Christian, könntest Du Deine Liste durch Aufzählen der jeweils gemeinten Texte konkretisieren, da es interessant wäre, das abzugleichen?
Der grundsätzliche Mangel an überzeugenden Darbietungen im Hinblick auf Originalität, Figuren, Spannungsaufbau oder auch Plausibilität ist ja wirklich nichts Neues. Gründe wurden vielfach diskutiert, oft genannt wird die These, dass man mit Kurzgeschichten kein Geld verdienen kann und deshalb die professionellen, erfahrenen Autoren keine schreiben. Bleiben ein paar Idealisten, von denen die besten das Handwerk eben seit Jahrzehnten kennen und bestenfalls mal für eine Veröffentlichung in der c't monetäre Anerkennung erhalten, ansonsten aber anderen, lohnenswerteren Tätigkeiten nachgehen (ich zum Beispiel). Und eben einige, die gehobene Qualität anscheinend leider nicht immer erreichen. Ich fürchte, weder diese Überlegungen noch die sich in schöner Regelmäßigkeit wiederholenden Beobachtungen geben zu großer Hoffnung Anlass. Letztlich führen die Herausgeber eine Auswahl durch anhand ihrer eigenen Maßstäbe. Die Aussage, dass man vor lauter Spitzenbeiträge eine Doppelausgabe bringen musste, klingt angesichts vieler Beurteilungen etwas seltsam. Ob meine beiden abgelehnten Geschichten bessere Kritiken erhalten hätten, werden wir nie erfahren.
Uwe Hermann - Die Wirklichkeit der anderen
Eine tolle Prämisse, die vielleicht nicht ganz neu ist, aber aus der ein Uwe Hermann immer eine lesenswerte Geschichte macht. Anfangs fühlen wir uns wie in einem Game-Level, das auch Tür-Attrappen enthält, die nur als Ausschmückung vorhanden sind. Kennt man unter anderem aus GTA. Dass eine an sich frei erkundbare Welt solche Sackgassen enthält, wundert keinen Gamer, aber als echte Figur steht man nachvollziehbar etwas verzweifelt da. Leichter Widerspruch ist für mich die versteckte Tür zum Treppenhaus. Wenn auf alles andere aus Effizienzgründen verzichtet wurde, ist die Frage, warum so etwas existiert, und dann auch noch schlecht versteckt. Ein Glitch? Vielleicht. Denn natürlich ist die Firmen-KI nicht unfehlbar. Merken wir auch daran, dass sie den Grund für die Dysfunktion des roten Knopfs kennt - aber statt den Mitarbeitenden die passende Info sauber zu kommunizieren, unterbleibt dies, so dass sich die Menschen logischerweise auf Ursachenforschung begeben. Unvernünftig vielleicht von der KI - aber ansonsten hätte die Geschichte ja auch nicht funktioniert ;-)
Die Auflösung ist natürlich cool, funktioniert für mich aber nur so halb, denn wieso sollten künstliche Arbeiter einen Wunsch nach Freiheit einprogrammiert bekommen, vor allem dann, wenn sie die nie bekommen können. Das ist ein Widerspruch in sich - aber nun ja, weder Menschen sind perfekt noch die von Menschen geschaffenen KIs, insofern ist eben auch Vera nicht fehlerfrei, was sie fast sympathisch machen würde, wenn sie keine Metapher für einen ausbeuterischen Arbeitgeber wäre. Übrigens: Dass die KI ausgerechnet Vera heißt, also "die Wahre", ist sicher einer dieser versteckten Gags von Uwe. Ich seh förmlich sein Grinsen, als er sich das überlegt hat...
Ganz tolle Illustration, super stimmungsvoll aufgrund des monochromen Stils. Eine der besten in beiden Bänden, finde ich.
Andreas Eschbach - Wichtige Anmerkung für Benutzer der Wirklichkeit
Christian, ist das einer der Beiträge mit zu langer Exposition? ;-) Die ersten anderthalb Seiten erklären einmal komplett virtuelle Realität, als hätten durchschnittliche Exodus-Leser keine Ahnung, was das ist. Es gibt keine direkte Handlung, böswillig könnte man es als großen Infodump bezeichnen. Zum Glück schafft Eschbach es, mit professionellem Schreibstil nicht zu langweilig werden zu lassen. Die Schlusspointe ist denn auch ordentlich angebracht - allerdings schon seit der ersten Zeile erwartbar. Also eine runde Geschichte, aber inhaltlich eine, die man so oder ähnlich schon zigmal gelesen hat.
Die Illustration ist eine ordentlich gemachte, schön bunte Collage, die auf mich keine besondere Wirkung hat.
Damit bin ich mit den Geschichten glaube ich durch. Eine Abschlusswertung kann ich nicht schreiben, ohne mich noch unbeliebter zu machen als ich bin und mäßige Laune zu bekommen, daher verzichte ich.
Bearbeitet von Uwe Post, Heute, 11:48.