Hm. Interessante Anmerkung. Ich bin mir da nicht so sicher. Gibt es nicht Leute, die ein Magazin wegen eines Autorennamens kaufen (Marrak, Eschbach...) oder ist zumindest dieser Gedanke im Kopf der Herausgeber? Zudem würde ich vermuten, dass Andreas Eschbach explizit eingeladen wurde (ist so ein Gefühl...), da kannste dann weder anonymisieren - noch ablehnen, wenn man ehrlich ist.
Viele Autoren erkennt man zudem an ihrer Art zu schreiben, würde ich meinen. Deshalb ist die Idee wohl zumindest bei Exodus nicht praktikabel gewesen; bei manchen Anthologien/Ausschreibungen wird es ja so gemacht. Ob das immer zur optimalen Auswahl führt, hängt freilich von den Kriterien ab. Mir ist bei so einer Gelegenheit auch mal eine Geschichte abgelehnt worden, und als sie dann später anderswo erschien, wurde sie ziemlich gelobt. Knifflig.
Ich denke, es kommt darauf an, warum man jemanden bittet, eine Geschichte einzureichen. Wenn ich das tue, weil ich mit dem Namen den Verkauf fördern möchte und die Geschichte in jedem Fall drucke, kann ich nicht zugleich sicherstellen, dass die gedruckte Geschichte bestimmte Kriterien erfüllen wird. Da muss ich mich entscheiden, was ich will. Die Exodus-Jubiläumsbände sehe ich als Sonderfall. Da ging es bestimmt auch darum, Autori, die man einfach gerne hat, dabei zu haben, was ich wie gesagt vollkommen okay finde.
Auch wenn ich jemanden bitte, mir eine Geschichte zu senden, kann ich dafür sorgen, dass diejenigen, die die Geschichten nach Kriterien bewerten, diese nur pseudonymisiert erhalten. Sicher kann ein Stil einen Autor verraten. Sollte das aber eine wesentliche Störvariable sein, könnte man diejenigen, die nach Kriterien bewerten, systematisch fragen, ob Sie glauben irgendeinen Autor wieder zu erkennen. Sollte dies zu einem Treffer führen, könnte man zur Sicherheit abgleichen mit den Bewertungen derjenigen, die den Autor nicht erkannt haben. Menschen, die trainiert wurden und geübt darin sind, bestimmte Textmerkmale zu erkennen, stimmen meist ganz gut überein, wenn sie am Text orientiert sind. Gute Kriterien erlauben durch Training eine hohe Interrater-Reliabilität.
Kriterien sind natürlich eine heikle Angelegenheit. Die Erkenntnisse der Narratologie, der Literaturwissenschaften allgemein, erlauben uns nicht zu beurteilen, was "gut" und was "schlecht" ist. Die Wirkung eines Textes entfaltet sich immer im Individuum und ist damit individuell. Das einzige, was wir tun können, und was auch im Literaturbetrieb ständig geschieht, ist Konsens zu suchen und Konventionen aufzustellen. Das historische Manifest des Cyberpunk war z.B. so etwas. Hier muss man aufpassen, nicht zu normativ zu werden, denn dann lässt man keinen Platz mehr für wertvolle Entwicklungen, die nicht vorhersehbar sind. Zu große Normativität kann man vermeiden, indem man sich auf Merkmale beschränkt, die man im Konsens für unverzichtbar hält, z.B. muss ein belletristischer Text einen oder mehrere bedeutende Anreize bieten. Was reizvoll ist, hängt vom Individuum ab. Es gibt jedoch Inhalte und Formen, die mehr Menschen reizen als andere. Das kann man z.B. bei Casting-Shows, die vor großem Publikum stattfinden, wie z.B. AGT, beobachten. Es gibt z.B. Gesangsdarbietungen, die innerhalb von Sekunden die Leute von den Sitzen heben. Wenn man sich ein wenig mit dieser Kunstform auskennt, kann man sehr gut eingrenzen, woran das lag. Das gleiche gilt für Belletristik.
Nun werden manche einwenden, dass es hier um Massengeschmack geht, dieser aber nicht das Maß aller Dinge sein sollte. Das wäre zum Teil richtig, weil es natürlich nicht darum gehen sollte, immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu befriedigen. Zum Teil wäre es aber auch falsch, weil wir Menschen unsere Natur nicht ungestraft verleugnen können und uns ähnlicher sind, als wir zuweilen denken. Mit anderen Worten: Das Neue und Besondere soll seinen Platz haben. Es kann nur sein, dass es zuweilen ein wenig angepasst werden müsste, wenn es den Zugang für viele nicht allzu sehr erschweren möchte. Eine Kunst, die nur ganz wenige erreicht, ist elitär, und entspricht zumindest nicht meinem Ansatz. Ein gutes Beispiel hierfür ist für mich im SF-Bereich immer noch der Film Blade Runner von Ridley Scott. Als er herauskam, erhielt er eher verhaltene Kritiken. Dennoch ist er innerhalb weniger Jahre zum Kultfilm avanciert, weil er Arthouse-Elemente mit kommerziellen Stilmitteln kombiniert hat, was typisch für Ridley Scotts Werke ist.
Bei all diesen Bedenken sollte man nicht vergessen, dass die amerikanischen Magazine sich nicht scheuen spezifischere Vorgaben zu machen, und ich glaube man kann nicht feststellen, dass sie dadurch qualitativ schlechter dastehen als die deutschen.