Die NOVA-Bonzen ziehen sich zurück.
Dann eignen wir Leser uns doch das Unterforum wieder an.
Hier meine Notizen zu NOVA 29, deren Lektüre ich kürzlich nachgeholt habe:
Michael Haitel: Wenn man NOVA macht … (Editorial)
Inhalt: MH schreibt über Sachen, die man als NOVA-Verleger so macht.
Fazit: Hätte ganz nett und entspannt werden können. Wenn er nicht am Anfang den Namen Dirk Alt erwähnt, anschließend aber die mit ihm verbundene Problematik komplett ignoriert hätte. So bekommt es ein Geschmäckle.
Christian Steinbacher: Grafikredakteur verbummelt wunderbare Illustration!
Inhalt: Der Grafik-Redax hat eine Illu verbummelt. Er entschuldigt sich dafür bei Si-yü Steuber, Marcus Hammerschmitt und den Lesern.
Fazit: Entschuldigung angenommen!
Storys:
Tino Falke: Im Bärental (I: Christian Günther)
Inhalt: Nach einer Auseinandersetzung mit Aliens durchqueren ausgediente Kriegsbären die Wälder auf der Suche nach Menschen. Denn ohne Reiter fühlen sie sich unvollständig.
Fazit: Idee seltsam (warum helfen gerade Kriegsbären gegen Aliens?), die müde Auflösung ahnt man früh, und sie reicht nicht aus, um die nur auf die Pointe zugespitzte Story zu rechtfertigen.
Günthers Illu erinnert positiv an Kinderbücher aus den 60ern.
T. Elling: Die letzte Jungfrau (I: Michael Wittmann)
Inhalt: Esther ist die letzte Frau der Welt, die noch keinen Klonkörper in Anspruch genommen hat. Opa Hein, Arzt, versucht, sie von den Vorzügen der Quasi-Unsterblichkeit zu überzeugen. Sie reden und denken nach über diverse philosophische und ethische Konsequenzen.
Fazit: Brauchbare, wenngleich wenig originelle Idee, aber die Geschichte zerfasert zu einem Essay ohne Tiefgang.
Wittmanns Illu empfand ich unpassend und nicht besonders gelungen.
Tom Turtschi: Die Pinocchio-Abteilung (I: Chris Schlicht)
Inhalt: KIs entwickeln ein eigenes Bewusstsein inklusive der damit verbundenen Probleme. Wir nehmen indirekt teil an einer Führung durch eine KI-Psychiatrie.
Fazit: Ein Rundgang durch ein Irrenhaus ist immer gut, um die Irrsinnigkeiten eines Zeitalters zu besichtigen. Dieser gerät etwas sporadisch. “Hütet euch vor elektrischen Zahnbürsten!“ ist etwas platt als Pointe.
Chris Schlichts SW-Illu zeigt 4 Gesichter mit starken Emotionen. Vor allem Brenner ist cool.
J. A. Hagen: Das Ebenbild (I: Victoria Sack)
Inhalt: In einer Blade-Runner-Welt, in der Klone rechtlos und vogelfrei sind, trifft ein Klon bei einem Einbruch auf sein Original. Und nutzt die Chance.
Fazit: Das Worldbuilding geschieht als Infodump, Pointe plump, alles hat’n Bart.
VSs Illu ist künstlerisch beeindruckend, auch wenn kein Bezug zur Story erkennbar ist.
Moritz Greenman: Spiegelzeit (I: Detlef Klewer)
Inhalt: Nach einem Unfall wacht Pérez in einer Klinik auf. Er erfährt, dass er nur ein Klon des echten P ist. Es wurde zu spät mitgeteilt, dass der echte P durchkommen würde, und die Klonierung samt Bewusstseinstransfer wurde zu Ende geführt. Der Klon beschließt, sein Original beim Fremdgang mit Silvia zu erschießen.
Fazit: Das ist doch mal eine gelungene Story mit starker Idee, stringentem, kompromißlosen Plot, einer Empathie weckenden Hauptperson und einem interessanten Ende.
Klewers Illu zeigt das Spiegel-/Klon-Thema und ist gelungen.
Uwe Post: … und mir wird nichts mangeln (I: Gerd Frey)
Inhalt: In einer zukünftigen Welt gibt es nur Männer, denen männliche Säuglinge vor die Tür gelegt werden, die sie großziehen. Mit Geschlechtsreife wird jeder Mann ein Pater, darf dem Heiligen Geist seinen Samen spenden und selber Söhne empfangen und großziehen. Doch einige Patres erfreuen sich an Fotos von Söhnen ohne Penis. Der Prota beobachtet eines nachts, wie zwei Männer einen Säuglings-Korb ablegen, und verfolgt sie.
Fazit: Idee nicht neu, aber großartige, gut ausgearbeitete Variation. Das steckt viel drin mit Kritik an Christentum, repressiver Sexualmoral und den üblichen Verwirrungen des Heranwachsens. Beklemmend und stark!
Gerd Freys Illu ist in jeder Hinsicht aussagefrei.
Frank Hebben: Am letzten Tag (I: Detlef Klewer)
Inhalt: Eine Gruppe Jugendlicher (?) hängt ab, hört 70er/80er/90er-Musik, während das Radio den nahenden Weltuntergang vermeldet. Am Ende sterben alle in einer Giftwolke, aber in einem Paralleluniversum geht es ihnen hervorragend.
Fazit: Ja, ganz routiniert geschrieben, aber so ziel- und zwecklos wie das Leben der Protagonisten. Hebben kann schreiben, hat mir mit der vorliegenden Story aber nichts zu sagen.
Klewers Illu schön bunt, schön gängstah-mäßig. Story-Bezug?
Norbert Stöbe: Expedition 13B/Regalis (I: Lothar Bauer)
Inhalt: Da gibt es Kristallstelen und Forscher, die deren Inneres erkunden wollen. Endlich trauen sich zwei Freiwillige rein, und dann passiert irgendwas.
Fazit: Absolut nicht verstanden, was abgeht! (Auf H-Zugfahrt gelesen)
LBs Illu ist großartig gestaltet, vor allem die Farbgebung, und vereint die wichtigsten Standpunkte.
Peter Stohl: Keine Maßnahmen erforderlich (I: Si-yü Steuber)
Inhalt: Der Prota arbeitet in einer Schreibstube. Überwacht wird er von einem strengen, bedrohlichen Büroleiter. Daheim entdeckt er ein Licht, das Nacht für Nacht stärker wird, während sein Arbeitseifer abnimmt.
Fazit: Nach Anfangsschwierigkeiten entsteht eine mysteriöse Atmosphäre mit entsprechender Handlung. Gut geschrieben, gelungene Fingerübung, aber nicht mehr.
In Si-yü Steubers Illu stimmt die Perspektive nicht. Insgesamt für ihre Verhältnisse uninspiriert.
Martin Wambsganß: Geifer
Inhalt: Bei einem Kampfeinsatz sollen frisch ausgebildete Soldaten ein Alien fangen und es dazu bringen, seinen drogenhaltigen Geifer auszustoßen. Schnelligkeit und Präzision sind gefragt.
Fazit: Originelle Variante bekannter Idee, sehr komprimiert und mitreißend beschrieben, spannend bis zum Schluss. Gute Kurzgeschichte im eigentlichen Sinn.
Louis B. Shakalo: Anna (Deutsch von Tommi Brehm)
Inhalt: Ein Mann kommt aus dem Gefängnis und trifft seine neue Partnerin Anna, jung, attraktiv, asiatisch. Die beiden verbringen ein erfülltes, gewöhnliches Leben, bis sich bei Anna Fehlfunktionen einstellen und sie abgestellt werden muss.
Fazit: Ich mag diesen novellistischen 30000-Fuß-Exposé-Stil nicht. Hinzu kommt eine absolut ausgelutschte Idee ohne jede Originalität.
Sekundärteil:
Thomas A. Sieber: Die ultimative Verschwörungshypothese
Inhalt: Sieber sammelt philosophische Theorien und SF-Werke, die sich mit der Frage beschäftigen, ob wir in einer Simulation leben. Eine Theorie besagt, dass die Quantisierung unserer Welt einer Pixelung in einer Simulation entsprechen könnte.
Fazit: Erst auf Seite 6 von 8 wird klar, dass das eine Art Einleitung zum Sekundärteil sein soll.
Erfan Kasraie: Philosophische Hypothese, Science Fiction oder Bullshit?
Eine philosophische Untersuchung der Simulationshypothese
Inhalt: EK diskutiert die Simulationshypothese, Argumente pro und contra sowie mögliche Konsequenzen.
Fazit: Ganz nette, aber letztlich müßige Gedankenexperimente. Der wichtigste Punkt steht am Ende des Essays: Für unser praktisches Leben macht es keinen Unterschied, ob wir in einer Basisrealität oder einer Simulation existieren.
Fabian Vogt: Die beste aller Simulationen
Ein theologischer Streifzug durch die Möglichkeit der Wirklichkeit
Inhalt: FV zeigt auf, dass die Grundannahmen der Simulationshypothese Entsprechungen in der Bibel finden.
Fazit: Und das ist „cherry picking“, Interpretation und teilweise Verbiegung christlicher Glaubensinhalte. Gerade das „Na und?“ am Ende darf einem Gläubigen nicht entschlüpfen.
Wolfgang Mörth: Die Gummiwelt-Illusion
Inhalt: WM ordnet die Simulationshypothese in Theorien von Bewusstsein, Gehirnfunktion aber auch Kunst, insbesondere Literatur, ein.
Fazit: Das macht er fachlich ganz ordentlich, aber auf wenig fesselnde Weise.
Karl Smith: Erinnerung an Syd Mead (1933-2019)
Inhalt: Karl Smith erinnert an den Designer Syd Mead, der viele Automodelle, aber auch Filmwelten (u.a. „Blade Runner“) gestaltet hat.
Fazit: Berührender Nachruf auf einen interessanten Künstler, dem ich zu Lebzeiten zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet habe. Eigentlich gar keine.
Cory Doctorow: RIP Mike Resnick
Inhalt: Mike Resnick, mit 77 Jahren einem Lymphom erlegen, hat nicht nur tolle SF produziert, sondern auch intensiven Kontakt zu Fans und „Schülern“ gepflegt.
Fazit: Danke für den Nachruf, Cory!
Gesamtfazit:
Bei den Storys konnten lediglich Greenman, Post und Wambsganß überzeugen, aber nicht überragen. Der Rest ist zumeist sprachlich gut lesbar, was auf ein funktionierendes Sprach-Lektorat schließen lässt.
Der Sekundärteil holt aus dem an sich interessanten Thema "Simulationshypothese" nicht alles raus. Die meisten Artikel gehen mir zu wenig in die Tiefe, um die Faszination dieser Gedankenexperimente zu vermitteln.
Verwundert hat mich, dass die damals frische Affäre um Dirk Alt so fast überhaupt nicht aufgearbeitet wurde. Aber das ist vergossene Milch...
Insgesamt erinnere ich mich an bessere NOVA-Ausgaben.
Gruß
Ralf
Bearbeitet von ShockWaveRider, 26 März 2024 - 13:55.