Theophagos schrieb am 30.12.2007, 16:11:
Dass er auf fixe Grenzen pocht, kann ich aus dem Text nicht herauslesen; in der ganzen Einleitung, in der er sich ja mit Gattungen befasst, kann ich kein Beispiel für dafür finden, dass er explizit sagt: Jedes Werk muss genau einer Gattung angehören.
Tatsächlich fand ich folgenden Satz:
"Ein Werk kann z. B. mehrere Kategorien, mehrere Gattungen manifestieren." (S. 23)
Zweifellos ist Todorov nicht glücklich darüber, aber er streitet Gattungsdoppelungen nicht ab. Doch es scheint sich bei solchen Werken um Ausnahmeerscheinungen zu handeln, wie eben "Die Verwandlung" oder "Burning Court":
"Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß es sich letztlich nicht so sehr um eine Ähnlichkeit zwischen zwei Gattungen als vielmehr um ihre Synthese handelt." (S. 49)
Ich will sein Schema nicht über Gebühr verteidigen; z. B. seine Ausführungen zum Wunderbaren halte ich nur für begrenzt hilfreich.
In Bezug auf Phantastik und angrenzende Gattungen ist Todorov sehr klar (das zeigt auch seine Grafik auf S. 43): Ein Text ist unvermischt unheimlich, phantastisch-unheimlich, reine Phantastik, phantastisch-wunderbar oder unvermischt wunderbar - da gibt es keine Zwischenstufen. Das Problem bei Todorov ist ja, dass sich ihm nur folgende Frage stellt: Wir haben ein potenziell phantastisches oder wunderbares Ereignis - wie wird das nun am Ende aufgelöst? In diesem Raster sind Vermischungen nicht möglich. Wenn es nicht aufgelöst wird, dann ist es phantastisch, wenn es aufgelöst wird, ist es - je nach Auflösung - phantastisch-unheimlich oder phantastisch-wunderbar.
In diesem Sinne gibt es eben keine Mischformen, da für die Gattung ja nur der Endzustand entscheidend ist: aufgelöst oder nicht - und wenn ja, in welche Richtung? Durst wendet hier zurecht ein, dass ja durchaus komplexere Varianten möglich sind, dass mehrfache Wechsel in der Auflösung möglich sind (deshalb entwirft ja auch ein ganzes "Notationssystem", mittels dessen sich solche Abläufe darstellen lassen). In diesem Sinne kann Wunderbares und Unheimliches bei Todorov auch nicht zusammenfallen, denn entweder ist die Auflösung wunderbar oder nicht.
Todorov sagt ja auch selbst in dem von Dir aufgeführten Zitat, dass Unheimliches und Wunderbares eigentlich unvereinbar sind. Natürlich verstehe ich schon, warum er bei der
Verwandlung sagt, dass die beiden Dinge hier zusammenfallen, weil sich hier das Wunderbare quasi "realistisch anfühlt", aber damit macht er ja nur die Probleme seines Ansatzes deutlicher:
- Er unterscheidet nicht wirklich zwischen formalen und fiktionalen/inhaltlichen Kriterien. Dass also - wie bei der
Verwandlung - eine an sich wunderbare Welt gewissermassen "pseudo-realistisch" erzählt werden kann, ist nicht vorgesehen.
- Er macht keinen Bezug zur ausserliterarischen Welt. Wenn er schreibt "In Die Verwandlung handelt es sich hingegen sehr wohl um ein schockierendes, unmögliches Ereignis", dann stimmt das nur in Bezug auf den Leser. Von den Figuren der Erzählung reagiert keine schockiert. Zwar sind weder Gregor noch seine Familie sonderlich glücklich über die Verwandlung, aber schockiert reagieren sie nicht. Ich plädiere hier keineswegs für einen plumpen Realismus, aber die unterschiedliche Reaktionen von Leser und Figuren lassen sich nur damit erklären, dass in der Erzählung ein anderes Weltbild vorherrscht als in der Welt des Lesers; was für Letzteren ein Bruch in der Weltordnung ist, ist für die Figuren nur eine Unannehmlichkeit.
- Dass Du bzw. Todorov sagst, dass es hier nur um Ausnahmefälle geht, macht wiederum die Probleme seines Gattungsbegriffs deutlich, der eben - auch wenn er vorderhand systematische und historische Gattung unterscheidet - ein rein systematischer ist. Ich habe diesbezüglich keine empirische Studie durchgeführt, aber das Problem ist, dass die "reinen" Beispiele, die seiner Definition wirklich entsprechen, dünn gesät sind. Ich bin nicht mal sicher, ob
die Verwandlung ein solcher Ausnahmefall ist. Nach meinem Dafürhalten ist die reine Phantastik viel eher ein Ausnahmefall.
Nicht ganz zufällig erwähnt Todorov SF nur in einer Fussnote, denn hier haben wir in seinem Verständnis eine dauernde Durchmischung von Wunderbarem und Unheimlichem, denn die wunderbaren Elemente der SF werden ja - und darin gibt es durchaus Parallelen zur
Verwandlung - nicht als Bruch der Weltordnung dargestellt. Ich will damit keinesfalls sagen, dass
die Verwandlung SF ist, aber in der Art und Weise wie das Wunderbare bei Kafka und der SF eingeführt wird, gibt es durchaus Parallelen. Es ist einfach da und niemand regt sich gross darüber auf.
simifilm
Bearbeitet von simifilm, 30 Dezember 2007 - 17:33.