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EXODUS Nr. 47 (11/2023)


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82 Antworten in diesem Thema

#61 FranzH

FranzH

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Geschrieben 11 Dezember 2023 - 10:23

Für mich war das eine “durchschnittliche” EXODUS Ausgabe, was aber immer noch heißt: Ein toll aufgemachtes Magazin mit guten Grafiken und - mindestens - ein paar guten Geschichten. Am besten haben mir die Geschichten von Schneiberg, Tunnat und Schattschneider gefallen.

 

Ein paar Bemerkungen zu den meisten Geschichten (mehr geht gerade nicht, bin verschnupft).

 

Michael Schneiberg: Die Frau in der Wand

Eine sehr gut geschriebene Geschichte mit einem etwas schwierigen Ende. 

In einer Welt, die von Nanobots verseucht ist und in der es “Medienverschmutzung” gibt, fühlt sich Fabian von einer KI verfolgt. Er hört plötzlich ihre Stimme, sie ist seine “Frau in der Wand” und er spürt ihre vermeintliche Nähe.

Die Gespräche der beiden haben mir sehr gut gefallen und auch die Art, wie sie sich näherkommen und wie Fabian erkennt, wer hinter der Stimme steckt. Dazu kommt ein  behutsamer Weltenbau mit einem Niedergang der Welt im Hintergrund, den ich  überzeugend und geschickt aufgebaut fand. 

Es gibt viele gelungene Sätze und Formulierungen, wie z.B. “Die Menschen waren zu den Labormäusen ihrer eigenen Schöpfung geworden.” (S. 9). In einer großartigen Beschreibung heißt es über Gebäude der Stadt, sie seien ”überlebensgroße Leinwände abstrakter Gewalt. Die Welt hatte sich in ein krankes Gehirn verwandelt.” (S. 11).

Das Ende bleibt rätselhaft. Fabian hat herausgefunden, wer die Frau ist und seine Konsequenzen gezogen. 

Großartig.

 

Hans Jürgen Kugler: Mach hin!

Eine böse Geschichte um einen Raser, die nur einen homöopathischen SF-Anteil hat.

 

Yvonne Tunnat: Trauergeschäfte

Diese berührende Geschichte um den Umgang mit dem Verlust eines Kindes hat mir gut gefallen. In der Zukunft gibt es eine ganz spezielle Trauerbewältigung, die hier von einer überzeugend charakterisierten Mutter in Anspruch genommen wird. Auch die Ich-Erzählerin fand ich sehr gelungen.

Kurz und pointiert.

 

Wolf Welling: Stulpa

Was sollte das denn? Dr. Frank N. Stein und sein Gehilfe Kerner erzeugen “Stulpa” und der Doktor erlebt eine böse Pointe. Voller interner Anspielungen auf Werke von Wolf Welling konnte mich die Geschichte aber trotzdem gar nicht überzeugen, ich habe schon zu oft etwas von Frank N. Stein gelesen.

 

Victor Boden: Der Garten

Anfangs wird ein karges und beschwerliches Leben auf einem Eisplaneten geschildert. Für die Kolonisten wird die Situation immer aussichtloser, als seltsame Steine auftauchen und immer mehr Menschen in eine geistige Abhängigkeit von den Aliensteinen geraten. 

Das Leben und die Versorgungsprobleme der Menschen werden genau geschildert. Die Situation eskaliert immer mehr und die Nahrungsmittel werden knapp.

Die Geschichte enthält zu viel Infodump, zu viel Bericht, die Figuren bleiben blass und die schrecklichen Dinge, die geschehen, berühren den Leser kaum. Sie war mir zu lang und nach einem gelungenen Auftakt, in dem Owen viel verflucht, verlor ich mehr und mehr das Interesse. 

 

Norbert Stöbe: Irgendwann, vielleicht

Noch eine Geschichte mit menschlichen Kolonisten auf einem fremden Planeten. Dort gibt es die sogenannten Glom, die wie Pflanzen wirken und meist herumstehen.

Es ist eine Geschichte um Annäherung, denn eine der Hauptfiguren ändert ihr Verhalten, sodass es ein positives Ende gibt.

 

Corinna Griesbach: Die Kugel (Wasauchimmer)

Sorry, die Geschichte habe ich auch beim zweiten Mal nicht verstanden. Ich interpretiere sie mal als Satire auf den UFO-Wahn.

 

Toni Frey: Die Patientin

Ein Schwarzes Loch umkreist den Planeten der Ich-Erzählerin und nur sie erspürt Veränderungen. Allerdings ist sie in einer Art psychiatrischer Anstalt und wird lange nicht ernst genommen. Bis sogar die Wissenschaftler sie um Rat fragen.

Die Geschichte ist lang und die Erzählerin nervte mich ein wenig.

Insgesamt fand ich diese Geschichte etwas ärgerlich: viel zu lang und gegen Ende viel zu esoterisch.

 

Dieter Korger: Gondwana Skyway

Ein originelles Setting, in dem zwei Freunde eine wichtige Fracht auf dem “Gondwana Skyway” transportieren, dem längsten Highway der Welt von Afrika nach Südamerika über den Atlantik. Sie haben eine gefährliche Fracht dabei.

Ich fand die Geschichte bis zur Auflösung gut. Die Beziehung zwischen den beiden Fahrern, die Andeutungen zur Welt, der androgyne Mensch, den sie mitnehmen: das alles war gut beschrieben. Leider erfolgt die Auflösung in einem detaillierten Infodump, bei dem alle Kleinigkeiten erklärt werden, die der Autor sich gedacht hat. Das hätte eleganter gelöst werden können.

 

Christian Endres: Sprich nicht mit der Katze

Eine nette Pointengeschichte, wobei die Pointe nicht so wirklich überraschend kommt.

 

Peter Schattschneider: Genesis Reloaded

Ich fand die Geschichte anfangs etwas mühsam zu lesen, denn insbesondere der zweite Teil wirkt arg technisch und ist voller Bezeichnungen in Großbuchstaben, von denen ich mich immer etwas angebrüllt fühle.

Nach einer kleinen Eingewöhnungszeit fand ich es dann aber doch unterhaltsam, wie hier die Maschinenintelligenzen miteinander umgehen und wie letztlich aus einer falschen Übersetzung eine Schöpfungsgeschichte entsteht. Die Namen sind gut gewählt und die Technik ist sehr gut beschrieben. 

Es hat Spaß gemacht.

 

Angelika Brox: Junimond

Diese Endzeit-Geschichte habe ich gerne gelesen. Sie trifft den melancholischen Sound von Rio Reisers “Junimond” sehr gut. Ohnehin ist sie durchsetzt mit Anspielungen, die vielleicht nicht alle (Rio, Pamina, Buzz Lightyear) eine Erläuterung benötigt hätten.

Die Menschen reagieren irrational ruhig auf die Katastrophe, anders als von ähnlichen Geschichten mit diesem Thema gewohnt. Gerade das führte bei mir aber zu genauerem Nachdenken, wie ich selbst reagieren würde.

 


#62 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 23 Dezember 2023 - 20:06

So, ich bin endlich auch Exodus lesend.  :aliensmile:

 

Michael Schneiberg: Die Frau in der Wand

 

Den Einstieg in diesen Text liebe ich: Fabian tötet kleine Krebse, die er untersucht, und eine Stimme fragt ihn: „Meinst du, das tut ihnen weh?“ Ich nahm also an, es gehe um Empathie für Tiere, aber das erweist sich als falsche Fährte. Sprachlich dicht und atmosphärisch gelungen wird die wachsende Beziehung von Fabian zu Lisa geschildert, wobei Fabian Lisa lange für eine KI hält. Dabei ist der Weltenbau zunächst gelungen eingeführt, ein großer Genuss sind für mich Schilderungen wie „Die Wohnung zu verlassen hatte immer etwas von einem Sprung ins kalte Wasser. Nur dass dieses Wasser mit psychoaktiven Drogen angereichert war.“ (Das Komma fehlt im Original.) Leider kommen manche Infos zum Weltenbau doppelt, während die Infos fehlen, die ich brauche, um mir das Ganze zu erschließen.

Fabian ist einsam und Lisa anscheinend auch. Aber sie wird immer übergriffiger und er wehrt sich nicht, erlaubt, dass sie ihn nachts weckt usw. Der Text zeigt gelungen eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre und greift dabei leider auf das Klischee der forensischen Klinik mit psychopathischen Insassen zurück. Die Spannung baut sich gelungen auf. Achtung Spoiler: Leider funktioniert das Ende für mich nicht. Plötzlich weiß Fabian, dass die Klinik, die uns vorher als heil gezeigt wurde, nur eine ausgebrannte Ruine ist. Woher? Unklar. Warum er sich nun plötzlich von Lisa lösen kann, und was diese Entscheidung bedingt, bleibt kryptisch. Das macht diesen sprachlich sehr gelungenen Text, der mit einem überzeugenden Ende für mich ein Jahreshighlight gewesen wäre, für mich leider unbefriedigend.


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#63 Jol Rosenberg

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Geschrieben 25 Dezember 2023 - 11:03

Volker Dornemann: Flat Earth (Micro-SF)

 

Da passt der Titel zum Text: Flach. Ich empfinde, das als wenig originelle Parodie auf Coronaleugner-Demos. Bei so einem kurzen Text sollte jedes Wort sitzen. Das hier wirkt aber ziemlich beliebig.

 

Hans Jürgen Kugler: Mach hin!

 

Dieser kurze Text ist an sich gut geschrieben und lebt von Wiederholungen und Rhythmik, was mich trotz der Kürze (zwei Seiten) ermüdet hat. Auch inhaltlich bietet der Text nicht viel: In einer Welt, in der motorisierter Individualverkehr nicht mehr existiert, verschmilzt ein Raser mit seiner Spielkonsole, um in der Fantasie weiter zu rasen.

 

Yvonne Tunnat: Trauergeschäfte

 

Eine Mutter hat gerade ihren Sohn durch einen Unfall verloren und wird von einem Vertreter besucht, der ihr einen Ersatz verkaufen soll. Der Text ist aus Sicht des Vertreters erzählt und sprachlich dicht und angenehm phrasenfrei: „Ich werde nur nervös, wenn ich mir klar mache, wie rasch und zufällig etwas enden kann, das eben noch voller Leben und Potenzial gewesen ist.“ Die Fragilität unseres Lebens ist gut auf den Punkt gebracht.

Trotzdem kann mich der Text nicht recht abholen. Meines Erachtens liegt das daran, dass die Person, aus deren Sicht erzählt wird, recht blass bleibt. Am Ende wird klar, dass dies geschieht, um die Pointe zu ermöglichen. Der Preis dafür ist aber meines Erachtens im Text zu hoch.

 

Wolf Welling: Stulpa

 

In einem Labor unterhält sich Dr. Frank N. Stein mit seinem Assistenten. Dabei entwertet er den Assistenten permanent, worauf dieser ebenfalls mit Entwertungen reagiert. Mir macht es keinen großen Spaß, Leuten dabei zuzusehen, wie sie sich entwerten, weder im realen Leben noch in Texten. Dieser Text wartet mit zahlreichen Selbstzitaten auf, die uns in Fußnoten erklärt werden, auf mich wirkt das wie nicht gelungene Werbung für die eigenen Texte.

Stein entwickelt die Idee, sich selbst zu spiegeln und verfolgt diese dann. Leider baut der Text für mich aber keinerlei Spannung auf, so dass ich ihn nach fünf für mich mühsamen Seiten abgebrochen habe. Ich denke, das soll lustig sein, aber es ist einfach nicht mein Humor. Und die Zeiten, wo ich so eine Namenswahl originell fand, sind auch lange vorbei.


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#64 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 10:21

Victor Boden: Der Garten

 

Der Mensch Owen lebt auf einem fremden Planeten, wo eine Gruppe von Menschen kolonisatorisch tätig ist. Die erhoffte Unterstützung bleibt aber aus und die Kolonisierung erweist sich als sehr mühsam. Als Owen herausfindet, dass es leuchtende Steine auf dem Planeten gibt, verfallen viele Menschen diesen Steinen. Die Menschen spalten sich in zwei Lager.

Mein Hauptproblem mit diesem Text ist das mangelnde Ende. Er hört einfach irgendwo auf, was das nun für Steine sind und warum sie diesen Einfluss haben, bleibt völlig unklar. Daneben gibt es für mich zahlreiche Ungereimtheiten im Weltenbau: Wenn die Menschen so wenig Zeit für Wissenschaft haben, warum hat dann jemand die Idee, Stein zu Kontaktlinsen zu schleifen? Wie kann es sein, dass niemand etwas über Religion weiß? Und warum juckt es scheinbar niemanden, dass so viele Menschen in einen traumähnlichen Zustand fallen? Besonders widerlich fand ich, dass es Owen offenbar kalt lässt, dass er auch seine eigene Familie verliert. Nicht nur das: Seine Frau ist zum kompletten Pflegefall geworden, und alles, was ihm dazu einfällt ist, dass ihre Brüste nicht mehr erotisch sind.

Insgesamt bleibt Owen nach einer gelungenen Einführung als Figur blass, wie die Kolonie funktioniert und was für Beziehungen die Menschen zueinander pflegen, bleibt offen. Dafür werden andere Dinge mehrfach und redundant erzählt. Dabei wäre die Frage nach den Beziehungen der Leute zueinander für die Frage, ob Leute reihenweise in Traumwelten fliehen, zentral. Somit bleibt der Plot für mich nicht nachvollziehbar: Owen und seine Gruppe ignorieren lange, dass es ein Problem gibt, und handeln dann plötzlich aggressiv.

Hinzu kommen einige merkwürdige stilistische Schnitzer, die aus der an sich stimmungsvollen Schreibe herausstechen. Ein Pluspunkt sind die stimmungsvollen Illustrationen des Autors.

 

Kostas Koufogiorgos: Last Question (Comic)

 

Eine KI entscheidet sich für den Tod der Menschen. Hmm. Wenig originell, wenn auch hübsch gezeichnet.

 

Norbert Stöbe: Irgendwann, vielleicht

 

Wieder ein Text über eine Kolonie, die scheitert. Diesmal aus der Sicht eines Jugendlichen, der leider als Figur ebenfalls blass bleibt, was für mich im wesentlichen daran liegt, dass seine Emotionen behauptet, aber nicht gezeigt werden, wodurch er mir fern bleibt. Auf dieser Kolonie gibt es sichtbare Außerirdische und Xaver, die Hauptfigur, fragt sich, ob diese die Menschen nicht als Zootiere halten. Dann gibt es eine Begegnung mit diesen Außerirdischen und Xaver ist freundlicher als seine sadistischen Mitschüler. Warum er anders ist, bleibt aber ebenso unklar wie die plötzliche Veränderung des Kameraden am Schluss, die sich mir auch nach mehrfachem Lesen nicht erschließt.

Hinzu kommt, dass ich mich frage, warum die Menschen in so einer Kolonie so sinnlose und veraltete Schulen haben.

Die Illustration ist stimmungsvoll, wirkt aber mit den Riesenpilzen auf mich etwas generisch.


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#65 Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 18:37

Ich hoffe, hier schaut nochmal jemand rein und ich monologisiere hier nicht nur so vor mich hin. Ich muss sagen, von dieser Exodus-Ausgabe bin ich enttäuscht.

 

Galerie: „Krimalkin“ – im Gespräch mit dem Illustrator, Designer und Comic-Künstler Ingo Lohse

 

Diese Sorte Interview ist im Radio eher Gang und Gäbe, in Magazinen aber selten: René Moreau stellt Fragen und Ingo Lohse erzählt irgendetwas, das aber meist mit den Fragen nichts oder fast nichts zu tun hat. Das Interview bietet trotzdem interessante Einblicke in Lohses Arbeitsweise, wobei ich doch erstaunt war, dass Lohse so viel älter klingt, als er ist, wenn er beispielsweise erzählt, dass er japanische Kultur spannend fände und ja auch einmal da war. Oder dass die meisten Grafiker*innen aufhören, bevor sie richtig gut würden.

Die Galerie selbst zeigt sehr verschiedene Bilder, denen man meist die ursprüngliche Technik (Bleistiftzeichnung, Aquarell, Tuschezeichnung) gut ansieht, was mich sehr anspricht. Das Comic am Ende ist mit seinen detailreichen Bildern für meinen Geschmack deutlich überladen und erzählt auch keine Geschichte. Die zugehörigen Texte wirken auf mich stilistisch unbeholfen, vor allem aufgrund der überhäufig vorhandenen Vergleiche, die sich in den Bildern nicht wiederfinden.

 

Corinna Griesbach: Die Kugel (Wasauchimmer)

 

Auf der Erde erscheinen rätselhafte Kugeln. Jemand hält sich für schlauer als alle anderen und will sich selbst retten, es bleibt aber unklar, wer das ist und was er eigentlich will. Er ist reich und männlich, so viel erfahre ich. Aber es bietet mir nicht ausreichend Anker. Mich interessiert das Ganze nicht wirklich, ich erlebe es als sprachlich nicht sonderlich ausgefeilte Versatzstücke. Und diese Exodus scheint die Exodus für mich rätselhafter Enden. Da reiht sich auch dieses ein.

Dazu passt auch die Illustration, eine Fotomontage, die mir nur ein Schulterzucken entlockt.

 

Lyrik-Sektion: Schiller-Zitat

 

Nun ja. Nicht jedes Zitat eines Lyrikers ist Lyrik. Dieses hier lässt so viele Interpretationen zu, dass es mir zudem noch ziemlich beliebig erscheint.

 

Toni Frey: Die Patientin

 

In diesen Text kam ich schwer hinein. Da geht es um psychisches Leiden, aber das wird so weit entfernt und mit entwertenden Begrifflichkeiten erzählt, dass es mir keinen Anker bietet. Ich bekomme kein Gefühl dafür, wer die Hauptfigur ist. Das Wort „Wahnsinn“ wird für meinen Geschmack deutlich zu oft benutzt und es scheint so, als würde sich die Prota Selbstverletzungen völlig kühl überlegen.

Auch stilistisch weicht dieser Text vom Gewohnten ab: es gibt viele Zeitformenfehler, die das Lesen mühsam machen, dazu so einige Phrasen und abgegriffene Formulierungen. Die namenlose Prota, die merkwürdigerweise mit „Fräulein“ angesprochen wird, hat Angst vor einem Nichts. Aus einem nicht nachvollziehbaren Grund landet sie in einer „Nervenheilanstalt“, aus der sie nicht fliehen kann. Aber sie hat einen Pfleger, der sich nur um sie kümmert, was im Wesentlichen darin zu bestehen scheint, sie zu sedieren, wenn sie sich aufregt. Er weiß nicht mal ihren Namen. Der Text bedient zahlreiche Horror-Psychiatrie-Klischees, wobei der Weltenbau nicht erklärt, warum die Prota ihren Namen verliert und eingesperrt wird. Es wird behauptet, sie könne nur einen Satz sagen, allerdings kann sie sich dann doch unterhalten. Sie wird dann von ein paar Wissenschaftlern übernommen und woanders eingesperrt.

Mich hat das Ganze so gelangweilt, dass ich es nach fünf Seiten abgebrochen habe. Ich finde den Text voller Saneismus und die mangelnde Einfühlung in die Hauptfigur stößt mich doch sehr ab.

Die Illustrationen passen zum Text und zeigen drei Variationen einer Silhouette eines Kopfes vor farbigen Flächen, wirken auf mich aber relativ nichtssagend.


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#66 Rezensionsnerdista

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 18:41

Ich lese mir, bisher nur schweigend!

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#67 Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 18:44

Ach okay, dann ist ja gut. ^_^ Scrollen verrät, dass du auch eher unterwältigt warst.


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#68 Mammut

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 18:49

Ach okay, dann ist ja gut. ^_^ Scrollen verrät, dass du auch eher unterwältigt warst.


Ich vergleiche auch sehr interessiert mit meinen Eindrücken.

#69 FranzH

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 18:54

Ich lese auch mit und finde sehr gut, dass Jol sich mit allem in der Ausgabe beschäftigt, also auch mit den Illustrationen, dem Interview und was immer sonst noch.
Die Kritik kann ich meist sehr gut nachvollziehen, zumal Jol sprachliche Schwächen auffallen, die ich überlesen habe.

#70 Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 19:01

Danke fürs Melden, ihr alle! Dann mach ich mal weiter. Ich scrolle, wenn ich meine Beiträge abgesendet habe, auch immer zu euren Posts zu den Texten. Auch weil ich in dieser Ausgabe ständig das Gefühl habe, auf dem Schlauch zu stehen. Na, immerhin stehe ich da nicht allein. Das ist ja schonmal was!

 

Noch ein Nachklapp zum letzten Text: Der ärgert mich. Dass auch 2023 noch psychiatrische oder neurologische Einrichtungen (was das hier sein soll, bleibt völlig unklar) als Horrorhintergrund herhalten müssen, finde ich wirklich unnötig. Obwohl der Text aus der Ich-Perspektive erzählt wird, bleibt auch die Erkrankung der Hauptfigur völlig unklar, sie wird mal als Wahnsinn, mal als Angststörung betitelt, die Symptome (Mutismus, Selbstverletzendes Verhalten) passen aber nicht dazu. Auch dies bedient saneistische Klischees der unverständlichen Kranken. Dass zumindest auf den ersten fünf Seiten die Hauptfigur die einzige vorkommende Frau ist, verbindet das noch mit dem Klischee der psychisch instabilen Frau, die von Männern begutachtet und "behandelt" wird. Dazu passt dann auch wieder Ansprache "Fräulein", die sie weiter entmündigt und nicht ernst nimmt.


Bearbeitet von Jol Rosenberg, 28 Dezember 2023 - 19:10.

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#71 Rezensionsnerdista

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 19:28

Ach okay, dann ist ja gut. ^_^ Scrollen verrät, dass du auch eher unterwältigt warst.


Wahr

Sobald ich wieder ein normales Leben (keine Ferien mehr) haben äußere ich mich sicher auch mal

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#72 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 20:28

Dieter Korger: Gondwana Skyway

 

Zwei Männer sollen wertvolles Gut transportieren. Sie behaupten, Profis zu sein, stellen sich aber reichlich ungeschickt an und beschädigen das Frachtgut. Dann begegnen sie einer Person, deren Geschlecht sie nicht einordnen können. Die Person wird nicht nur stereotyp mithilfe eines Lebensmittelvergleichs als asiatisch beschrieben – sie wird auch noch misgendert. Denn die beiden Männer beschließen nicht etwa, sie nach ihrer bevorzugten Ansprache zu fragen. Nein, sie legen eine fest. Das Ende des Textes funktioniert dann nur mit einer gehörigen Portion in einen Dialog gepressten Infodump, der dann noch einen Epilog braucht, um den Untergang der Menschheit zu verdeutlichen.

Auch sprachlich wirkt dieser Text an vielen Stellen unbeholfen. Da sind nicht nur eigenwillig kombinierte Phrasen („Mordsschrecken im Nacken“), sondern schlicht unpassende Formulierungen: „Schlechte Nachrichten konnte er nicht gut wegstecken.“ Nun, das wird wohl bei jeder Person auf die Art der Nachricht ankommen. Oder, schon fast eine Stilblüte: „Die Aussage mochte Charlie nicht mehr unverbindlich unterschreiben“ – Unterschriften sind verbindlich, das ist ja gerade ihr Sinn. Auch billiges Foreshadowing fehlt nicht: „Dazu sollte es nicht mehr kommen …“ Dass der Text in Afrika spielt, aber sämtliche vorkommende Personen weiß sind, ist da nur ein kleines Beiwerk.

Als positiv kann ich den Weltenbau benennen, die Idee der Skyways ist gut eingebaut. Auch der kleine Hinweis auf Altersarmut ist meines Erachtens gelungen.

 

Die Illustration in psychedelischen Farben ist mir zu grellbunt, passt aber ganz gut zum Text.

 

Lyrik: Aiki-Mira-Zitat

 

Wie auch bei den vorigen mit Lyrik betitelten Schnipseln handelt es sich hier nicht um Lyrik, sondern um ein Prosazitat. So isoliert wirkt es auf mich recht beliebig, obwohl ich mich daran erinnere, dass es mich im Originalzusammenhang berührt hat. Die Illustration zeigt Menschen, die wie Flüchtlinge wirken und die von „Hier“ nach „Dort“ gehen, was ich peinlich banal finde.

 

Lyrik: J.W. Hey und J. Von Eichendorff

 

Das Hey-Zitat ist wieder keine Lyrik, die Illustration dazu kommt mir so vor, als kenne ich sie von Pixabay. Sie wirkt beliebig.

Das Eichendorff-Zitat ist immerhin ein Gedicht, allerdings eins, das ich viel zu häufig zitiert gesehen habe. Die kitschig-süßliche Illustration zeigt eine feminin wirkende Silhouette im Profil vor Meereshorizont. *Seufz* Das erinnert mich an Apothekenkalender.

 

 

 

Puh, also so langsam frag ich mich, was hier passiert ist. Wenn das nächste Heft wieder so ist, werde ich mein Abo nicht verlängern. Das ist doch keine Exodus? Oder färbt nur mein Winterblues ab?


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#73 Sam Francisco

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 20:46

Die Ausgabe steht mir auch noch bevor. Aber das hört sich ja alles nicht so gut an.
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#74 Rezensionsnerdista

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 21:18

Ich sehe das nicht so negativ wie Jol, aber die Ausgabe davor war natürlich viel viel besser!

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#75 Jol Rosenberg

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Geschrieben 28 Dezember 2023 - 22:24

Ich finde die hier wirklich richtig grottig. Das mag aber auch daran liegen, dass der nächste Text schon wieder gespickt mit Klischees und Saneismus daherkommt. Ich glaube, alle Leute ärgern sich, wenn Unsinn über ein Fach verbreitet wird, für das sie sehr brennen. 

 

Christian Endres: Sprich nicht mit der Katze

 

Ein Mann glaubt, eine Technik entwickelt zu haben, die ihm Gespräche mit Tieren erlaubt. Dann geht er zu einem Psychotherapeuten, der schrecklich pädagogisch agiert und ihm sagt, er bilde sich das ein. Natürlich wirkt das nicht.

Der Text ist kurz und flott lesbar, allerdings bleibt die Hauptfigur blass. Da der Text recht eindeutig darstellt, dass es sich um einen Wahn handelt, was uns wenig elegant im Dialog vermittelt wird, handelt es sich nicht um Fantastik und der Text gehört eigentlich nicht in die Exodus. Darüber hinaus handelt es sich um einen der leider zahlreichen verbreiteten Texte, die Unsinn über Psychotherapie und psychiatrische Störungen verbreiten. Kein Profi in dem Bereich würde versuchen, einer psychotischen Person den Wahn auszureden. Ebensowenig würde eine berufsethisch vertretbar handelnde Person so von oben herab handeln. Auch die im Text behauptete Annahme, ein Psychotherapeut könne mal eben „auf Elektroschocktherapie umsatteln“ stimmt nicht. Zudem ist der Begriff inkorrekt (es heißt Elektrokrampftherapie) und Wahnvorstellungen gehören nicht zum Indikationsbereich. Nicht zuletzt nimmt der Text seine Hauptfigur nicht ernst und macht sich über sie und den Psychotherapeuten lustig.

Das Bild ist eine Fotomontage einer männlich wirkenden Person mit Halsband, die eine Katze ansieht. Drumherum flackern Blitze. Hmm, kann man machen, ist aber wenig originell.


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#76 Christian Hornstein

Christian Hornstein

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Geschrieben 29 Dezember 2023 - 10:13

Ich finde die hier wirklich richtig grottig. Das mag aber auch daran liegen, dass der nächste Text schon wieder gespickt mit Klischees und Saneismus daherkommt. Ich glaube, alle Leute ärgern sich, wenn Unsinn über ein Fach verbreitet wird, für das sie sehr brennen. 

 

Christian Endres: Sprich nicht mit der Katze

 

Ein Mann glaubt, eine Technik entwickelt zu haben, die ihm Gespräche mit Tieren erlaubt. Dann geht er zu einem Psychotherapeuten, der schrecklich pädagogisch agiert und ihm sagt, er bilde sich das ein. Natürlich wirkt das nicht.

Der Text ist kurz und flott lesbar, allerdings bleibt die Hauptfigur blass. Da der Text recht eindeutig darstellt, dass es sich um einen Wahn handelt, was uns wenig elegant im Dialog vermittelt wird, handelt es sich nicht um Fantastik und der Text gehört eigentlich nicht in die Exodus. Darüber hinaus handelt es sich um einen der leider zahlreichen verbreiteten Texte, die Unsinn über Psychotherapie und psychiatrische Störungen verbreiten. Kein Profi in dem Bereich würde versuchen, einer psychotischen Person den Wahn auszureden. Ebensowenig würde eine berufsethisch vertretbar handelnde Person so von oben herab handeln. Auch die im Text behauptete Annahme, ein Psychotherapeut könne mal eben „auf Elektroschocktherapie umsatteln“ stimmt nicht. Zudem ist der Begriff inkorrekt (es heißt Elektrokrampftherapie) und Wahnvorstellungen gehören nicht zum Indikationsbereich. Nicht zuletzt nimmt der Text seine Hauptfigur nicht ernst und macht sich über sie und den Psychotherapeuten lustig.

Das Bild ist eine Fotomontage einer männlich wirkenden Person mit Halsband, die eine Katze ansieht. Drumherum flackern Blitze. Hmm, kann man machen, ist aber wenig originell.

 
Ach ja, wie gut ich Dich verstehen kann. Und ja, wir sollten hin und wieder mal darauf hinweisen, dass professionelle Psychotherapie etwas anders aussieht. Ob es hilft ...

 

Bei dem Text handelt es sich aber definitiv um Fantastik, denn die Katze spricht am Ende ja tatsächlich, zumindest habe ich den Text so interpretiert. Hast Du die anderen Kommentare dazu schon gelesen?



#77 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 29 Dezember 2023 - 10:35

Ich interpretiere es so, dass er sich seinen Wahn natürlich nicht ausreden lässt und er halt immer noch denkt, die Katze würde sprechen. Die anderen muss ich jetzt noch lesen. Aber ja: Kann nicht mal eine realistische Psychotherapie irgendwo vorkommen? Und eine freundliche Psychiatrie?

 

Peter Schattschneider: Genesis Reloaded

 

Einige Geräte liegen ewig beim Zoll und der Mann, der sie bestellt hat, stirbt. Daraus entsteht dann versehentlich eine neue Religion.

Die Idee einer Schwarmintelligenz im Zolllager finde ich ziemlich grandios. Die Umsetzung überzeugt mich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Der Text kann sich nicht entscheiden, ob er Ernst oder Klamauk sein soll, und mäandert zwischen verschiedenen – stets leicht lesbaren – Schreibdukti. Eine Schwarmintelligenz wird zwar behauptet, dann werden aber sich streitende Individuen beschrieben. Die Maschinen sind alle klischeehaft, nur warum die Hauptfigur, ein Buchhalter, das Zeug zum Boss hat, ist nicht recht klar. Psychotherapie-Parodien scheinen in dieser Ausgabe der Exodus ein sich durchgehendes Thema zu sein, auch hier gibt es sie mit zwei entsprechenden Robotern, die aber ihren Job nicht erledigen, sondern andere Bots zwangstherapieren wollen. Dabei wäre Adler mit seinem Gemeinschaftssinn die perfekte Besetzung für einen Gruppenleiter. Dass die Bots unbedingt nach Urvätern der Psychoanalyse benannt sind, lässt mal wieder die Urmütter dieser unter den Tisch fallen. Das Ende des Textes ist oberflächlich gesehen folgerichtig und schlüssig – aber nur wenn man von der offenen Frage absieht, warum Bots eine dem Christentum ähnlich Religion brauchen.

In einer Fußnote wird erklärt, woher die Anregung zum Text kam. Und das macht mich dann richtig traurig: Da geht es um das grausame Schicksal eines Menschen und den Umgang europäischer Staaten mit Geflüchteten und alles, was daraus wird, ist witziger Klamauk?

Das Bild passt dazu und zeigt einen von erleuchteten Wall-E-ähnlichen Bot im Gegenlicht, nach dem sich Roboterarme ausstrecken.

 

Angelika Brox: Junimond

 

Ein Jugendlicher sitzt im Gefängnis. Als die Welt untergeht, rettet ihn ein Wärter und er findet die Liebe seines Lebens.

Das ist nett geschrieben und leicht lesbar, allerdings enthält es einige Phrasen und keinerlei Überraschungen. Natürlich rettet ihn die Liebe, natürlich schlug sein Vater seine Mutter, aber die Liebe kittet alles. Immerhin handelt es sich deutlich um eine Momentaufnahme, was ich leichter goutieren kann als eine behauptete langfristige Rettung. Schade ist, dass alle Figuren über die klischeehaften Zeichnungen nicht hinauskommen, auch die Hauptfigur bleibt blass und Nebenfiguren sind nach ihren Vergehen beschrieben. Der Wärter hat einen sprechenden Spitznamen, wir erfahren aber nicht, warum.

Die Illustration zeigt zwei Jugendliche und eine Gruppe Hunde von hinten. Sie wirkt auf den ersten Blick kitschig – wäre da nicht der Atompilz im Hintergrund. Das passt perfekt zur Geschichte.

 

Fazit:

 

Das ist die bislang enttäuschendste Exodus-Ausgabe, die ich je gelesen habe. Bei dem Großteil der Texte frage ich mich, warum die Exodus-Redaktion sie veröffentlicht hat, sie können mich weder stilistisch noch inhaltlich überzeugen. Gut gefallen haben mir nur „Trauergeschäfte“ und „Die Frau in der Wand“, richtig herausragend fand ich keinen Text. Meist sind die Enden die Hauptbaustelle der Texte.

Wie so oft enthält die Exodus viele Texte mit rein männlichem Figurenensemble. Weibliche Figuren kommen nur als Love-Interest oder Sexbot vor – oder werden von Männern beherrscht. Auch drei der vier Autorinnen bedienen dieses Muster. Rühmliche Ausnahme ist Yvonne Tunnat, wobei die gezeigte Frau in der Mutterrolle auch ein klassisches Rollenmuster bedient. Aber die Nebenfigur des Vatersohnes bricht es wieder.

Zählt man Illustrator*innen, Herausgeber und Zitatgebende mit, so hat diese Ausgabe 31 Beteiligte, davon sind den Vitae und meinem Wissen nach 26 männlich, vier weiblich und eine nichtbinär.

Auffällig schwach sind in dieser Ausgabe die Lyrikbeiträge. Sie beinhalten bis auf eine Ausnahme keine Lyrik und wirken auf mich einigermaßen belanglos.

Zu benennen ist außerdem das sich durchziehende Thema Saneismus: Die Diskriminierung und Entwertung von Personen aufgrund von psychischer Erkrankung. Daneben gibt es viel Lächerlichmachen und Klischees gegenüber Personen, die mit psychisch Erkrankten arbeiten: gemeine Pfleger, verfolgende oder schlicht nicht hilfreiche Therapeuten (sämtlichst männlich). Und natürlich das Klischee der Horror-Psychiatrie. Ganz davon abgesehen, dass diese Narrative reichlich ausgelutscht und daher langweilig sind, find eich sie auch ethisch bedenklich. Sich Hilfe zu suchen ist so schon für Betroffene und deren Angehörige schwierig. Die Verbreitung derartiger Vorurteile macht es nicht leichter.


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#78 Jol Rosenberg

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Geschrieben 29 Dezember 2023 - 10:49

So, nun habe ich eure Kommentare gelesen. Spannenderweise scheine ich die einzige Person zu sein, die die sprechende Katze für einen Wahninhalt hält. Wenn die Katze real spricht, dann frage ich mich aber, wieso die Hauptfigur in Therapie geht. Was ist dann das Anliegen? Dann bleibt auch die Hauptaussage die, dass der Therapeut schlecht ist - das wäre eine ganz andere Prämisse, als wenn die Person wirklich wahnhaft ist. Es ist dann auch so, dass der Prota den Therapeuten belügt.

 

Interessant ist auch, dass die Einschätzungen der Geschichten sehr auseinanderklaffen. Ich finde die Stelle, an der im Gondwana-Skyway der eine Fahrer den anderen erschießt, richtig peinlich. Aber es geht nicht allen so. Die, die diese Stelle mögen: Wie lest ihr das? Als Slapstick?


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#79 Future Remains

Future Remains

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Geschrieben 29 Dezember 2023 - 11:46

Interessant, dass Charlie und Marty (Gondwana Skyway) als Menschen weißer Hautfarbe wahrgenommen werden.  :wacko:



#80 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

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Geschrieben 29 Dezember 2023 - 12:12

Naja, das ist immer das Problem: Die default-Einstellung bei Lesenden im deutschsprachigen Raum ist weiß, cis, hetero und oft noch männlich. Als Autorx muss ich daher, wenn ich diesen Standard nicht bedienen mag, schauen, wie ich das mache. Eine gute Möglichkeit ist, den Standard dadurch in Frage zu stellen, in dem ich auch Figuren explizit beschreibe, die ihm entsprechen und nicht nur die Abweichenden. In Gondwana Sky wird nur eine Person äußerlich beschrieben: die, die später das Label "weiblich" und rassifizierte Attribute bekommt. Dadurch werden die anderen ohne Beschreibung automatisch weiß, cis, hetero, männlich - vor allem dann, wenn es keine Attribute (wie Namen oder Anreden) gibt, die dem entgegen stehen. Bei dem Text fiel es mir besonders aus, weil er in Afrika spielt. Wenn weiße Personen nicht beschrieben werden, wirken sie farblos, was dann wieder den Mythos von Standard und Abweichung bedient.


Bearbeitet von Jol Rosenberg, 29 Dezember 2023 - 12:15.

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#81 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

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Geschrieben 05 Februar 2024 - 13:36

Ich habe die Ausgabe doppelt, wer möchte sie geschenkt haben?

 

 

Edit: Okay, Ausgabe erfolgreich verschenkt!


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#82 ShockWaveRider

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    verwarnter Querulant

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Geschrieben 05 Februar 2024 - 13:54

Ich habe die Ausgabe doppelt, wer möchte sie geschenkt haben?

 

Bringt es etwas, wenn du das Angebot gerade in dem Fred äußerst, wo sich die Leute tummeln, die die Ausgabe eh schon haben?

 

Ich veranstalte in solch einem Fall gerne ein kleines Gewinnspiel. Irgendeine supersimple Frage, vielleicht mit Bezug auf die Ausgabe. Wer zuerst die richtige Antwort schickt, hat die Dublette gewonnen.

 

Gruß

Ralf


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#83 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

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Geschrieben 06 Februar 2024 - 09:31

Ich mag Gewinnspiele nicht.

 

Bei Lesezirkeln lesen ja oft Leute still mit, die die Ausgabe nicht haben oder neugierig ist. Wenn sich hier niemand meldet, frage ich eben woanders


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