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Manuskript "Ruf" s.2-7

Geschrieben von jacek , in Ruf 18 Dezember 2013 · 935 Aufrufe

Ruf Leseprobe Jacek Klimut Klimut Endzeitliteratur Dystopieliteratur
Unvollkommene dürfen den Willen des Herrn nicht zu verstehen versuchen.

Die kalten Sonnenstrahlen erreichten den bestimmten Punkt auf der gegenüberliegenden Wand. Der Punkt bedeutete etwas, immer: jedes Mal bedeutete er etwas ganz Bestimmtes.

Die Zeit war gekommen.

Wie erwartet, genau in dem Moment ließen sich die schweren und dumpfen Schritte des Paters Frederick hören.

Klapp! Klapp! Klapp!

Seine dumpfen Schritte erklangen aus dem Korridor hinter der gesperrten Eingangstür.

Der Großinquisitor lächelte.

Heute wird doch ein guter Tag sein, obwohl der Tag noch nicht begonnen hat. Das Ausmaß der insgesamt verlorenen Hautteile war zwar nicht beeindruckend gewesen, der Herr war dieses Mal weniger gnädig gewesen, aber ...

Die Schritte hinter der Metalltür klangen langsam und verschwitzt, unsicher und widerwillig. Der Herr hatte dem Großinquisitor sein ausgezeichnetes Gehör geschenkt. Die Schritte des Paters klangen verschwitzt. Dieses Mal.

Der Großinquisitor lächelte.

Der Pater sollte jeden Morgen eine einfache Aufgabe erfüllen den Großinquisitor aus seinem Steinkäfig befreien.

Pater Frederick bewältigte seine Aufgabe entweder schnell oder langsam. Wenn seine Schritte irgendwie schnell klangen, wenn sie hastig und nervös hintereinandergesetzt wurden, wenn sie irgendwie mädchenartig hallten, als ob sie ein übergewichtiges Mädchen setzen würde, dann hatte er nichts zu sagen. Er würde die Barren entriegeln und den Großinquisitor aus seiner Steinzelle befreien.

Nur.

Der Großinquisitor lächelte.

Die zweite Art der Ausführung der Aufgabe war anders: Seine Schritte klangen dumpf, verschwitzt, langsam, unsicher und waren irgendwie ineffektiv und nicht rhythmisch. Danach begann der Pater den Kampf mit dem Balken an der Tür und der Kampf verlief langsam und irgendwie sinnlos, als ob der Pater den Kampf nicht gewinnen wollte, oder sich sehr, sehr bemühte.

Und, als er endlich mit dem Kampf fertig war, machte er die Metalltür auf, zitterte leicht aufgrund der in der Zelle herrschenden Kälte. Sein nasser, verschwitzter Blick richtete sich unausweichlich zum auf dem Steinboden liegenden Instrument und seine Lippen begannen zu zittern.

Und er flüsterte panisch.

»Exzellenz. Die Ketzer haben gestanden«.

Und jetzt war die Zeit gekommen.

Die Schritte des Paters klangen unsicher, dumpf, verschwitzt ... alles wie immer.

Der Großinquisitor lächelte ein wenig breiter.

Der Kampf mit dem Barren wurde ineffektiv durchgeführt und dauerte sehr, sehr lange. Länger als ein üblicher ‚langer Kampf‘, deutlich länger.

Ungewöhnlich lang.

Der Großinquisitor senkte den Kopf reuig vor dem an der Wand hängenden Kreuz.

»Danke, Herr«, flüsterte er unhörbar.

Die Metalltür öffnete sich endlich und der fette Pater trat wie immer irgendwie verschwitzt ein. Seinen Blick richtete sich auf das auf dem Steinboden liegende Instrument.

»Mein Herr, die Ketzer haben gestanden«, flüsterte er panisch.

Der Großinquisitor stand langsam auf, und passte auf, um den Schmerz nicht zu zeigen.

»Die Königin hat ebenfalls die Ketzerei gestanden. Heute Nacht«, fügte Pater hinzu und begann zu zittern. »Sie hat sich lange gewehrt«, flüsterte er. »Sehr lange.«

»Dank sei dem Herrn«, antwortete der Großinquisitor und verließ den Steinkäfig, um den neuen Tag zu begrüßen.



»Schatz! Gib mir etwas Geld«, verlangte eine sehr gut bekannte, erotische Stimme mit einem ganz gut erkennbaren, subtil - ironischen Kontext.

DeAlberto legte das gelesene Buch ‚Inquisitor‘ auf den Tisch und erblickte vorsichtig seine Ehefrau.

Vorsicht war immer geboten, wenn sie sich in der Nähe befand.

Sie war natürlich wunderschön und sie war natürlich nackt, was ihn nervte, weil es DeAlberto nicht vertrug, wenn seine Ehefrau nackt im Wohnzimmer zwecklos umherwanderte.

Vielleicht nicht zwecklos, eher doch zweckmäßig, sie wanderte nämlich nackt umher, um ihn zu ärgern. Und sie trug natürlich sein blaues Lieblingsbadetuch um den Kopf umgewickelt, sein persönliches, blaues Badetuch.

Um ihn zu ärgern, natürlich.

Und sie war erfolgreich.

DeAlberto verspürte, wie die Lust auf eine scharfe Antwort in ihm wuchs.

Ihr nackter Körper stellte sich direkt vor ihn.

»Gib mir etwas Geld«, wiederholte die Dame nachdrücklich.

»Du hast alles ausgegeben«, beantwortete er überlegt. Doch überlegt. Das war ein Erfolg.

»Gib mir aus der Reserve.«

»Ebenfalls ausgegeben. Ich habe dir das gestern bereits gesagt. Und vorgestern. Und vor drei Tagen.«

»Dann gib mir deine Bankomatkarte.«

»Sie wurde gesperrt. Das habe ich dir bereits dreimale gesagt.«

Die nackte Dame fixierte ihn verächtlich.

»Du kannst nichts mit deinem winzigen Schlüsselchen zwischen deinen Beinen erreichen«, stellte sie fest. »Du kannst das auch nicht mehr machen«, die Dame betonte das Wort ‚das‘, um genau zu spezifizieren, was sie gemeint hatte. »Und du bist finanziell bedeutungslos. Ich musste etwas Geld von meiner Freundin Klara borgen, um etwas zum Essen kaufen zu können. Das war erniedrigend. Typisch für dich. Du machst das alles, um mich zu erniedrigen. Du bist ein Sadomaso. Du willst mich nur erniedrigen.«

Richter DeAlberto schwieg und beobachtete die nackte Ehefrau.

Sie bereitete offenbar nächste Sticheleien vor.

»Ich habe eine gute Nachricht für dich, mein Schatz«, flüsterte die Ehefrau zufrieden mit sich selbst. »Bei uns wird jetzt meine Kollegin wohnen. Dank ihr werden wir überhaupt etwas Geld haben. Du bist schuld, deine finanzielle Inkompetenz ist legendär. Und ich muss mich um alles allein kümmern.«

Der ehemalige Richter beobachtete die Ehefrau schweigend.

»Warum schaust du so blöd? Ich habe keine andere Wahl. Wir brauchen Geld und dank deiner Inkompetenz steht uns kein Geld zur Verfügung.«

DeAlberto hatte seine Emotionen erfolgreich unter Kontrolle genommen. Traurige Erfahrungen aus den vergangenen drei oder vier Monaten begannen sich langsam auszuzahlen. Seine Noch-Ehefrau trieb den ‚ewigen Krieg‘ zu Hause ein Tick zu weit.

Und ein Tick zu eintönig. Und dadurch war das Ganze vorhersagbar.

Anderseits gab es nichts, was DeAlberto noch verlieren konnte. Und das stellte den wahren Schwachpunkt in ihrem konstant durchgeführten Vernichtungsplan dar. Sie ging davon aus, dass man den ehemaligen Richter noch ein wenig verletzen konnte.

In Wirklichkeit hatte sie alles Mögliche bereits längst erreicht.

DeAlberto hatte seine langjährige Arbeitsstelle, Geld, seine Reputation, Ehre und teilweise auch seine Familie verloren.

Es gab nichts mehr, was sie ihm noch wegnehmen konnte.

Depressionen, Medikamente oder Alkohol- all das hatte er bereits erlebt.

Jetzt fühlte er sich vollkommen leer. Sie hatte jedoch etwas anders angenommen. Und das war der Makel an ihrem Plan.

»Ich habe gedacht, dass Richter gutes Geld verdienen. Vermutlich hast du mich schon wieder belogen. Du bist und du warst kein Richter. Das wäre ebenfalls typisch für dich. Du bist nicht nur inkompetent, sondern auch verlogen.«

Nach dem Abfeuern des letzten verbalen Pfeiles stellte Maria seinen blauen Lieblingsbecher auf das Buch ‚Inquisitor‘, was DeAlberto natürlich wahnsinnig ärgerte. Der Becher war natürlich schmutzig, was ihn noch mehr verärgerte, und sie entfernte sich erotisch, was ihn natürlich unvorstellbar wütend machte.

Sie bemühte sich, so erotisch wie möglich zu gehen, nur um den hinschauenden Richter noch ein wenig mehr zu ärgern.

Seine finanziellen Ressourcen waren längst mysteriös ausgegeben und infolge dessen waren alle Konten gesperrt. Stattdessen standen in seinem Wohnzimmer viele interessante Päckchen. Die Päckchen häuften sich in allen möglichen Ecken und erweckten den gut bekannten, enigmatischen Eindruck typischer Päckchen aus Onlinegeschäften.

Der Erfahrung letzter Monate nach, war es nicht gescheit der Sache nachzugehen. Es war viel besser die Päckchen in Ruhe zu lassen.

So war es viel besser.

Trotzdem rief die Pflicht. Krieg mit der Frau oder nicht, sollte er lieber mit der Erstanalyse des Buches anfangen. Das Geld wird sich nicht aus dem Nichts auf den gesperrten Konten heraus materialisieren.

DeAlberto seufzte und begab sich lustlos zur Arbeit.

Das bedeutet, er nahm in die Hand einen Notizblock, einen Stift und begann nachzudenken.

Also. Es war einst ein Mann gewesen. Der Mann war, mehr oder weniger, ein Priester gewesen. Eher weniger als mehr. Seine Denkweise war der Denkweise eines Serienkillers ähnlich. Der Serienkiller spezialisierte sich auf die Technik des Folterns. Und der fragliche Serienkiller hatte in den Reihen der katholischen Kirche die Folter durch die Hände Dritter erledigt, sodass er selbst sich nicht anstrengen musste. Er durfte einfach in seiner Steinzelle vor einer Wand stehen und sie blöd angrinsen, während unten, irgendwo im Keller, Frauen grausam gefoltert wurden, was mehr oder weniger eine verzerrte Art von Sexualität implizierte.

Um solche Phänomene zu beschreiben nutzte die Psychiatrie heutzutage einen gut etablierten Begriff: Sexuelle Funktionsstörung.

Das Leben des Mannes war von der Fixierung auf mehrere Sätze abhängig, was einen klinisch relevanten und behandlungsbedürftigen ZWANG implizierte. Vor allem seine mentale Fixierung auf das Wort Schuld implizierte etwas, was die moderne Psychiatrie als SCHULDZWANG bezeichnete. Bekannterweise kam es häufig bei Schulzwangpatienten zu Selbstbestrafung, was der Mann ebenfalls praktiziert hatte, und was in der Psychiatrie gut bekannt und längst beschrieben war, und zum Krankheitsbild sehr gut passte.

Die bestimmte Krankheit war auch behandelbar, nicht unbedingt einfach oder billig, aber letztendlich möglich.

Die Nächste Sache war sein pathologischer Masochismus. Der Inquisitor aus dem Buch hatte Schmerz erleben wollen, hatte Schmerz geliebt, hatte ununterbrochen an Schmerz gedacht und Schmerz hatte sein Leben bestimmt. Er wollte den Schmerz oder einen Schmerz ständig spüren.

Es gibt generell zwei Arten von Masochismus: einen einfachen- und einen pathologischen Masochismus. Ein pathologischer Masochismus ist durch Körperverletzungen und Körperspuren gekennzeichnet. Die Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen ist einfach. Ein Sadomaso - Ritual ohne Körperspuren interessierte sozusagen kein Schwein. Natürlich blieben gewisse psychologische Folgen übrig, aber diese sind in der Regel durch gezielte psychologische Interventionen mühelos eliminierbar. Aber ein Sadomasochismus mit Körperspuren muss ernst genommen werden indem Experte der Psychiatrie um Hilfe gebeten werden.

Und der Inquisitor litt unter der zweiten Form. Das wäre ungefähr die vierte schwere, psychische Krankheit, die im Kopf von DeAlberto tobte.

Weiters. Er hatte extrem wenig gegessen und nur Wasser getrunken, was in der Psychiatrie ebenfalls gut unter dem Oberbegriff ANOREXIE bekannt ist, oder allgemeiner als eine ESSSTÖRUNG diagnostizierbar wäre.

Der Inquisitor aus dem Buch hatte sich alle seine psychotischen Zustände mithilfe irgendwelcher Phrasen erklärt, in denen ein mystischer und unbekannter Herr entscheidende eine Rolle spielte. Er hatte den Herrn weder gesehen noch gehört, er hatte niemanden gekannt, der den Herrn persönlich kannte, trotzdem war er felsenfest überzeugt, dass er recht hatte. Und das ist schon wieder in der Psychiatrie bekannt- und zwar als WAHN.

Also, man kann kurz resümieren. Wenn er, ein ehemaliger Richter, aktuell ein Mitglied der riesigen Armee der Arbeitslosen, die Rolle eines Inquisitors bekleiden würde, dann sollte er wissen, wie sich ein Inquisitor ordentlich zu benehmen hat.

Also. Sechs sollte er für sich schwere psychische Krankheiten irgendwie einfangen und ab zur Arbeit. Man sucht irgendwelche Damen über vierzig- schade, die unter dreißig sehen besser aus- und foltert sie.

Natürlich so, damit sie nicht allzu schnell ... sterben würden. Natürlich.

Dazu wäre gewiss eine Technik des Folterns notwendig.

Und noch dazu braucht man irgendwelche Leute, die die schmutzige Arbeit erledigen werden.

Und inzwischen muss man für sich eine Art Steinzelle organisieren, einen Helfer, der die Zelle auf- und zu- machen wird, ein Kreuz auf der Wand, um es subintelligent angrinsen zu können, und schon wird man zum Inquisitor.

Das klingt eigentlich einfach.

DeAlberto griff zum Kaffeebecher und stellte fest, dass dieser leer war - seine bessere Hälfte hatte seinen Kaffee ausgetrunken.

Sie wusste ganz genau, dass ihm das wahnsinnig auf die Nerven gehen würde.




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