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Die aktuelle Science-Fiction-Szene


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34 Antworten in diesem Thema

#1 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

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Geschrieben 16 September 2022 - 19:57

Hallo ihr alle,

 

ich bin vor kurzem darum gebeten wurden, einem Kreis von Autor*innen aus anderen Genres etwas über deutsche SF zu erzählen. Ich habe zugesagt und einen Zettel voll Stichpunkte gemacht (Subgenres, aktuelle Trends) - und dann kam mir die Idee, die deutsche SF-Szene mal direkt zu befragen. Mich würde interessieren, welche Strömungen ihr seht. Ich wurde auch dazu befragt, wie groß die deutsche SF-Szene ist. Ich weiß, wie viel im letzten Jahr verlegt worden ist und kenne Theresa Hannigs Arbeiten zum Geschlechterverhältnis, allerdings sagt das ja nichts zur Leserschaft aus. Weiß jemand etwas darüber?

 

Beste Grüße und vielen Dank

Jol

 

 

 



#2 ThK

ThK

    Illuminaut

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Geschrieben 16 September 2022 - 21:26

Hallo ihr alle,

 

ich bin vor kurzem darum gebeten wurden, einem Kreis von Autor*innen aus anderen Genres etwas über deutsche SF zu erzählen. Ich habe zugesagt und einen Zettel voll Stichpunkte gemacht (Subgenres, aktuelle Trends) - und dann kam mir die Idee, die deutsche SF-Szene mal direkt zu befragen. Mich würde interessieren, welche Strömungen ihr seht. Ich wurde auch dazu befragt, wie groß die deutsche SF-Szene ist. Ich weiß, wie viel im letzten Jahr verlegt worden ist und kenne Theresa Hannigs Arbeiten zum Geschlechterverhältnis, allerdings sagt das ja nichts zur Leserschaft aus. Weiß jemand etwas darüber?

 

Beste Grüße und vielen Dank

Jol

Du liest auf dem Sechsten Virtuellen Literaturcon. Mit anderen Worten: Du stehst mitten in der deutschsprachigen Science Fiction Szene.



#3 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

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Geschrieben 17 September 2022 - 07:43

Natürlich. Nur ist mein Blick auf die Szene eben nur mein Blick auf die Szene. Ich werde über progressive Fantastik sprechen, über queere SF und Einflüsse von internationalen Autor*innen auf die deutsche Szene. Damit kann ich die Zeit sicher füllen. Aber ich finde das Thema spannend und suche Austausch. Was ist das eigentlich, eine Szene? Wer gehört wann, wie dazu?



#4 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

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Geschrieben 17 September 2022 - 08:54

Ich glaube so eine umfassende Antwort gibt es nicht. Zumindest ich habe da keinen Überblick.
Aber hier ein paar Ideen:
Meinst du Phantastik oder SF? In deinem Post nennst du beides. Um also die Szene zu definieren musst du abgrenzen, was genau du suchst im inhaltlichen Bereich.

Suchst du die reine Literaturszene? Auch die Heftromane? Wie sieht es mit Comics aus?

Oder sind auch Filme, Hörspiele und Games ein Teil der Betrachtung?

Du kannst die entsprechenden Zeitungen, Verlage, Internetseiten, Foren, Autoren und Illustratoren aufzeigen.

Welche Cons gibt es für dein Zielgebiet? Clubs und Vereine?

Welche Preise werden wofür vergeben?

Bearbeitet von Mammut, 17 September 2022 - 08:55.

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#5 Dyrnberg

Dyrnberg

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Geschrieben 17 September 2022 - 09:35

Niemand kann ein Genre überblicken. Das ist die schlechte Nachricht. Aber auch die gute, denn: Egal, was Du an Thesen rausballerst... niemand kann sie falsifizieren. :happy:

 

Ein paar subjektive Wahrnehmungen: (1) Eine klare Dynamik ist jene zu mehr Diversität bei den Autor*innen wie beim Personal der Storys. Aber darüber weißt Du besser Bescheid als ich. (2) Erstaunt nehme ich eine gewisse Trendumkehr zu mehr Utopie und weniger Dystopie wahr. (3) Die Leserschaft ist groß... solange nicht "Science Fiction" draufsteht.


Bearbeitet von Dyrnberg, 17 September 2022 - 09:36.


#6 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

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Geschrieben 17 September 2022 - 11:04

Danke für eure Anregungen. Ich meine tatsächlich Science Fiction - und schreibe manchmal Fantastik, weil es wenig reine SF-Magazine gibt. Meist ist SF dann ein Punkt in der Fantastik und das ist auch nicht selten bei kleineren Verlagen so. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Ich möchte nur über Literatur sprechen, sonst wird es zu groß. Über Games weiß ich ein bissel was, aber Heftromane und Comics, sind ebenso wie Filme nicht mein Ding. Ich würde gern Heftromane wenigstens erwähnen, gibt es da jenseits von Perry Rhodan noch was?

 

Als Preise benenne ich den DSFP und den KLP, den Seraph könnte ich noch als allgemeinen Fanastik-Preis benennen.

 

An Cons habe ich den BuCon, den ElsterCon in Leipzig, den DSFC JahresCon in Schwerin und den Virtuellen LiteraturCon. 

 

Als Club kenne ich nur den DSFC.

 

Und dass bei großen Verlagen selten SF draufsteht, möchte ich auch benennen. Ebenso wie die Tatsache, dass SF-Filme sich großer Beliebtheit erfreuen, die Bücher aber einen wesentlich kleineren Kreis ansprechen.



#7 My.

My.

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Geschrieben 17 September 2022 - 11:34

Als Club kenne ich nur den DSFC.

 

Wohl kaum. Den gibt es nicht. Wie man leicht recherchieren kann.

Richtigerweise kennst du allenfalls den SFCD, vulgo Science-Fiction Club Deutschland e.V.

 

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#8 Naut

Naut

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Geschrieben 17 September 2022 - 11:39

Heißt der nicht SFCD? (Edit: Wurde schon angemerkt.)

Die anderen Clubs sind wohl größtenteils aufgelöst, es gibt mE noch den Andymon, oder?

Und: Szene ist, wer auch immer SF schreibt, oder liest und sich darüber austauscht.
Daher sehe ich als wichtigen Aspekt noch den spezialisierten Buchhandel, allen voran das Otherland in Berlin.

Bearbeitet von Naut, 17 September 2022 - 11:41.

Liest gerade:

Kristoff - Nevernight: Die Prüfung

Niffenegger - Die Zwillinge von Highgate


#9 Mammut

Mammut

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Geschrieben 17 September 2022 - 11:42

Es gibt noch den Phantastik Preis der Stadt Wetzlar und den Skoutz.
Bei den Vereinen den PAN.

Cons gibt es noch viel mehr, das kommt halt immer drauf an was du als Fokus nimmst.

Bei den Heften gibt es aktuell neben PR noch Madddrax, erscheint bei Bastei.

Und natürlich viele Serien als Taschenbuch.

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#10 Pogopuschel

Pogopuschel

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Geschrieben 17 September 2022 - 12:10

Die anderen Clubs sind wohl größtenteils aufgelöst, es gibt mE noch den Andymon, oder?
 

 

Andymon gibt es noch. Die sind weiterhin aktiv. Haben gerade übrigens eine Ausstellung zur SF-Literatur der DDR in Berlin-Treptow laufen (im Rhamen der größeren Ausstellung "Leseland DDR").
 



#11 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 17 September 2022 - 19:51

Vielen Dank. Da kann ich jetzt eine Weile googeln und lesen.



#12 Peter-in-Space

Peter-in-Space

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Geschrieben 17 September 2022 - 20:17

Niemand kann ein Genre überblicken. 

 

...

Die Leserschaft ist groß... solange nicht "Science Fiction" draufsteht.

... irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.


Wenn es eine Krisensituation gibt, sucht der intelligente Mensch nach einer Lösung,

der dumme Mensch nach Schuldigen.

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#13 Liza

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Geschrieben 18 September 2022 - 06:24

Mein (sehr subjektiver) Eindruck ist, dass trotz Bewegung Richtung mehr Diversität, immer noch sehr viel geschrieben wird, was so eine Art "Technik-Dystopie" ist. Vielleicht gibt es da einen besseren Terminus dafür. Also eine bereits bestehende Technologie wird genommen, weiter gesponnen, und dann ein dystopisches Szenario draus gemacht.

Aber das meiste sind eben die bekannten Tropes: soziale Medien und völlige Kontrolle (sich auch "Die Optimierer"), oder eben KI und die Menschen werden überflüssig, oder KI und die Angst vor "tödlichen Fehlern" und dem Ersetzen menschlicher Ethik.

Ich habe das Gefühl 95% der deutschen Sci-Fi dreht sich darum.

Jetzt ist es ja nicht unbekannt, dass die Deutschen im Allgemeinen nicht zu den "early adapters" neuer Technologien gehören, und aufgrund von Stasi und Nazi-Vergangenheit sehr vorsichtig sind mit allem was mit zentralisiertem Zugriff auf Daten zu tun hat. Und ich denke, das schlägt sich enorm in der Sci-Fi Literatur nieder. Technikangst. 

Ich will hier nicht argumentieren ob das begründet ist oder nicht, aber im Vergleich mit englischer Sci-Fi-Literatur fällt mir das schon sehr auf, und man kann schon fragen, ob das vielleicht etwas kulturell typisches ist. 



#14 My.

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Geschrieben 18 September 2022 - 08:18

Jetzt ist es ja nicht unbekannt, dass die Deutschen im Allgemeinen nicht zu den "early adapters" neuer Technologien gehören, und aufgrund von Stasi und Nazi-Vergangenheit sehr vorsichtig sind mit allem was mit zentralisiertem Zugriff auf Daten zu tun hat. Und ich denke, das schlägt sich enorm in der Sci-Fi Literatur nieder. Technikangst. 

Ich will hier nicht argumentieren ob das begründet ist oder nicht, aber im Vergleich mit englischer Sci-Fi-Literatur fällt mir das schon sehr auf, und man kann schon fragen, ob das vielleicht etwas kulturell typisches ist. 

 

Ich denke, du siehst das durchaus richtig. Hinter all dem steckt auch die ewige Schuld, die ewige Verantwortung für den Holocaust, die im Deutschen ein im Großen und Ganzen durchdringendes negatives Denken und Fühlen erzeugt, insbesondere was die Zukunft angeht.

 

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#15 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 08:33

Ich sehe da an vielen Stellen gar keine wirkliche Verantwortungsübernahme und keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Nicht nur mit dem Holocaust, sondern auch mit Kolonialismus. Dass das einen Einfluss auf unsere Bilder der Zukunft hat, glaube ich gern. Aber die Idee der Technikangst finde ich interessant.



#16 Mammut

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Geschrieben 18 September 2022 - 08:51

Liza, die Geschichten von Carsten und Aiki, die den DSFP gewonnen haben, würde ich jetzt nicht als von Technikangst inspiriert sehen. Ich würde die Deutschen generell nicht als fortschrittsfeindlich bezeichnen, gerade in Bezug auf Technik ist doch da ein normales Verhältnis sichtbar.

Um aber deine Meinung besser zu verstehen: Nenn doch Mal ein paar Beispiele englischsprachiger SF, die da technikfreundlicher und utopischer daher kommt.

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#17 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 09:00

Interessant. Ich finde "Utopie 27" eine sehr von Technikangst geprägte Geschichte.



#18 Mammut

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Geschrieben 18 September 2022 - 09:06

Interessant. Ich finde "Utopie 27" eine sehr von Technikangst geprägte Geschichte.


Die Dame hatte Ängste, aber vor der Technik? Eher vor den Menschen und dem Leben, so kam es zumindest bei mir rüber. Woran würdest du die Technikangst festmachen?

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#19 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 09:09

Ich weiß nicht genau, wen du mit Dame meinst, aber meines Erachtens ist das ein Text darüber, wie das Versinken in virtuellen Welten dafür sorgt, dass Menschen nicht mehr lebensfähig sind. Ein Text über Vereinsamung durch Technik, über eine durch eine Zunahme von Technik immer lebensfeindlicher werdende Welt. Ein Text über eine ganze sich aufgebende Generation.

 

Als Gegenbeispiel fallen mir die Wayfarer von Becky Chambers ein. Da ist Technik das, was Leben ermöglicht und geht mit Menschlichkeit Hand in Hand. Nicht immer, aber vom Grundvibe her.



#20 Mammut

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Geschrieben 18 September 2022 - 09:18

Lu verliert sich, aber sie versinkt ja völlig in der Technik. Das ist nicht technikfeindlich. Lu würde auch in jedem anderen, nichttechnischen Szenario sich verlieren.
Utopie 27 ist keine positive Geschichte, aber sie deswegen als technikfeindlich anzusehen, finde ich an den Haaren herbeigezogen.

Ob eine Geschichte für den Leser positiv wirkt oder nicht hat ja jetzt nichts mit der Einstellung zur Technik zu tun.

Wenn du also Chambers mit Mira vergleichst, ist nicht die Technikfeindlichkeit der Unterschied.Im Gegenteil, die Geschichten von Aika sind zwar oft trostlos, aber ansonsten technikverbunden.

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#21 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 09:54

Moment mal, das wird jetzt sehr ungenau. Angst vor Technik ist nicht das Gleiche wie Technikfeindlichkeit. 



#22 Liza

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Geschrieben 18 September 2022 - 10:04

@Mammut: so als Vergleiche... naja es gibt ja unendlich viele Bücher in beiden Sprachen, man kann da also mit Sicherheit auch ganz ganz andere Beispiele finden. Das also vorweg. Das sind eben Beispiele aus meiner sehr subjektiv ausgesuchten Lektüre.

Nnedi Okorafor - ungefähr alles. Oft gibt es richtiggehende Verschmelzung mit der Technik, die dann auch Nachteile haben, aber eben auch einfach in eine Handlung eingebettet sind, in der es um allgemein menschliche Themen geht, oder auch um die Verschmelzung von Menschen mit anderen Arten. z.B. die "Binti" Reihe, "Lagoon", "Phoenix". Gerade Phoenix ist auch sehr dystopisch, aber ich finde da steht nicht so die Moral unten drunter "Passt auf liebe Leute mit der KI".

Dann natürlich so was wie "Semiosis" von Sue Burke, wo es um first contact und die Besiedlung eines neuen Planeten geht. Der Kontakt mit einer intelligenten Pflanze steht im Mittelpunkt. Auch da keine eindimensionale "Moral" von der Geschichte, sondern eine vielschichte Beziehung und eine komplexe Dynamik, die geschildert wird

Weiters: Ann Leckie's "Ancillary" Bücher... es geht um KI und auch problematische Aspekte, aber wieder seeeehr vielschichtig und es werden keine einfachen Antworten geliefert. Ebenso wie in der Murderbot Serie von Martha Wells.

"Unity" von Ellie Bangs - spielt in einen dystopischen Welt, es geht um erweitertes Bewusstsein, wieder ein sehr vielschichtige Darstellung

David Brin's Delfine in "Stardust", Sam J. Miller's "Blackfish City", Nickie Drayden'S "Escaping Exodus".... 

Bei allen diesen Beispielen kommen natürlich auch dystopische und negative Konsequenzen von Technik vor, aber die Darstellung ist extrem vielschichtig und es gibt nicht so eine "Moral von der Geschicht", wie ich das oft in der deutschen Sci-Fi vom Gefühl her sehe.

Wie gesagt, ist bestimmt alles sehr subjektiv und man kann mit Sicherheit auch Gegenbeispiele finden.



#23 Liza

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Geschrieben 18 September 2022 - 11:14

Und gerade die Geschichten von Aiki Mira würde ich da nichts dazu zählen, da ich das als eine sehr vielschichtige Auseinandersetzung empfinde, wo es weniger um Moral oder um "Habs euch doch gesagt" geht, sondern um die Charaktere.

Vielleicht ist das auch eine exaktere Beschreibung, dass ich viel der deutschen Sci-Fi als nicht als sehr "character driven" wahrnehme, sondern mehr so "Black Mirror" mäßig. Vielleicht findet ja jemand genauere Worte dafür als ich.

 

Und ja, ich vermisse da auch wie Jol eine wirklich tiefe Auseinandersetzung mit solchen Themen wie Holocaust/Kolonialismus, oder auch vergleichbar fiktive Themen. Eben so wirklich tiefe/dunkle/unagenehme Aspekte, die keine einfache Lösung oder simple Punchline am Ende haben. 



#24 My.

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Geschrieben 18 September 2022 - 11:30

Und ja, ich vermisse da auch wie Jol eine wirklich tiefe Auseinandersetzung mit solchen Themen wie Holocaust/Kolonialismus, oder auch vergleichbar fiktive Themen. Eben so wirklich tiefe/dunkle/unagenehme Aspekte, die keine einfache Lösung oder simple Punchline am Ende haben. 

 

Ich denke, die Auseinandersetzung mit dem Holocaust erfolgt auch auf literarischem Gebiet in durchaus erkennbarem Umfang. Das Problem ist, dass das heute niemand mehr wissen will. Neonazis bestreiten ja sowieso alles oder loben es in den Himmel, die Opfer sind größtenteils nicht mehr da, und die, die nicht betroffen waren und sind, interessiert es nicht, weil es ja alles längst vergangen ist. Die heutige Auseinandersetzung beschränkt sich dann oft auch auf Satiren, die sich vorrangig um Hitler drehen, allenfalls noch um Goebbels (ZDFneo, Sketch History; aber auch Serien wie "Ein Käfig voller Helden"). Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist da, aber sie wird überlagert von Dingen, die nur "so tun als ob".

 

Eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus nimmt wohl keine Nation für sich in Anspruch. Die Briten pflegen heute noch ihren Commonwealth, die Franzosen distanzieren sich durch fremdenfeindliches Verhalten und die Spanier werden in den ehemaligen Kolonialgebieten ja oft als die Kulturbringer schlechthin angesehen.

 

My.

 

 

P.S.: Und wie die Russen sich dem Thema Kolonialismus widmen, sehen wir ja gerade in der Ukraine.


Bearbeitet von My., 18 September 2022 - 11:31.

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#25 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 11:43

Ah Liza, dann habe ich dich missverstanden. Gerate im Afrofuturismus gibt es viele Texte, die Technik loben, ja fast preisen.

 

Mir selbst fehlen in der deutschen SF auch oft die Grautöne, das versuche ich auch selbst anders zu machen. Und damit bin ich nicht allein, es gibt immer wieder sehr tiefgründige Auseinandersetzungen. Mein in ca. einem Monat erscheinendes Romandebüt ist eine Auseinandersetzung mit Kolonialismus. Ob nun eine gelungene, mögen andere entscheiden. Prinzipiell finde ich es auffällig, dass in deutscher SF (und in der Fantastik allgemein) kolonialistische tropes unhinterfragt aufgegriffen werden und das finde ich schwierig.


Bearbeitet von Jol Rosenberg, 18 September 2022 - 12:07.


#26 Peter-in-Space

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Geschrieben 18 September 2022 - 12:04

Ich denke, du siehst das durchaus richtig. Hinter all dem steckt auch die ewige Schuld, die ewige Verantwortung für den Holocaust, die im Deutschen ein im Großen und Ganzen durchdringendes negatives Denken und Fühlen erzeugt, insbesondere was die Zukunft angeht.

 

My.

es mag auch eine Rolle spielen, dass die Autorin eines der größten SF-Filme aus deutschen Studios, "Metropolis" eine glühende Nationalsozialistin mit besten Beziehungen zu Joseph Goebbels war: Thea von Harbou (... und ihr Lebensgefährte, Fritz Lang, eben nicht).

 

Der nicht so richtig bekannte "F.P.1 antwortet nicht" ist ja in den 12 Jahren nicht aufgeführt worden, wegen seiner internationalistischen Ausrichtung.


Bearbeitet von Peter-in-Space, 18 September 2022 - 12:04.

Wenn es eine Krisensituation gibt, sucht der intelligente Mensch nach einer Lösung,

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#27 My.

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Geschrieben 18 September 2022 - 12:10

kolonialistische tropes unhinterfragt aufgegriffen werden und das finde ich schwierig.

 

Das ist so ähnlich, wie mit der unrecherchierten Übernahme von Begriffen.

Siehe:

Was das mit dem, was du vermutlich sagen willst, zu tun hat, wäre zu erfinden.

 

My.


Bearbeitet von My., 18 September 2022 - 12:11.

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#28 Nadine

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Geschrieben 18 September 2022 - 12:31

Mir selbst fehlen in der deutschen SF auch oft die Grautöne, das versuche ich auch selbst anders zu machen

Mir kommt da spontan "Der Teufel trägt Prada" in den Sinn. Vielleicht kennst du diese Szene, in der die biesige Chefin der Neuen klar macht, dass neue Impulse (in diesem Fall geht es um eine modefarbe) sehr oft "ganz oben" anfangen, in einer Form, die sehr verkünstelt und vogue ist. Über die Jahre sickert diese Mode allmählich "nach unten", weil sich Menschen damit beschäftigen, diesen Impuls aufnehmen, verändern, in ihre Lebenswelt einbauen - bis die anfangs missverstandene Modefarbe sich schließlich auf einem Wühltisch-Pullover für wenige Dollar wiederfindet und im Mainstream angekommen ist.

 

Wir müssen also vermutlich nur ein paar Jahre warten, bis viele Themen in die Genreliteratur durchgesickert sind, sich Geschmack, Autorinnen und Leser geändert haben. Ich bin da optimistisch.

Veränderungen bei Gewohnheiten dauern, obwohl einem das Internet da eine andere Wirklichkeit vorgaukelt.

 

Wir sollten auch nicht vergessen, dass SF, wie wir sie hier im Forum größtenteils lesen und besprechen, Genreliteratur ist, in der es vertraute Regeln gibt, die man beim Lesen erwartet. Ein bisschen frischer Wind geht immer, aber Genres werden ja vor allem gelesen, um sich zu entspannen und - für mich im Idealfall -  ganz subtil kleine Anstöße für das eigene Leben rauszuholen, ohne dass jemand einem den Zeigefinger in die Nase bohrt.

 

Die angesprochenen Themen finden derzeit meiner Ansicht nach durchaus in der SF statt, aber nicht in der "Szene", sondern wurden vor Jahren in der E-Literatur entdeckt. Ich bin ja immer noch begeistert von den Impulsen des Futuriums, wie bspw. der Anthologie "2029 – Geschichten von morgen", die zum Ziel hatte, SF-Stoffe als Kurzgeschichte auszuprobieren und später zu verfilmen (3 Filme sind bereits Realität geworden).

Auch die Longlist des Deutschen Buchpreises spiegelt sowohl diese Themen, als auch SF wider: https://www.deutsche...ection-longlist
 


Europa ist nicht nur ein Kontinent.

 


#29 Mammut

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Geschrieben 18 September 2022 - 13:45

@Mammut: so als Vergleiche... naja es gibt ja unendlich viele Bücher in beiden Sprachen, man kann da also mit Sicherheit auch ganz ganz andere Beispiele finden. Das also vorweg. Das sind eben Beispiele aus meiner sehr subjektiv ausgesuchten Lektüre.
Nnedi Okorafor - ungefähr alles. Oft gibt es richtiggehende Verschmelzung mit der Technik, die dann auch Nachteile haben, aber eben auch einfach in eine Handlung eingebettet sind, in der es um allgemein menschliche Themen geht, oder auch um die Verschmelzung von Menschen mit anderen Arten. z.B. die "Binti" Reihe, "Lagoon", "Phoenix". Gerade Phoenix ist auch sehr dystopisch, aber ich finde da steht nicht so die Moral unten drunter "Passt auf liebe Leute mit der KI".
Dann natürlich so was wie "Semiosis" von Sue Burke, wo es um first contact und die Besiedlung eines neuen Planeten geht. Der Kontakt mit einer intelligenten Pflanze steht im Mittelpunkt. Auch da keine eindimensionale "Moral" von der Geschichte, sondern eine vielschichte Beziehung und eine komplexe Dynamik, die geschildert wird
Weiters: Ann Leckie's "Ancillary" Bücher... es geht um KI und auch problematische Aspekte, aber wieder seeeehr vielschichtig und es werden keine einfachen Antworten geliefert. Ebenso wie in der Murderbot Serie von Martha Wells.
"Unity" von Ellie Bangs - spielt in einen dystopischen Welt, es geht um erweitertes Bewusstsein, wieder ein sehr vielschichtige Darstellung
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Bei allen diesen Beispielen kommen natürlich auch dystopische und negative Konsequenzen von Technik vor, aber die Darstellung ist extrem vielschichtig und es gibt nicht so eine "Moral von der Geschicht", wie ich das oft in der deutschen Sci-Fi vom Gefühl her sehe.
Wie gesagt, ist bestimmt alles sehr subjektiv und man kann mit Sicherheit auch Gegenbeispiele finden.


Interessant. Ich hätte Okorafors Romane jetzt nicht als positiv wahrgenommen. Aber ich glaube ich weiß was du meinst. Die Personen sind da anders. Allerdings ist Okorafor ein typisches Beispiel keiner klassischen SF, sondern eher Phantastik mit diversen Einflüssen, oder sehe ich das falsch? Da ist viel Horror, Fantasy und Geschichte dabei.

KI ist als Thema aktuell omnipräsent. Aber bei deutscher SF finde ich überwiegend immer noch Weltraumabenteuer, zumindest suggerieren das die Listen der Neuerscheinungen.

Ganz allgemein: Das Themen zu wie die Nazis, hier speziell genannt der Holocaust, zu selten vorkommt, erstaunt mich. Gefühlt kann man ja in D und A keinen Preis gewinnen, wenn das (oder die Stasi) kein Thema ist.
Für mich ist Holocaust vs. positivere Geschichten allerdings definitiv ein Widerspruch. Okay es gibt Das Leben ist schön, aber das ist doch eher die Ausnahme.

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#30 Jol Rosenberg

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Geschrieben 18 September 2022 - 19:10

Das ist so ähnlich, wie mit der unrecherchierten Übernahme von Begriffen.

Siehe:

Was das mit dem, was du vermutlich sagen willst, zu tun hat, wäre zu erfinden.

 

My.

 

Ach, das ist doch ganz leicht zu googlen, My: https://tvtropes.org...hp/Main/Fiction

 

Ansonsten meine ich gar nicht, dass der Holocaust zu selten Thema ist. Ich meine, @Mammut, das ernsthafte Auseinandersetzungen dazu fehlen, wie wir heute damit gut umgehen können. Was für Folgen er heute hat usw. Ob das nun U-Literatur oder Literatur allgemein leisten kann - keine Ahnung. Aber sie kann sicher einen Anteil daran haben.




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