Geschrieben 03 März 2004 - 20:38
Hallo Leute,die Diskussionen in diesem Thread erinnern mich an den guten alten Damon Knight,der einmal sinngemäß gesagt hat: Wenn zwei SF-Fans versuchen, sich auf eine Definition von Science Fiction zu einigen, kommt's zu einer Keilerei.Hat das denn kein Ende? Seit es SF gibt, streiten sich Autoren, Leser und Kritikernahezu ergebnislos darüber, wie das Genre zu definieren ist. Und die allermeisten,die fest davon überzeugt sind, daß sie die einzig wahre, unangreifbare Definition derScience Fiction parat haben, übersehen dabei etwas ganz Naheliegendes: Ein literarisches Genre ist etwas Organisches, das sich mit einer eigenen Dynamik entwickelt, sich aufspaltet, verändert, mit anderen Genres kreuzt, unterschiedlichsteEinflüsse aufnimmt usw. Nirgendwo sitzt jemand, der diktatorisch verfügen kann,was Science Fiction zu sein hat. Jeder gute Autor entwickelt eine eigene Auffassung davon, was SF ist - und gerade das macht die Sache für mich interessant. Mit denmeisten Definitionen, die in diesem Thread genannt wurden, legen sich Leser selbstauf eine gewisse Erwartungshaltung fest - und nach meiner Erfahrung gibt es nichtsDestruktiveres als Erwartungshaltungen. Ich persönlich freue mich, wenn es einemAutor gelingt, meine Erwartungshaltungen zu überlisten und mal wieder eine neueFacette aus dem so unendlich wandlungsfähigen SF-Genre herauszuholen. Literaturist etwas Lebendiges, Definitionen sind etwas Starres. Ich staune immer wieder,wie manche Leute sich aufregen können, wenn die Wirklichkeit sich ihren Erwartungenwidersetzt.Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang mal eine grundlegende Anmerkung (undmöchte mich selbst dabei ausdrücklich nicht ausnehmen!): Wir alle sind in unseren Erwartungshaltungen nahezu ausschließlich von der angloamerikanischen Science Fiction geprägt. Spätestens seit den Fünfzigerjahrenhat sich SF aber zu einer internationalen Ausdrucksform entwickelt, und in nahezuallen geographischen Regionen auf der Welt existieren kreative lokale SF-Szenen.Einer der besten Storyautoren der aktuellen SF heißt Guy Hasson und lebt in Israel- in Deutschland völlig unbekannt. Die rumänische Szene hat eine völlig eigenständige,surrealistische SF hervorgbracht. Ein Teil der besten Cyberpunk-Literatur wird heute auf Kuba geschrieben. Die gesamte lateinamerikanische SF-Szene ist an Umfang und Vielfalt mindestens mit der britischen, wenn nicht sogar mit derUS-amerikanischen vergleichbar, aber völlig anders geartet. Von all dem kenntder gemeine SF-Leser (und wieder: mich eingeschlossen) nicht einmal einenBruchteil. Und trotzdem bilden wir uns ein, ganz genau zu wissen, was ScienceFiction ist - sorry, Leute, bleibt mal auf dem Teppich. Wer ernsthaft glaubt,angesichts dessen mehr als vorsichtige, näherungsweise Aussagen über dieSF machen zu können, den beglückwünsche ich für sein Selbstbewußtsein.Ich kann Franks Empörung, offen gesagt, gut verstehen (auch wenn er im Ton etwas über die Stränge geschlagen haben mag). Ich habe eigentlich eingenommen,daß für jeden SF-Leser mit ein bißchen Leseerfahrung nach zwei Seiten klar sein müßte,daß die Marslandschaft in Franks Geschichte einfach als Kulisse dient, die der seelischenVerfasssung des Protagonisten entspricht. Niemand, der z.B. einmal Ballard gelesen hat,sollte mit solchen Geschichten Schwierigkeiten haben. Tja, aber da war ich wohl zu optimistisch...Und auch wenn es arrogant klingen mag: Auf einem SF-Markt, auf dem sich schauder-hafter Schrott wie C.J. Cherryh oder McMaster Bujold immer noch besser verkauft alsein Roman von, sagen wir, Gene Wolfe, ist mir durchaus nicht jeder SF-Leser sympathisch- was auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte. Als Mitherausgeber von NOVA mache ich mirvor diesem Markthintergrund keine Illusionen: Originell konzipierte und gut geschriebeneSF ist eine Minoritätensache und wird es absehbarer Zeit bleiben. Also, was soll die Aufregung? Wir stellen aus dem Material, das uns angeboten wird, das bestmöglicheMagazin zusammen und versuchen, die Qualität zu halten und wenn möglich zu steigern.Wir können uns weder unsere Autoren noch unsere Leser backen. Wir können nurversuchen, die - nach unserem besten Ermessen - besten Autoren und Stories an dieLeser zu bringen, die sie lesen wollen. Nicht mehr, nicht weniger. Daher besteht auchkeinerlei Konkurrenzsituation zwischen Phantastisch!, AC und uns - im Gegenteil, wirtauschen uns problemlos aus. Wir sitzen im selben Boot. Jedes der drei Magazine istanders konzipiert, jedes bedient eine andere Facette eines sehr kleinen Markts. Und was schrieb hier jemand: Daß es niemanden außerhalb der SF-Szene gibt, der NOVA kaufen würde? Tja, damit lag der Betreffende mächtig daneben. NOVA wird sogar _über-wiegend_ von Leuten außerhalb der Szene gekauft. Ronald Hahn, der den Vertrieb vonNOVA betreut und seit Jahrzehnten in der Szene ist, kennt nur einen Bruchteil der Leser,die bei uns bestellen. Scheint, als hätten wir - für uns selbst übrigens unerwartet! - ein kleines brachliegendes Leserpotential entdeckt.Die zum Teil recht lautstarken und apodiktischen Äußerungen, die in diesem Thread gefallen ist, haben mich daran erinnert, daß die Ghettoisierung der SF in den Köpfenanfängt - nicht nur bei denen außerhalb der Szene, sondern ganz besonders bei denSF-Anhängern selbst. Bei manchen Postings klang zwischen den Zeilen mit: Verschmutztuns bloß unsere SF nicht! Haltet sie sauber! Wäre furchtbar, wenn uns mal jemand mitetwas Neuem überrascht! Schöne GrüßeMichael Iwoleit