Ja, Uwe, ohne Zweifel unterscheiden sich Kurzgeschichten und Romane in vielerlei Hinsicht, zum Teil sogar erheblich, und auch ich gehe davon aus, dass jemand, der versiert ist im Schreiben des einen noch lange nicht geübt ist im Erstellen des anderen. Das könnte in der Tat eine Ursache sein. Was mich jedoch stutzig gemacht hat ist, dass die Kurzgeschichten ausgerechnet in Hinsicht Originalität und Spannung schwächeln, denn diese beiden Aspekte sind beim Roman ebenso wichtig und folgen ähnlichen Mechanismen, auch wenn im Roman mehr Raum ist für Exposition und anderes. Wenn jemand Originalität und Spannung im Roman beachtet und umsetzen kann, müsste er es eigentlich auch in der Kurzgeschichte tun können, es sei denn, er will es nicht aus irgendeinem Grund und/oder er beachtet zu wenig den geringeren Raum, passt sozusagen zu wenig an, und entfaltet zum Beispiel zu viel Exposition. Umgekehrt gilt dies natürlich eingeschränkt, weil der Aufwand, um Originalität und Spannung im Roman umzusetzen, viel höher ist als für die Kurzgeschichte. Im Roman braucht man multiple Spannungsbögen, die ineinander greifen und aufeinander abgestimmt sind. Das ist eine Heidenarbeit, die sich jemand, der gerne und gut Kurzgeschichten erstellt, nicht unbedingt zumuten möchte, davon abgesehen, dass es auch komplexer ist.
Ja, die Zielgruppen für Romane und Kurzgeschichten sind definitiv verschieden. Es ist z.B. bekannt, dass Roman-Lesende oft die größere Immersion schätzen und/oder eingehendere Bindungen an Figuren und ausführliche Entwicklungen derselben suchen. Dies ist z.B. auch ein Grund, der zur Erfolgsgeschichte von Serien geführt hat. Jedoch sind auch Liebhaber mehrgängiger Menüs dem kleinen Snack zwischendurch nicht abgeneigt, wenn er besondere Köstlichkeit verspricht. Ich gehe auch davon aus, dass die aktuelle Reichweite deutscher SF-Kurzgeschichten nur einen kleinen Prozentsatz derjenigen umfasst, die sich für SF interessieren und der Kurzprosa zugeneigt wären, weil sie nicht die Zeit für einen Roman aufwenden wollen.
Kurzprosa ist niederschwellig und das ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal im schriftlichen Medium, dem bekanntlich durch Kurzmedien auf allen Kanälen das Aufmerksamkeitswasser abgegraben wird. Das Alleinstellungsmerkmal der Kurzprosa sollte viel besser genutzt werden.
Die Maßstäbe und Kriterien der Herausgeber des Exodus sind, glaube ich, nicht unbedingt ganz andere als unsere. Sie werden ebenfalls Originalität und Spannung zu schätzen wissen, nur spielen andere Faktoren, andere Textmerkmale auch eine Rolle. Und nicht zuletzt handelt es sich bei den letzten Bänden um Jubiläumsbände, weswegen ganz persönliche Anliegen nochmal anders Vorrang bekamen. Zum Beispiel wissen wir, dass es René wichtig war, von Michael etwas längeres auf zu nehmen. Vielleicht aus Wertschätzung seiner Person als alten Freund und eine Bevorzugung seiner Werke, die unzweifelhaft eine ganz eigene, markante Handschrift besitzen. Das wäre, finde ich, vollkommen verständlich. Dass Deine zwei Werke nicht angenommen wurden, bedeutet nicht, dass die Redaktion sie nicht originell und spannend fand oder ihr diese Aspekte egal waren. Die Begeisterung für Marias Werke könnte mit der speziellen Atmosphäre verbunden sein, die ihr Stil zuweilen schafft, auch wenn er mir persönlich stellenweise zu unscharf und inhaltlich inkonsistent erscheint, wie manche früheren Experimente z.B. im Surrealismus in der collagierten Literatur oder der Cadavre Exquis des frühen 20ten Jahrhunderts, als man Textschnipsel halb oder ganz zufällig zusammensetzte, um interessante Formulierungen zu generieren, was man heute wohl eher per Computer machen würde.
Dann ist da noch der Faktor der zur Verfügung stehenden Auswahl. Du weißt aus eigener Erfahrung als Herausgeber was passieren kann, wenn man seinen hohen Ansprüchen treu bleibt: Man veröffentlicht kaum mehr etwas. Die Exodus-Redaktion hatte sich aber vorgenommen, eine Plattform auch für Neulinge anzubieten, aus Deutschland. Der Kompromiss: Man veröffentlicht auch Texte (und z.T. Graphiken), die optimiert werden könnten, und lebt damit, im semiprofessionellen Bereich zu bleiben. Daraufhin werden die Werke öffentlich diskutiert, z.B. hier, erhalten damit Rückmeldungen, die Schaffende aufnehmen und zur Weiterentwicklung nutzen können. Das Problem dabei ist natürlich, dass auf diese Weise das Bild, das über SF-Kurzgeschichten in der Öffentlichkeit entsteht, auch davon geprägt wird. Semiprofessionelle Magazine sind wichtig als Labore und Förderer, aber sie eignen sich nur bedingt als Werbeträger für das Medium, wenn es um Zielgruppen jenseits derjenigen geht, die selber im Labor arbeiten und/oder Liebhabende sind.
Die USA haben einen mindestens viermal größeren Pool an Schreibenden als Deutschland. Dadurch ist die Anzahl der auftauchenden optimierten Texte natürlich auch größer und die Magazine können wählerischer sein. Die großen nordamerikanischen SF-Magazine machen einiges anders als wir. Sie entlohnen gute Texte regelmäßig auf Cent-Basis pro Wort. Sie lehnen KI-Einsatz kategorisch ab. Wer sich heimlich nicht daran hält und entdeckt wird, kommt auf eine Blacklist. Dauerhaft. Sie sind sehr spezifisch bei der Formulierung ihrer Anforderungen, was Transparenz schafft. Beispiele:
F&SF:
We like to be surprised by stories, either by the engaging voice, the character insights, ideas, plots, or prose ... If you choose to write a story on a familiar theme or trope in the genre, be sure to offer a fresh, new insight, your own individual take on it, and try to subvert our expectations ... Write the original stories you most want to tell, in a voice that is uniquely yours, strong and engaging.
Geschichten ohne originelles Momentum wird man hier nicht finden.
Analog:
We publish science fiction stories in which some aspect of future science or technology is so integral to the plot that, if that aspect were removed, the story would collapse.
F&SF:
The speculative element may be slight, but it should be present and readily discernible by readers, ideally in the opening first or second page.
Keine SF als Dekoration oder Kulisse mehr.
Analog:
The stories must be strong and realistic, with believable people (who needn’t be human) doing believable things–no matter how fantastic the background might be.
Kommentare zu mangelnder Plausibilität gehören der Vergangenheit an.
Asimov's:
In general, we’re looking for 'character oriented' stories, those in which the characters, rather than the science, provide the main focus for the reader’s interest.
F&SF:
We prefer character-oriented stories with strong voices and good pacing ... Distinctive characters with a character arc and growth are the ones readers most remember.
Flache Figuren ade.
Asimov's:
A good overview would be to consider that all fiction is written to examine or illuminate some aspect of human existence, but that in science fiction the backdrop you work against is the size of the Universe.
Keine Konfliktstudien mehr, die genauso in irgendeinem alltäglichen Kontext stattfinden könnten.
Clarkesworld:
Though no particular setting, theme, or plot is anathema to us, the following are likely hard sells:
Dann kommt eine recht lange und witzige Liste an Klischees. So etwas erinnert mich an das Lexikon des legendären Turkey City Writer's Workshop, aus dem ziemlich viele der heißesten SF-Schreiberi der USA hervorgegangen sind. F&SF verweist sogar explizit auf dieses Lexikon.
F&SF:
Avoid long, 'infodumpy' passages that explain but do not entertain.
Bye-Bye lange Expositionen ohne Mehrwert.
Was könnten wir tun?
Wir könnten den Anreiz für die Erstellung attraktiver, aufwendiger Texte erhöhen, indem wir eine Entlohnung anbieten für besonders attraktive Texte. Wir müssten nicht Jahre warten auf die optimalen Texte. Wir könnten die geeignetsten aus den zugesandten, die wir veröffentlichen würden, herausfiltern, und systematisch anhand eines Kriterienprofils einordnen. Dann könnten wir Rückmeldungen verbunden mit einem Angebot geben, z.B.:
Dein Text hat es in die Shortlist geschafft. Wir halten ihn für gut geeignet. Im Bereich (z.B.) Spannung sehen wir noch Optimierungsmöglichkeiten, nämlich ... Falls Du Deinen Text in diesem Sinne überarbeiten könntest, würden wir Dir für die Publikation ein Honorar von x zahlen.
Wir könnten von vorneherein auf unseren Submissionsseiten unsere Anforderungen und Empfehlungen transparent und konkret machen.
Um uns zu viel KI-Gewusel vom Hals zu halten, könnten wir ähnliche Ansagen machen wie Asimov's und Co.
Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Auswahl, z.B. die für einen Preis Nominierten eines Jahrgangs, in einem eigenen Medium mit besonderer Ausstattung, z.B. Print und Hochglanz wie beim Exodus, nochmal für ein größeres Publikum zu publizieren. So manches Mal fand ich es schade um das eine oder andere nominierte Werk, das den Zuschlag nicht erhielt und in der öffentlichen Aufmerksamkeit zurücksank. Entsprechend müssten die erstveröffentlichenden Magazine dieses Recht einräumen.
Es sind nur ein paar Ideen. 
Bearbeitet von Christian Hornstein, 19 Juli 2026 - 06:36.