Hallo Konrad.
Les mich doch nicht sooooooo streng.
Mal abgesehen davon, daß derartig absolutierende Aussagen außerordentlich gefährlich sind, frage ich mich, ob man *den* Kern der SF überhaupt eingrenzen kann.
Wenn ich geschieben hätte »Fakt ist, daß…«, dann könnte ich Deinen Anwurf verstehen. Aber ich schrieb »Meinung«. Darf ich die etwa nicht so äußern?
Für mich ist aber evident, daß "Vorhersagen der Zukunft" eine in der SF häufig benutzte Methode ist, zu reellen stimmigen Settings und/oder attraktiven Themen zu kommen.
Zur Zukunft vorhersagen (bzw. über die Zukunft spekulieren) ist keine Methode, sondern eine Tätigkeit, die man mit verschiedenen Methoden betreiben kann.
Gerade die Hard-SF legt auf Kulissen mit einer inneren Logik Wert, die der Idee einer technischen Evolution folgen.
Hard SF = stringentere Orientierung an wissenschaftlichen Disziplinen. Da erntest Du keinen Widerspruch von mir. Ergänzen möcht ich aber mit der Frage: Warum die enge Eingrenzung auf
technische Evolution? Ich finde, daß man durchaus auch Überschneidungen zwischen technisch-naturwissenschaftlicher und sozial-geisteswissenschaftlicher Hard-SF deuten/lesen darf. Tut imho auch dem Genre gut, sich nicht nur auf ›Technokraten-Hard-SF‹ zu beschränken.
Ein wichtiger Unterschied zur reinen Phantasie-Kulisse der Fantasy, bei der die "Willkür" des Autors nicht eingeschränkt ist.
Willkür ist ein ziemlich schwammiges Abgrenzungskriterium. Ich bin einer, der wenig von (z.B Todorovs) Minimalansatz der Phantastik hält. Das ist unfruchtbares 70ger-Jahre Psycho-Strukturalisten-Unterholz, meiner MEINUNG nach.
Bei SF-Themen, die durch Extrapolation entstehen, wird ein intensiverer Bezug zur Realität des Lesers hergestellt, der bei der Phantastik sonst oft verloren geht.
ALLE Fiktionen, auch die durchgeknalltesten, müssen in der Echtweltrealität verortet sein, sonst ließe sich gar nix erzählen.
Wenn ich mal so eitel sein darf, eigene Auslot-Versuche anzuführen: Hier ein
Beispiel von mir für sprachlich sehr deviantes ›Erzählen‹, mit dem ich versuchte in ähnliche Grenzbereiche wie Kurt Schwitters oder James Joyce vorzustoßen. Und hier noch ein etwas
milderes und schon weit näher an der Echtweltrealität orientiertes, aber immer noch ›unsinniges‹ Stück Kurzprosa von mir. Hier der Link zur ganzen
›Labor-Phantastik-Experimentreihe‹ von mir.
Ich stimme aber mit dir überein, daß "Vorhersagen der Zukunft" kein notwendiger Anspruch der SF ist.
Siehste, so weit liegen wir gar nicht auseinander. Ist wieder mal die Kleinteiligkeit der Sprache, weshalb wir uns auf den ersten Blick uneins scheinen. Wir gehen wohl nur in Kleinigkeiten andere Wege (Kleinigkeiten, die für ›uns‹ Spezialisten freilich weltengroß erscheinen können).
Allerdings ist bei SF, die diesem Anspruch auch im weitesten Sinne nicht mehr folgt, der Übergang zur Fantasy oft nicht mehr weit.
Für mich als Maximal-Phantast ist diese Grenzziehung zwischen SF und Fantasy ein wenig willkürlich. Für mich gehören neben SF, Fantasy und Horror auch solche Sachen wie Philosophie, Religion, sowie alles Kommunizieren in Metaphern zum ›Kernbereich‹ der Phantastik.
Als Material biete ich hier wieder mal meine Zusammenfassungen von sehr fruchtbaren Texten von:
•
Umberto Eco: Im Wald der Fiktionen;
•
Umberto Eco: Die Welten der Science Fiction;
•
Marcus Hammerschmitt: White Light / White Heat;
Und noch der beste einführende Text in Sachen Genre, den ich im Netz kenne. Sehr schöner, pragmatischer Ansatz (und eben nicht nominalistisch/positivistisch/idealistisch):
•
Daniel Chandler: Introduction to Genre-Theory. (Ich muss endlich mal meine Übersetzung davon korrekturlesen und ins Netz stellen!)
Zuletzt: siehe die umfangreiche Diskussion hier im Forum zum Thema
»Richtig gute SF« (Link auf meinen ersten Beitrag dort).
Und noch ein Link zu meiner Rezi/Kommentieung von Stephensons
»Diamond Age«. Einem Buch, das mir die Augen öffnete, wie ›richtig gute SF‹ (für mich) daherkommt.
Grüße
Alex / molo
Bearbeitet von molosovsky, 24 Februar 2007 - 12:39.