Meine (überfällige) Rezension:
Mit »Amatea: Memoirs of the Last City« legt Saskia Karges einen bemerkenswert stillen, zugleich nachhallenden Roman vor, der sich zwischen Solarpunk-Vision und dystopischer Abrechnung bewegt. Im Zentrum steht Ruth Bernstein, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird. Der Autorin gelingt eine detailliert gezeichnete Charakterisierung, die Ruth weder idealisiert noch bricht, sondern sie als widersprüchliche und zutiefst menschliche Figur zeichnet. Der Roman, der verhältnismäßig oft auf Dialogführung verzichtet und rückblickend von einer merklich älteren Ruth am Ende ihres Lebens erzählt wird, erinnert mehr an eine Autobiografie als an einen Spannungsroman. Ruths Erinnerungen wirken wie die nachträgliche Rekonstruktion eines Lebens, das sich zwischen Hoffnung, Schuld und Resignation bewegte. Ihre Perspektive bleibt dabei stets glaubwürdig, geprägt von Ambitionen, Träumen, teils harscher Selbstkritik und einer unterschwelligen Trauer über verpasste Möglichkeiten.
Die große Stärke des Romans liegt in seiner Sprache. Karges schreibt in einer schlichten, eleganten Prosa, die nie überladen wirkt. Die Sätze sind klar gebaut, oft von zurückhaltender Schönheit, und entwickeln gerade dadurch eine nachhaltige Wirkung. Es ist ein Stil, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern den Gedanken Raum gibt.
Inhaltlich überzeugt „Amatea« durch die kluge Verarbeitung von Ereignissen, Bewegungen und verschiedenen Entwicklungen der 2010er und 2020er. Die Auseinandersetzung mit Pluralismus, Klimaaktivismus, technokratischen Lösungsfantasien aber auch die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der Pandemie prägen Ruths Jugendzeit. Die titelstellende Stadt Amatea steht dabei als vielschichtiges Symbol: für die Sehnsucht nach einer besseren Welt ebenso wie für die Gefahren, die entstehen, wenn gut gemeinte Konzepte von mächtigen Akteuren vereinnahmt werden. Karges gelingt es, diese Ambivalenz auszuhalten, ohne einfache Antworten zu liefern.
Allerdings ist der Roman nicht frei von Schwächen. Insbesondere die erste Hälfte weist spürbare Längen auf. Karges verliert sich stellenweise in Nebensächlichkeiten. Detaillierte Beschreibungen von Alltagsmomenten in der Kindheit und im Studium oder ausführliche, teils meinungsbehaftete Gedankenschleifen, die zwar zur Charakterisierung von Ruth beitragen, aber in diesem Ausmaß auch den Erzählfluss bremsen. Hier hätte eine straffere Dramaturgie dem Text gutgetan. Gerade Leser:innen, die eine stärker plotgetriebene Handlung erwarten, könnten in diesen Passagen an Geduld verlieren.
Doch wer durchhält, wird belohnt: In der zweiten Hälfte gewinnt der Roman deutlich. Die zuvor gelegten Spuren verdichten sich, moralische Fragen treten schärfer hervor, und Ruths persönliche Geschichte verschränkt sich immer enger mit der Entwicklung von Amatea. Besonders hervorzuheben ist das Ende: bitter, konsequent und frei von versöhnlicher Glättung. Karges entscheidet sich bewusst gegen einfache Erlösung und führt ihre zentrale Frage – wie weit der Mensch gehen darf, um die Welt zu retten – zu einem Schluss, der lange nachwirkt.
So bleibt »Amatea: Memoirs of the Last City« ein Roman, der weniger durch Spannung als vielmehr durch gut ausgearbeitete Spekulation begeistert. Eine ruhige Erzählweise, präzise Sprachgestaltung und die gelungene Figurenzeichnung machen ihn zu einer eindringlichen Lektüre, auch wenn er sich gelegentlich in seinen eigenen Details verliert. Gerade im Verzicht auf Effekthascherei und in seiner Unaufgeregtheit entfaltet das Buch jedoch eine besondere Kraft – als Mahnmal gegenüber Gier, Dummheit und menschlichen Abgründen, aber auch als eindringliche Reflexion über Verantwortung, Verlust und die Fragilität unserer Zukunft.
Rezensiert für die "Andromeda Nachrichten"
Das Exemplar wurde von der Autorin zur Verfügung gestellt.
Bearbeitet von ChristophGrimm, 30 März 2026 - 06:24.