Wir können uns sicher darauf einigen, dass die Studie schief argumentiert und einen beträchtlichen Aufwand treibt, um etwas zu beweisen, was niemand bezweifelt und was andererseits am eigentlichen Thema vorbeigeht. Theoretisch ist es auch richtig, dass man für eine Fragestellung, egal ob wichtig oder unwichtig, kompromisslos den gebotenen Aufwand treiben sollte. In der Praxis ist das allerdings oft genug schlicht nicht möglich. Die hier vorgestellte Studie ist selbst an dem Prozedere gescheitert, dass sie eigentlich vorgesehen hatte.
Es ist, glaube ich, unstrittig, dass hier die Bedeutung, die einzelne Satz- oder gar mehrere Sätze umfassende Textteile für einen Menschen haben, entscheidend ist. Ein einziges Wort kann die Bedeutung eines ganzen Textes verändern. Vielleicht könnte man die Frage danach, ob und wenn ja inwiefern und unter welchen Bedingungen neue gendergerechte Wörter den Lesefluss und das Textverständnis beeinträchtigen, experimentell beantworten, indem man repräsentative Texte nimmt und bislang nicht verwendete, vom Forscherteam geschaffene Wörter zum Gendern einführt, die strukturell den momentan angebotenen ähneln. Dann lässt man eine repräsentative, über die neuen Wörter aufgeklärte Zufallsstichprobe diese Texte lesen. Währenddessen misst man deren Augenbewegungen und nach dem Lesen das Textverständnis und das Behaltene. Als Kontrolle nimmt man eine ebenso repräsentative Zufallsstichprobe, die nicht gegenderte Texte liest. Das macht man über z.B. 50 Sitzungen, um einen Lernverlauf erfassen zu können. Unterschiede in den Leistungen werden dann korreliert mit anderweitig gemessenen Eigenschaften der Individuen, z.B. den Wortschatz, die Sprachgewandtheit, die Bereitschaft sich auf gegenderte Sprache einzulassen, usw. Vielleicht könnte man damit den Effekt besser beschreiben samt der Faktoren, die ihn bestimmen.
Bearbeitet von Christian Hornstein, 28 Dezember 2024 - 12:22.


