Immer gleich diese Vorwürfe

Also: von welchem Begriff wurde "Phantastik" abgeleitet?
Entsprechend mach ich eine umfangreichere Materialsammlung, weil ich mich eben für die größeren Zusammenhänge interessiere.
Wiegesagt ist für mich von Bedeutung, daß "Phantasie" erstmal ein abstrakter Begriff ist, mit dem man in der Vergangenheit über Bewußtsein (nach belieben auch Seele, Geist) spekuliert hat. Heutzutage kommen da noch solche Vokabeln wie "Emphatie" und "Spiegelneuronen" ins Spiel.
Grimms Wörterbuch hab ich an anderer Stelle schon mal verlinkt. Ich will damit keine Beweisführung betreiben, sondern anbieten, sich eben mal das größere Begriffs-Feld anzuschauen.
In der Musik beispielsweise ist eine "Fantasie" ein Stück, das sich, obwohl komponiert und nicht improvisiert, frei entwickelt und nicht irgendwelchen strukturellen Regeln folgt.
Und als vom Alltagsgebrauch Fazinierter denk ich an solche Aussprüche wie
"Das war ja phantastisch", womit eben nicht immer und hauptsächlich gemeint ist, das etwas nicht konform mit der tatsächlichen Wirklichkeit ist.
Danke aber für die Literatur-Tipps und die Links, simi!
Was nun den Genre-Begriff "Phantastik" betrifft: Ich bin bezogen auf die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ein radikaler Maximalphantast (siehe, "Kulturelle Enzyklopädie" Wissen über die Welt, das zu geschätzten 90% auf indirekten Wissen, nicht selbst Erlebten beruht). Siehe die entsprechenden Stellen im oben verlinkten Philosophie-Begriffs-Überblick in Sachen
"Phantasie ist Prinzip der Politik".
Wenn es aber um Medienwerke geht, trenne ich der Übersicht halber schon zwischen Tageschau, Bibel, "Jenseits von Eden" und "Herr der Ringe". Nur letzters gehört der pragmatischen Gepflogenheit entsprechend zur "Phantastik". Aber ich bin halt immer eifrig dabei, darauf hinzuweisen, daß Tageschau und Co auch nur Mittler/Medien sind, die von Absender/Autoren mit der Absicht in die Welt gesetzt wurden, beim Empfänger/Leser "Vorstellungen, Erscheinungen" zu zeitigen. Ob ich mir anhand von Sachreportagen z.B. das Leben in Kalkutta vorstelle, mich anhand eines Buches in einen Mensch des Mittelalters hineinversetzte oder den Reisen der Gefährten in Mittelerde folge ist für mich dabei ein kleinerer Unterschied.
Also nochmal: "Phantastik" ist DAS große Sammelbecken für die magischen, wundersamen, von der Echtweltwirklichkeit arg abweichenden Fiktionen, also Sammelbecken der bekannten "Genres" Mythos, Märchen, Horror, SF, Fantasy -- wobei oftmals die Satire oder die "romance" so manche Gesetzte der Wirklichkeit vernachlässigt, um mittels krasser Über- und Untertreibung aufregender, spektakulärer zu sein. Grad dieses Übertreiben/Untertreiben macht es knifflig. Klaro spricht man bei Autoren wie Hugo, Dumas, Scott und Co. kaum jemand von "Phantastik". Aber mir geht es wiegesagt weniger um kategoriersende, systematische Genre-Handhabung, sondern um eine Sicht auf Genre, die sich auf die Aspekte der Vorstellungstätigkeit, der Faszination und des Spektakulären/Grotesken/Erhabenen konzentriert.
Praktisches Alltagsbeispiel: ein Bekannter erzählt Länge mal Breite von seiner Krampfadern-Operation. Wenn man dabei Scheißausbrüche bekommt, war die Kraft der Phantasie im Spiel. Ohne Phantasie keine Faszination, keine Motivation zu Handlungen, keine Meinung über die Welt. "Sense of Wonder" kann immerhin genauso von Tatsachen ausgelöst werden, wie von der Realität widersprechenden Fiktionen (einerseits: Bilder der Wissenschaft, geboten durch Teleskop, Mikroskop, Gedankenexperimente; andererseits: Bilder der spielerischen Phantasie, z.B. Schlaraffenland, Himmel, Hölle, usw).
EDIT-Nachtrag:
Simis Buch macht ausführlich auf den Unterschied zwischen Genre (Schwerpunkt: inhaltliche, thematische Eigenschaften) und Modus (Art und Weise der Präsentation) aufmerksam. Allein das zeitigt ganz schon komplexe Verwischungen klarer Abgrenzungen von "realistisch, objektiv" und "phantastisch, subjektiv".
Grüße
Alex / molo
EDIT-Nachtrag zum zwischendurch Dazugekommenen:
@Simi: Ich will Todorov nicht völlig wegstellen, nur im Augenblick geh ich nicht näher auf ihn ein, weil ich Muse haben will, wenn ich mir sein Buch nochmal vornehm (ist über 10 Jahre her, daß ich es zum ersten Mal geselen hab). Ich will niemanden dreinreden, hier über Todorov zu schreiben!
Derweil werd ich in diesem Thread zum einen meine Sicht versuchen zu umreissen, und dazu andererseits eben Materialsammlungen verlinken.
@Theophagos: "Was ist gute Literatur" hab ich auch. Hier bei SF-Netzwerk hab ich in Sachen "Qualität?" schon mal ausführlich daraus zusammengefasst. Nebenbei: obwohl das subjektive Empfinden und das eigene Wissen bei der Wertung von Medien natürlich maßgebend ist, "glaube" ich an objektive Kriterien für Qualitätsabgrenzungen. Literaturwissenschaft und Anthropologie müssen da halt noch weiter zudsammenzusammenwachsen.
@Christian W.: Danke für die Blumen. Aber ich rate auch, besser erstmal Simis Buch zu lesen!
@Konrad: Mittels Prosa den Leser "in den Kopf" oder "in die Gemütsverfassung" einer Figur versetzten ist für mich Phantastik (im weiteren Sinne; kann man aber eigentlich nicht einfach so in den Raum stellen ohne Ausführung ... siehe Simis Mahnung zur sauberen Begriffsverwendung). Aber anschaulich zu machen, wie es in anderer Leute Hirnkastel abgeht, ist nun mal ein erscheinen lassen von Vorstellungen.
Bearbeitet von molosovsky, 07 August 2007 - 13:15.