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"Smartokratie": Neue Anthologie Ausschreibung im Eridanus Verlag

Smartokratie Anthologie Kurzgeschichten Social Fiction Near Future Tech Fiction Sciencefiction Eridanus Verlag Ausschreibung

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91 Antworten in diesem Thema

#91 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

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Geschrieben Gestern, 19:02

Das Gros der Texte nehme ich auch als interessante, menschliche Widersprüchlichkeit wahr: Keine:r der Autor:innen dürfte ohne Smartphone das Haus verlassen. Trotzdem zeichnen sie Alptraumszenarien davon bzw. betonen, wie viel besser es davor war. Mir leuchtet eben nicht ein, dass schreibende Menschen nicht ein paar Schritte weiter oder zur Seite denken wollen. 

 

Das ist ein interessanter Gedanke. In Bezug auf das Smartphone liegt es wohl daran, dass die meisten von uns den Eindruck haben, dass es ohne gar nicht mehr geht. So ist es wohl für viele technische Einrichtungen, die Teil unserer Alltagsumwelt geworden sind. Wir alle leben ja auch wie selbstverständlich in strombetriebenen Umgebungen. Unsere Abhängigkeit vom Strom ist überwältigend geworden. Nicht auszudenken, wenn wir plötzlich ganz, wirklich ganz stromlos wären. Manche Autori haben den kompletten Blackout auch schon mal durch(alp)geträumt.



#92 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

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Geschrieben Heute, 00:17

Darauf würde ich gerne etwas mehr eingehen, wenn es dir nichts ausmacht:

 

Zum einen empfinde ich unsere Welt nicht als heillos. Eher im Gegenteil, so verrückt es klingen mag. Ich sehe in der Menschheit extrem viel Potenzial und glaube, dass, selbst wenn uns jetzt ein weiteres dunkles Zeitalter bevorstehen sollte, wir am Ende eine Welt erschaffen werden, die unsere Utopien bei Weitem übersteigen. Und nein, das meine ich nicht übertrieben. Vergleich es einfach mit der aztekischen Vorstellung des Tlalocan: Das, was wir bereits jetzt haben, war für die Azteken des 14. Jahrhunderts eine Himmelsvorstellung (sans the death and dying part, of course). Bis auf die üblichen Probleme und Problemchen kann ich mich auch persönlich nicht beschweren – bis auf vielleicht die Tatsache, dass ich im Moment keine Katze habe. Worauf ich hinaus will: Ich brauche in der Literatur und den Medien weder die Hoffnung, dass meine politischen Ideale eines Tages allesamt wahr werden, noch eine Bestätigung meiner Befürchtungen. Ich will dann eher Unterhaltung oder Anregung. Eine Epiphanie wäre das höchste Ziel, aber dazu braucht es schon wirklich viel.

 

Utopien zu schreiben, macht mir ehrlich Spaß. Ich finde nicht, dass sie schwer von der Hand gehen. Eher würde ich sie mit einer Pastellzeichnung vergleichen oder einem Luftschloss, dass sich ab einem gewissen Punkt von selbst errichtet. Wo die wahre Schwierigkeit beginnt (bzw. wo ich mich irgendwann schwer tue), sind die Konflikte, denn die werden meist durch das Setting selbst erstickt. Es gibt oft nichts oder nur wenig zu verlieren, kein echtes Risiko und sowas wie "Der Charakter könnte sich nie selbst verwirklichen und niemals internationaler Superstar werden" ist für mich eher jugendlich und schon sehr Disney. Das macht es halt schwer, Spannung aufzubauen – oder sie als Schreiber zu erzeugen.

 

Und es muss sich auch ehrlich so anfühlen, als könne „das Spiel“ verloren werden. Ein Beispiel, das wir vielleicht beide kennen, wäre das Finale von Aiki Miras "Neongrau": Nachdem alle Charaktere fast immer und überall gewonnen haben und niemals echte Schwierigkeiten hatten, der Bösewicht Wozniak nebenher und in zwei Sätzen besiegt wurde, müssen sich Phoenix und Stuntboi gegen EPOS, die härteste KI aller Zeiten behaupten. Ich bezweifle, dass es an mangelnder Recherche lag (denn das ist eigentlich eine von Aikis Stärken), aber KIs können schon seit 1993 rein physikalisch nicht mehr von Menschen besiegt werden (deshalb stellen sie sich absichtlich extrem dumm). Angst um Phoenix und Stuntboi hatte ich trotzdem nicht. Der Roman war bis zu diesem Zeitpunkt ein reiner "Playthrough im Story-Mode", um im Gamerlingo zu sprechen, also warum sollten sie jetzt scheitern? Letztendlich wurde EPOS dann tatsächlich in nur drei Sätzen (nicht Seiten) besiegt. Ohne spezielle Taktiken, vielleicht so etwas wie menschliche Erratik, Hardcore Prediction oder Trade-Offs, wie sie in PvP-Matches extrem üblich sind, oder RNGesus, wie man den glücklichen Zufall nennt, der mich persönlich die schwersten Bosse in "Dark Souls"-Teilen und "Elden Ring" besiegen hat lassen – ohne jegliche Probleme einfach. (Das ist meine Meinung und man kann mir hier gerne widersprechen.)

 

Und das ist aus meiner Sicht das Problem vieler moderner Utopien, gerade wenn sie politisch werden. Sie sind oft nicht spannend oder anregend, sondern einfach nur Manifeste oder Optimalwelten, die zur Entspannung einladen. Siege fühlen sich für mich größer an, wenn der Held oder die Heldin dafür kämpfen, bluten, leiden und zahlen musste – und das meine ich nicht im Sinne der Action. In den allermeisten Liebesromanen (die ich sogar mehrfach lese, weil sie mich ehrlich rühren) wird kein Tropfen Blut vergossen. Aber die Aussicht auf ein gemeinsames Happily Ever After stand mehrfach und glaubhaft auf dem Spiel. Oder kam nie, wie bspw. in "P.S.: Ich liebe dich".

 

Aber bevor ich jetzt Utopien schlechter mache, als sie sind: Es gibt exzellente Werke, wie "Dies ist mein letztes Lied", die Utopien sehr facettiert darstellen und deutlich glaubwürdiger machen. Ich würde sogar auch "Etomi" mit dazuzählen, aber das ist ein ganz anderes Kapitel, das man eher in einer längeren Buchbesprechung eröffnen sollte. 

 

Und falls das gerade arrogant klang: Ich schreibe selbst an zwei Utopien – aber vor allem zum persönlichen Vergnügen. Beide beschreiben friedliche, schillernde Orte, in denen nicht viel passiert – außer, dass sich mal ein Leuchtturm beschwert, in der immer selben Farbe zu leuchten; man sich nicht traut, die Teufelin, die im Fahrradladen arbeitet, auf ein Date anzusprechen, Pommes zu salzig sind oder ein Gemälde nicht gelingt. Beide leiden exakt an den Kritikpunkten, die ich zuvor genannt habe, weshalb ich bezweifle, dass ich sie jemals veröffentlichen kann – und will.

 

Eine Dystopie hingegen, und da gebe ich dir Recht, fühlt sich oft sofort wie der Charakter moderner Anpassung an: Ob jetzt Post-Apokalypse oder Überwachungsstaat, Megastruktur oder "The Road", oder irgendwas aus dem Universum von „Warhammer 40,000“ – das Leben in diesen Welten ist hart und wird von zahllosen Regeln geprägt, an die man sich zu halten hat. Die Selbstverwirklichung steht weit hinten an (wie in der Realität), zuerst muss erst einmal überhaupt der Alltag gestemmt werden (wie in der Realität), der oft überwältigen und niederzwingen kann (wie in der …). Das macht viele Dystopien relatable. Unser aller Alltag ist Arbeit, meistens etwas härtere, Zeitmanagement, Zurückhaltung und oft auch der Kampf, einfach nur über Wasser zu bleiben. Transferiert man dieses Gefühl in den Eskapismus, ist man schnell in einer Dystopie. Bonuspunkte vergebe ich, wenn man dann noch von brutalistischen Betonfassaden, solipsistischen Einöden oder alternativlosen Wüsten erzählt. Aber dennoch muss ich insistieren, dass wirklich gute Dystopien alles andere als einfach zu schreiben sind.

 

Da ich gerne in Beispielen spreche: „Godhusk: Rebirth“ (wurde noch nicht übersetzt) ist für mich ein absolutes Must-Read in der Science-fiction. Wundert mich nicht, dass sogar die dritte Printauflage am ersten Tag ausverkauft war (und das, obwohl es praktisch keine Werbung dafür gab!). Da ich es dir wirklich wärmstens empfehlen kann, werde ich auch nicht zu viel spoilern (für den Fall der Fälle, dass du es vielleicht lesen willst): Das Mixed-Media-Novel jedenfalls spielt viele tausend Jahre in der Zukunft. Alles Leben ist längst zu modularen Biomaschinen geworden. Deine Hände und Füße z.B. sind eigenständige Lebensformen, die auch ohne dich existieren können, ebenso der Großteil deiner Organe. Und genau davon erzählt das Buch: Eine Hand erwacht, ohne, dass ihr Besitzer erscheint und macht sich auf die Reise (nicht um nach ihm zu suchen, sondern einfach nur generell). Dabei durchstreift sie ein groteskes Biopunk-Ödland aus Körperteilen, die sich entweder aus Notwendigkeit oder prädatorial, also gegen ihren Willen, miteinander vereint haben. Von den Schöpfern und ihrer Ordnung fehlt jede Spur. Ihre Körperteile wurden anscheinend sich selbst überlassen.

 

Was die Story dabei so unglaublich gut macht, ist nicht nur, dass die Hand ihre gewonnen Körperteile durch bereits kleine Fehler verlieren kann, sondern auch diese freiinterpretierbare Abstinenz jeglicher Aussage. Man weiß die allermeisten Seiten nicht, wohin die Hand strebt, warum sie tut, was sie tut oder warum sie sich Feinden stellt, die ihr überlegen sind. Interessanterweise wird sogar dem Leser oder der Leserin angeboten, ob die Hand dabei moralisch oder utilitaristisch vorgehen soll, im Sinne von „Die Hand könnte sich nun auf diesen Stachelschwanz stürzen und ihn ihrem Körper hinzufügen.“ Ob sie es getan hat, erfährt man nie. Stattdessen heißt es später: „Hat sie sich in der Körnchenwüste den Schwanz hinzugefügt, so kann sie sich nun wehren, muss aber dennoch fliehen.“ Du merkst schon, die Geschichte ist so modular wie ihr Setting, allerdings ohne ins Multiple Choice zu gehen. Wobei meine Schilderungen keinesfalls der Geschichte gerecht werden. Lies sie besser selbst!

 

Um auf einen Punkt zu kommen: „Godhusk: Rebirth“ hat keine gesellschaftskritische Aussage. Man kann sie hineininterpretieren, aber sie erläutert keine, erklärt sich nicht und belehrt nicht. Es ist einfach bloß eine verdammt gute Story, die mit Sicherheit nicht leicht zu schreiben war.

 

Ein vielleicht gängigeres Beispiel (das nicht nur Yvonne Tunnat gelesen hat und sogar da räume ich eine 10% Chance ein, dass „Godhusk: Rebirth“ bisher lediglich auf dem SuB liegt) wären die berühmten „Hunger Games“, die ich damals als „Die Tribute von Panem“ auf Deutsch geschenkt bekommen habe. (Über die Filme kann ich nichts sagen, die habe ich nie gesehen). Sicher, in den Roman kann man ganz klar interpretieren, dass wir (die Leser) das Kapitol sind: Abstrakt gekleidete Wohlstandsverwahrloste, die auf intellektuell-enthobener Ebene mitfiebern, während sich Teenager gegenseitig in einer Arena abschlachten. Aber auch das ist bestenfalls eine Beilage. Was den ersten Roman so unglaublich spannend machte, war die rasant erzählte Action, die Frage, wer und wie stirbt und auch schlicht, wie es endet (zumal die Hungerspiele ja deutlich als ein „Last Man Standing“ umrahmt wurden). Dass Katniss überlebt, war selbstverständlich (so als Ich-Erzählerin), der Rest optional. Ich habe das Buch damals, 2013, in zwei Tagen verschlungen.

 

Und ich könnte jetzt noch endlos Beispiele nennen, aber ich denke, du hast meine Punkte schon lange begriffen: Es ist mit Sicherheit leichter, eine Dystopie anzufangen, aber bei einer Guten gilt für mich dieselbe Regel wie für absolut alle Romane, Comics, Bilder, Werke: Sie sind schwer, wirklich schwer. Und das hat für mich nur wenig mit dem Genre zu tun. Ich habe auch schon einen Solarpunk gelesen, in dem sich eine Ermittlerin auf die Jagd nach einem Tagger macht und konnte bis zum Schluss mitfiebern. Andersherum habe ich einen „Warhammer 40,000“-Roman aufgeschlagen, der darum ging, dass zwei Aliens von einem Planeten entkommen müssen, während die Menschen mit der ethnischen Säuberung von eben jenem beginnen (nennt sich ein Exterminatus und ist in dem Setting sowas wie bei uns ein Brückentag) und habe ihn vor Langeweile nach der Hälfte „für immer verliehen“.

 

Die einzige Gemeinsamkeit, die ich dabei vielleicht entdecken konnte, war das Spielen mit dem eigenen Ideal: Frank Herbert war klarer Umweltschützer, Robert A. Heinlein liebäugelte extrem mit dem Faschismus, Aasimov war Anhänger des Kommunismus, Lem hingegen offener Kritiker, Orson Scott Card ist Christ, Sven Haupt Buddhist (reine Spekulation), Lena Richter Wokeistin – aber sie alle konnten und können über den eigenen Tellerrand hinausblicken und sich sogar über die kleinen Logiklücken ihrer Ideale lustig machen. Das ist aus meiner Sicht eine sehr mächtige Eigenschaft – zu wissen, dass der eigene Glaube durchaus fehlerbehaftet sein kann. Aber das sind jetzt Details. Und noch dazu spekuliert.

 

Grrr. Nach Posts wie solchen, will ich das lieber bei einem Whiskey besprechen. Da kann man so viel mehr ins Detail gehen.

 

Ich hoffe, das war dir jetzt nicht zu viel Text, aber ich wollte dich nicht „schnell“ abspeisen. Dazu hatten wir zu viel Austausch  :wink2:


Bearbeitet von Maxmilian Wust, Heute, 02:34.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"




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