simifilm schrieb am 15.01.2009, 21:47:
Niemand hier bestreitet, dass es "leise" Filme gibt, darum geht's nicht. Aber ein leiser Film ist noch lange nicht konfliktfrei. Sowohl Solaris als auch 2001 sind voll von Konflikten. Und vor allem bietet keiner dieser Filme die Dir gewünschten Darstellung einer "besseren Welt" - nicht einmal ansatzweise; allenfalls 2001 im Schlussbild (das aber - nicht erstaunlich - kein bisschen konkret ist).
Richtig, der Schluss von Dante's "Goettlicher Komoedie" oder von Goethes "Faust" ist ja auch kein bisschen konkret - und die wussten auch warum : Weil man sich von Gott kein Bild machen soll ! Weil die Zukunft immer offen sein soll, damit wir Menschen Wesen der Freiheit und Phantasie bleiben koennen. Beides hat ja der Weltkontroller Mustafa Mond in der "Brave New World" abgeschafft - und auch er wusste genau, warum. Freiheit und Phantasie erzeugen Unruhe, Unberechenbarkeit und Unsicherheit, und genau das ist es, was alle Buerokraten und Technokraten hassen. Das ist ihre spezielle Neurose, und das ist die Neurose aller Erfinder von Utopien und aller grohssen Saubermaenner : Sie ertragen keine Unordnung und keinen Widerspruch. Alles muss "auf Zack und Vordermann" sein. Es gibt einen geheimen Zusammenhang zwischen der ausschweifenden deutschen und russischen Seele (Musik !) und dem fanatischen Kampf der Hitlers und Stalins gegen diese Unordnung und fuer die "Utopie der Saeuberung" (so der Titel eines wichtigen Buches von Gerd Koenen (ISBN 3-8286-0058-1). Kampf gegen das Gefuehlschaos im Namen des Fortschritts, kampf gegen den Urwald im Namen der Baumschule - das ist ein charakteristisches Dilemma der Moderne. Dagegen ist die Postmoderne mit Beatles und Rock'n Roll und Drogen immer ein Dauerprotest gewesen, der in "Yellow Submarine" schoen zum Ausdruck kam.
Man wirft mir hier immer wieder vor, ich verzettelte mich in unendlichen Exkursen. Ich glaube aber im Gegenteil, dass ich immer dichter an meinem Thema, an der Frage "Welche Zukunft wollen wir?", geblieben bin, als viele andere Beitraege. Ich bin vielleicht etwas wild, aber unernst bin ich nicht. Ich bin "bei der Sache". Dicht am Thema zu bleiben heisst nicht immer, einfache und klare Fragen zu stellen.
Um das einmal zu illustrieren : Wenn jemand ueber die Liebe schreibt, dann doch nicht in der Weise, dass er einfache und klare Argumente aus der Biologie zur Fortpflanzung bringt, sondern man koennte mit "Hectors Abschied" in der Ilias beginnen und dann zur Liebeslyrik von Sappho und Anakreon wechseln, um von dort zum "Hohen Lied Salomonis" und zu Platos "Symposion" und zum beruehmten 13ten Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther zu kommen. Ein Exkurs ueber die Rolle der Erotik und der Satyrn in der Antike koennte folgen. Schliesslich kommt man zur Liebe Dantes zu Beatrice und zur Gottesminne der Mystiker im Christentum und im Islam und am Ende auch zu De Sade und zu Nietzsche und Freud. Exkurse ueber die Liebe zur Natur und zu Kunst und Musik und zur Wissenschaft, zur Wahrheit, zur Schoenheit, zur Gutheit koennten folgen. Es gibt eine ganze Reihe von Aufsatz-Sammlungen, die dieser Fuelle des Themas einigermahssen gerecht zu werden versuchen, und die gerade darin, in der Beachtung dieser Fuelle, "dicht am Thema" bleiben. Erst dann kann man ueberhaupt beginnen, vorsichtig in die Tiefe zu graben um einem Verstaendnis des "Wesens" der Liebe naeher zu kommen. Wer mit logisch-analytischen Ueberlegungen anfaengt, verbaut sich den Zugang zum Thema von vornherein und hat am Ende nur noch Formalismus. Warum das Thema die ganze Kultur und Gesellschaft durchdringt, und was die helfende Liebe in ihren vielen Formen mit erotisch-sexueller Liebe einerseits, mit Liebe zu Kunst und Wissenschaft und Musik andererseits zu tun hat, bliebe ihm unverstaendlich.
Vereinfachen heisst nicht versimpeln. Ich habe im Zusammenhang mit meiner Frage "welche Zukunft wollen wir?" immer wieder versucht, die Fuelle der Aspekte und Schwierigkeiten dieses Themas bewusst zu machen. Ich habe das "Suehssies Paradox" erwaehnt ("Manchmal Suehssies ist gut, immer Suehssies ist unertraeglich.") Ich habe angedeutet, dass es falsch sein koennte, Religion und Askese als unvernuenftig abzutun, weil gerade ihr Protest gegen das scheinbar anerkannt Vernuenftige sie wertvoll macht. Wir haben doch einen sehr fragwuerdigen Begriff des Vernuenftigen, wenn Leute wie Himmler und Speer sehr effizient sind, Leute wie der Buddha und Sokrates und Jesus aber nicht. "Effizient" zu sein kann also kein gutes Kriterium fuer einen guten Menschen sein. Das gilt auch fuer den Unterschied zwischen "tuechtigen" und "behinderten" Menschen. Andererseits aber sind nicht alle tuechtigen und effizienten Menschen schon dumm, boese oder neurotisch. Es gibt zahllose Vorbehalte dieser Art, und man muss daher sehr sorgfaeltig argumentieren.
Ich finde die bisherige Diskussion ueberraschend oberflaechlich. Mein Anspruch, dass ich von der Philosophie her frage, war und bleibt ernst gemeint. Was ich im Sinne habe ist eine "Kritik der weltverbessernden Vernunft". Was meinen wir mit dem Anspruch, die Welt verbessern zu wollen ? Ist eine Welt, in der es keine Tragik und keinen Schmerz mehr gibt, wirklich "besser" oder gar "gut" ? Schon das ist sehr umstritten ! Und was wollen wir einen "guten" Menschen und eine "gute" Gesellschaft nennen, auf die hin der "typische" Mensch oder die "uebliche" Gesellschaft zu verbessern waeren ?
Wir muessen uns doch bewusst sein, dass nicht nur die Religionen und die Aufklaerung, sondern - im Anschluss an die Aufklaerung - auch die Frankfurter Schule mit Adorno, Marcuse, Habermas und vielen anderen - um eine Verbesserung der Alltags-Welt bemueht war, wobei Marx und Nietzsche und Freud als kritische Anreger gesehen wurden. Inzwischen entdeckt man auch die Kritik der Religionen wieder, wie sich in der Diskussion von Habermas und Ratzinger zeigte. Es ist doch nicht so, als ob die Zukunft allein das Thema der "SF-people" waere ! Meine Frage war nur, was die "SF-People" hier zum Verstaendnis beitragen koennen, da doch die Zukunft ihr offizielles Thema ist.
Noch einmal : Meine Frage meinte nicht "welche Zukunft kommt auf uns zu?" Die Frage ueberlasse ich den Futurologen und Trend-Analytikern (Naisbitt, Horx, Gerken, Popcorn usw.. Vgl.
http://www.mister-wo...gs/futurologie/ )
Aber immhin sollten wir ja auch nicht naiv sein. Es kommt schon einiges auf uns zu. Wir werden uns von der naiven Vorstellung trennen muessen, als koennten wir einfach so bleiben, wie wir sind. Man sehe sich nur einmal das hier zur aktuellen Robotik an : Dawn of the robots, by Robin McKie. >>
http://www.cosmosmag.../node/2434/full. Oder das hier :
http://www.wfs.org/foresight/ Oder dies :
http://www.edge.org/.
"Nichts bleibt, wie es ist." Die aus allen SF-Romanen und Filmen gelaeufige Vorstellung, dass die Menschen in 1.000 Jahren immer noch so aussehen und so denken und fuehlen wie wir heute, und dass man ein Alien wie Dr.Spock an spitzen Ohren erkennt, ist doch heute schon laecherlich. Das erinnert an die alten Stiche zu Jules Verne's "Reise zum Mond", wo die Lunanauten ihre Rakete in Frack und Zylinder besteigen. Wir stellen uns den schon jetzt sich andeutenden Moeglichkeiten doch noch garnicht. Wir weichen immer noch ins unverbindlich Maerchenhafte aus.
Schon heute ist es viel plausibler, dass nicht wir Menschen selbst, sondern dass strapazierfaehige intelligente Roboter fremde Planeten fuer uns entdecken und erforschen - wenn ueberhaupt. Ich denke z.B. an die Figur des Ash in "Alien" (
http://www.imdb.com/...cter/ch0000859/ ), aber die wirklichen "Explorer-Robots" der Zukunft werden vermutlich nicht einmal menschenaehnlich sein, sondern einfach nur "robust und intelligent" wie das Alien selbst. Aber noch lassen wir solche Gedanken nicht an uns heran, weil sie unser Selbstverstaendnis gefaehrden.
Meine Frage meinte auch nicht "wie haetten wir's denn gerne ?" Das war die Frage von Ernst Bloch im "Prinzip Hoffnung" (besonders Band 2, ISBN 3-518-07603-5, Kap.33 ff.): Traeume von einer besseren Welt, von einer Erloesung am Ende der Tage, wo Lamm und Loewe friedlich beieinander liegen wie im Paradies, Traeume vom Schlaraffenland oder von "72 Jungfrauen", usw.. Beide Fragestellungen - Erwartung und Hoffnung - sind passiv. Sie sehen die Zukunft als etwas, das auf uns zukommt oder kommen sollte. Die Zukunft im Blick von Prognostik und Glauben und Hoffnung.
Meine Frage ist genau umgekehrt die nach unserer Verantwortung als vernuenftigen und sittlichen Wesen : "Welche Zukunft wollen wir bauen und verantworten, so dass wir noch im Rueckblick aus 1.000 Jahren auf unsere Pionierleistung hier und jetzt Stolz empfinden koennten ?" Und zwar eben nicht den dummen Stolz blohss technischer Pioniere, die irgendwelche fremden Planeten besiedelt haben, und die sich dort genauso dumm und verbohrt benehmen wie hier, sondern den berechtigten Stolz von denkenden Wesen, die sich ihrer Wuerde als denkender Wesen bewusst geworden sind.
Wir muessten das Lob nicht nur eines Buddha, eines Sokrates, eines Jesus oder eines Kant wert sein, auch nicht nur das Lob von Aldous Huxley und Herbert Marcuse, sondern auch das Lob der groehssten Kuenstler, wobei ich auch an Gaudi (
http://en.wikipedia....ki/Antoni_Gaudí ), an Hundertwasser (
http://en.wikipedia....h_Hundertwasser ) und an Niki de Saint Phalle (
http://en.wikipedia....de_Saint_Phalle ) denke, auch an Charlie Chaplin und an Picasso und Klee und andere ihrer Art. Ich kaempfe gegen die Dummheit von Technokraten, Buerokraten, und Bastlern, die ueberall nur technische Probleme sehen wie kleine Jungen mit ihrem Kosmos-Baukasten.
Wir muessten uns eine Welt vorstellen und erschaffen, die wahrhaft intelligenter Wesen wuerdig waere. Deshalb habe ich auch gesagt, dass weitaus das Meiste, was in der SF geschrieben oder gefilmt wird, eine Beleidigung fuer intelligente Wesen ist, weil es ueber die dumpfe Bloedheit aeffischer Triebe nicht hinausweist, sondern immer wieder nur Gewalt und Eifersucht und "Gier, Hass und Verblendung" inszeniert. Als ob alle Probleme sich nur durch Bomben und "Blaster" ("Wegputzer", s.
http://en.wikipedia....ter_(Star_Wars) und
http://starwars.wiki.../wiki/Disruptor und
http://starwars.wiki..._and_Technology loesen liessen, und als ob der Fortschritt nur darin bestuende, bessere Bomben und Blaster zu erfinden und einzusetzen, Fortschritt reduziert auf den Uebergang von "dumb weapons" auf "smart weapons".
Und als ob gegen Sinnprobleme nur Speed und Koks und Alkohol und Sex und "Rock'n Roll" helfen koennten, so lustig das alles auch sein mag.
Hier ein typisches Beispiel, das ich zufaellig eben entdeckte (aus der Besprechung einer sehr populaeren SF-Roman-Serie) : // Ender's Game beschreibt unsere Welt in einer nahen Zukunft. Was mehrere Jahrtausende Zivilisation nicht leisten konnten, hat schliesslich der Angriff einer ausserirdischen Rasse geschafft. Die Menschheit ist vereint im Krieg gegen die "Buggers", eine insektoide, extraterrestrische Rasse, deren erster Angriff auf die Erde durch das Militaergenie Mazer Rackham abgeschlagen wurde. Die internationale Flotte sucht nach talentierten Kindern, um sie zum Kampf gegen den naechsten Angriff der Buggers auszubilden.//
(
http://www.amazon.de...lm_pdp_prod_0_1 ).
Ein dazu passender Film ist "Starship Troopers" (
http://www.imdb.com/title/tt0120201/ ).
Buch und Film sind spannend gemacht, keine Frage, aber als Visionen der "nahen Zukunft" sind sie nur "der uebliche Schwachsinn."
Ich habe bestritten, dass diese Art von "gewalttaetiger Dummheit" fuer die Darstellung spannender Filme und Romane noetig ist. Neulich sah ich den grohssartigen Woody Allen Film "Vicky, Christina, Barcelona" (
http://www.imdb.com/title/tt0497465/ ). Dort ist nicht von Krieg oder Gewalt oder Politik die Rede, sondern von den Konflikten, die einige kluge und lebendige Menschen mit sich und ihrem Leben und mit ihren Mitmenschen haben. Diese Art von Konflikten - und der Film ist wirklich nicht langweilig! - ist Ausdruck von Intelligenz und Freiheit. Dazu braucht man weder Orwell noch Huxley noch Tolkien oder Brunner. Dass auch diese anregend sind, bestreite ich nicht, ich habe ausdruecklich zugestanden, dass SF einfach auch Abenteuer und Phantasie und Fun ausleben sollte, und dass ich selbst das auch immer genossen habe bei der Lektuere von Asimov, Heinlein, Disch usw..
Aber Leute wie Woody Allen oder Chaplin oder ueberhaupt alle wahrhaft grohssen Filmregisseure und Autoren schaffen es doch, den ganz banalen Alltag als den Schauplatz tiefreichender Dramen zu zeigen. Das ist schon spannend genug, das kann aufregend sein ! Das gilt sogar im Surrealismus eines Beckett oder Bunuel. Das gilt auch im religioesen Kontext eines Bernanos. Grohsse Kuenstler sind nie auf Krieg und Verbrechen und Geheimdienste und Perversionen aller Art wie in "Saw" angewiesen. Die Auseinandersetzung einer Seele mit Gott kann viel spannender sein als jedes Kettensaegen-Massaker und jedes "vor und nach dem Atomkrieg"-Szenario.
"Welche Zukunft wollen wir?" heisst also "philosophisch" : "Welches Bild von uns selber als vernuenftigen und phantasievollen Wesen haben wir, wofuer wollen wir kaempfen, welche Welt wollen wir bauen, so dass wir uns der Zukunft in 1.000 Jahren nicht zu schaemen haetten ?" DAS war der Sinn meiner Frage. Sobald man diesen philosophishen Kern der Frage ignoriert, wird die Frage flach und sinnlos, eine blohss technische Projektion moderner Paradieseshoffnungen im Sinne von "Wohlstand fuer Alle". Das war nie mein Thema, das bliebe weit hinter meinem Thema zurueck.
Und die aehnlich klingende Frage "wie haetten wir's denn gerne?" muss man so sehen : Wenn wir drei Wuensche an einen Daemon frei haetten, dann mussten wir vor allem wuenschen, dass es ein guter und kein boshafter Daemon ist. Was geschehen kann, wenn man scheinbar sehr naheliegende und vernuenftige Wuensche an einen teuflischen Daemon richtet, das zeigt die erschreckende Geschichte von der Affenpfote (
http://de.wikipedia..../Die_Affenpfote ), die auch z.B. in der Version von "Friedhof der Kuscheltiere" (
http://de.wikipedia....er_Kuscheltiere ) und in einigen anderen Versionen verfilmt wurde.
Wenn man Kinder fragt "Wie haettet ihr's denn gerne?" werden sie vielleicht sagen "Nie mehr Schule und nie mehr Schimpfe und immer Suehssies und Fun !" Aber so einfach geht es eben nicht. Nicht einmal die "Anti-Paedagogik" im Gefolge von Neill (
http://de.wikipedia....utherland_Neill ) und Goodman (
http://de.wikipedia....ki/Paul_Goodman ) und Illich (
http://de.wikipedia.org/wiki/Illich ) ist je so naiv gewesen. Aber immerhin haben ja Huxley, Marcuse, Maslow, Skinner und Fromm ein paar gute Ideen zu einem besseren Zusammenleben der Menschen formuliert, obwohl dieser "secular humanism" (
http://de.wikipedia....ecular_Humanism ) bzw. der "evolutionaere Humanismus"
(
http://de.wikipedia....Schmidt-Salomon ) verglichen mit den Religionen sehr flach erscheinen kann.
Sich eine wahrhaft menschenwuerdige Zukunft und den Weg dorthin auszudenken ist sehr, sehr schwierig ! Ich rede doch hier nicht von irgendwelchen neuen Blaupausen fuer Utopia ! Das war es, was Adorno mit "negative Dialektik" umschrieb : Die Gegenwart kann und darf uns nicht gefallen, weil hier in zu vielfaeltiger Weise die Menschenwuerde und -intelligenz beleidigt wird. Also gibt es immer genug, was wir "verneinen" (negativ bewerten) muessen, sofern wir ueberhaupt noch denkende Wesen sind. Das war es auch, was Habermas mit einem "Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit" ansprach. Aber die Verneinung darf nicht in eine utopische Vision der perfekten Welt ausarten, denn die gibt es nicht. Wir lernen staendig, unsere Erfahrung wandelt sich, wir leben. Das Negieren wird so zu einem dialektischen Prozess, der nie zum Ende kommt.
Wir muessen davon ausgehen, dass intelligente, phantasievolle Wesen immer Schwierigkeiten mit der Wirklichkeit haben werden, einfach deshalb, weil sie intelligent und lebendig sind. Nur dumme und innerlich tote Menschen sind mit der Welt, so wie sie ist, zufrieden. Na ja, etwas komplizierter ist es schon, denn auch Dummkoepfe sind oft unzufrieden, und ein Buddha oder ein Sokrates wirken, als ob sie mit der Welt im Reinen seien. Aber das fuehrt hier zu weit, ich deute es nur als Thema an. Das erklaert, warum jeder, der eine Utopie schreibt, erst einmal die Menschen durch menschliche Roboter ersetzen muss, durch Wesen, die dumm und innerlich tot sind, durch "gesichtslose Nummern auf zwei Beinen" wie in Samjatin's "Wir" oder bei Huxley und Orwell. Genau in diesem Sinne ist Woody Allens neuer Film ein intelligenter Film, der die Schwierigkeiten intelligenter Menschen ernst nimmt, statt "einfache" Loesungen vorzuschlagen, wo es keine geben kann.
"Welche Zukunft wollen wir?" - das ist eine grohsse und komplexe Frage, die nicht auf etwas Einfaches verkuerzt werden darf. Die bisherige Debatte hier war ein mildes Brainstorming, das Nachdenken ueber die tieferen Schwierigkeiten der Zukunft beginnt ueberhaupt erst. Wenn einige Leser hier verwirrt und irritiert sind, ist das nur ein gutes Zeichen, dass man sich dem Verstaendnis des Problems naehert.
Ich habe oben mit ein paar Links angedeutet "was (schon in absehbarer Zeit von ein paar Jahrzehnten) auf uns zukommt", und die Herausforderung an die "SciFi-People" und an die Philosophen gleichermahssen besteht eben darin, dies mit den Vorstellungen der Theologen und Philosophen zu einer vernuenftigen und realistischen Diskussion zu verbinden, also gleichsam einen Ray Kurzweil mit Ratzinger und Habermas in ein Gespraech zu verwickeln, das allen dreien (aber vor allem Kurzweil) einen enormen Lernprozess abverlangt. Und zu diesem Gespraech muesste man dann vielleicht noch einen Henry Kissinger (fuer die Politik), einen Colin Powell (fuer das Militaer) und einen Joe Stiglitz (fuer die Wirtschaft) und/oder ein paar andere (z.B. Nelson Mandela) hinzuziehen. Damit wird wohl deutlich, welche Dimension die Frage "Welche Zukunft wollen wir ?" tatsaechlich hat, so wie sie von mir gemeint war.
Uebrigens habe ich ein paar Hausaufgaben gemacht, und die 13 durchweg lesenswerten Aufsaetze im "Heyne SF Jahr 2008" studiert (ISBN 978-3-453-52436-1, S.21-336). In keinem dieser Aufsaetze kommt die philosophische Thematik zur Geltung. Das Gleiche gilt von den Aufsaetzen des vorangehenden Jahrbuches "Heyne SF Jahr 2007" (ISBN 978-3-453-52261-9, S.13-282). Genau darum habe ich betont, dass ich von der Philosophie her frage und argumentiere. Man sollte das als Herausforderung schon ernst nehmen.
Wir werden immer mehr koennen. Das ist schon sicher. Uwe Neuhold hat fast alle derzeit bekannten "Fortschritts-Erwartungen" in einem langen Aufsatz fuer das "Heyne SF-Jahr 2008" unter dem Titel "Die grohsse Transformation" (aaO, S.127-205) zusammengestellt. Das ist der Stoff des "Transhumanismus", der Vision vom kuenftigen Menschen, die schon Julian Huxley (Bruder von Aldous) hatte (vgl.
http://de.wikipedia....Transhumanismus und
http://en.wikipedia....i/Transhumanism . Aber die Frage der Philosophie ist ja nicht, ob wir das koennen werden, sondern ob wir das wollen sollten, ob es unserem Bild von uns selbst als Menschen gerecht wird - falls wir ein solches Bild haben. Man vergleiche in dem Zusammenhang auch, was der Philosoph Passmore ueber die Ideen zur "Vervollkommnung des Menschen" schreibt (
http://oll.libertyfu...o...0&Itemid=27 und
http://www.libertyfu...?displayID=1711 .
Weitaus extremer und spekulativer ist schon diese Vision von Gregory J. E. Rawlins :
http://www.cs.indiana.edu/~rawlins/ und
http://www.roxie.org/books/moths/ und
http://www.roxie.org...ths/author.html .
Noch einmal : "Welche Zukunft wollen wir ?" meint : "Welche Vorstellung haben wir von uns selbst als intelligenten und schoepferischen Wesen, deren Aufgabe die verantwortliche Gestaltung der Zukunft ist ?" Das ist die philosophische Frage der Freiheit, die sich auf blohss Technisches oder auf blohssen Wohlstand und gute Laune nicht reduzieren laesst. Erst wenn man das begreift, beginnt diese Diskussion sinnvoll zu werden. Unser Begriff des Menschen und seiner Freiheit ist immer noch viel zu primitiv, so als ob wir weiter nichts waeren als intelligente Affen, die ihre Intelligenz nur benutzen, um ihre Bananen besser zu verwalten und ihre Lustgefuehle zu kultivieren. Dann waeren wir in der "Wackeren Neuen Welt" von Huxley angekommen. Was fuer ein klaegliches Verstaendnis von Intelligenz und Freiheit waere das !
Wir sind zwar denkende Wesen, und als solche sind wir zugleich auch immer freie Wesen. Aber ich habe im Hinblick auf die Filme "I, Robot" und "A.I." schon daran erinnert, dass unser Recht, so zu leben, wie wir es wollen, gegen die Moeglichkeit, dass wir von uns ueberlegenen Wesen zur Seite gedraengt werden, nichts besagt. Wir sind nicht notwendig auch schon die hoechste Stufe denkender Wesen. Wir koennten beispielsweise den "advanced mechas" in "A.I." ihr Existenzrecht nicht mit moralischen Gruenden bestreiten, sowenig wie heutige Schimpansen unser Existenzrecht mit moralischen Gruenden bestreiten koennten.
Ueberlegenheit ist kein moralischer Fehler. Aber im Blick auf die Moeglichkeit von Wesen, die uns auch geistig ueberlegen sind (ohne reine Geist- und Fabelwesen zu sein wie Engel und Daemonen) stellt sich doch die Frage, was die Menschenwuerde ausmacht und was wir da zu verteidigen haben, ganz neu. Das ist der letzte und tiefste Sinn meiner Frage "Welche Zukunft wollen wir ?" Ich habe nie gesagt, dass das eine "einfache" Frage ist. Und sicher ist es keine blohss technische Frage.
Wir muessen mindestens vier Arten von Intelligenz unterscheiden : (1) Die "problemloesende Intelligenz" in den Wissenschaften und in der Technik,(2) die "emotionale Intelligenz" im sozialen Zusammenleben, (3) die "existenziale oder metaphysische Intelligenz" in der Suche nach einem Sinn unseres Daseins, und (4) eine "kuenstlerische Intelligenz" in der Suche nach der besten Form eines Kunstwerkes oder einer Musik oder eines Romans usw.. Wir bleiben heute zu oft im Studium der ersten beiden Formen der Intelligenz befangen, im blohss Technischen und Sozialen. Wir muessen uns der Bedeutung der dritten und vierten Intelligenzform erst wieder bewusst werden. Die Frage nach der Zukunft schliesst ja immer auch die nach dem Sinn und der Gestalt solcher Zukunft ein, was weit ueber alle blohss technischen und soziologischen Fragen hinausgeht. Anschaulich : Was in Huxleys "Brave New World" abgeschafft wurde, das sind genau diese Fragen drei und vier, waehrend Fragen eins und zwei dort zufriedenstellend" geloest sind. Meine Frage meinte auch, ob wir diesen Unterschied ueberhaupt noch bemerken und verstehen.
Im Sinne des Transhumanismus kann man heute das Technische nicht mehr klar vom Begriff des Menschlichen trennen. Der Mensch selbst ist dabei, sich zu transformieren und seine vertrauten Konturen zu verlieren. Schon seit langem loest sich die Idee einer Gesellschaft, wie sie der Goethezeit noch vertraut war, auf. Selbst Buecher ueber "Massen-gesellschaft" und "Konsum-gesellschaft" sind heute durch solche ueber "Multioptions-gesellschaft" und "Risiko-gesellschaft" und manches andere Modell verdraengt worden. Der Mensch der Moderne ist in eine Identitaetskrise geraten, er weiss nicht mehr, wer er ist oder sein sollte. Das erklaert zum Teil die Rueckkehr der Religionen.
Die Frage "welche Zukunft wollen wir?" meint also auch : "Wie gewinnen wir eine neue Vorstellung davon, wer wir wesentlich sind, wenn man das Bild des Menschen einmal von allen diesen post- und pop-modernen Spielereien befreit. Was bleibt als Kern des Menschenbildes bemerkens- und erhaltenswert ?
Es wuerde mich nicht wundern, wenn jetzt einige Leser geschockt und "erschlagen" sind, aber so grohss ist nun einmal das Thema. Eine SF-Literatur- und Filmproduktion von Rang haette sich dem zu stellen. Das ist meine These. Denn bisher wird ja die SF noch garnicht als Gespraechspartner der Geisteswissenschaften ernst genommen, sondern nur als Studienobjekt im Rahmen der Studien zur Literatur und Kunst der Massengesellschaft. Aber ein Wandel dieser Situation scheint sich bereits anzudeuten. Auch der Mainstream beginnt zu begreifen, dass "nichts bleibt, wie es ist", und dass man sich auf die Zukunft einstellen sollte.
Bearbeitet von fremowolf, 16 Januar 2009 - 10:47.