Hat die Slipstream SF der traditionellen Science-Fiction (auch als Genre-SF bezeichnet) den Staffelstab der innovativen Ideen abgenommen?
Klären wir mal den Begriff Slipstream-Science-Fiction...
Zugeschrieben wird dieser dem Cyberpunk-Autor Bruce Sterling – seine Anspielung auf den sogenannten „Mainstream“ – um Geschichten zu bezeichnen, die Science-Fiction-Elemente beinhalten ohne sofort dem Genre Science-Fiction anzugehören (und als solche vermarktet werden). Das Bild ist aus der Seefahrt entlehnt: Ein Schiff (was symbolisch für Genre Science-Fiction steht) kann einen Sog erzeugen, der stark genug sein kann, um Passagieren eine „Mitfahrgelegenheit“ zu bieten, eine Art kommerzielles Huckepack das den Mainstream-Autoren erlaubt sich der SF zu bedienen , ohne auf das Genre festgelegt zu werden.
Allerdings ist dieses Phänomen (wenn auch der Begriff später aufkam) schon länger in der SF zu beobachten: Publikationen, die zwar SF Elemente enthalten, aber nicht auf dem Buchmarkt als solche veröffentlicht werden. Vielmehr landen diese Titel irgendwo zwischen der bellestristischen Abteilung und der SF der Buchläden , oft sind es Bestseller seit Jahrzehnten, siehe als ältere Vertreter z.b. „Schöne neue Welt“ (Aldous Huxley), „1984“ (George Orwell) und „Uhrwerk Orange“ ( Anthony Burgess).
Neuere Autoren finden sich mit Cormack McCarthy , Kazuro Ishiguro oder Nina Allan - siehe auch unten Liste der Veröffentlichungen. Viele Autoren (besonders Ishiguro, der für sein Werk den Literaturnobelpreis 2017 erhielt ) haben ihre Karriere und ihren Ruf durch das Schreiben von Werken aufgebaut, die sich als literarische Fiktion (im Sinne einer Mainstream-Fiktion) definiert und durch die Themenwahl eigentlich Science-Fiction-Romane sind, die aber nicht als solche vermarktet werden und die Slipstream-SF ausmachen.
Das deutet eigentlich schon an, das SF (sei es als Spekulative oder Science-Fiction) ein sehr, sehr weit gefasster Begriff sein kann , wo Autoren aus dem Mainstream „wildern“ und deren Einzelwerk oder mehrere Werke sinngemäß darunter summiert werden können.
Genre-SF ist im Kern Ideenliteratur , die das Neue sucht
Die Geschichte der Genre-SF der letzten hundert Jahre zeigt deren einst rohe Kraft und Fantasie, die das Tempo des technologischen und sozialen Wandels im 20. Jahrhundert widerspiegelte – bis hinein in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sie war kühn, innovativ und in ihren besten Momenten voller aussagekräftiger Metaphern, die mehr über unsere Welt aussagten als die allgemeine Belletristik. Letztere konzentrierte sich weiterhin auf Charaktere und gesellschaftliche Normen, und das tut sie oft noch immer. Genre-Science-Fiction, war im Kern Ideenliteratur - die im bestenfall das Neue fand, einen Paradigmenwechsel oder konzeptionelle Durchbrüche in ihren Erzählungen aufzeigten.
Mit dem aufkommen der New Wave in den 1960ern fanden auch literarische Experimente statt, die dem Mainstream entlehnt waren. Also Autoren wie J. G. Ballard, Michael Moorcock , Brian Aldis und Amerikaner wie Thomas M. Dish, Norman Spinrad und Samuel R. Delaney. Autoren wie Christopher Priest oder M. John Harrison hielten diesen Kern der Genre-SF zwar auch noch weiterhin aufrecht –aber eher als einzelne Stimmen.
Slipstream SF to the rescue?
Diese Aufgabe der Genre- SF hat heute die Slipstream-SF übernommen – sozusagen das Eindringen von AutorInnen von der Mainstreamseite. Gegenwärtige Genre-SF Werke bedienen sich meist Variationen geschaffener Tropen vergangener Bewegungen wie Cyberpunk (seit den 1980er) und der Neuen Space Opera (ab den 1990ern). Diese werden oft mit Themen kombiniert wie künstlicher Intelligenz (AI) und/oder Hard SF – letztere bemüht sich dabei, physikalisch stimmige Hintergründe zu schaffen. Schauplätze reichen von near-future dystopischen/utopischen Gesellschaften bis in kosmische Weiten oder Deep Time plots.
Liste von Slipstream SF Veröffentlichungen
Im folgenden einige Beispiele aktuellerer Werke der letzten 10-15 Jahre neben den oben genannten Klassikern, die der Slipstream SF zugerechnet werden können (die manchmal literarisch anspruchsvoller sind aber nicht notwendigwerweise sein müssen) und oft Paradigmen über die Wahrnehmung der Welt oder das Fortschreiben gesellschaftlicher Normen über den Haufen werfen.
Interessanterweise gibt es desöfteren (noch) keine deutschen Übersetzungen – womöglich weil diese eben nicht kategorisierbar sind und Erwartungshaltungen der Leser entgegenlaufen und somit ein Risiko für hiesige Grossverlage darstellen - solange sie nicht von Nobelpreisträgern stammen und/oder Bestseller im Original sind.
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„Die Strasse“ von Cormack McCarthy
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„Alles was wir geben mussten““ , „Klara und die Sonne“ von Kazuro Ishiguro
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„Die Anomalie“ von Herve le Tellier
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Über die Berechnung des Rauminhalts“ Vierteiler von Solvej Balle
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„The Expansion Project“ von Ben Pester
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„The Separation“ , „The Islanders“, „The Adjacent“ , „Airside“ von Christopher Priest ,welcher ab den 2000er auch dem Slipstream zugerechnet werden kann
Nicht unerwähnt bleiben sollten Autoren, die die Genre-SF in ihrem Kern als Ideenliteratur wiederbeleben wollen, zb.:
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„The Thing itself“, „The This“ von Adam Roberts
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„The Rift“, „Conquest“ von Nina Allan (die verwitwete Lebensgefährtin von Priest, der 2024 starb)
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„When We Were Real“ von Daryl Gregory
Quellen:
Bearbeitet von head_in_the_clouds, vor 38 Minuten.



