simifilm schrieb am 28 Juli 2019 - 10:17:
Heute mit Adam Roberts' The Thing Itself begonnen, das ich schon seit einiger Zeit lesen will.
Ich bin mit The Thing Itself durch und noch nicht ganz schlüssig, was ich abschliessend davon halte. Grundsätzlich sicher lesenswert und zahlreiche brillante Momente, ich bin allerdings vom Buch insgesamt nicht ganz überzeugt.
Roberts versucht etwas ziemlich Verrücktes - Kants Transzendetalphilosophie als Novum für die SF fruchtbar zu machen. Nach Kant ist die Welt - das Ding an sich - nie direkt erfahrbar; wir sind durch die fundamentalen Kategorien unseres Denken wie Zeit, Raum, Kausalität etc. beschränkt. Diese sind demnach nicht Eigenschaften der Welt, sondern die unhintergehbaren Parameter unseres Zugriffs auf die Welt, und Wesen, deren Verstand anders strukturiert ist, nehmen die Welt zwangsläufig anders wahr.
So weit das erkenntnistheoretische Einmaleins. Roberts fragt nun danach, ob es möglich wäre, eine AI zu bauen, die - da nicht menschlich - nicht diesen Beschränkungen unterliegt und dadurch einen direkteren Zugriff auf das Ding an sich hat und dieses sogar bis zu einem gewissen Grad manipulieren kann. Ich bin zwar nicht sicher, ob wir theoretisch in der Lage wären, eine Intelligenz zu erschaffen, die nicht bis zu einem gewissen Grad anthropomorph ist, aber als Ausgangspunkt für eine SF-Geschichte aber auf jeden Fall interessant.
Der Auftakt ist grandios: Roberts verbindet seine Kant-Grundidee mit einem deutlich an John Carpenters The Thing angelehnten Antarktis-Setting und einer guten Prise Lovecraft. Was hier, wie auch an vielen anderen Stellen sichtbar wird, sind die vielen Register, aus denen der Autor schöpft. Roberts kennt die Geschichte der SF ebenso wie philosophische Tradition und verschmilzt diese kunstvoll (im Folgekapitel zeigt sich Roberts dann als H.-G.-Wells-Kenner).
Im Folgenden hat das Buch eine alternierende Struktur: Der im ersten Teil begonnenen Hauptstrang mit dem Protagonisten Charles wechselt jeweils mit anderen abgeschlossenen Episoden ab, die auf den ersten Blick nichts mit Rest zu tun haben, sich schliesslich aber zu einem grossen Ganzen zusammenfügen. In diesen Episoden wechselt auch der Erzählstil markant; es gibt einen deutlich von Ulysses inspirierten Monolog, ein Bekenntnis eines misshandelten Dieners im England des 16. (?) Jahrhunderts etc.
Zwei Dinge haben mich gestört: Zum einen ist Charles eine relativ passive Hauptfigur, die fortlaufend mit neuen körperlichen Gebrechen konfrontiert ist. Sein fortlaufendes Gejammer hat mich mit der Zeit genervt; zugleich wirkt die Action des Plots teilweise forciert und ein bisschen zu bewusst als Gegenstück zu den Passagen, in denen Kant referiert wird.
Ich bin auch kein allzu grosser Fan des Stilmittels, jedes Kapitel in einem anderen Tonfall zu erzählen. Natürlich: Wenn das klappt, ist es schön, aber ich hatte an einigen Stellen den Eindruck, dass Roberts ein Kapitel nur deshalb "ungewohnt" erzählt, damit die Struktur erhalten bleibt, ohne dass daraus ein echter Mehrwert entsteht. Dies gilt insbesondere für den Teil, der quasi wie ein Theaterstück oder ein Drehbuch geschrieben ist; in meinen Augen eine eher sinnlose Übung.
Trotz dieser beiden Einschränkungen ein interessanter Roman, nicht zuletzt, weil Roberts mit seinen Überlegungen zu Kant eine Art Gottesbeweis führt. Ich weiss nicht, wie originell diese Überlegungen sind, inwieweit er hier eine bereits existierende Idee aufnimmt, aber seine Überlegungen sind auch und gerade für einen überzeugten Atheisten wie mich wirklich interessant.