borges und Gabriel Garcia Marquez verwendet. Borges tendiert dazu, intertextuelle Bezüge zu nutzen und labyrinthartige Abbilder der Realität zu schaffen. Darüber hinaus kann der Begriff auch auf Autoren wie Angela Carter und Salman Rushdie angewandt werden, die mit ihren Lesern postmoderne Spiele treiben. »Fabulation«: Autoren von »Fabulationen« tendieren dazu, Genregrenzen zu durchbrechen. In ihren eigentlich zum Mainstream gehörenden Bücher wird Fantasy dazu verwendet, die Realität zu unterwandern - zum Beispiel bei Anthony Burgess, William Burroughs, Italo Calvino, Umberto Eco, Franz Kafka und Michael Moorcock. Robert Scoles benutzt den Begriff »Fabulation«, um Autoren wie William Golding und Doris Lessing zu erfassen, die sowohl Mainstream- als auch Fantasyromane schreiben.

Dabei bezeichnet er "Magischer Realismus" und "Fabulation" als "Genres der Fantasy", wobei ihm der Begriff "Genre" aber nicht behagt und "Fantasy" hier fuer den deutschen Begriff "Phantastische Literatur" steht. Gruss, Morn

#41 eRDe7

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Geschrieben 26 Juni 2005 - 16:15

auch wenn dies nur ein verschwindend kleinen Teil ausmachen sollte. Durch das Verwenden eines solchen Elementes sprengen sie das eigentlich von ihnen gewaehlte Genre im (nennen wir es jetzt mal so) Realismus.

Und ich denke, dass hier ein kleiner Denkfehler ist. Natürlich ist in den Nicht-Phantastik-Genres der sogenannte "Realismus" AUCH vertreten (damit meine ich ein "Modernes" (als Epoche) Denken, das davon ausgeht, es gäbe soetwas wie Objektivität oder genauer "objektive Realität" / Wirklichkeit / Wahrheit), diese Art des Denkens ist genauso bei vielen SF-Autoren vorhanden (Wissenschaftsgläubigkeit mit Heilsversprechen z.B.); nur hat sich seit den 60ern (und eigentlich schon früher: Papini, Borges, Pessoa ...) immer mehr ein postmodernes Denken durchgesetzt, vor allem auch in der sogenannten Hochliteratur, die ja meistens (!) NICHT Phantastik ist (wenn sie auch manchmal mit Phantastikelementen spielt). Zu dem Magischen Realismus: Leider wird Borges immer wieder irrtümlicherweise dazu gezählt. Vor einigen Jahren war hier ein Borges-Symposion, an dem u. a. seine letzte Frau teilnahm; als Ergebnis, sozusagen, waren sich alle einig, dass Borges NICHT zum Magischen Realismus gehört, aber das nur am Rande. Aber Borges schreibt Phantastik, eindeutig. Aber zurück zur Wahrnehmung: Jeder ist der (zumeist unbewusste) Architekt seiner Welt. Aporpos Eco: Name der Rose, Foucaultsche Pendel - ist das Phantastik? Grüße, Ralph

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#42 Morn

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Geschrieben 26 Juni 2005 - 18:37

Ist die Objektivitaet der Realitaet die Ausgangsbasis fuer "Realismus"? Ist diese nicht eher die Beschreibung der wahrgenommenen Realitaet? Wenn z.B. die Halluzinationen oder Wahnvorstellungen einer Person beschrieben werden, ist das natuerlich nicht notwendigerweise Phantastik. (Wobei z.B. "Schatten ueber Innsmouth" von Lovecraft fuer mich ganz eindeutig Phantastik ist, obwohl die ganze Erzaehlung ja eigentlich auch "nur" eine Wahnvorstellung sein koennte.) Was die Wahrnehmung und Realitaet betrifft, stimme ich Dir voll und ganz zu. (Nebenbei bemerkt, gerade das Spiel damit und die Hinterfragung der Wirklichkeit ist das, was mich bei Dick so fasziniert.)Jetzt, da ich so darueber nachdenke, faellt mir auf, dass ich "Als sie ueber den Tisch kletterte" von Jonatham Lethem auch nicht als phantastischen Roman wahrnahm, obwohl ein in einem Experiment entstandenes Baby-Universum, das sich partout nicht von dem unsrigen loesen will, eine nicht unwesentliche Rolle spielt, und der Schluss (Ich hoffe, ich verrate jetzt hier nicht zu viel) einem phantastischen Roman alle Ehre gemacht haette. Trotzdem dachte ich spaeter, dass er wohl zur SF zu rechnen sei. Das und das Beispiel von oben bringt mich zu der Frage, was einen Roman zur Phantastik dazugehoerig macht. Das ist dann aber vermutlich auch subjektiv. "Der Name der Rose" ist fuer mich jedenfalls keine Phantastik.Ich stimme mit Gardener nicht in allen Punkten ueberein. ich wollte es nur erst mal unkommentiert stehen lassen. :confused: Und ich kann natuerlich auch nicht alles einschaetzen, was er schreibt. Zu z.B. Italo Calvino kann ich nichts sagen und das"Foucaultsche Pendel" liegt zu meiner Schande noch auf meinem Zu-lesen-Stapel. :lookaround: Gruss,Morn

#43 eRDe7

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Geschrieben 26 Juni 2005 - 20:00

Moin moin Morn. Jetzt beginnts richtig Spaß zu machen. :confused: Mein Philosophisches Wörterbuch sagt u.a. zu REALISMUS: "metaphysisch: die Anschauung, daß das begriffliche Allgemeine (=> Universalien) auch unabhängig vom menschl. Denken u. "vor" (platonischer R.) oder "in den Dingen" (aristotelischer oder gemäßigter R.) selbst wirklich sei; im Gegensatz zum Nominalismus." In diesem Sinne meinte ich das. Ich vermute, Du meintest es wohl einfach als Gegensatz zur Phantastik. Borges sagte mal, und dem stimme ich eigentlich zu, dass jegliche Literatur Phantastische Literatur sei. Du sprichts von "wahrgenommener Realität". Und DA ist der Punkt, wo es schwierig wird. Es postuliert diverse Dinge. Beispiele: Es muss etwas "da draußen" geben (wie sagte noch John A. Wheeler? "Es gibt kein Draußen da draußen"). Es muss ein Ich geben, das wahrnimmt. Und dann muss auch noch Kommunikation stattfinden, damit man überhaupt weiß, dass jemand etwas wahrgenommen hat (und gleich zum nächsten Problem: Maturana: "Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt." Oder leichter: Alles ist Interpretation, alles ist ein Konzept, alles ist Konstruktion ...). Aber zur Literatur. Nehmen wir Leo Perutz. Da "streiten" sich die Leute ja noch, ob es wirklich Phantastische Literatur ist oder nicht. W. Benjamin erdreistete sich einmal, von einem Perutz-Roman als "Krimi" zu sprechen, woraufhin Perutz ziemlich böse erwiderte, er habe nie in seinem Leben einen Krimi geschrieben und werde es auch nicht tun. In seinen Romanen tauchen phantastische Elemente auf, zum Beispiel der Teufel (Die dritte Kugel), ein Geist (Der Schwedische Reiter), der Ewige Jude (Der Marques de Bolibar) usw. Aber es ist "leider" (oder zum Glück, denn gerade das macht es so besonders) sehr viel komplexer: Zwar taucht der Teufel auf, aber der Roman spielt im 15. oder 16. Jahrhundert und wird im Grunde am Lagerfeuer als Erinnerung erzählt, also auch ein wenig ausgeschmückt - und zu jener Zeit glaubte man eben an den personifizierten Satan. In Der Marques des Bolibar haben wir es ebenfalls mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun (genau wie in Der Meister des Jüngsten Tages), der in seinen Memoiren seine Schuld an den tragischen Ereignissen reinwaschen möchte. usw. Jonathan Lethem, ja, das ist ein schönes Beispiel, wie sich einer aus den Genres herausgeschrieben hat. Anfangs in den Fußstaüfen Dicks, dann ein wenig postmoderner Krimi und nun inzwischen längst Feuilletontauglich. ;) Richard Powers ist auch so einer.

  Das und das Beispiel von oben bringt mich zu der Frage, was einen Roman zur Phantastik dazugehoerig macht. Das ist dann aber vermutlich auch subjektiv.

Das denke ich auch. Ich hatte einige Zeit die Befürchtung (!), dass so etwas wie Intention ein wichtiger Faktor dabei ist. Wenn ich schreibe, frage ich mich, durch welche Metaphernwahl kann ich meine Ideen am besten ausdrücken? Ich glaubte irgendwann feststellen zu müssen, dass andere eher so herangehen: Ich will eine SF-Geschichte schreiben, was für Ideen fallen mir denn da ein? Mir schien dabei, dass die Geschichten mit Intention (Kafkas Verwandlung, Borges usw.) plötzlich nicht als Phantastik angesehen wurden; und die ohne Intention eben "Genreliteratur" waren: Eben mit Versatzstücken des Genres eindimensionale Unterhaltung bietend. Aber wir sind hier vom eigentlichen Thema abgekommen, der Ästhetik. Andererseits denke ich, zumindest habe ich so ein Gefühl, dass die obige Idee mit der "Intention" und die Ästhetik einen Zusammenhang haben. Hm, hm, hm ... Na, werde ich noch ein wenig nachdenken. ;) Grüße, Ralph

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#44 molosovsky

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Geschrieben 27 Juni 2005 - 10:16

Hallo Ralph.Ich glaube, wenn Du heutzutage nochmal mit der Definition des mittelalterlichen »Realismus« anfängst, machste Dir unötig Umständ und Dich nicht beliebt.Die Frage zur Rolle der Ästhetik in der SF zudem auch wieder (nur) auf das Grenzflimmern der Übergänge zwischen phantastisch zu realistisch zu konzentrieren ist ja schon einige Male verhandelt worden.GrüßeAlex / molosovsky

MOLOSOVSKY IST DERZEIT IN DIESEM FORUM NICHT AKTIV: STAND 13. JANUAR 2013.

Ich weiß es im Moment schlicht nicht besser.

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