Christian und Michael, noch kurz ein Wort zu Physik und Philosophie: Die reine Physik ist für mich eine empirische Naturwissenschaft. Aber sie ist inzwischen ziemlich unverständlich geworden. Was früher noch intuitiv verständlich war, ist heute eine Ansammlung komplexer Formeln geworden. Die Philosophie setzt für mein Verständnis da ein, wo Physiker versuchen, ihre Erkenntnisse in Analogien und Bildern darzustellen. Diese Bilder müssen aus dem Erfahrungsbereich ihrer Zuhörer stammen, und bringen damit den menschlichen Bereich mit dem Reich der Formeln zusammen. Und ja, das geht nicht ohne Philosophie.
Neues Thema, zwei von dreien: Die Paradoxien. Kann es tatsächlich Paradoxien geben? Christian meint: nein. Ich meine, dass sich das nicht ausschließen lässt. Fangen wir dem einfachsten Paradox an: Eschers "Treppauf, Treppab" ist natürlich kein Paradox, es ist ein Spiel mit Perspektive, mit der zweidimensionalen Abbildung von dreidimensionalen Objekten. Auch rückbezügliche Paradoxien wie z.B. "Dieser Satz hat sechs Worte" ist genauso falsch wie "Dieser Satz hat keine sechs Worte", sind nicht echt, weil die Aussage jeweils den Träger der Aussage verändert, als das Objekt, das die Aussage beschreibt.
Härter war schon das berühmte Paradox der Mengenlehre, das unter dem Namen "Russellsche Antimonie" bekannt ist. Russell selbst hat es als Barbierparadox darsgestellt. Es lautet kurzgefasst.
"Du kannst einen Barbier definieren als ‚jemanden, der all jene, und zwar nur jene, rasiert, die sich nicht selbst rasieren‘. Die Frage ist: Rasiert der Barbier sich selbst?"
Die Antimonie ist inzwischen wegdefiniert worden.
Ein anderes Beispiel ist "Das Schiff des Theseus". Hier, der Einfachheit halber, die Definition aus der Wikipedia (Übersetzung eines Textes von Plutarch):
Das Schiff, auf dem Theseus mit den Jünglingen losgesegelt ist, wurde von den Athenern aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit entfernten sie daraus alte Planken und ersetzten sie durch neue intakte. Das Schiff wurde daher für die Philosophen zu einer ständigen Veranschaulichung zur Streitfrage der Weiterentwicklung; denn die einen behaupteten, das Boot sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe.
Ist das Schiff im Museum noch Schiff des Theseus, wenn alle Planken und Spanten ersetzt worden sind? Oder für Science-Fiction-Liebhaber:
Es wird bald möglich sein, nach einem Schlaganfall die zerstörten Teile des Gehirns durch elektronische Schaltungen zu ersetzen, die dann die Funktion übernehmen. Wenn nach und nach immer mehr Teile des Gehirn durch elektronische Schaltungen ersetzt werden, ist das Gehirn dann noch menschlich, und ist seine Identität gewahrt? Hängt die Identität eines Menschen von dem Substrat ab, von der Struktur oder von der Funktion?
Grundsätzlich meine ich aber, dass sich echte Paradoxien nicht komplett ausschließen lassen. Gödels Unvollständigkeitssatz besagt, dass in jedem nicht-trivialen Axiomsystem Sätze autreten können, die richtig sein können, aber innerhalb des Axiomsystems weder bewiesen noch widerlegt werden können. Diese Sätze führen vielleicht zu Paradoxien, die erst ein übergeordnetes System aufzulösen vermag. Auch dieses System aber hat das gleiche Problem, nur eben an anderer Stelle. Zur Auflösung müssen wir dann noch einen Schritt höher. So geraten wir aber in einen endlosen (sic!) Regress. Irgendwo muss schließlich ein Paradox überbleiben ...
Bitte betrachtet dies nicht als Belehrung, es nur als Meinungsbeitrag gedacht, und mir ist bewusst, dass es andere Meinungen gibt, die genauso viel Berechtigung haben. Unter dieser Prämisse ist jeder Austausch von Meinungen, so finde ich, sinnvoll und erhellend.
Thomas
Bearbeitet von Fermentarius, 03 April 2026 - 18:00.