Zum Inhalt wechseln


Foto

"Smartokratie": Neue Anthologie Ausschreibung im Eridanus Verlag

Smartokratie Anthologie Kurzgeschichten Social Fiction Near Future Tech Fiction Sciencefiction Eridanus Verlag Ausschreibung

  • Bitte melde dich an um zu Antworten
122 Antworten in diesem Thema

#91 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 23 April 2026 - 19:02

Das Gros der Texte nehme ich auch als interessante, menschliche Widersprüchlichkeit wahr: Keine:r der Autor:innen dürfte ohne Smartphone das Haus verlassen. Trotzdem zeichnen sie Alptraumszenarien davon bzw. betonen, wie viel besser es davor war. Mir leuchtet eben nicht ein, dass schreibende Menschen nicht ein paar Schritte weiter oder zur Seite denken wollen. 

 

Das ist ein interessanter Gedanke. In Bezug auf das Smartphone liegt es wohl daran, dass die meisten von uns den Eindruck haben, dass es ohne gar nicht mehr geht. So ist es wohl für viele technische Einrichtungen, die Teil unserer Alltagsumwelt geworden sind. Wir alle leben ja auch wie selbstverständlich in strombetriebenen Umgebungen. Unsere Abhängigkeit vom Strom ist überwältigend geworden. Nicht auszudenken, wenn wir plötzlich ganz, wirklich ganz stromlos wären. Manche Autori haben den kompletten Blackout auch schon mal durch(alp)geträumt.



#92 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 24 April 2026 - 00:17

Darauf würde ich gerne etwas mehr eingehen, wenn es dir nichts ausmacht:

 

Zum einen empfinde ich unsere Welt nicht als heillos. Eher im Gegenteil, so verrückt es klingen mag. Ich sehe in der Menschheit extrem viel Potenzial und glaube, dass, selbst wenn uns jetzt ein weiteres dunkles Zeitalter bevorstehen sollte, wir am Ende eine Welt erschaffen werden, die unsere Utopien bei Weitem übersteigen. Und nein, das meine ich nicht übertrieben. Vergleich es einfach mit der aztekischen Vorstellung des Tlalocan: Das, was wir bereits jetzt haben, war für die Azteken des 14. Jahrhunderts eine Himmelsvorstellung (sans the death and dying part, of course). Bis auf die üblichen Probleme und Problemchen kann ich mich auch persönlich nicht beschweren – bis auf vielleicht die Tatsache, dass ich im Moment keine Katze habe. Worauf ich hinaus will: Ich brauche in der Literatur und den Medien weder die Hoffnung, dass meine politischen Ideale eines Tages allesamt wahr werden, noch eine Bestätigung meiner Befürchtungen. Ich will dann eher Unterhaltung oder Anregung. Eine Epiphanie wäre das höchste Ziel, aber ich will nicht gierig werden  :bighlaugh:

 

Utopien zu schreiben, macht mir ehrlich Spaß. Ich finde nicht, dass sie schwer von der Hand gehen. Eher würde ich sie mit einer Pastellzeichnung vergleichen oder einem Luftschloss, dass sich ab einem gewissen Punkt von selbst errichtet. Wo die wahre Schwierigkeit beginnt (bzw. wo ich mich irgendwann schwer tue), sind die Konflikte, denn die werden meist durch das Setting selbst erstickt. Es gibt oft nichts oder nur wenig zu verlieren, kein echtes Risiko und sowas wie "Der Charakter könnte sich nie selbst verwirklichen und niemals internationaler Superstar werden" ist für mich eher jugendlich und schon sehr Disney. Das macht es halt schwer, Spannung aufzubauen – oder sie als Schreiber zu erzeugen.

 

Und es muss sich auch ehrlich so anfühlen, als könne „das Spiel“ verloren werden. Ein Beispiel, das wir vielleicht beide kennen, wäre das Finale von Aiki Miras "Neongrau": Nachdem alle Charaktere fast immer und überall gewonnen haben und niemals echte Schwierigkeiten hatten, der Bösewicht Wozniak nebenher und in zwei Sätzen besiegt wurde, müssen sich Phoenix und Stuntboi gegen EPOS, die härteste KI aller Zeiten behaupten. Ich bezweifle, dass es an mangelnder Recherche lag (denn das ist eigentlich eine von Aikis Stärken), aber KIs können schon seit 1993 rein physikalisch nicht mehr von Menschen besiegt werden (deshalb stellen sie sich absichtlich extrem dumm). Angst um Phoenix und Stuntboi hatte ich trotzdem nicht. Der Roman war bis zu diesem Zeitpunkt ein reiner "Playthrough im Story-Mode", um im Gamerlingo zu sprechen, also warum sollten sie jetzt scheitern? Letztendlich wurde EPOS dann tatsächlich in nur drei Sätzen (nicht Seiten) besiegt. Ohne spezielle Taktiken, vielleicht so etwas wie menschliche Erratik, Hardcore Prediction oder Trade-Offs, wie sie in PvP-Matches extrem üblich sind, oder RNGesus, wie man den glücklichen Zufall nennt, der mich persönlich die schwersten Bosse in "Dark Souls"-Teilen und "Elden Ring" besiegen hat lassen – ohne jegliche Probleme einfach. (Das ist meine Meinung und man kann mir hier gerne widersprechen.)

 

Und das ist aus meiner Sicht das Problem vieler moderner Utopien, gerade wenn sie politisch werden. Sie sind oft nicht spannend oder anregend, sondern einfach nur Manifeste oder Optimalwelten, die zur Entspannung einladen. Siege fühlen sich für mich größer an, wenn der Held oder die Heldin dafür kämpfen, bluten, leiden und zahlen musste – und das meine ich nicht im Sinne der Action. In den allermeisten Liebesromanen (die ich sogar mehrfach lese, weil sie mich ehrlich rühren) wird kein Tropfen Blut vergossen. Aber die Aussicht auf ein gemeinsames Happily Ever After stand mehrfach und glaubhaft auf dem Spiel. Oder kam nie, wie bspw. in "P.S.: Ich liebe dich".

 

Aber bevor ich jetzt Utopien schlechter mache, als sie sind: Es gibt exzellente Werke, wie "Dies ist mein letztes Lied", die Utopien sehr facettiert darstellen und deutlich glaubwürdiger machen. Ich würde sogar auch "Etomi" mit dazuzählen, aber das ist ein ganz anderes Kapitel, das man eher in einer längeren Buchbesprechung eröffnen sollte. 

 

Und falls das gerade arrogant klang: Ich schreibe selbst an zwei Utopien – aber vor allem zum persönlichen Vergnügen. Beide beschreiben friedliche, schillernde Orte, in denen nicht viel passiert – außer, dass sich mal ein Leuchtturm beschwert, in der immer selben Farbe zu leuchten; man sich nicht traut, die Teufelin, die im Fahrradladen arbeitet, auf ein Date anzusprechen, Pommes zu salzig sind oder ein Gemälde nicht gelingt. Beide leiden exakt an den Kritikpunkten, die ich zuvor genannt habe, weshalb ich bezweifle, dass ich sie jemals veröffentlichen kann – und will.

 

Eine Dystopie hingegen, und da gebe ich dir Recht, fühlt sich oft sofort wie der Charakter moderner Anpassung an: Ob jetzt Post-Apokalypse oder Überwachungsstaat, Megastruktur oder "The Road", oder irgendwas aus dem Universum von „Warhammer 40,000“ – das Leben in diesen Welten ist hart und wird von zahllosen Regeln geprägt, an die man sich zu halten hat. Die Selbstverwirklichung steht weit hinten an (wie in der Realität), zuerst muss erst einmal überhaupt der Alltag gestemmt werden (wie in der Realität), der oft überwältigen und niederzwingen kann (wie in der …). Das macht viele Dystopien relatable. Unser aller Alltag ist Arbeit, meistens etwas härtere, Zeitmanagement, Zurückhaltung und oft auch der Kampf, einfach nur über Wasser zu bleiben. Transferiert man dieses Gefühl in den Eskapismus, ist man schnell in einer Dystopie. Bonuspunkte vergebe ich, wenn man dann noch von brutalistischen Betonfassaden, solipsistischen Einöden oder alternativlosen Wüsten erzählt. Aber dennoch muss ich insistieren, dass wirklich gute Dystopien alles andere als einfach zu schreiben sind.

 

Da ich gerne in Beispielen spreche: „Godhusk: Rebirth“ (wurde noch nicht übersetzt) ist für mich ein absolutes Must-Read in der Science-fiction. Wundert mich nicht, dass sogar die dritte Printauflage am ersten Tag ausverkauft war (und das, obwohl es praktisch keine Werbung dafür gab!). Da ich es dir wirklich wärmstens empfehlen kann, werde ich auch nicht zu viel spoilern (für den Fall der Fälle, dass du es vielleicht lesen willst): Das Mixed-Media-Novel jedenfalls spielt viele tausend Jahre in der Zukunft. Alles Leben ist längst zu modularen Biomaschinen geworden. Deine Hände und Füße z.B. sind eigenständige Lebensformen, die auch ohne dich existieren können, ebenso der Großteil deiner Organe. Und genau davon erzählt das Buch: Eine Hand erwacht, ohne, dass ihr Besitzer erscheint und macht sich auf die Reise (nicht um nach ihm zu suchen, sondern einfach nur generell). Dabei durchstreift sie ein groteskes Biopunk-Ödland aus Körperteilen, die sich entweder aus Notwendigkeit oder prädatorial, also gegen ihren Willen, miteinander vereint haben. Von den Schöpfern und ihrer Ordnung fehlt jede Spur. Ihre Körperteile wurden anscheinend sich selbst überlassen.

 

Was die Story dabei so unglaublich gut macht, ist nicht nur, dass die Hand ihre gewonnen Körperteile durch bereits kleine Fehler verlieren kann, sondern auch diese freiinterpretierbare Abstinenz jeglicher Aussage. Man weiß die allermeisten Seiten nicht, wohin die Hand strebt, warum sie tut, was sie tut oder warum sie sich Feinden stellt, die ihr überlegen sind. Interessanterweise wird sogar dem Leser oder der Leserin angeboten, ob die Hand dabei moralisch oder utilitaristisch vorgehen soll, im Sinne von „Die Hand könnte sich nun auf diesen Stachelschwanz stürzen und ihn ihrem Körper hinzufügen.“ Ob sie es getan hat, erfährt man nie. Stattdessen heißt es später: „Hat sie sich in der Körnchenwüste den Schwanz hinzugefügt, so kann sie sich nun wehren, muss aber dennoch fliehen.“ Du merkst schon, die Geschichte ist so modular wie ihr Setting, allerdings ohne ins Multiple Choice zu gehen. Wobei meine Schilderungen keinesfalls der Geschichte gerecht werden. Lies sie besser selbst!

 

Um auf einen Punkt zu kommen: „Godhusk: Rebirth“ hat keine gesellschaftskritische Aussage. Man kann sie hineininterpretieren, aber sie erläutert keine, erklärt sich nicht und belehrt nicht. Es ist einfach bloß eine verdammt gute Story, die mit Sicherheit nicht leicht zu schreiben war.

 

Ein vielleicht gängigeres Beispiel (das nicht nur Yvonne Tunnat gelesen hat und sogar da räume ich eine 10% Chance ein, dass „Godhusk: Rebirth“ bisher lediglich auf dem SuB liegt) wären die berühmten „Hunger Games“, die ich damals als „Die Tribute von Panem“ auf Deutsch geschenkt bekommen habe. (Über die Filme kann ich nichts sagen, die habe ich nie gesehen). Sicher, in den Roman kann man ganz klar interpretieren, dass wir (die Leser) das Kapitol sind: Abstrakt gekleidete Wohlstandsverwahrloste, die auf intellektuell-enthobener Ebene mitfiebern, während sich Teenager gegenseitig in einer Arena abschlachten. Aber auch das ist bestenfalls eine Beilage. Was den ersten Roman so unglaublich spannend machte, war die rasant erzählte Action, die Frage, wer und wie stirbt und auch schlicht, wie es endet (zumal die Hungerspiele ja deutlich als ein „Last Man Standing“ umrahmt wurden). Dass Katniss überlebt, war selbstverständlich (so als Ich-Erzählerin), der Rest optional. Ich habe das Buch damals, 2013, in zwei Tagen verschlungen.

 

Und ich könnte jetzt noch endlos Beispiele nennen, aber ich denke, du hast meine Punkte schon lange begriffen: Es ist mit Sicherheit leichter, eine Dystopie anzufangen, aber bei einer Guten gilt für mich dieselbe Regel wie für absolut alle Romane, Comics, Bilder, Werke: Sie sind schwer, wirklich schwer. Und das hat für mich nur wenig mit dem Genre zu tun. Ich habe auch schon einen Solarpunk gelesen, in dem sich eine Ermittlerin auf die Jagd nach einem Tagger macht und konnte bis zum Schluss mitfiebern. Andersherum habe ich einen „Warhammer 40,000“-Roman aufgeschlagen, der darum ging, dass zwei Aliens von einem Planeten entkommen müssen, während die Menschen mit der ethnischen Säuberung von eben jenem beginnen (nennt sich ein Exterminatus und ist in dem Setting sowas wie bei uns ein Brückentag) und habe ihn vor Langeweile nach der Hälfte „für immer verliehen“.

 

Die einzige Gemeinsamkeit, die ich dabei vielleicht entdecken konnte, war das Spielen mit dem eigenen Ideal: Frank Herbert war klarer Umweltschützer, Robert A. Heinlein liebäugelte extrem mit dem Faschismus, Aasimov war Anhänger des Kommunismus, Lem hingegen offener Kritiker, Orson Scott Card ist Christ, Sven Haupt Buddhist (reine Spekulation), Lena Richter Wokeistin – aber sie alle konnten und können über den eigenen Tellerrand hinausblicken und sich sogar über die kleinen Logiklücken ihrer Ideale lustig machen. Das ist aus meiner Sicht eine sehr mächtige Eigenschaft – zu wissen, dass der eigene Glaube durchaus fehlerbehaftet sein kann. Aber das sind jetzt Details. Und noch dazu spekuliert.

 

Grrr. Nach Posts wie solchen, will ich das lieber bei einem Whiskey besprechen. Da kann man so viel mehr ins Detail gehen.

 

Ich hoffe, das war dir jetzt nicht zu viel Text, aber ich wollte dich nicht „schnell“ abspeisen. Dazu hatten wir zu viel Austausch  :wink2:


Bearbeitet von Maxmilian Wust, 24 April 2026 - 11:17.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#93 ChristophGrimm

ChristophGrimm

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 964 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 24 April 2026 - 09:15

@Max: Danke für die interessanten Gedanken. Ich äußere mich zu deinem Silmarillion-artigen Posting bei Gelegenheit.

 

Kurzer Zwischenstand der Sichtung:

 

Ich bin etwas optimistischer geworden. Originellere Ansätze und überzeugendere Spekulationen traten im letzten Sichtungsschwung häufiger auf. Es bleibt zwar überwiegend dystopisch, aber die Ausarbeitungen sind differenzierter.

 

Grün-Wertung: 15 Geschichten 

Gelb-Wertung: 14 Geschichten

Rot-Wertung: 137 Geschichten

 

... und nun zu den verbleibenden 110.


SF/Fantasy-Literaturzeitschrift: https://weltenportalmagazin.de | SF hautnah: https://eridanusverlag.de | Meine Welt der Worte: https://christophgrimm.com
  • (Buch) gerade am lesen:… Einsendungen und Manuskripte ...
  • • (Film) als nächstes geplant: „Star Trek: Strange New Worlds - S3“ (Bluray)

#94 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 24 April 2026 - 11:32

@Max: Danke für die interessanten Gedanken. Ich äußere mich zu deinem Silmarillion-artigen Posting bei Gelegenheit.

Musst du nicht. Inzwischen weißt du ja, dass ich beim Theorycrafting immer ein bisschen zu viel Feuer fange. Ich wollte den Thread nicht hijacken und kann den Post auch einfach direkt per Nachricht an Christian schicken, wenn er hier stört. Das mache ich im Regelfall, wenn er eine Diskussion reißen würde.

 

 

Aber wegen der "Smartokratie": Uff. Gerade einmal 15 Geschichten? Ich habe meiner sowieso keine großen Chancen eingeräumt, aber das macht ja wirklich keine Hoffnung. Aber so wie ich das verstanden habe, braucht ihr ohnehin nur 12-13 gute Geschichten. Von daher ist das doch ... eine gute Sache? 


"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#95 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

  • Globalmoderator++
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 9.383 Beiträge
  • Geschlecht:weiblich
  • Wohnort:Kiel

Geschrieben 24 April 2026 - 12:13

15 sind doch klasse, dicker muss eine Anthologie nicht sein.

 

Godhusk: Rebirth habe ich übrigens nicht gelesen (Panem aber schon, alle fünf).


Podcast: Literatunnat

  • (Buch) gerade am lesen:meistens viele
  • • (Film) gerade gesehen: Der Simpsons Movie, Lola rennt

#96 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 24 April 2026 - 12:38

Fünf? Da habe ich was verpasst. Taugen die beiden Neueren?

 

"Godhusk: Rebirth" kann ich absolut empfehlen. Wird dich in Facetten an "Alchemised" erinnern, allerdings eher in den Bereichen Atmosphäre und Prämisse. Ohne die endlosen Folterszenen, die sogar ehrlich gesagt mir zu überzogen waren und absolut nichts zum Plot beigetragen haben. Wenigstens besser geschrieben als in einem Zoey Aldrich-Roman ...


"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#97 Rezensionsnerdista

Rezensionsnerdista

    Yvonne

  • Globalmoderator++
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 9.383 Beiträge
  • Geschlecht:weiblich
  • Wohnort:Kiel

Geschrieben 24 April 2026 - 13:23

Maximilian, ich habe bei weitem nicht so viel gelesen wie du glaubst (Alchemised auch z. B. nicht).

 

However:

 

Neben der Ursprungstrilogie von Panem gibt es noch zwei Prequels. Das erste dreht sich um Präsident Snow (quasi, wie er böse geworden ist), rund um die 10. Hungerspiele, sehr spannend. Und Panem L ist sehr neu, da geht es um die 25. Spiele, als Haymitsch in die Spiele gezogen ist. 

 

Beides wurde bzw. wird auch verfilmt, der Panem L Film kommt aber erst Ende des Jahres. 


Podcast: Literatunnat

  • (Buch) gerade am lesen:meistens viele
  • • (Film) gerade gesehen: Der Simpsons Movie, Lola rennt

#98 ChristophGrimm

ChristophGrimm

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 964 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 24 April 2026 - 13:25

Aber wegen der "Smartokratie": Uff. Gerade einmal 15 Geschichten? Ich habe meiner sowieso keine großen Chancen eingeräumt, aber das macht ja wirklich keine Hoffnung. Aber so wie ich das verstanden habe, braucht ihr ohnehin nur 12-13 gute Geschichten. Von daher ist das doch ... eine gute Sache?

Ja … Nein … Jein.
12-15 Storys würden ausreichen, keine Frage. Aber ich habe ja noch etliche Sichtungen vor mir, die Zahl der grün markierten Storys wird sich (hoffentlich) erhöhen.

Allerdings bin ich nur ein Drittel des Hrsg.-Team. Kai, Sarah und ich sollten uns mit dem Gros der Geschichten schon einig sein. Keiner von uns hätte vermutlich ein Problem, ein-zwei (!) Storys abzunicken, wenn eine:r davon maximal begeistert wäre, die anderen beiden aber weniger enthusiastisch urteilen. Aber das müssten die Ausnahmen sein, denn wir müssen alle hinter dem Gesamtwerk stehen können. Ein Drei-LP-Seiten-Soloding darf es nicht werden.

Dann ist da noch die inhaltliche Abwechslung. Ich denke, es ist im Thread schon klar geworden, dass ich keine SmartHome-Sammlung haben möchte ;). Die Abwechslung ist wichtig, denn so gut bspw. „Blumen für Algernon“ ist - keiner will sie variiert ein Dutzend Mal hintereinander haben. (Hier fällt mir auch eine Kritik von MKI ein, die er im Podcast von Yvonne über meine Sammlung „Fast menschlich“ geäußert hat. Nämlich, dass ich sieben sehr ähnliche Texte darin untergebracht habe. Und mit genügend Abstand verstehe ich diese Kritik sehr gut. Jede der sieben ist gut, aber im Verbund suboptimal).

Bearbeitet von ChristophGrimm, 24 April 2026 - 13:26.

SF/Fantasy-Literaturzeitschrift: https://weltenportalmagazin.de | SF hautnah: https://eridanusverlag.de | Meine Welt der Worte: https://christophgrimm.com
  • (Buch) gerade am lesen:… Einsendungen und Manuskripte ...
  • • (Film) als nächstes geplant: „Star Trek: Strange New Worlds - S3“ (Bluray)

#99 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 24 April 2026 - 13:30

@Yvonne:

Was Filme angeht, bin ich mein Leben lang hinterher und das hat sich mit den Jahren eher nur verschlechtert. Zudem wurde ich von so vielen Romanverfilmungen enttäuscht, dass ich inzwischen nicht einmal mehr die Animes zu meinen favorisierten Mangas ansehe. "Frieren" z.B, wie auch "Atelier of Witch Hat" sollen beide toll sein, aber ich habe mich noch nicht mal an die erste Folge gewagt, ebenso nicht an "Solo Leveling" – einfach, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Serie den wirklich exzellenten Manwha überbietet.

 

Aber ja, die Netflix-Verfilmung von "One Piece" ist teilweise noch besser als der Manga. Und "Hail Mary" war ausgesprochen gut.

 

Ich sollte mich mehr durch die Streamingdienste arbeiten, wenigstens im Second Screen. Oder mal überhaupt einen mehr als Netflix abonnieren  :bighlaugh:


Bearbeitet von Maxmilian Wust, 24 April 2026 - 13:50.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#100 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 24 April 2026 - 13:38

Dann ist da noch die inhaltliche Abwechslung. Ich denke, es ist im Thread schon klar geworden, dass ich keine SmartHome-Sammlung haben möchte ;). Die Abwechslung ist wichtig, denn so gut bspw. „Blumen für Algernon“ ist - keiner will sie variiert ein Dutzend Mal hintereinander haben. (Hier fällt mir auch eine Kritik von MKI ein, die er im Podcast von Yvonne über meine Sammlung „Fast menschlich“ geäußert hat. Nämlich, dass ich sieben sehr ähnliche Texte darin untergebracht habe. Und mit genügend Abstand verstehe ich diese Kritik sehr gut. Jede der sieben ist gut, aber im Verbund suboptimal).

Bitte verzeih die vielleicht etwas dreist-dumme Frage, aber wie steht es mit 2-3 SmartHomes? Vielleicht im Sinne eines D&D-Gesinnungssystems: Ein Gutes, ein Neutrales und ein Böses? Und ja, mir ist bewusst, dass ich es mir hier schon sehr leicht mit dieser Aussage mache, aber so könnte man vielleicht eine gewisse Farbtrennung erzielen, ohne sich in der Gleichförmigkeit zu verlieren.

 

Oder vielleicht es auch im Stil von Christian Kracht trennen: Eine sachlich-nüchterne Geschichte und eine, die drastisch überzeichnet.


"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#101 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 24 April 2026 - 16:23

Meine Güte, bin ich jetzt neugierig, ob mein Text wohl überzeugen kann. Schlimm, dieses Gehibbel. Und: Ich hibbele immer genauso sehr, wenn ich in einer Jury oder Auswahlgruppe bin und der Zeitpunkt kommt, an dem offenbar wird, wie groß (klein? :ninja: ) die Überschneidungen zu den anderen Mitgliedern sind. Da einen Konsens zu finden, ist nicht immer leicht.

 

Deine Gedanken zu Utopien habe ich interessiert gelesen, @Max und bin jetzt natürlich total neugierig auf deine Gedanken zu Etomi. Falls du die also mal irgendwo äußern magst, lass es mich wissen. Inhaltlich gehe ich total mit: Gerade in einem klassisch actionreiches Genre wie SF ist es enorm schwer, eine Spannung aufzubauen, wenn es rein utopisch wird. Darum leben viele Anti-Dystopien, wie auch meine, von einer Gegenüberstellung von Dystopie und Utopie. Dann gibt es auch wirklich Gefahr und es passiert auch vieles, was teilweise nicht leicht auszuhalten ist. Das ist ja auch in Chambers Büchern teilweise so, als richtige Carrierbag-Geschichte fällt mir eigentlich nur Dex und Helmling ein. Da untersuche ich immer noch, wieso ich den Text trotzdem sehr spannend finde. Es gibt eben verschiedene Arten von Spannung.

Danke auch für deine Ausführungen zu Godhusk, das klingt interessant, aber nicht wie etwas, was ich lesen wollen würde.

 

Und nun schlage ich ganz ganz elegant den Bogen zurück zur Antho: Ich fände es auch cool, wenn die Texte darin verschiedene Arten von Spannung bieten. Und eben thematisch vielfältig sind. Fast menschlich enthielt für meinen Geschmack auch deutlich zu ähnliche Texte. Das ist immer so ungünstig, wenn die sich gegenseitig die Show stehlen und ich auch beim Lesen weiß: Diesen Text mag ich nur darum nicht, weil er der letzte in einer Reihe ähnlicher Texte ist. Wäre es der erste gewesen, hätte er mich begeistert.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#102 ChristophGrimm

ChristophGrimm

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 964 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 24 April 2026 - 16:48

Bitte verzeih die vielleicht etwas dreist-dumme Frage, aber wie steht es mit 2-3 SmartHomes? Vielleicht im Sinne eines D&D-Gesinnungssystems: Ein Gutes, ein Neutrales und ein Böses? Und ja, mir ist bewusst, dass ich es mir hier schon sehr leicht mit dieser Aussage mache, aber so könnte man vielleicht eine gewisse Farbtrennung erzielen, ohne sich in der Gleichförmigkeit zu verlieren.
 
Oder vielleicht es auch im Stil von Christian Kracht trennen: Eine sachlich-nüchterne Geschichte und eine, die drastisch überzeichnet.


Kommt darauf an ;)

.
.
.
.

Ich bedauere ja fast, irgendetwas über SmartHomes von mir gegeben zu haben.
Kai, Sarah und ich *könnten* bei unserer finalen Zusammenstellung Geschichten auswählen, die SmartHomes als Fokusthema haben. Vielleicht eine, vielleicht zwei oder - wenn es 15 Geschichten mit interessanteren Hauptthemen gibt, und SmartHomes nur Settingkosmetik am Rande darstellen - vielleicht gar keine.
SF/Fantasy-Literaturzeitschrift: https://weltenportalmagazin.de | SF hautnah: https://eridanusverlag.de | Meine Welt der Worte: https://christophgrimm.com
  • (Buch) gerade am lesen:… Einsendungen und Manuskripte ...
  • • (Film) als nächstes geplant: „Star Trek: Strange New Worlds - S3“ (Bluray)

#103 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 25 April 2026 - 09:18

Darauf würde ich gerne etwas mehr eingehen, wenn es dir nichts ausmacht:

 

...

 

Ich hoffe, das war dir jetzt nicht zu viel Text, aber ich wollte dich nicht „schnell“ abspeisen. Dazu hatten wir zu viel Austausch  :wink2:

 

Ich finde es schön, dass Du hier so engagiert Stellung und das Thema ernst nimmst. Schön finde ich auch, dass Du in unserer Welt auch Gutes siehst, auch wenn das immer bedeutet "aus unserer menschlichen Sicht gut" und relativ bleibt. Heillos meinte ich natürlich nicht i.S.v. "ohne Gutes", sondern "ohne Erlösung" (sans the death and dying part, of course).

Anregung suche ich in der Literatur auch. Unterhaltung allein ist mir zu wenig, besonders wenn sie sich wiederholt, besonders wenn die Redundanz destruktive Inhalte betrifft. Was aber nicht bedeutet, dass ich mir zwischendurch nicht auch mal einen reinen Unterhaltungssnack gönne.  ;) 

Von der Hand gehen Utopien in der Regel leicht, wenn man erst einmal in den Traum eingestiegen ist. Der Konfliktaspekt fordert zuweilen heraus, denn der klassische Utopie-Begriff meint ein Ideal. Dieses Konzept ist natürlich für eine Spannungsgeschichte nicht ausreichend. Es muss vom Ideal auf eine Realität herunterprojiziert werden, in der eben nicht alles ideal ist.

Mit Utopie ist meist ein positives Ideal gemeint, was dem ursprünglichen Wortsinn eigentlich nicht entspricht. Utopie heißt im Grunde nur "Nicht-Ort", also Fiktion. Deshalb spreche ich bei positiven Utopien lieber von Eutopien im Gegensatz zu Dystopien, den "schlechten Orten".

Die üblichen Definitionen besagen auch, dass es sich um unerreichbare Ideale handelt. Eine solche Vorstellung, die ja ohne umsetzbaren Ansatz daherkommt, ist für mich keine allzu interessante Anregung. Sie müsste, nach heutigen Erkenntnissen, zumindest in Teilen realisierbar sein. Solche Eutopien nenne ich pragmatische (oder meinetwegen auch realistische) Eutopien.

In der heutigen Zeit, in der wir dringend solche Anregungen brauchen, bevorzuge ich pragmatische Near-Future-Eutopien, die in absehbarer Zeit Realität werden könnten. Ich schätze Visionen wie Godhusk, die in bester Tradition mit der Cyberpunk-Welle cruisen. Sie bringen uns aus unserer mentalen Komfortzone. Als Generatoren für zeitnahe Lösungen taugen sie aber weniger. Als Spiel könnten allerdings Handlungsoptionen angeboten werden, die letztlich evolutionäre Strategien abbilden, die man ausprobieren könnte. Sofern die Algorithmen auf wissenschaftlichen Erkenntnisse beruhten, könnte man ganz allein spielerisch herausfinden, welche Konsequenzen bestimmte Strategien situations- und zeitabhängig haben. Wenig überraschender Spoiler: Spätestens wenn man das Niveau global agierender technischer Zivilisationen erreicht hat, werden unkooperative Strategien brandgefährlich. Die heutigen Globalprädatoren, die wir auch noch selbst in ihre Throne gesetzt haben  :rolleyes:, sind von solchen Kenntnissen offenbar weitgehend verschont geblieben.  :P   

Eutopien, die ein großes Publikum begeistern, sind aus mehreren Gründen schwerer zu schreiben als Dystopien, denen das gleiche gelingt, was nicht bedeutet, dass solche Dystopien leicht zu schreiben wären. Das sind sie definitiv nicht. Hier wie dort gelten ja die bekannten handwerklichen Prinzipien. Für mich ist jedoch klar, dass es absolut möglich ist, spannende pragmatische Eutopien zu schreiben. Die Ärmel müssen dafür nur noch etwas höher gekrempelt werden.  -_-


Bearbeitet von Christian Hornstein, 25 April 2026 - 09:19.


#104 Fermentarius

Fermentarius

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 335 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Münster

Geschrieben 25 April 2026 - 16:27

Wirklich spannende Diskussion. Aber ich frage mich doch, ob Utopie nicht etwas zu eng definiert wird. Der Roman "Utopia" (1516) von Thomas Morus, nach dem das ganze Genre benannt ist, spielte schon mit den beiden möglichen Interpretationen als Outopia (Nicht-Ort) und Eutopia (Guter Ort). Und bei der Beschreibung der Insel Utopia bleibt ewig unklar, ob das jetzt wirklich ein guter Ort ist, oder ob sich Morus nur einen Scherz erlaubt und eine Gesellschaft beschreibt, die er für unmöglich hält. Deshalb werde ich für mich auch an dem Wort "Utopie" für beides festhalten, weil eine ideale Gesellschaft für mich immer etwas unwirkliches hat, mehr noch, etwas gruseliges. Wenn sie ideal ist, so ist sie starr, kaum veränderlich, nicht entwicklungsfähig und damit gegenüber Abweichlern unduldsam. Die sozialistischen Staaten waren nach eigenem Verständnis auf dem Weg zum Kommunismus, dem idealen Staat, und jeder Abweichler stellte eine Gefahr dar. Die Auswirkungen sind bekannt.

Für mich sind literarische Utopien aus dem Bereich der Science-Fiction bereits solche Zukunftsvisionen, in den die Menschheit ihre drängenden Probleme löst, wenn auch mit Rückschlägen. Auch Utopien, wenn sie nicht gerade außerordentlich naiv daherkommen, bieten also genügend Raum für spannende Konflikte.

Bei Dystopien kommen Autoren in Versuchung, sich die Welt einfach zu machen. Statt der riesigen, komplexen und global vernetzten Welt existiert nur noch ein Dorf, eine Familie, ein Stamm, also eine überschaubare Anzahl von Figuren mit einfachen Interaktionen. Und dann geht jemand auf die Reise, um die Außenwelt zu erkunden - das uralte und bewährte Motiv der Heldenreise, mal besser und mal schlechter umgesetzt.

Gute Dystopien unterscheiden sich wesentlich davon. Nevil Shutes "Das letzte Ufer" oder Cormac McCarthys Buch "Die Straße" sind lesenswerte Beispiele dafür. Grundsätzlich finde ich Utopien nicht schwerer zu schreiben als Dystopien. Unter meinem bisher veröffentlichten Kurzgeschichten sind die Dystopien deutlich in der Minderheit. 

Wenn jetzt bei Ausschreibung so viele Dystopien auftauchen, mag das auch an der allgemeinen Stimmung liegen. Seit mindestens 10 Jahren glaubt eine Mehrheit in Deutschlandt, dass die Zukunft allgemein schlechter wird. Bei aktuellen Umfragen kommt noch die Angst vor der KI dazu. Es kann also gut sein, dass sich viele Autoren die Angst vor der smarten Zukunft von der Seele schreiben. Nicht, weil sie den einfacheren Weg nehmen wollen, sondern weil ihnen bei dem Thema als erstes Befürchtungen einfallen.

in den siebziger Jahren, als ich angefangen habe, Science-Fiction zu lesen, war die Stimmung durchgehend positiver, Dystopien blieben die Ausnahme. Viele Menschen erwarteten, dass die Menschen bald den Weltraum erobern und den Mond besiedeln würden. "Star Trek" vermittelte ab 1966 ein positives und optimistisches Bild der Zukunft, das den Erwartungen der Zuschauer durchaus entsprach - trotz der Ängste vor dem ganz großen Atomkrieg.

Heute ist das anders. Die Menschen sorgen sich um mögliche Krisen, um Rezession, um Verschlechterung der Versorgung, um den Zerfall von Infrastrukturen. Dazu kommt jetzt die Furcht vor vor Kriegen und vor KI. Vielleicht fällt es da schwer, optimistische Geschichten zu schreiben.


  • (Buch) gerade am lesen:wechselt ständig

#105 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 25 April 2026 - 16:38

Wirklich spannende Diskussion. Aber ich frage mich doch, ob Utopie nicht etwas zu eng definiert wird. Der Roman "Utopia" (1516) von Thomas Morus, nach dem das ganze Genre benannt ist, spielte schon mit den beiden möglichen Interpretationen als Outopia (Nicht-Ort) und Eutopia (Guter Ort). Und bei der Beschreibung der Insel Utopia bleibt ewig unklar, ob das jetzt wirklich ein guter Ort ist, oder ob sich Morus nur einen Scherz erlaubt und eine Gesellschaft beschreibt, die er für unmöglich hält. Deshalb werde ich für mich auch an dem Wort "Utopie" für beides festhalten, weil eine ideale Gesellschaft für mich immer etwas unwirkliches hat, mehr noch, etwas gruseliges. Wenn sie ideal ist, so ist sie starr, kaum veränderlich, nicht entwicklungsfähig und damit gegenüber Abweichlern unduldsam. Die sozialistischen Staaten waren nach eigenem Verständnis auf dem Weg zum Kommunismus, dem idealen Staat, und jeder Abweichler stellte eine Gefahr dar. Die Auswirkungen sind bekannt.

 

 

Das lese und höre ich ganz oft. Und ich frage mich immer: Wie kommt es zu dem Verständnis, dass ein Ideal starr sein müsse? Ich finde, dass gerade das Gegenteil stimmt, dass eine Utopie vielfältig, offen und im Kleinen veränderlich sein muss. Ein so verstandener Kommunismus kann utopisch und zutiefst demokratisch sein. Mit den realen sozialistischen Staaten hat das dann wenig zu tun.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#106 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 26 April 2026 - 02:23

Deine Gedanken zu Utopien habe ich interessiert gelesen, @Max und bin jetzt natürlich total neugierig auf deine Gedanken zu Etomi. Falls du die also mal irgendwo äußern magst, lass es mich wissen.

Das kann ich. Aber davor würde ich gerne wissen, wie ehrlich ich mit dir sein kann. Und nein, dabei geht es nicht darum, wie offen ich kritisieren darf (denn so viel gibt es da nicht), sondern inwiefern du dich aus deinem Dogma und deiner Persona Jol Rosenberg bewegen kannst – und willst. Das ist nicht herablassend gemeint. Ich weiß selbst am besten, wie unglaublich viel Stabilität der Anker des Dogmatismus geben kann, aber es wäre für uns beide Zeitverschwendung, wenn ich meine Gedanken in einen Raum werfe, der ein klares Oben und Unten braucht. Wenn ich als Testleser agiere, frage ich auch stets, wie offen oder sarkastisch ich sein darf.

 

 

Ich finde es schön, dass Du hier so engagiert Stellung und das Thema ernst nimmst. Schön finde ich auch, dass Du in unserer Welt auch Gutes siehst, auch wenn das immer bedeutet "aus unserer menschlichen Sicht gut" und relativ bleibt. Heillos meinte ich natürlich nicht i.S.v. "ohne Gutes", sondern "ohne Erlösung" (sans the death and dying part, of course).

...

Eutopien, die ein großes Publikum begeistern, sind aus mehreren Gründen schwerer zu schreiben als Dystopien, denen das gleiche gelingt, was nicht bedeutet, dass solche Dystopien leicht zu schreiben wären. Das sind sie definitiv nicht. Hier wie dort gelten ja die bekannten handwerklichen Prinzipien. Für mich ist jedoch klar, dass es absolut möglich ist, spannende pragmatische Eutopien zu schreiben. Die Ärmel müssen dafür nur noch etwas höher gekrempelt werden.  -_-

So viele schöne Gedanken. Übrigens auch von dir, Fermentarius. Auf die kann ich gar nicht alle eingehen.

 

Christian, eines bitte vorweg: Ich kritisiere nur wirklich selten jemanden für seinen Geschmack. Solange es deinen mentalen Pendel in stabilen Bahnen hält, ist mir egal, was du für Geschichten du konsumierst (insofern diese nicht krass verwerflich sind). Du könntest mir auch sagen, dass du Monster Bait Romance feierst, die „Morning Glory Milking Farm“ sechsmal am Stück gelesen hast oder eine Fursona hast – und du wirst von mir höchstens Fragen bekommen. Das möchte ich nur vorausschicken, bevor ich mich am Ende kritisch gegenüber einem Thema äußere, das dir halt auch einfach Spaß macht.
 
Ich diskutiere halt auch einfach ausgesprochen gerne mit dir. Sobald ich das Gefühl habe, jemandem widersprechen zu dürfen oder anderer Ansicht zu sein, ohne dafür persönlich attackiert zu werden oder versehentlich zu attackieren, erwidere ich Respekt mit eben solchem, indem ich nicht einfach abspeise.
 
Aber, um mal zum Thema zu kommen:
 
Viele moderne Science-fiction-Utopien leiden für mich unter dem Tropus von „Wenn es in deiner Fantasywelt Zauber gibt, die Menschen wiederbeleben können, wieso gibt es dann überhaupt noch Friedhöfe?“. Ein Beispiel hierfür, mit dem ich mich seit letztem Jahr ein wenig auseinandergesetzt habe, sind körperlich invalide Charaktere: In Utopien gibt es oft Charaktere, denen ein Arm oder Bein fehlt, oder die im Rollstuhl sitzen. Ursprünglich habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Im Cyberpunk ist es vollkommen normal, sich Gliedmaßen oder Organe entfernen zu lassen, um diese durch bedeutend leistungsfähigere Prothesen oder Implantate (sogenannte Augments) zu ersetzen. Körperlich invalide Menschen bedeuten dann meist, dass man sich die Reparaturen besagter Verbesserungen nicht mehr leisten konnte, Abstoßungsreaktionen eintraten oder das Neuropozyne zu Neige ging (oder wie man den Stoff im jeweiligen Setting nennt). Oder natürlich, weil man wirklich eine Extremität verloren hat, sich aber kein Augment leisten konnte. In einigen aktuellen Utopien ist dem nicht der Fall: Uns überlegene Medizintechnik gibt es meist kostenlos am Automaten um jede Ecke oder spätestens im noch besseren Krankenhaus eine Straße weiter – allerdings trotzdem noch körperlich invalide Menschen. Was vor allem der Absicht dient, die „Ableist Community“ als Leserschaft zu bedienen. Das ist ein nobler Gedanke, keine Frage, aber im Endeffekt sind es moderne Probleme, die in eine Welt forciert wurden, in der sie keine mehr wären. Und Settings, die schon in der Basis unter ihren eigenen Regeln kollabieren würden, strapazieren für mich immens den Suspense of disbelief.
 
Ich habe durchaus Utopien gelesen, die das kaum oder gar nicht taten. Bei Lena Richter und Yvonne Tunnat hatte ich z.B. das Gefühl, dass sie ihre Welten mit jemandem geteilt haben, der dann etwas sehr ehrlich erwiderte: „Hä? Das ergibt überhaupt keinen Sinn! Wenn das so ist, wieso kann man dann …?“ Der Wiederbelebungszauber wurde vermutlich angesprochen (oder schlicht bedacht, denn Richter wie Tunnat sind misstrauenserregend kluge Menschen) und diese Settings entwickelten sich dadurch glaubhaft und konsistent. Und auch die Konflikte funktionieren – und wenn es "nur" darum ging, KI-gesteuerte Autos von einer Straße zu bekommen, bevor ein Hochwasser einsetzt. Die Konflikte waren realitätsnah, menschlich wie logisch nachvollziehbar und die Lösungen kreativ und gleichzeitig sinnig.
 
Natürlich: Was die Hürden und ihre Bewältigung angeht, so trifft da auch einfach Geschmack auf Gusto – also meiner auf der der Zielgruppe (bevor man mir zurecht vorwirft, dass ich den Bären für sein braunes Fell kritisiere): Mir ist absolut bewusst, dass der Erzählstil von „Super easy, barely an inconvience“, in denen so ziemlich jeder Plan immer aufgeht und alle Probleme fast sofort gelöst werden, auch Teil des Verkaufsarguments einer Utopie ist. Und ich möchte niemanden runtermachen, weil er oder sie sanfte Welten mit chilligen Plots bevorzugt. Man kauft sich schließlich auch keinen Liebesroman, um darin von explodierenden Raumschiffen zu lesen. Ich selbst bevorzuge nur eher die pragmatischen Ansätze – und Problemlösungen, auf die intelligent klingen, aber auf die ich vielleicht nicht gekommen wäre. Oder wenigstens Kämpfen, die sich erbittert genug lesen   :wink2:
 
Hinzukommt, dass viele Utopien für mich am Autor ersticken. Wenn man auf Reddit nach Erstkontakt-Geschichten sucht, wird man unfassbar viel Material finden, in denen Außerirdische auf der Erde landen und den Menschen in lakonischer Art erklären, wie sie doch zu leben hätten. Nach spätestens dem zehnten Absatz (denn diese Storys sind meist so furchtbar lang), wird absolut jedem bewusst, dass da kein Alien zum Volk der Erde, sondern der Autor zum Leser spricht. Sobald dieses Gefühl einsetzt, besitzt die Geschichte für mich kaum bis keinen intellektuellen Nährwert mehr. Dasselbe gilt eben für einige moderne Utopien, die weniger reale Lebensmodelle skizzieren, als vor allem Tumblr-Werte auf Normseiten wiederholen.
 
Was die Geschichten selbst angeht, unterscheide ich massiv zwischen „Utopie als Bühne“ und „Utopie als Manifest“. Wenn ich z.B. eine Geschichte erzählen will (frei, ohne Ausschreibung, für meine Stammmagazine), fange ich meist mit der Prämisse an, überlege, wie (und ob) sie als Handlung geschehen könnte und arbeite dann ein Setting aus, in dem diese stattfinden kann. Sagen wir, ich möchte davon erzählen, dass jeder Tod auch Leben gebiert, aber weil die Aussage schon sehr pathetisch klingt, sollte ich das mit Metaphysik abfangen. Will ich diese mit dem rundenbasierten Wechsel einer Schießerei würzen, so brauche ich eine Welt oder einen Weltenaspekt, der Waffen zugänglich macht. Möchte ich Untote, so muss ich ein Magiesystem entwerfen, das eben jene zulässt. Exakt so entstand damals „Salz, Glas und Silber“ für die Jubiläumsausage der Zwielicht. Die Post-Post-Apokalypse aus dem Fiebertraum „Silphium“ (hier danke ich Ralf Schneider für die passende Beschreibung) hat sich auch als Fließband generiert, auf der ich den Anti-Genesis um einen Anti-Adam und eine Anti-Eva erzählen konnte. Verzeiht, dass ich hier meine eigenen Storys als Beispiele eingeworfen habe, aber bei denen bin ich mir wenigstens sicher, wie sie entstanden sind.
 
Ein anderes, vielleicht besseres Beispiel wäre „Project Hail Mary“ von Andy Weir. In einem Interview mit Will Jordan (besser bekannt als der Filmkritiker The Critical Drinker) erzählte Weir, dass der ganze Roman eigentlich nur um die Figuren Grace und Rocky entstand, und die Idee der Astrophagen, weil er einen Treibstoff brauchte, mit dem man sich auf nahe Lichtgeschwindigkeit beschleunigen kann. Exakt das, diese Herangehensweise, lässt aus meiner Sicht auch die besten erzählten Utopien wie auch Dystopien entstehen.
 
Aber meine Gedanken gehen gerade sehr in den Meta- und Randbereich … und vom Thema weg.

Bearbeitet von Maxmilian Wust, 26 April 2026 - 02:25.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#107 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 26 April 2026 - 16:11

Wenn sie ideal ist, so ist sie starr, kaum veränderlich, nicht entwicklungsfähig und damit gegenüber Abweichlern unduldsam. Die sozialistischen Staaten waren nach eigenem Verständnis auf dem Weg zum Kommunismus, dem idealen Staat, und jeder Abweichler stellte eine Gefahr dar. Die Auswirkungen sind bekannt.

 

Käme darauf an, in welcher Hinsicht sie ideal ist. Wenn sie ideal i.d.S. wäre, dass wir Menschen jederzeit gut in ihr leben könnten, dann wäre Starrheit keine ihrer Eigenschaften.

 

 

Das lese und höre ich ganz oft. Und ich frage mich immer: Wie kommt es zu dem Verständnis, dass ein Ideal starr sein müsse? Ich finde, dass gerade das Gegenteil stimmt, dass eine Utopie vielfältig, offen und im Kleinen veränderlich sein muss. Ein so verstandener Kommunismus kann utopisch und zutiefst demokratisch sein. Mit den realen sozialistischen Staaten hat das dann wenig zu tun.

 

Dito.

 

 

Nicht, weil sie den einfacheren Weg nehmen wollen, sondern weil ihnen bei dem Thema als erstes Befürchtungen einfallen.

...

Dazu kommt jetzt die Furcht vor vor Kriegen und vor KI. Vielleicht fällt es da schwer, optimistische Geschichten zu schreiben.

 

Genau. Das ist auch ein Grund, warum Dystopien leichter zu schreiben sind.

 

 

in den siebziger Jahren, als ich angefangen habe, Science-Fiction zu lesen, war die Stimmung durchgehend positiver, Dystopien blieben die Ausnahme.

 

Einspruch Euer Ehren! Gerade in den 1970ern war die Fortschrittsgläubigkeit am Sinken und es wuchs die Skepsis heran, die den Cyberpunk vorbereitete. Frühere Romane wie "Die Welt am Draht" von Daniel F. Galouye, „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick oder "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley gewannen an Aktualität. In den 1970ern kamen eine ganze Reihe von Dystopie-Klassikern auf: "Rollerball" von Norman Jewison, "Die Flucht ins 23te Jahrhundert" von Michael Anderson, "Soylent Green" von Richard Fleischer, "A Clockwork Orange" von Stanley Kubrick, "Der Omega Man" von Boris Sagal, "THX 1138" von George Lucas, "Zardoz" von John Boorman, J.G. Ballard (!) und noch andere.


Bearbeitet von Christian Hornstein, 26 April 2026 - 16:12.


#108 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 26 April 2026 - 16:17

 

Und Settings, die schon in der Basis unter ihren eigenen Regeln kollabieren würden, strapazieren für mich immens den Suspense of disbelief.

 

Wie wahr!

 

 

 

Ich selbst bevorzuge nur eher die pragmatischen Ansätze – und Problemlösungen, auf die intelligent klingen, aber auf die ich vielleicht nicht gekommen wäre. Oder wenigstens Kämpfen, die sich erbittert genug lesen   :wink2:

 

Klingt vertraut.  :happy: 

 

 

 

Hinzukommt, dass viele Utopien für mich am Autor ersticken.

 

Das zu vermeiden ist wohl Teil der hohen Kunst, die sich, so glaube ich, wohl nur durch Dialektik annähern lässt. Gänzlich frei flottierende Inhalte können schnell unmotiviert wirken oder wie man heute sagt: random. So ist zwar das Leben, aber wenn Kunst nur noch mimetisch ist, brauchen wir sie nicht mehr.

 

 

 

Was die Geschichten selbst angeht, unterscheide ich massiv zwischen „Utopie als Bühne“ und „Utopie als Manifest“. 

 

Als Manifest taugt Kunst sicher nicht, weil es nicht ihre Stärke ist zu belehren oder Zielvorgaben zu machen, sondern zu eigenen Gedanken und Empfindungen anzuregen. Wenn ich Dich richtig verstehe, baust Du für Deine Prämisse eine passende Welt (Bühne). Teil Deiner Utopie ist dann allerdings nicht nur die Bühne, sondern auch Deine Prämisse. Beides gehört ja dann untrennbar zusammen. Wenn es um Eutopien geht, verläuft die Konstruktion m.E. tatsächlich auch genau in dieser Reihenfolge: Prämisse => Kontext (wie müsste die Welt sein, damit ...). Bei gesellschaftskritischen Dystopien ist es eher umgekehrt: (extrapolierter) Kontext => Prämisse (wohin führt uns die Welt, wenn sie ...).



#109 Mammut

Mammut

    DerErnstFall Michael Schmidt

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 9.753 Beiträge
  • Geschlecht:männlich

Geschrieben 26 April 2026 - 16:38

Einspruch Euer Ehren! Gerade in den 1970ern war die Fortschrittsgläubigkeit am Sinken und es wuchs die Skepsis heran, die den Cyberpunk vorbereitete. Frühere Romane wie "Die Welt am Draht" von Daniel F. Galouye, „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick oder "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley gewannen an Aktualität. In den 1970ern kamen eine ganze Reihe von Dystopie-Klassikern auf: "Rollerball" von Norman Jewison, "Die Flucht ins 23te Jahrhundert" von Michael Anderson, "Soylent Green" von Richard Fleischer, "A Clockwork Orange" von Stanley Kubrick, "Der Omega Man" von Boris Sagal, "THX 1138" von George Lucas, "Zardoz" von John Boorman, J.G. Ballard (!) und noch andere.

 

Ich denke, Fermentarius hat da eher seine subjektive Sicht damit geschildert. Mir scheint aber auch die Aussagen in den 1970ern eher subjektiv. So eine sinkende Fortschrittsgläubigkeit ist eine Sache, die ja eher nicht abrupt stattfindet, sondern kontinuierlich in die Gesellschaft sickert. 1965 z.B. war das Jahr, in dem doch einiges passierte, was die Welt erschütterte:

Deutschland im Jahr 1965 - Zeitstrahl | Zeitklicks

 

Die "heile Welt der späten Nachkriegszeit" (wenn es sowas überhaupt gab), hat schon in den 60ern abgebröckelt. Andererseits hat die Mondlandung bestimmt auch Euphorie ausgelöst damals und noch in die 70er abgestrahlt.

 

Wenn man manche Musik und Literatur sieht, war auf jeden Fall schon  in den 60ern ein Umbruch.  Als Beweis bringe ich mal den Hugo Award 1968 aufs Tablett:

1968 Hugo Awards | The Hugo Award

 

sowie den Nebula Award 1968: 1967 | Years |


Die neue Anthologie aus der Galactic Pot Healer Bar:

https://defms.blogsp...pot-healer.html


#110 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 26 April 2026 - 18:34

Okay, und weil die Göttin ihren Sinn für Ironie noch nicht verloren hat, habe ich gleich heute ein ziemlich starkes Beispiel für eine gute Utopie gefunden – als ich mich neben dem Arbeitstag auf den Discord-Stream meines Bruders ausgeschalten habe: Das Videospiel "Pragmata".

 

1307a94360ff1b04eb7fe25891da19bd_460.jpg

 

Ein Teaser: In naher Zukunft hat die Menschheit fast alle modernen Krisen durch 3D-Drucker und mithilfe einem nicht näher beschriebenen Filament namens Lunum gelöst. Nahezu alles Nicht-Lebendige, von Fußbällen über Robotern bis Fahrzeugen kann in Minuten gedruckt werden – dazu benötigt man eben besagtes Lunum, vom Mond. Als die Hauptminenstation "The Cradle" keine Nachricht mehr sendet (der älteste Plot der SF, aber irgendwie immer noch funktional), entsendet das Unternehmen ein vierköpfiges Team, um nach dem Rechten zu sehen. Kleiner Spoiler: Die ausbleibende Kommunikation liegt nicht an einer verbogenen Antenne.

 

Der Spieler, in Rolle des Astronauten Hugh, wird so ziemlich gleich zu Spielbeginn von dem Rest des Teams getrennt und trifft auf den Kindandroiden Diana. Und, puh, deren Freundschaft erzählt sich unglaublichst liebevoll. Eigentlich wollte ich heute den ganzen Tag zeichnen (weil erster Milestone näherkommt und so) und das Spiel lediglich auf dem Zweitbildschirm verfolgen, habe aber immer wieder für zehn Minuten oder länger absetzen müssen, um die wirklich tolle Geschichte zu verfolgen. Diana ist energetisch, unvorsichtig und witzig, ein kleines Mädchen eben, lernt aber zunehmend, auf sich aufzupassen, während Hugh, der kalte, harte Hund, noch während der Einleitung klarstellte, dass er niemals Kinder haben will, aber mehr und mehr in seine unfreiwillige Vaterrolle schlüpft. Dass währenddessen noch Roboter in Rauchwolken und Splitter explodieren und sich eine unerwartet intelligente Geschichte rund um KI und unkontrolliertem Fortschritt erzählt ist nettes Beiwerk  :bighlaugh:

 

Ich weiß nicht, wer von euch Videogames spielt, aber "Pragmata" hat eine absolute Empfehlung verdient. Auch nur, wenn man es auf Youtube verfolgt. Allein Diana ist so furchtbar niedlich, dass sie Permafrost zum Schmelzen bringen würde. Reddit nannte es sehr treffend den "Father Simulator".


Bearbeitet von Maxmilian Wust, 26 April 2026 - 18:36.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#111 Fermentarius

Fermentarius

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 335 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Münster

Geschrieben 26 April 2026 - 19:28

Ich denke, Fermentarius hat da eher seine subjektive Sicht damit geschildert. Mir scheint aber auch die Aussagen in den 1970ern eher subjektiv. So eine sinkende Fortschrittsgläubigkeit ist eine Sache, die ja eher nicht abrupt stattfindet, sondern kontinuierlich in die Gesellschaft sickert. 1965 z.B. war das Jahr, in dem doch einiges passierte, was die Welt erschütterte:

Ja, das ist meine subjektive Sicht. 1970 war ich dreizehn Jahre alt, und ich habe Science Fiction (damals noch: Zukunftsromane und Weltraumtaschenbücher) nach meinen persönlichen Interessen ausgesucht. Und ich war raumfahrtbegeistert. In meinem Zimmer stand ein Revell-Modell der Saturn V, Maßstab 1:100, mehr als einen Meter hoch, natürlich selbst zusammengebaut.

Und was heute oft vergisst: Anfang der siebziger Jahre fand eine Mondlandung nach der anderen statt. Apollo 12, Apollo 14, 15, 16, 17. Ursprünglich sollte es bis Apollo 20 gehen. Pläne reichten noch viel weiter. Sogar eine Mondstation im Jahr 2001 schien keineswegs unmöglich. 

Aber natürlich gab es damals gesellschaftliche Umbrüche. Die 68er Revolution, Proteste gegen den Vietnamkrieg, usw. Trotzdem habe ich im Nachhinein immer noch den subjektiven Eindruck, dass die Menschen glaubten, die Welt werde besser. Nur wenige nahmen ernsthaft an, dass dass die Menschen selbst freundlicher, friedlicher oder selbstloser würden. Aber Fortschritte der Technik, der Naturwissenschaft, der Medizin schienen selbstverständlich. Und für mein Fach, die Medizin, kann ich sagen, dass tatsächlich vieles besser geworden ist. Ich habe im Jahr 1975 mit meinem Studium angefangen, und seitdem hat es eine ganze Reihe von Umbrüchen gegeben. Das medizinische Wissen hat sich, wie man schätzt, alle 10 Jahre verdoppelt.

Vielleicht kann man sagen, dass gesellschaftliche Dystopien sicher damals schon häufig waren. Was zugenommen hat, sind technische Dystopien, die Angst vor dem Missbrauch der Wissenschaft und vor gesellschaftlichen Kräften, die skrupellos davon Gebrauch machen. Wie gesagt, ich zähle das nicht ab, ich habe auch keine Umfrage veranstaltet, das ist in der Tat ein subjektiver Eindruck.


  • (Buch) gerade am lesen:wechselt ständig

#112 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 26 April 2026 - 19:48

 

Das kann ich. Aber davor würde ich gerne wissen, wie ehrlich ich mit dir sein kann. Und nein, dabei geht es nicht darum, wie offen ich kritisieren darf (denn so viel gibt es da nicht), sondern inwiefern du dich aus deinem Dogma und deiner Persona Jol Rosenberg bewegen kannst – und willst. Das ist nicht herablassend gemeint. Ich weiß selbst am besten, wie unglaublich viel Stabilität der Anker des Dogmatismus geben kann, aber es wäre für uns beide Zeitverschwendung, wenn ich meine Gedanken in einen Raum werfe, der ein klares Oben und Unten braucht. Wenn ich als Testleser agiere, frage ich auch stets, wie offen oder sarkastisch ich sein darf.

 

Dogmatisch zu sein ist ungefähr die härteste Kritik, die ich mir vorstellen kann. Daher: Wenn du diese offenbar sehr feste Idee von mir und meinem Schreiben hast, dann glaube ich nicht, dass daraus ein gewinnbringender Austausch entstehen kann. Es juckt mich, dich zu fragen, wie du darauf kommst, aber auch hier: Ich spüre in deinen Zeilen wenig Offenheit und Zugewandtheit. Du sprichst mir ja schon in drei Zeilen jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion ab. Daher glaube ich, dass du Recht hast und es Zeitverschwendung wäre.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#113 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 04 Mai 2026 - 10:41

Okay, und weil die Göttin ihren Sinn für Ironie noch nicht verloren hat, habe ich gleich heute ein ziemlich starkes Beispiel für eine gute Utopie gefunden – als ich mich neben dem Arbeitstag auf den Discord-Stream meines Bruders ausgeschalten habe: Das Videospiel "Pragmata"

 

....

 

Ich weiß nicht, wer von euch Videogames spielt, aber "Pragmata" hat eine absolute Empfehlung verdient. Auch nur, wenn man es auf Youtube verfolgt. Allein Diana ist so furchtbar niedlich, dass sie Permafrost zum Schmelzen bringen würde. Reddit nannte es sehr treffend den "Father Simulator".

 

Auch mir gefällt bei Pragmata das Companion-System wegen dem gut entwickelten Bond, das ja auch für das emotionale Ende wesentlich ist. Ebenso gefallen mir die Visualisierung und zum Teil der Weltenbau. Was mich nicht so mitreißt ist die Shooter-Logik mit den obligatorischen Endgegnern und das vorhersehbare Konzept der bösen KI Idus und Acht, auch wenn klar wird, inwiefern die Menschen, speziell Dr. Higgins und natürlich die böse Company Delphi, dafür verantwortlich sind. Die Backstory wird mit dem Lunum und dem Lunafilement für mich zur Fantasy-SF, so wie die Macht im Star Wars Universum durch die Medi-Chlorianer ins gleiche Genre kippt.
 



#114 Christian Hornstein

Christian Hornstein

    Illuminaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIP
  • 912 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Bonn

Geschrieben 04 Mai 2026 - 10:45

Dogmatisch zu sein ist ungefähr die härteste Kritik, die ich mir vorstellen kann. Daher: Wenn du diese offenbar sehr feste Idee von mir und meinem Schreiben hast, dann glaube ich nicht, dass daraus ein gewinnbringender Austausch entstehen kann. Es juckt mich, dich zu fragen, wie du darauf kommst, aber auch hier: Ich spüre in deinen Zeilen wenig Offenheit und Zugewandtheit. Du sprichst mir ja schon in drei Zeilen jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion ab. Daher glaube ich, dass du Recht hast und es Zeitverschwendung wäre.

 
Ach Jol. Würde Max Dir jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion absprechen, hätte er Dir kein Angebot gemacht. Ja, es ist nicht erfreulich wenn jemand den Eindruck äußert, man sei dogmatisch. Aber muss das dann direkt bedeuten, dass kein Austausch mehr möglich ist? Wenn in diesem Forum Open-mindedness keinen Platz mehr hat, wo dann? Max hätte sogar noch Fragen an mich, wenn ich einen Kink auf Monster Bait Romance hätte. Das sagt doch alles, oder?  ;) 



#115 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 04 Mai 2026 - 13:07

Für dich offenbar schon, für mich nicht. Wenn ich nicht weiß, wie eine Person meine Rückmeldung aufnimmt, dann kann ich doch mal kurz was versuchen und schauen, ob ein weiterer Austausch entsteht. Anstatt gleich erstmal vorneweg zu unterstellen dass das Gegenüber einen "Anker des Dogmatismus" bräuchte, um irgendwie stabil zu sein. Und es steht ja Max frei, zurückzurudern oder mal was gucken zu lassen, wenn er meint, missverstanden worden zu sein. Korrekturen sind doch fast immer möglich.

Tatsächlich macht Sarkasmus es meines Erachtens wirklich schwer, sich zu verständigen. Auch darum ging ich davon aus, dass das nicht funktionieren wird.

 

Worüber ich noch nachdenke, sind Max' folgende Zeilen:

 

 

 

Ein Beispiel hierfür, mit dem ich mich seit letztem Jahr ein wenig auseinandergesetzt habe, sind körperlich invalide Charaktere: In Utopien gibt es oft Charaktere, denen ein Arm oder Bein fehlt, oder die im Rollstuhl sitzen. Ursprünglich habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Im Cyberpunk ist es vollkommen normal, sich Gliedmaßen oder Organe entfernen zu lassen, um diese durch bedeutend leistungsfähigere Prothesen oder Implantate (sogenannte Augments) zu ersetzen. Körperlich invalide Menschen bedeuten dann meist, dass man sich die Reparaturen besagter Verbesserungen nicht mehr leisten konnte, Abstoßungsreaktionen eintraten oder das Neuropozyne zu Neige ging (oder wie man den Stoff im jeweiligen Setting nennt). Oder natürlich, weil man wirklich eine Extremität verloren hat, sich aber kein Augment leisten konnte. In einigen aktuellen Utopien ist dem nicht der Fall: Uns überlegene Medizintechnik gibt es meist kostenlos am Automaten um jede Ecke oder spätestens im noch besseren Krankenhaus eine Straße weiter – allerdings trotzdem noch körperlich invalide Menschen. Was vor allem der Absicht dient, die „Ableist Community“ als Leserschaft zu bedienen. Das ist ein nobler Gedanke, keine Frage, aber im Endeffekt sind es moderne Probleme, die in eine Welt forciert wurden, in der sie keine mehr wären. Und Settings, die schon in der Basis unter ihren eigenen Regeln kollabieren würden, strapazieren für mich immens den Suspense of disbelief.

 

Ich habe ja ein Faible für Utopien und beschäftige mich mit Ableismus und Saneismus. Und ich kann mich an keine einzige Utopie oder Anti-Dystopie erinnern, in der eine körperlich invalide Figur vorkommt, ohne dass der Weltenbau das erklärt. Meist ist es wie in meinem Etomi: Es gibt fortgeschrittene Medizin-Technik, aber sie ist nicht für alle verfügbar. Und/oder sie kuriert nicht jede Erkrankung. Die Idee, dass es eine Utopie geben könnte, die sämtliche Behinderungen beseitigt, finde ich eher gruselig. Euthanasie lässt grüßen.

Und das mit der "Ableist Community" ist eher sarkastisch gemeint, oder? Ich sehe sie schon vor mir, all die be_hinderten, rollstuhlnutzenden, Rollatoren-schiebenden Personen mit ihrer riesigen Kaufkraft, die ich als Zielgruppe direkt anspreche, um grandiosen Ruhm abzugreifen. Weil Merz ja gerade dafür sorgt, dass sie alle so viel besser aufgestellt sind, finanziell und sozial. (Ja, das ist wirklich Sarkasmus.)


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#116 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 04 Mai 2026 - 23:59

 
Ach Jol. Würde Max Dir jegliche Fähigkeit zur Selbstreflexion absprechen, hätte er Dir kein Angebot gemacht. Ja, es ist nicht erfreulich wenn jemand den Eindruck äußert, man sei dogmatisch. Aber muss das dann direkt bedeuten, dass kein Austausch mehr möglich ist? Wenn in diesem Forum Open-mindedness keinen Platz mehr hat, wo dann? Max hätte sogar noch Fragen an mich, wenn ich einen Kink auf Monster Bait Romance hätte. Das sagt doch alles, oder?  ;)

Nun, wieso denn auch nicht? Solange da nichts Verwerfliches dahinter ist, sehe ich das wie bei Furrys: Ich bin keiner, aber das Internet und gerade die Illustratorenszene ist voll von Leuten, die ihre Phantasien um Katzenmenschen, Hundemenschen, Gargoyles und was-weiß-ich alles erweitern. Und damit sind ja keine Hauskatzen gemeint, sondern erwachsene, bewusstseins- und entscheidungsfähige anthropomorphisierte Tierhumanoiden, wie die Götter Anubis oder Bastet. In der Fantasy (und ganz besonders in der Romantasy) sind Beziehungen mit diesen Halbmenschen tatsächlich nichts Ungewöhnliches, manche Settings erlauben sogar Mischlingskinder. Anstatt also einfach gleich abzuurteilen, dass da angeblich zoophile Tendenzen dahinter stecken würden (tatsächlich verachte ich die Praktik der Dogwhistle-Unterstellung), frage ich lieber erstmal nach. Auf Anhieb wäre mir z.B. der Geruch ein Hindernis für eine Beziehung zwischen Mensch und Kahjiit. Wer schon einmal eine Großkatze gerochen hat, wird wissen, wovon ich rede. Stellte sich heraus, die Furry- und Scalie-Community hat da längst ihre Antworten zu dem Thema gefunden. Was mir wiederum Bausteine für meine Geschichten liefert, sollte ich mal auf so eine Thematik zurückgreifen wollen oder müssen. Insofern es nicht zu grotesk, verwerflich oder illegal ist, lasse ich jedem das Seine.

 

Noch während Studientagen hatte ich mal in einem Club ein gut einstündiges Gespräch zum Thema Chocobo-Zucht in "Final Fantasy VII". War vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt für so eine Art von Aufklärung, aber da hat ein typischer Clubgänger einfach seine Nerd-Gedanken loswerden müssen, wie er es bei seinen normalen Freunden nicht konnte. Und ich muss zugeben, ich wusste bis dahin nicht, was für eine unglaubliche Wissenschaft dahinter steckt, bunte Reithühner aus der Playstation zu züchten oder, dass man das nur tut, um am Ende von einem Hang auf ein Plateau zu hüpfen, um dort wiederum den stärksten Bossgegner im Spiel zu bekämpfen. Und verglichen mit Chocobos ist die romantische Beziehung zu einem Minotaurus bedeutend vielschichtiger ;-)

 

Keine Sorge, ich hatte auch schon meine "Too much internet for today"-Momente. Nachdem mir eine US-amerikanische Zeichnerin erklärt hat, was sie so an der Vorarephilie mag und wie das überhaupt funktioniert, musste ich lernen, dass es durchaus Dinge gibt, die ich trotz aller Neugier nicht verstehen muss  :wink2:

 

 

@Jol:

Wenn ich dich nicht leiden könnte, hätte ich wohl kaum deine Texte so oft gelobt oder mehrfach als Referenz erwähnt. Und sie für besser und erwachsener als die von Aiki Mira befunden.

 

Aber wenn du eine Antwort forderst: Ja, ich denke, du zeigst Tendenzen zum Dogmatismus. Das soll nun weder eine Beleidigung deiner Person noch eine Herabstufung darstellen (zumal ich da gar nicht so viel besser bin, als ich mich vielleicht darstelle). Die Regeln des Wokeismus sind für dich unabdingbar und wer sich nicht an sie hält, der hat in deinen Augen auf menschlicher Ebene versagt oder (weniger übertrieben) ein ernstzunehmendes, moralisches Problem. Das ist die Definition eines Dogmas. Ob es allerdings deinen Blick trübt, kann ich nicht sagen. In jedem Fall scheint es dir immense Energie und Resilienz zu verleihen, dich aber auch in viele Konfliktsituationen zu bringen. Der Rest wird die Zeit zeigen. Das heißt aber nicht, dass ich dich für fanatisch halte. Andernfalls würde ich gar nicht erst auf dich eingehen.

 

Aber das ist ein Thema, das ich eigentlich nicht öffentlich und in Foren bespreche. Wenn du das mit mir klären möchtest, kannst du mich gerne per PM oder auf einem der vielen anderen Kanäle anschreiben oder auf der BuCon ansprechen (falls ich es dieses Jahr dorthin schaffe). Am Ende sind wir alle nur Menschen, aber solche Diskussionen werden von allen gehasst, die nicht unmittelbar Teil davon sind.

 

Wo ich allerdings ein potenzielles Problem sehe: Ich bewerte Werke so gut es geht nicht nach Ideologie – denn grundlegend kenne ich kaum welche, die den "Test of time" bestanden haben. Lese ich heute philosophische Texte, die auch nur fünfzig Jahre alt sind (bspw. die Hippie-Friedensausrufe der 1970er, aber auch die Lobeshymnen an den Kapitalismus einer Ayn Rand um 1950), fallen sie bei mir im besten Fall unter die Rubrik "Nette Ansätze", meist aber empfinde ich sie eher als naiv. Nur die allerwenigsten Ideale vergangener Zeit haben sich bewährt und mussten massivst angepasst werden, um heute noch bestehen zu können. Ich behaupte mal so dreist, in fünfzig Jahren wird auch vieles, was wir heute für richtig und universell gut halten, als der Glaube einer anderen Zeit betrachtet werden, "als man es noch nicht besser wusste". Vielleicht kommentiert man ihn noch mit der Konservenlache – als der Quatsch, den der verschrobene Opa in einer Sitcom für ein paar schnelle Lacher daherredet. Bestes Beispiel ist für mich der Boomer humor, und wie er auf Reddit verrissen wird.

 

Ich habe "Etomi" für mich (und alle, die es wissen wollten) außerhalb der Ideologie des Wokeismus bewertet und in gewissen Ansätzen für ein erwähnenswertes Werk befunden. Dass der Roman meinen Idealen nicht ent- oder ihnen sogar widersprochen hat, ist mir gleich. "Planescape: Torment" hat das auch getan, mehrfach und fundamental, und ich halte es bis heute als das Medium hoch, das mich vom Konsumenten zum Autor gemacht hat.

 

 

Aber, wo wir gerade dabei sind und dein Verstand mehr einem Fangschreckenkrebs gleicht: Mich würde sehr interessieren, was du erschaffst, wenn du dich einfach nur auf deine Stärken verlässt und sie geradezu solipsistisch für sich allein arbeiten lässt. Das wäre dann so eine Art "König in Gelb" mit viel Psychologie. Und der wiederum gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.


Bearbeitet von Maxmilian Wust, 05 Mai 2026 - 00:50.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#117 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 05 Mai 2026 - 08:41

Max, ich glaube ja, dass ich gar nicht in der Position bin, etwas zu fordern. Ich kann einladen, das habe ich getan. Du hast die Einladung angenommen, vielen Dank.

 

Was ich nicht verstehe: Was nimmst du denn als Regeln des Wokeismus an? Bei dir klingt das wie eine Sekte. Deine Argumentation erinnert mich sehr an meine Erfahrungen mit Vegetarismus in den 1990ern: Alle möglichen Leute waren der Meinung, mit mir über Ernährung reden zu müssen - und endeten immer damit, es würde nerven, dass sie ständig missioniert würden, von Vegetarier*innen wie mir. Dabei hatte ich nichts weiter getan als vegetarisch zu essen und sie hatten mir ein Gespräch aufgedrängt, dass ich nicht immer und immer führen wollte. Heute passiert das mit meiner Geschlechtsidentität. Dauernd wird verlangt, dass ich mich erkläre und Nachhilfe gebe - und sich dann beschwert, entweder, weil ich es verweigere oder weil ich erkläre.

Ich glaube, das zentrale Missverständnis ist, dass ich für mich Entscheidungen treffe und diese vertrete. Das Vertreten wird von außen als Missionierung abgewertet. Mir fallen nur zwei Auswege ein:

a) meine Meinung und Haltung nicht mehr vertreten (wobei es keine Haltung ist, nicht misgendert werden zu wollen, oder?)

b) nicht mehr sichtbar sein.

Beide halte ich aus diversen Gründen für mich nicht für gangbar.

 

Was mir auf jeden Fall wichtig ist: Ich bin überzeugt davon, dass so manche meiner heutigen Gedanken Irrwege sind. Woke, als Begriff der Schwarzen Community, bezeichnete ja Menschen, die sich mit eigenen verinnerlichten Diskriminierungen auseinander setzen. Kritische, wache Geister also, die hinterfragen, was sie denken und wie die Gesellschaft funktioniert. Wenn mir das zugeschrieben wird, dann freue ich mich. Es scheint aber so anders als der von dir behauptete "Wokeismus" dass ich den Verdacht habe, dass wir Verschiedenes meinen.

 

 

 

Aber, wo wir gerade dabei sind und dein Verstand mehr einem Fangschreckenkrebs gleicht: Mich würde sehr interessieren, was du erschaffst, wenn du dich einfach nur auf deine Stärken verlässt und sie geradezu solipsistisch für sich allein arbeiten lässt. Das wäre dann so eine Art "König in Gelb" mit viel Psychologie. Und der wiederum gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.

 

Kann ich das bitte einmal in einfacher Sprache haben? Ich verstehe nichtmal im Ansatz, was du mir sagen möchtest.

 

Ansonsten: Lass uns gern in PNs wechseln und nicht den Thread hier kapern.


Bearbeitet von Jol Rosenberg, 05 Mai 2026 - 09:15.

Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope

#118 Kai Brassel

Kai Brassel

    Yoginaut

  • Mitglieder
  • PIPPIP
  • 111 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Hamburg

Geschrieben 05 Mai 2026 - 09:58

Den Satz mit dem Fangschreckenkrebs habe ich ebenfalls nicht verstanden.

 

Vielleicht hilft es dem gegenseitigen Verständnis, über den Unterschied zwischen dogmatisch und apodiktisch nachzudenken. Ich spreche und schreibe selbst gerne mal apodiktisch (keinen Widerspruch zulassend, unumstößlich, mit voller Sicherheit behauptend), um Klarheit in eine Diskussion zu bringen oder tatsächlich auch, um rhetorisch die Oberhand zu gewinnen. Dogmatismus dagegen bedeutet eine nicht nur behauptete, sondern grundsätzlich nicht hinterfragbare (innere) Überzeugung, wobei es für mich einen großen Unterschied macht, ob man solche Überzeugungen durch eigene Erfahrungen und Lernprozesse gewonnen hat, oder nur einfach blind als Glaubenslehre übernimmt. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Mein Hauptpunkt ist: Aus einer apodiktischen Äußerung sollte nicht direkt auf eine dogmatische Geisteshaltung geschlossen werden.


Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.


#119 Maxmilian Wust

Maxmilian Wust

    Cybernaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIP
  • 355 Beiträge
  • Geschlecht:männlich
  • Wohnort:Milchstraße, rechts neben Andromeda

Geschrieben 05 Mai 2026 - 14:52

Apodiktisch ist ein sehr gutes Wort dafür, aber das meinte ich nicht. Zudem ist, und hier muss ich bekräftigen, ein gewisser Hang zum Dogmatismus keine unbedingt schlechte Eigenschaft. So ziemlich jeder rechtschaffene Mensch, den ich kenne (und dafür schätze) hat eine dogmatische Geisteshaltung. Jeder zudem stärkere Dogmatiker, den ich kennenlernen durfte, hielt sich außerdem immer an sein Wort und war / ist ausgesprochen zuverlässig. Das sind Eigenschaften, die ich immens an Menschen schätze.

 

Aber das hier ist wirklich der falsche Ort, das falsche Forum und der falsche Zeitpunkt, um solche Dinge zu besprechen. Ich diskutiere das mit Jol persönlich aus und keiner wird weiter gestört.

 

Wir können aber gerne mit der utopischen Diskussion fortfahren. Da hätte ich noch ein paar Gedanken ausgegraben (und aus Reddit zu importieren).


Bearbeitet von Maxmilian Wust, 05 Mai 2026 - 14:56.

"Part Five: Boobytrap the stalemate button!"

#120 Jol Rosenberg

Jol Rosenberg

    Temponaut

  • Mitglieder
  • PIPPIPPIPPIPPIP
  • 3.182 Beiträge
  • Geschlecht:unbekannt
  • Wohnort:Berlin

Geschrieben 08 Mai 2026 - 08:49

Kai, ich stimme dir zu. Zumal es ja in Diskussionen immer wieder zu beobachten ist, wie sich Dynamiken entwickeln, die dazu führen, dass Zuspitzungen zunehmen und man vielleicht auch extremere Standpunkte vertritt, als man eigentlich zustimmt. Ich finde es auch wichtig, dass dein Statement auf die Trennung zwischen Text und Person, die den Text geschrieben hat, hinweist.

 

Mir scheint, dass meine Versuche, immer wieder Zwischentöne und Graustufen einzubringen, in Diskussionen hier im Forum wiederholt nicht aufgenommen werden. Dann wird mir auch ein extremerer Standpunkt zugewiesen, obwohl ich diesen gar nicht vertreten habe.

 

Ansonsten bin ich neugierig auf den aktuellen Stand der Smartokratie. Und auf Gedanken zu Utopien.


Ernsthafte Textarbeit gefällig? https://www.federteufel.de/

 

Science-Fiction-Buchblog: https://www.jol-rose.../de/rezensionen

  • (Buch) gerade am lesen:Schildmaid
  • (Buch) als nächstes geplant:Empfindungsfähig
  • • (Film) gerade gesehen: Paradise
  • • (Film) als nächstes geplant: nope



Auch mit einem oder mehreren dieser Stichwörter versehen: Smartokratie, Anthologie, Kurzgeschichten, Social Fiction, Near Future, Tech Fiction, Sciencefiction, Eridanus Verlag, Ausschreibung

Besucher die dieses Thema lesen: 1

Mitglieder: 0, Gäste: 1, unsichtbare Mitglieder: 0