Hi all!
Ich zähle
Das Picknick am Wegesrand zu einem der besten Science Fiction Bücher die ich bis jetzt gelesen habe und stelle es auf eine Stufe (an Wichtigkeit) mit Büchern wie
Odyssee 2001 (Arthur C. Clarke) und
Solaris (Stanislaw Lem [zu ihm später]).
Diese Schilderung des Erstkontakts, anders als uns aus üblichen SF-Filmen bekannt ist und durch ihre (schlecht ausgedrückt) nicht ganz durchschaubare, nicht auflösende, Art der Annäherung zu außerirdischem Leben, geheimnisvoll und durchaus glaubwürdiger als Krieg der Welten, hat etwas reizvolles und regt zu denken an.
Die Strugatzkis schreiben einfach klasse und bringen auf weniger als 200 Seiten alles unter was es unterzubringen gilt wenn man eine Geschichte erzählen will. (Ich habe die Erfahrung gemacht, dass weniger oft mehr ist und finde es als Auszeichnung wenn ein Buch dünn ist und trotzdem mehr erzählt als ein
1000-Seiten Ziegelstein)
In vier grandios gebauten Kapiteln erfährt der Leser stufenweise alles über die Zone, was es zu wissen gibt und dringt pro Kapitel tiefer ein in die Seele des Protagonisten Schuchart.
Der Hauptdarsteller ist für mich allerdings die Zone selbst, da sie das einzige ist was vorrangig in allen Kapiteln behandelt wird. Schuchart ist in diesem Fall die Bühne. Trotzdem erfüllt er alles, was ein Hauptdarsteller ebenfalls zu erfüllen hat. Es findet eine Veränderung in ihm statt.
Die Beschreibung der Zone, nebst der außerirdischen Mitbringsel und der Erscheinungen dort ist bemerkenswert realistisch und
ich glaube nicht, dass es einen einzigen Leser gibt, dem hier nicht ein bestimmtes Bild vor Augen ist und jetzt, viele Tage nach dem Zuklappen des Buches noch in Erinnerung blieb.
Der Inhalt kann, wie viele Postings,
dieses sehr guten Lesezirkels zeigen, auf sehr viele Arten ausgelegt werden. Mir gefällt die Picknick-Variante am besten und ich finde es müßig darüber zu diskutieren ob eine goldene Kugel Wünsche erfüllen kann. Die Autoren beschreiben tatsächlich nur das was
die Protagonisten sagen. Phantome und der Umstand, dass Auswanderer ihre neue Umgebung insofern beeinflussen, dass dort eine Vielzahl der Bevölkerung stirbt..... - na ja, das ist eben so - und nicht anders. Man kann es nicht erklären - wie so viele Dinge auf dieser, aktuellen Welt.
(Warum versäumen Menschen Flugzeuge die abstürzen und sterben danach an Krebs?)
Das Buch ist
fantastisch (ich verwende dieses Wort absichtlich) und verdient es mehrmals gelesen zu werden. Es gehört zu den Besten.
Das Nachwort von Stanislaw Lem
Eh klar!, wie Marcel Reich-Ranicki, sagt er
Richtiges und Unnötiges.
Seine Meinung über die übliche SF ist ja hinlänglich bekannt und stimmt. Soviel zum ersten Teil des Nachwortes, dem ich nichts entgegensetzten kann; doch der zweite Teil, die Analyse von Picknick, ist teilweise
eine Frechheit.
Es interessiert mich nicht ob es möglich ist, dass Außerirdische nur ein Picknick machen, Müll verlieren oder uns ihre Technologie schicken, darüber kann man nach dem Lesen des Buches reden und kommt zu verschieden Schlüssen. Man darf durchaus ein Essay verfassen in welchem dies behandelt wird. Doch durch Aufzeigen sämtlicher Ungereimtheiten in seinem jenem Essay,
ein Buch, dass mehr Lob als Tadel verdient zu vernichten, sich am Schluss noch verteidigen in dem man schreibt,
Ich habe das mit den Autoren besprochen und ständig von einem Märchen zu faseln ist ein Gemeinheit, die ich mir von einem angesehenen Schriftsteller nicht erwarte.
Das Wort
Märchen, wird mir vielleicht jemand sagen, ist durchaus nicht abwertend. Bha! In diesem Fall sehr wohl und ich bin davon überzeugt, dass es in diesem Lesezirkel nicht eine
so intensive Verwendung gefunden hätte, hätten die Leser das Nachwort ausgelassen. Durch dieses überkritische Nachwort wird der Leser schlecht beeinflusst.
Lem zweifelt alles an was es anzuzweifeln gibt außer einer Tatsache, die lässt der alte Kotzbrocken (ich bin mir sicher) bewusst aus -
die Phantome. Klar, da hätte er ja mit Gegenargumenten zu rechnen, denn sein Planet Solaris hat ja ähnliche Erscheinungen produziert, die man ebenfalls in frage stellen könnte und in die Märchenwelt abschieben müsste.
Ich habe noch nie gehört, dass zB. Indianer Jones ein Märchen ist - und Ähnlichkeiten sind da durchaus vorhanden. So wird eben erzählt - was gibt†™s da nicht zu verstehen Herr Lem?
Abschließend hab ich mir noch einige Zitate aus diesem (ich wiedehole, ausgezeichneten) Lesezirkel herausgepickt, die mir wichtig erschienen. Ich hoffe, sie nicht aus dem Zusammenhang gerissen zu haben, doch so fand ich es richtig.
LG Joe
PS: Die zitierten Postings
Wobei ich die die Picknick-Theorie eigentlich von allen bisher gehörten und auch im Buch gelesenen am wunderbarsten finde: Die haben wirklich nur Picknick gemacht und haben ihre Überreste einfach liegen lassen. Genau wie bei uns.
Henrik
Sehe ich auch so
Ich finde den Müll, ähnlich der fRinge, in seiner chaotischen Zerstörungskraft faszinierend.
Hier ein für den leser funktionierendes Gebilde der Analyse zu kreieren, scheint mir die eigentliche Leistung.
Lapismont
Sehr richtig - es ist ein funktionierendes Gebilde
ich finde es richtiggehend erfrischend, wenn Pessimisten wie Lem oder die Strukatzkis dem ab und zu mal etwas richtig Fremdes entgegensetzen.
Und weil sie das gut können, werden wir die Motive der Picknicker oder des Solaris-Ozeans nie entschlüsseln können.
Tichy
Ich glaube gar nicht, dass es wirklich um die Aliens geht. Ihre Hinterlassenschaft ist nur ein Fokus.
Die Strugatzkis legen den Handlungsort an eine für ihre primären Leser weit entfernten Punkt, der hätte auch in einer anderen Galaxie sein können.
Obwohl der Existenzkampf, das ganze Ausgebeute, nach Kapitalismuskritik aussehen mag, wird hier heftig vom Leder gezogen, gegen das Vaterland.
Nicht umsonst wird so viel gesoffen, geraucht und geflucht.
So kann man die Zonen auch als "Freihandelszonen" lesen, als analytische Betrachtung eines Einbrechens anderer Umgebungsvariablen in eine starre Gesellschaft.
Es kehrt das Moderne das Alte heraus.
So in etwa.
Lapismont
Diese Theorie ist ausgesprochen interessant! Ich finde ebenfalls, dass die Strugatzkis das Setting nicht aus Langeweile so gestalteten, sondern mit jedem Wort auf etwas bestimmtes abzielen.
Der Charme der "Picknick"-Theorie ist, glaube ich, zum guten Teil auf ihre Originalität zurückzuführen ... Wirklich originelle Grundideen sind selten geworden in der SF.
Tichy
Was die goldene Kugel wirklich ist, weiß niemand.
Sie ist in ihrer Rätselhaftigkeit eine ideale Projektionsfläche für die Wünsche und Vorstellungen der Protagonisten.
Das Märchenmotiv ist eine Spiegelung von Schuchards Weltsicht und zeigt letztlich, mit welchen atavistischen anthropozentrischen Denkmodellen wir uns die Welt erklären.
Konrad
Schuchart listet kurz vor Ende alle Wünsche auf, die Aasgeier sich angeblich hat erfüllen lassen:
- Aasgeier ist heil aus dem Keller von Trakt 7 herausgekommen
- hat den zappelnden Magneten herausgeschleppt
- hat sich Dinah gewünscht, hübsch und rassig
- hat sich Arthur erbeten
Ok, die Kinder haben keine Ähnlichkeit mit den Eltern, aber wieso sollte es nicht auch in diese Richtung Mutationen geben, wenn es sie auch in die andere Richtung gibt (Äffchen etc)? Als Beweis dafür, dass die goldene Kugel tatsächlich Wünsche erfüllt, sehe ich das jedenfalls nicht an.
Cloud
Weiter bin ich genau Konrads Meinung: Es geht eben nicht um das technische Brimborium, sondern eigentlich um die Menschen und wie sie mit dem Kram umgehen.
Henrik
das is es! - es geht darum wie die Menschen mit sowas umgehen und nicht darum ob es nun möglich ist oder nicht - und
das haben die Strugatzkis
sehr realistisch gemeistert.
Henrik Fisch @ 9 Apr 2005, 09:08)
Ist Euch aufgefallen - ich selber bin erst bei der zweiten Lesung darüber gestolpert - dass im letzten Kapitel Schuchart zu einem eiskalten Killer mutiert?
Eiskalt, würde ich nicht sagen.
Alle Personen bei den Strugatzkis sind wirklich realistisch mit ihren Brüchen gezeichnet.
Um seine Tochter zu retten mußte Schuchard eine "Entscheidung" treffen.
Sein martialisches Abrechnungsgefasel bzw. -gedenksel sehe ich als Versuch an, diese Entscheidung irgendwie für sich zu rechtfertigen.
Konrad
Ich weiß ja nicht, aber findet Ihr die Diskussion um das Märchenhafte der Geschichte nicht ein wenig unwichtig?
Henrik
nicht unwichtg -
LÄCHERLICH
In diese Geschichte kann jeder das interpretieren, was ihm gerade passt. Und alles ist richtig und gleichzeitig falsch, da es keine Lösung gibt.
Dyke
Man darf nicht vergessen, am Ende des 2. Kapitels verkauft er die Sülze an illegale Händler, was er im 1.Kapitel auch nicht getan hätte.
Würde mich nicht wundern, wenn es diese Sülze war, die den Unfall in diesem Waffen-Laboratorium verursacht hat.
Es klebt also schon vorher Blut an seinen Händen.
Konrad
ich nehme an, dass es sich um
die Sülze aus dem Waffen-Laboratorium handelt. Das macht es ja aus - seine Grundsätze werden langsam über den Haufen geworfen.
Die ersten drei Teile sind eine spannende SF-Erzählung, aber durch den vierten Teil wird daraus ein Kunstwerk. Denn es atmet.
Lapismont
stimme dem voll und ganz zu!
Zum Thema „Märchen“ habe ich ja vorher bereits einiges geschrieben. Ja, ok, man kann das Ganze als Märchen sehen. Gebe ich zu. Aber genau so gut, kann man dann einen Großteil der SF in die Märchenecke schieben.
Henrik
eben
molosovsky
Die beiden Ausflüge in die Zone sind sicherlich der Nektar des Romans, der Rest †¦ tja, da komm ich zu meinem gemischten Eindruck.
Naja, soviel bleibt von dem Roman ja auch gar nicht mehr übrig, wenn Du die Ausflüge in die Zone wegnimmst. Nebenbei bemerkt sind es übrigens drei. Und ich bleibe dabei: Gerade das dritte Kapitel, in dem in der Kneipe über Sinn und Zweck der Zone gefachsimpelt und so ganz nebenbei der Titel des Buches erklärt wird, ist für mich genau so wichtig wie die „Action“-Teile (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist).
Henrik
der dritte Teil is absolut wichtig - sonst hätte ihn die Strugatzkis nicht geschrieben, ebenso wie der Prolog, das Interview.
Mit solcher Märchen-SF wie »Flash Gordon« und solchen Märchen im SF-Gewandt wie »Star Wars« hat »Picknick« - für mich - aber auch (fast schon) gaar nix gemein.
Molosovsky
Bearbeitet von Joe Chip, 15 Januar 2006 - 18:11.