fremowolf schrieb am 13.01.2009, 19:36:
Ich sehe das gelassener, aber das ist vielleicht eine Frage des Temperamentes. Ich war schon im Sandkasten eher optimistisch. So absurd es klingen mag, es hat wohl noch nie in der Geschichte eine laengere Friedensepoche und mehr allgemeinen Wohlstand gegeben als in den vergangenen 60 Jahren, falls man mal objektiv ist. Aber so wie sich Sex verkauft, so eben auch Katastrophen. Was fuer ein Theater ueber jede einzelne Leiche heute. Vor 50 Jahren gab es viel mehr davon, aber das Fernsehen hatte wichtigere Themen. Klingt zynisch, ist aber ueberpruefbar. Das gilt auch fuer Israel und Irak. Die Bevoelkerung in Vietnam war nach dem Krieg (1975) deutlich groehsser als am Beginn zehn Jahre davor. Voelkermord ? Die AIDS Epidemie in Afrika ist viel schlimmer, aber so etwas hatten wir hier vor 200 Jahren dauernd. Sieh Dir den Film "Der Husar auf dem Dach" an (http://www.imdb.com/title/tt0113362/) ! Die Leute starben buchstaeblich "haufenweise" in den 1830er Jahren in ganz Europa, und noch die Grippe von 1918 hat angeblich weltweit mehr Leben gefordert als der ganze Krieg. Ich teile die Sicht von Matthias Horx, der sich gegen ein ueberholtes Katastrophengerede wehrt. Das Fernsehen erzeugt ein voellig verzerrtes Weltbild. Wir werden Hypochonder : Weil es uns gut geht wie nie, jammern wir ueber jedes kleine Wehwehchen ! Im Unterschied zu vielen Deutschen war ich nicht besonders ueberrascht ueber die Wahl von Obama, weil ich die USA nie fuer das Reich des Boesen gehalten habe.
Mich amusieren Deine wuesten Rundumschlaege, weil es in meiner Verwandtschaft auch etliche Leute gab, die hohe Verantwortung als Unternehmer und hohe Beamte zu tragen hatten. Waerest Du in der Rolle von Merkel, wuerdest Du auch manches realistischer sehen. Bush hat Fehler gemacht, aber er war kein Monstrum wie Hitler oder Kim Jong Il. Er ist zweimal von einer konservativen Mehrheit gewaehlt worden, aber nun hat eine andere Mehrheit eben Obama gewaehlt, und die Amerikaner sagen mit Recht "so what?". Fehler zu machen und ein Monstrum zu sein sind verschiedene Dinge, und die Amerikaner halten das gut auseinander. Ich sage das nur als Beispiel gegen "Katastrophismus", der eigentlich seit einiger Zeit "out" ist. Aber Du hattest wohl Deine speziellen Erfahrungen damit. Nein, aus meiner Sicht geht es uns weltweit sogar in der Finanzkrise gut. Sieh Dich doch in Deinem Bekanntenkreis um : Wer leidet dort wirkliche Not ? Viele Laender haben z.Z. ein paar Probleme, aber allen - auch China, Russland, Indien, Indonesien, sogar "Afrika" - geht es heute deutlich besser als vor zehn Jahren. Man muss nur einmal auf die Daten schauen. Aber wie Simifilm nicht muede wird zu sagen : "Das, was gut funktioniert, ist nicht sehr interessant." Von den millionenfachen Fortschritten in Wissen und Wohlstand und Freiheit weltweit redet niemand, aber jeder Selbstmordattentaeter ist den Medien einen Bericht wert. Da ist die Dramatik, von der Simifilm immer redet, und die dem taeglichen Fortschritt leider fehlt.
Was die Vergangenheit betrifft, muss ich dir Recht geben. Uns kommen die Jahrzehnte seit 1945 vor allem deshalb so gut vor, weil für Deutschland und die Welt die Epoche davor - Zeitalter des klassischen Imperialismus von 1870 bis 1945 - der schiere Horror war. Sowohl mit den Kriegen und Verbrechen, wo mir Ideologien und Begründungen der Verbrecher mittlerweile alle egal sind, als auch mit dem ärmlichen und immer von Existenzvernichtung bedrohtem Leben der einfachen Menschen selbst in den führenden imperialistischen Staaten.
Doch was die Gegenwart betrifft, muss ich darauf insistieren, dass ich das heutige Projekt "saturierte Industriegesellschaft" für zum Scheitern verurteilt halte. Und zwar NICHT aus Katastrophismus - mir kann man weder erzählen, dass demnächst das Öl alle ist noch dass Brandenburg die Versteppung droht. Es werden immer wieder neue Lagerstätten für Öl und Gas gefunden und steigende Preise machen zuvor unrentable Vorkommen abbauwürdig und profitabel. "Brandenburg droht Versteppung" - die Schlagzeile gab es mal wirklich. Alldiweil es in Berlin - also mitten in Brandenburg - heute meines Erachtens mehr regnet als noch vor einem Vierteljahrhundert. Ach ja - damals drohte uns die nächste Eiszeit, heute schmelzen die Polkappen ab. Oder?
Ich sehe die saturierte Industriegesellschaft nicht an äußeren Katastrophen zu großem Ressourcenbedarf zum Scheitern verurteilt. Im Gegenteil: würde für eine Ressource - Energieträger, mineralischer Rohstoff - wirklich das Aus drohen, hätten wir einen Innovationsschub. Dann würden sich vielleicht auch Forschungen und Investitionen in
Sonnenzapfer zu investieren. Ginge das vielleicht mit Lasern oder Masern?
Doch ich fürchte eher weitere 300 Jahre immer wieder neues Öl und neues Gas und immer wieder Intrigen derjenigen, die darum ein Oligopol errichtet haben. Siehe "Gassstreit" zwischen Russland und der Ukraine. Also Stagnation und Stagnation führt unweigerlich zu Niedergang. Etwa so:
Anstatt 50 bis 60 Millionen Arbeitskräfte braucht die Wirtschaft der BRD nur noch 25 bis 30 Millionen Arbeitskräfte, um ein Land mit 82 Millionen Menschen zu betreiben. Nun könnte man Folgendes tun: die in der Industrie frei gewordenen Arbeitskräfte im sozialen, pädagogischen und wissenschaftlichen Bereich unterzubringen. Weniger Industriearbeiter, mehr Ärzte, Lehrer, Krankenpfleger, Techniker, Ingenieure, Forscher ...
Ich sehe aber Folgendes: da man weniger Arbeitskräfte braucht, kann man in der Industrie die Arbeiter besser gegeneinander ausspielen als vor einer Generation. Man kann also die Reallöhne drücken, was in vielen "randständigen" Sektoren auch geschieht. Da man nicht so viele Arbeitskräfte braucht, kann man auch bei der Bildung "einsparen". Und zugleich zynische Diskurse über den Fachkräftemangel führen. Alldiweil auch eine noch so hohe Qualifikation nicht vor Arbeitslosigkeit schützt.
So hat man nicht 50-60 Millionen gleichermaßen tätige und zufriedene Menschen, sondern eine "Kernbelegschaft" von ca. 25-30 Millionen und eine immer größere marginalisierte Gruppe. Sind wir noch die Zweidrittel- oder die Eindrittel- oder die Drittel-Drittel-Drittel-Gesellschaft? Wie auch immer, IMHO dreht sich die Spirale munter weiter: immer weniger werden gebraucht, um die Dinge des täglichen Bedarfs zu produzieren und wer dafür nicht gebraucht wird, kann sich auf Hartz IV oder Schlimmeres freuen. Die Marginalisierten können auch die Produkte nicht mehr kaufen, deswegen geht es eigentlich nur noch den exportorientierten Unternehmen gut. Bis auch da Ende im Gelände ist, China und Indien auch bei dem aufholen, was sie hier für hochwertig und spezialisiert halten.
Tut mir Leid, aber im Grunde warte ich da nur noch auf das Ende und das Platzen der ganz großen Blase. Und wenn die Diskussionen hier nach dem Motto "Da es kein Problem gibt, gibt es auch keine Lösung" gehen, kann ich das auch nicht ändern.